All Hell Breaks Loose

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Black Star Riders
Label: Nuclear Blast
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 45:54
Bewertung: 4.5/5

Die amerikanischen Hard-Rocker Black Star Riders sagen einem Laien, der dem Geschehen auf der Classic-Rock-Szene nicht täglich folgt, mit ihrem Namen zweifellos nichts Konkretes – außer dass man sich so etwas denken kann wie ‚ach, noch eine Hardrock-Formation mit Biker-Namen, die in ihren Texten den schnellen Lebensstil eines durchschnittlichen, dreckigen Motorrad-Desperados mitten auf den verstaubten Highways besingt, die sich durch die weiten Prärien schlängeln‘. Beim Sinnieren über so etwas läge man, was den Inhalt der meisten Texte dieses ’neuen-alten‘ Bands angeht, gar nicht mal so weit daneben – während man dabei das wichtigste Faktum völlig übersehen würde: dass sich hinter diesem Namen in Wirklichkeit eine Gruppe verbirgt, die sich auf Konzertbühnen noch bis vor kurzem unter dem Namen der legendären irischen Classic-Rocker Thin Lizzy präsentierte. Ihr Anführer ist der heutzutage schon ordentlich ergraute, aber noch immer agile Scott Gorham, langjähriger Thin Lizzy-Gitarrist und Mitglied der klassischen Besetzung dieser ursprünglich irischen Band, die vor allem der unvergessliche, leider schon lange verstorbene Sänger und Bassist Phil Lynott in die Riege der Legenden eingeschrieben hat. Ihm ist, zumindest auf symbolischer Ebene, auch das erste Black Star Riders-Album mit dem bedeutsamen Titel »All Hell Breaks Loose« gewidmet.

Nach Lynotts Tod hat Gorham mit Hilfe des Sängers und Gitarristen John Sykes (ex-Tygers Of Pan Tang, Whitesnake) Thin Lizzy ab 1996 lange Zeit ‚künstlich‘ als Konzert-Attraktion am Leben erhalten, doch die Mehrheit der langjährigen Fans konnte sich mit dieser ‚Entweihung‘ partout nicht abfinden. Thin Lizzy ohne Phil Lynott sind nämlich so wie etwa Queen ohne Freddie Mercury – eine Band mit demselben Namen wie zuvor, aber ohne Seele und ohne echtes Feuer. Gorham war natürlich stets anderer Meinung und war überzeugt, dass Phil die konzertante Pflege des Andenkens an sein berühmtes musikalisches Erbe wohlwollend betrachten würde. Viele, die zur Zeit ihrer größten Erfolge noch nicht einmal geboren waren, bekamen so die Gelegenheit, einige der besten Klassiker aus der Geschichte dieses legendären irischen Kollektivs erstmals live zu hören, was Gorhams Band zumindest ein gewisses Maß an Legitimität verlieh.

Ein etwas größeres Problem tauchte nach Sykes‘ Abgang auf, als Gorham plötzlich den Wunsch verspürte, neue Musik zu kreieren, die zumindest annähernd so klingen sollte wie Thin Lizzy mit Lynott in deren goldenen Zeiten. Zu diesem Zweck trommelte er einige alte Thin Lizzy-Kumpanen zusammen, von denen am Ende nur der langjährige Konzert-Bassist Marco Mendoza übrig blieb, da der originale Lizzy-Schlagzeuger Brian Downey und der frühere Keyboarder Darren Wharton aus verschiedenen Gründen auf eine weitere Mitarbeit an diesem neuen Projekt verzichteten. In dieser Phase wurde die Band, die sich vorausschauend den Namen Black Star Riders gab – nach der gleichnamigen Bande der Geächteten aus dem Film Tombstone –, durch den Sänger und gelegentlichen Gitarristen Ricky Warwick ergänzt, der die schwierigste Aufgabe übernahm: Lynotts vokalen Nachfolger zu stellen; dazu kamen der Gitarrist Damon Johnson, der sich Gorham beim Spinnen der berühmten dualen Gitarren- und Vokalharmonien anschloss, sowie Schlagzeuger Jimmy DeGrasso.

