Can’t Slow Down
Autor: Jernej Vene
Künstler: Foreigner
Label: Atlantic Records
Erscheinungsjahr: 2009
Laufzeit: 48.59
Bewertung: 3.7/5
Foreigner gehören zu den größten Namen des melodischen Rocks vom Ende der Siebziger und durch fast die gesamten Achtziger hindurch. Dass sie so erfolgreich wurden, ist vor allem dem einzigen verbliebenen Gründungsmitglied zu verdanken – Gitarrist und Hauptkomponist Mick Jones. Foreigner veröffentlichten ihr letztes Studioalbum Mr. Moonlight im Jahr 1994, und seitdem war das musikalische Glück ziemlich wechselhaft. Kelly Hansen ist bereits der dritte Sänger bei Foreigner, und sein Vorgänger Lou Gramm ist eine schwer zu füllende Fußstapfe. Stellenweise erinnert er ein bisschen an Rick Springfield, aber es ist schlicht erstaunlich, wie sehr er Gramm ähnelt und wie nah er ihm stimmlich und von der Klangfarbe her kommt. Mick Jones hat einige Zeit damit verbracht, einen neuen Sänger zu finden – und weil Amerika groß ist, hat er ihn auch gefunden. Das Staunen darüber schwindet allerdings etwas, wenn man sich erinnert, dass die Band Pop Design trotz Sloweniens überschaubarer Größe einst in Miha Hercog einen nahezu perfekten Ersatz für Vili Resnik fand.
Die neuen Songs entstanden auf Tourneen, die die Band am Leben hielten. Interessant ist, dass der Brite Jones sehr schnell ein Konzept für Musik entwickelte, das er den Amerikanern in der Hochzeit des Stadionrocks und des polierten Hard Rock for Adults verkaufte. Das Dilemma, ob man Musik für sich oder fürs Portemonnaie macht, stellt sich hier gar nicht erst. Can’t Slow Down von Foreigner ist nach langer Wartezeit für alte Fans ein rundum solides Album. Vielleicht noch mehr als zuvor gilt die klare Zweiteilung in eine rockige und eine weichere Welt. Liebe ist ein ewiges Thema in der Musik – bei Foreigner ist das natürlich nicht anders. Der Großteil der Texte dreht sich um genau das: Sie erzählen immer wieder Geschichten, die Beziehungen zwischen den Geschlechtern berühren, gegenseitiges Unverständnis und die Suche nach dem oder der Richtigen, also der perfekten Person. Mick Jones untermauert seine Musik klanglich natürlich mit Geigen und Saxofonen, was er erfolgreich durch seine gesamte Karriere hindurch eingesetzt hat. Can’t Slow Down gibt es auch als Dreier-Paket, das die neuen Songs enthält, zehn neu abgemischte alte Hits sowie eine DVD mit Touraufnahmen aus dem Jahr 2009. Wie viele aus der Riege bewährter Rocker haben auch Foreigner beschlossen, dieses Paket in einer der größten Handelsketten der USA zu einem Spottpreis zu verkaufen. Sicher hätte man auf die zweite Disc mit den alten Hits noch mehr packen können, aber für diesen Preis ist das eben das Angebot. In Zeiten schwacher Tonträgerverkäufe hat sich auch bei Foreigner dieser Schachzug als richtig erwiesen. Ähnlich wie Journey verlieren auch Foreigner in all den Jahren der Studioabstinenz kaum Hörer, und die Popularität – und damit die Einnahmen – wächst in diskografisch schwierigen Zeiten ordentlich weiter.
Sehnende und leidende Texte wirken eben immer wie Balsam auf den enttäuschten und niedergeschlagenen Durchschnittsmenschen, den neben einer unsicheren Zukunft, dem Klimawandel und einem mageren Gehalt auch noch Pech in der Liebe umbringt. Mick Jones hat auch als Produzent ein gutes Gespür und solides Handwerk bewiesen. Er ist außerdem der Stiefvater von Mark Ronson, der in den letzten Jahren berühmt geworden ist und vor allem als Mitarbeiter von Amy Winehouse bekannt wurde. Auf Can’t Slow Down half Mark beim Song Fool For You Anyway mit. Eine ungewöhnliche Kreation für Foreigner: Jones betritt darin ein Terrain, das sonst eher Hall & Oates abdecken – also weißer Soul mit einem Hauch Funk. Mark Ronson hatte bei der Entstehung des Tracks offensichtlich großen Einfluss. Ein Gebiet, auf das Foreigner bislang noch nicht vorgedrungen waren.
Die Klangqualität der neuen Aufnahmen auf Can’t Slow Down von Foreigner ist unbestreitbar, Marti Frederiksen hat auf diesem Gebiet seinen Ruf als anerkannter Meister bestätigt. Vielleicht ein kleiner Vorbehalt am Ende gegenüber der Aufnahme Too Late, wo eine gewisse Inkompatibilität mit dem restlichen Material hörbar ist. Das ist aber ein rein technischer und kein künstlerisch-inhaltlicher Einwand. Mick Jones ist ein Meister einfacher, leichtgängiger Melodien und perfekter Arrangements. Er hat schlicht Songs geschaffen, in denen alles an seinem Platz sitzt. Ich glaube, nur wenige Hörer gehen so analytisch an Musik heran, dass sie in jedem Song ein Haar in der Suppe suchen oder eigene Abmischungen basteln würden. Can’t Slow Down ist ein Album für treue Fans – den alten Ruhm wird es zwar nicht zurückbringen, aber ich bezweifle, dass er je wirklich verschwunden war.
Besetzung
Kelly Hansen – Gesang
Mick Jones – Gitarre, Klavier, Hintergrundgesang
Thom Gimbel – Gitarre, Saxofon, Hintergrundgesang
Michael Bluestein – Keyboards
Jeff Pilson – Bass
Brian Tichy – Schlagzeug
Produktion
Mick Jones, Marti Frederiksen, Mark Ronson
Tracklist
1. Can’t Slow Down 3:28
2. In Pieces 3:53
3. When It Comes to Love 3:54
4. Living In a Dream 3:43
5. I Can’t Give Up 4:32
6. Ready 3:43
7. Give Me a Sign 3:52
8. I’ll Be Home Tonight 4:14
9. Too Late 3:45
10. Lonely 3:29
11. As Long As I Live 3:48
12. Angel Tonight 3:32
13. Fool For You Anyway 4:04