Cannibals

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Kotzen, Richie
Label: Headroom-Inc
Veröffentlichung: 2015
Laufzeit: 40:57
Wertung: 4/5

Wenn sich irgendjemand unter den Solokünstlern dieses Planeten mit exponentieller Geschwindigkeit weiterentwickelt, dann ist das mit Sicherheit Richie Kotzen. Der Mann ist ein eingefleischter Workaholic, der seine Kräfte in die Solokarriere steckt – kaum ein Jahr vergeht, ohne dass er mit einem offiziellen Release aufwartet –, und in den letzten Jahren ist er außerdem vollständig in die Arbeit der Super-Rock-Band The Winery Dogs eingebunden, die mit ihrem Studioerstling unerwartet riesigen Erfolg geerntet hat. Deshalb haben sich Billy (Sheehan), Mike (Portnoy) und natürlich unser Richie einstimmig dazu entschlossen, den gemeinsamen Weg mit einem neuen Studioalbum fortzusetzen.

Richie Kotzen gilt als außergewöhnlicher musikalischer Visionär, und alles, was er anpackt, tut er mit triftigem Grund – aus echter, aufrichtiger Herzlichkeit! Die Frucht dieses Gespürs, dem inneren Künstlerinstinkt treu zu folgen, ist Eigenkompositionsmusik von stets greifbarer Substanz, die in ihrer Authentizität und Wahrhaftigkeit Körper und Geist jedes Zuhörers auf wirkungsvolle Weise bewegt.

Im vergangenen Jahr erschien die Doppelkompilation »The Essential Richie Kotzen«. Darauf präsentierte Richie auch zwei brandneue Songs. Beide steckten voller ansteckender Melodien. Dennoch deuteten die beiden in keinster Weise auf einen so ausgeprägten stilistischen und klanglichen Schwenk hin, wie ihn das neue Album »Cannibals« im Vergleich zum Studiovorgänger »24 Hours« (2011) mitbringt. Kotzen hatte zwar angedeutet, mit »24 Hours« in der Ausdrucksweise ruhiger zu werden – doch ein so raffiniert entspanntes Album wie »Cannibals« war wirklich nicht zu erwarten.

Kotzen war schon immer ein Fan von Motown, von dem ihn einst der hohe musikalische Wert von Bands wie The Spinners oder/und Hall & Oates stark fasziniert hat, genauso wie er Fan von Funk-Bands der Siebziger ist, etwa The Meters, Funkadelic oder Sly & The Family Stone. Die Aufweichung der Rockelemente, die noch auf dem Album »Piece Sign« (2009) kompakt in den Vordergrund gestellt wurden, hat auf »Cannibals« nun rasch ihren Höhepunkt erreicht.

Den drastischen Wandel kündigt schon der eröffnende Titeltrack an, der von einem typischen discoartigen Rhythmus der Siebziger getragen wird, während eine lebhafte Funk-Basslinie den Raum füllt und Kotzens Gesang entschieden in den Vordergrund tritt. Kotzen hat sich in den letzten Jahren zu einem außergewöhnlichen Vokalisten entwickelt – und das zum richtigen Zeitpunkt, zumal angesichts des radikalen stilistischen und klanglichen Sprungs, den »Cannibals« verkörpert.  »Cannibals« ist nämlich das Album, auf dem eines jener Elemente in den Hintergrund rückt, das Kotzen eigentlich weltberühmt gemacht hat (und teuer). Das ist das Gitarrenspiel und die außergewöhnliche Virtuosität, die dieser vielschichtig ausgeformte Musikmeister auf dem Instrument in seiner Autorschaft zu entfalten vermag. Sein Gesang bzw. seine vokale Interpretation, die über die Jahre zu einer atemberaubend vollendeten Kunst gereift ist, führt das neue Album von zentraler Position aus an – von Anfang bis Ende. Der Gesang tritt also absolut in den Vordergrund.  Die Songs sind  auf kurze, prägnante Gesten hin konzipiert. Zum ersten Mal macht es wirklich Sinn, den Scherz zu machen, dass Kotzen diesmal mehr als je zuvor in seiner reichen Karriere dem Grundsatz »weniger ist mehr« gefolgt ist.