In dieser Besetzung haben Black Star Riders ihr Debüt »All Hell Breaks Loose« aufgenommen, das stilistisch in den besten Momenten stark an die klassischen Thin Lizzy erinnert – wofür man vor allem Warwicks stimmlicher Verwandtschaft mit Lynott und den einfallsreichen Gitarrenlinien des Gespanns Gorham und Johnson zu danken hat, das die Tradition der einstigen, meist ausgezeichneten Lizzy-Gitarrenduette gekonnt weiterführt, auch durch die häufige Bildung von Terzharmonien. Dennoch bringen Black Star Riders in ihr musikalisches Bild auch einige ganz eigenständige Hardrock-Ideen geschickt ein, während die Produktion von »All Hell Breaks Loose« unter dem Dirigat von Kevin Shirley bewusst dem Puls der Siebziger angepasst ist und die Gitarren stark in den Vordergrund stellt – obwohl auch Mendozas melodische Basslinien die ganze Zeit alles andere als schüchtern sind.

Die beiden Eröffnungsstücke auf »All Hell Breaks Loose« kommen dem Puls einiger unverzichtbarer Thin Lizzy-Klassiker hervorragend nahe, was beredtes Zeugnis von ihrer allgemeinen Qualität ablegt und gleichzeitig bedeutet, dass sie das Eis zwischen dem Albuminhalt und dem durchschnittlichen, ziemlich skeptischen langjährigen Fan vorzüglich brechen – von denen es vor der Veröffentlichung dieses Werks wirklich nicht wenige gab. Das Gitarren-Gespann Gorham und Johnson funktioniert wie eine gut geölte Maschine, während Warwick überzeugend in Lynotts vokale Fußstapfen getreten ist, sodass bereits im Titelstück »All Hell Breaks Loose« mehrmals jene echte Thin Lizzy-Magie aufflackert, die man seit dem letzten Studioalbum »Thunder And Lightining« von 1983 vermisste. Auch die Texte sind, wie bereits erwähnt, im ‚wiedererkennbaren Stil‘, denn darin präsentieren sich Black Star Riders als Haufen dreckiger Desperados, die auf Motorrädern ‚Mädels‘ jagen und. Besonders ‚retro‘ wirkt das betont melodische »Bound For Glory«, das wirklich wie eine klassische Thin Lizzy-Hymne aus deren ‚romantischen Zeiten‘ klingt, irgendwo Ende der Siebziger – auch wenn die Haupt-Gitarrenphrase stark an jene aus dem Whitesnake-Klassiker »Guilty Of Love« erinnert. Die Terzharmonien erinnern besonders stark an die ‚guten alten Zeiten‘.

Besonders interessant ist »Kingdom Of the Lost«, das mithilfe einer Flöte auch Elemente des irischen Folk-Rocks enthält – was mit dem patriotischen Text, in dem sich Amerikaner ausnahmsweise Irland verbeugen (nun, der Wahrheit halber besteht ein beträchtlicher Teil der US-Ostküste aus Nachkommen irischer Einwanderer), vor allem noch eine schöne Hommage an Lynotts Vermächtnis und seine Liebe zur irischen Folk-Musik ist, während die Gitarrenphrasen einmal mehr völlig ikonoklastisch sind. Obwohl Warwicks Stimmfarbe stark an Lynott erinnert, ist der Unterschied dennoch klar wahrnehmbar, was gut ist – denn so ist es keine vollständige Kopie ohne eigene Seele. Deutlich formalistischer, weniger abwechslungsreich und damit auch weniger interessant wirkt das druckvolle »Bloodshot« mit seinem lässigen Refrain, doch beim Anhören werden sicher alle Liebhaber melodischer und kreativer Gitarrenvariationen auf ihre Kosten kommen. Auf »Kissin‘ The Ground« formen Black Star Riders mithilfe druckvoller und zugleich dynamischer Gitarrenpassagen, die von einem massiven Rhythmusgespann prächtig unterstützt werden, eine den Ohren äußerst schmeichelhafte Melodie. Das ist eines jener Stücke, bei denen die Band ihr einzigartiges kompositorisches ‚Ich‘ und den Einfluss der klassischen Thin Lizzy am überzeugendsten vereint, während auch Warwicks vokaler Ansatz diesmal deutlich ‚amerikanischer‘ klingt.

