Consequences

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Hammill, Peter
Label: Fie! Records
Veröffentlichung: 2012
Laufzeit: 48:71
Wertung: 4.5/5

Immer wenn der geniale englische Sänger, Gitarrist, Komponist und Poet Peter Hammill sich entschließt, ein neues Soloalbum zu veröffentlichen, ist das für alle Liebhaber eklektischen Progressive Rocks ein ganz besonderes Fest. In den letzten Jahren erscheinen seine Soloarbeiten etwas seltener als früher, da der legendäre Musiker mehr als je zuvor mit der Arbeit für die nicht weniger legendäre Band Van Der Graaf Generator beschäftigt ist.

»Consequences« ist gewissermaßen die logische Fortsetzung von Hammills vorherigem Album »Thin Air« (2009), dem es stilistisch schon allein deshalb verwandt ist, weil er alle Kompositionen auf dem Album vollständig auf eigene Faust eingespielt hat, ohne jegliche ‚Fremdhilfe‘. Das bedeutet, dass das Album nur einen Hauch Schlagzeug, akustische Gitarre und Klavier enthält, einige zurückhaltende Basslinien sowie einige plötzliche Ausbrüche von Verzerrung auf der elektrischen Gitarre. Der zentrale Grundpfeiler, der Hammill durch seine gesamte Karriere begleitet, ist natürlich sein absolut einzigartiger, chamäleonartig variabler und unberechenbarer Gesang. Seine Bandbreite reicht in sehr kurzen Zeitsprüngen von engelgleichen Arien bis zu plötzlichen cholerischen Ausbrüchen angestauter Wut und bleibt bis heute ein ungelöstes Rätsel, sodass er für immer vor möglichen Nachahmern geschützt ist.

Hammill setzt in den meisten Kompositionen auf »Consequences« auch intensiv eine für ihn charakteristische Technik ein, mit der er den dramatischen Effekt einer mächtigen und massiven Begleitvokalstimme erzeugt. »Consequences« ist, ähnlich wie »Thin Air«, ein ambient recht düsteres Album, während Peters wie immer exzellente Texte verschiedene sensible Themen berühren, die von Angst, Einsamkeit, gesellschaftlichem Egoismus/Narzissmus bis zur politischen Unkorrektheit reichen. Die meisten Texte auf dem Album befassen sich vor allem mit der Unfähigkeit, einander in der heutigen verrückten Welt zuzuhören, sich Zeit für den Gesprächspartner zu nehmen sowie der Unfähigkeit zu echtem zwischenmenschlichem Kontakt ohne den Computer als Vermittler.

Meister Hammill führt so auf Stücken wie dem einleitenden »Eat My Words, Bite My Tongue« treu die Tradition ambient und lyrisch tiefgründiger Werke fort, die dem Hörer ‚zu denken geben‘ über seine gesellschaftliche Stellung und die Grenzen des Erträglichen inmitten des vampirischen neoliberalen Kapitalismus. All diese bedrückenden Botschaften sind mithilfe intelligenter Metaphern in den Texten so geschickt getarnt, dass niemand Peter vorwerfen kann, ‚brave Bürger zu verderben‘. Spezifisch verstreute akustische Gitarrenlinien verschmelzen geistreich mit heftigen, eklektischen  Gesangsausbrüchen, denen eine vorzügliche Mimikry der Begleitvokale hinzugefügt ist. »That Wasn’t What I Said« ist eine wahrhaftige vokale Dramaturgie mit mächtigen Mehrstimmigkeiten, gespanntem Rhythmus und einer reichen ambienten Klavierkulisse, während zwischendurch schroff abgehackte Passagen auf der elektrischen Gitarre hindurchstreifen.