Kotzen erprobt Arrangements, die er in seiner Karriere bisher nicht angegangen hat. Das erste ist das Programmieren im Opener, das zweite zum Beispiel das reichliche Anreichern der discoartigen Grundrhythmik mit Percussion im funkig aufgeladenen Shake it Off. Genau dieser Song bewahrt noch am ehesten klangliche und stilistische Verwandtschaft mit dem Material von »24 Hours«. Momente, in denen sich Kotzen auf Gitarren-Riffing konzentriert, gibt es durchaus, aber sie drängen sich nicht mehr so in den Vordergrund wie auf den Vorgängeralben. Das Gitarrenriff wird häufig durch eine schlichte Keyboard-Begleitung ersetzt (oder nur ein synthetisches Klangbett, das die Streicher des Disco-Funks der Siebziger imitiert). Zwei solche Beispiele sind das poppig ausgerichtete Up (You Turn Me) und Come on Free. Den Höhepunkt der Arrangement-Aufweichung erreicht auf dem Album die Ballade You, in der Kotzen mit einer unglaublich sinnlich durchlebten Wärme der vokalen Interpretation den Song zum emotionalen Höhepunkt des Albums emporhebt. Das gelingt ihm allein mit der nackten Klavierbegleitung (in der »mid-eight«-Passage gesellt sich ihm bescheiden, aber kontrastreich das »Heulen« des Theremins hinzu). Kotzen genügt also allein die gelebte vokale Interpretation, um einen wirkungsvoll unter die Haut zu fahren.  Gerade der Song You zeigt eindrücklich, zu was für einem faszinierenden Sänger sich Richie Kotzen über die Jahre entwickelt hat. Kotzen ist aber auch als Bassist enorm gewachsen – zweifellos bedingt durch die gemeinsame Arbeit mit Billy Sheehan in The Winery Dogs. Das neue Album zeigt auch in dieser Hinsicht die außergewöhnliche Selbstsicherheit des Musikers, dass er sich nicht mehr darum schert, wie er die Basslinien-Strukturen mit Gitarren-Spielereien füllen soll. Die Basslinien sind melodisch ausgesprochen geschickt eingesetzt und ragen dabei bewusst frei aus dem Klangbild heraus. Solch ein Beispiel ist der Song I’m All In, in dem Kotzen in  einem hervorragenden Gesangsduett vom Albumgast Doug Pinnick von King’s X ergänzt wird!

Kotzen kompensiert das Zurückdrängen einiger jener Elemente, durch die er anerkannt und wiedererkennbar geworden ist, mit einem außergewöhnlichen Gespür für Musikalität. Gleichzeitig erreicht er das mit einem feinsinnigen Empfinden für eine große, sensible Ästhetik beim kompakten Ausgestalten der jeweiligen Komposition – dominiert nun vom funkig-discoartigen Rhythmus, dem außergewöhnlichen Einsatz der fetten Basslinie und der triumphalen, leidenschaftlich-sinnlichen Gesangsinterpretation Richie Kotzens. Die Gitarre ist diesmal im Arrangement bestenfalls gleichberechtigt mit anderen Instrumenten, wenn nicht sogar untergeordnet.

»Cannibals« ist ein Album, das die Fangemeinde Kotzens spalten – oder zumindest aufschütteln – kann. Wer darauf zählt, dass die Gitarre das Album dominiert, dem empfehle ich, sich dem Album »Cannibals« mit Bedacht zu nähern, denn es handelt sich um eine hervorragende Leistung, die jede Aufmerksamkeit und jede Chance verdient. Kotzen wollte einen Wandel, und er ist ihn in seiner musikalischen Vision triumphierend angegangen. Klar ist, dass man auf »Cannibals« Richie Kotzen zu 100 Prozent bekommt – zugleich hat der Mann seine musikalische Akte darum bereichert, musikalische und klangliche Weiten zu entdecken und zu integrieren, die in der Musikwelt zwar keine Unbekannten sind, die jedoch jetzt phänomenal mit allem verwoben sind, was Kotzen mit »Cannibals« grundsätzlich im Sinn hatte.

Kotzen hat ein unglaublich sanftes, discoartiges Album hingelegt, das die gesamte expressive künstlerische Eigenheit dieses fantastischen Künstlers bewahrt. Ich glaube, dass Kotzen zur schärferen Arrangement-Form zurückkehren wird, denn die Gitarre war schon immer seine erste Freundin. »Cannibals« ist ein Album, das die Kenner von Richie Kotzens musikalischem Œuvre mit Sicherheit auf dem falschen Fuß erwischt hat – mit dem Effekt einer positiven Überraschung. Dabei hat Kotzen nicht ein einziges Tüpfelchen seines kompositorischen und vor allem interpretativen Charmes eingebüßt! Angesichts der halsbrecherischen Rock-Aggressivität, von der die musikalische Visitenkarte von The Winery Dogs durchdrungen ist, ist »Cannibals« für Richie Kotzen ein außerordentliches »Ventil« eines expressiven künstlerischen »Ausbrechens«, mit dem er sich als Autor vollständig befreit und beim Integrieren der klanglichen und stilistischen Veränderungen im Studio von Anfang bis Ende ungemein genossen hat. 

Besetzung

Richie Kotzen, Gesang, Gitarre, Bassgitarre, Keyboards, Programmierung, Theremin, Schlagzeug, Percussion
August Kotzen – Keyboards, Hintergrundgesang

GASTMUSIKER:
Doug Pinnick (King’s X) – Gesang auf Track 6. 

Produktion

Richie Kotzen

Trackliste

1. Cannibals
2. In An Instant
3. The Enemy
4. Shake It Off
5. Come On Free
6. I’m All In
7. Stand Tall
8. Up (You Turn Me)
9. You
10. Time For The Payment

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