Auf dem dunkel-melancholischen »Constantly Overheard« ist im Hintergrund auch ein besonderer Gitarreneffekt zu hören, der wie eine Hammond-Orgel-Linie klingt, was sofort Assoziationen mit Van Der Graaf Generator weckt. Das sarkastische »New Pen-pal«, das sich über das ständige virtuelle Briefeschreiben und das Hinzufügen neuer ‚Freunde‘ lustig macht, enthält eine enigmatische Melodie auf der akustischen Gitarre, die neben Peters vokalen Akrobatiken der Hauptbaustein der geheimnisvollen Atmosphäre ist. »Close to Me« ist eine am Klavier verankerte erschütternde Ballade, die im Einklang mit wunderschönen, verblüffend eklektischen mehrstimmigen Ausbrüchen und gelegentlichen dissonanten Passagen auf der elektrischen Gitarre eine wahrhaft schaurige Atmosphäre erzeugt. »All the Tiredness«, das von einem gealterten und vom Leben ermüdeten Mann irgendwo im Herzen des ‚Alten Europa‘ erzählt, ist noch tiefer als sein Vorgänger in ambienter Schwärze gehüllt, da es das traurige Thema berührt, wie das Alter inmitten der modernen hyperkapitalistischen Gesellschaft immer mehr an den gesellschaftlichen Rand gedrängt wird zugunsten ‚ewiger‘ (lies: käuflicher) Jugend und ‚Schönheit‘ sowie irgendwo in die kollektive Vergessenheit junger Generationen.

Auf »Perfect Pose«, das eine Reihe ambienter Würze im Hintergrund enthält, beweist Peter, dass er ein Klangexperimentator ohnegleichen bleibt. Auch diese exzellente Komposition, in der Meister Hammill erneut als stimmlicher Chamäleon triumphiert, blickt kompromisslos tief in den Kern des aktuellen ‚Zeitgeists‘: den Schmerz der so ersehnten ‚Perfektion‘, die von Fotos verschiedener Models auf uns herabstrahlt und uns jeden Tag von Straßenplakaten begrüßt, obwohl wir ihre Gesichter spätestens nach einem Tag vergessen haben. »Scissors« ist die thematische Fortsetzung der vorherigen Komposition, indem es auch die unterdrückte Aggression und die Komplexe berührt, die sich langsam in den zuvor erwähnten ‚Produkten der Massenästhetik‘ ansammeln. Den Höhepunkt der unterdrückten Wut erreicht es im abschließenden instrumentalen Ausbruch von Hammills aggressivem elektrischem Gitarrensolo.

»Bravest Face« ist im Vergleich zu den anderen Stücken auf dem Album eine etwas optimistischer ausgerichtete Schöpfung mit melodramatischen Klaviereinlagen, Mehrstimmigkeiten und den gewohnt erstklassigen vokalen Manierismen. Die von einer melancholischen Klaviermelodie durchzogene Ballade »A Run of Luck« ist, irgendwie erwartungsgemäß, der in tiefe Schwärze gehüllte Abschluss des Albums, in dem Hammill mit den letzten Illusionen über die langfristige beglückende Kraft materieller Güter aufräumt und uns an die Kürze des menschlichen Lebens und den ganzen Unsinn des alltäglichen Jagens nach dem ‚Glück‘ erinnert, in der Hoffnung, dass das Manna plötzlich auf den glücklichen Gewinner der ‚Lotterie‘ herabfallen möge.

»Consequences« ist die erwartete erstklassige Delikatesse für alle Fans eklektischen Progressive Rocks und hochspannender ambienter Intensität, wie sie nur eine Musiklegende der alten Schule bieten kann. Peter Hammill gibt auch nach 45 Jahren aktiver künstlerischer Tätigkeit als Solist und mit VDGG kein bisschen nach bei seinem musikalischen Visionarismus, was ihn unter jene edlen, einsamen Figuren des goldenen Zeitalters des Progressive Rocks einreiht, die sich vor dem neuen Jahrtausend nicht gefürchtet und nicht der möglichen Selbstparodie oder völligen Apathie verfallen sind, wie so manche ihrer musikalischen Altersgenossen. Alle Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit!

Besetzung

Peter Hammill – Gesang, akustische und elektrische Gitarre, Klavier, Schlagzeug

Produktion

Peter Hammill

Trackliste

1. Eat my Words, Bite my Tongue (5:30)
2. That Wasn’t What I Said (5:21)
3. Constantly Overheard (4:19)
4. New Pen-pal (4:08)
5. Close to Me (4:10)
6. All the Tiredness (5:56)
7. Perfect Pose (7:05)
8. Scissors (5:23)
9. Bravest Face (4:45)
10. A Run of Luck (3:54)

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