»Hey Judas« hat eine subtile, fast balladenhafte Einleitung, bevor es sich auf den Schwingen brennender Gitarrenpassagen und wuchtigen Schlagzeugkrachern in einen melodischen Hard-Rocker mit aufmunternder Botschaft verwandelt. Bei den wundervollen Terzharmonien werden sich erneut alle Classic-Rock-Enthusiasten die Lippen lecken, allen voran jene, die in den Siebzigern für die Pioniere des Heavy Rock lebten und atmeten – zu denen Thin Lizzy gehörten. Auf »Hoodoo Voodoo«, das einen überaus amüsanten Refrain enthält, bei dem die Band erneut wie eine Bande von Geächteten klingt, gelingt es Black Star Riders vor allem durch melancholische Gitarrenvariationen auch etwas Blues-Mystik einzuweben. Das epische »Valley Of The Stones«, in dem (die motorradfahrende) Bande den Fall von Imperien für die Entfaltung ihres hedonistischen Lebensstils nutzt, erinnert ebenfalls an einige Lizzy-Evergreens – was besonders für den betont mit Terzharmonien gewürzten, melodischen Refrain gilt.

Auf »Someday Salvation«, einer der ‚einfacheren‘ Kreationen auf »All Hell Breaks Lose«, wo Warwick einmal mehr gekonnt einiges von Lynotts vokalem und lyrischem Ansatz in einem Text über den täglichen Überlebenskampf des ‚einfachen Rebellen von der Straße‘ einfängt, kommen die Backing-Vocal-Linien besonders schön zur Geltung. »Before The War«, noch ein Stück mit einem sehr guten und ausgesprochen melodischen Refrain, hat betont militante rhythmische Nuancen – was besonders für die Drums gilt. Ihr Ambiente und ihr Text werden manchen erneut nostalgisch an die romantischen Thin Lizzy-Zeiten erinnern. »Blues Ain’t So Bad« ist ein weiteres interessantes Hard-Rock-Experiment mit ausgeprägten Blues-Improvisationen auf den Gitarren, wobei diesmal Mendozas rasselnde Basslinien ziemlich im Vordergrund stehen, während die Band erneut besonders beim Refrain glänzt. Das ist noch eines jener Stücke auf dem Album, bei dem die Band den klassischen, unverkennbaren Lizzy-Stil und einen moderneren Zugang zum Hard Rock sehr gelungen vereint. Die Sonderausgabe des Albums enthält auch ein zusätzliches Stück mit dem Titel »Right To Be Wrong«, einen ziemlich formalistischen Hard-Rocker, der eine Spur weniger interessant ist als die meisten ‚offiziellen‘ Tracks auf dem Album – weshalb es ganz gut ist, dass die Band ihn ‚lediglich‘ als Bonus veröffentlicht hat.

»All Hell Breaks Loose« beweist überraschend erfolgreich, dass die ‚Jungs wieder in der Stadt sind‘, wenn auch unter einem anderen Namen und in einer vollkommen ‚amerikanischen Ausgabe‘ – was dennoch weit mehr ist, als die Mehrheit der langjährigen Thin Lizzy-Anhänger erwartet hatte, die sich sogar auf die düstersten Szenarien eingestellt hatten. Die Entscheidung, sich dem Hörpublikum unter einem neuen Namen zu präsentieren, hat sich für Black Star Riders richtig ausgezahlt, denn so konnten sie sich voll und ganz auf das musikalische Schaffen konzentrieren und ein sehr gutes Album aufnehmen, das von der Atmosphäre und häufig auch dem kompositorischen Ansatz der klassischen Thin Lizzy geprägt ist – also genau so, wie Scott Gorham es sich wohl die ganze Zeit gewünscht hatte, dabei aber darauf achtend, das Andenken an Phil Lynott auf keine Weise zu besudeln. Dem legendären Gitarristen, der die richtigen Leute für dieses große Unterfangen um sich geschart hat, ist diese überaus schwierige Mission – bei einem wichtigen Kompromiss bezüglich des Namens – wirklich gut gelungen; weshalb er fast sicher sein kann: Auch Phil wäre beim Hören von »All Hell Breaks Loose« zufrieden gewesen, wenn er noch am Leben wäre.

Besetzung

Ricky Warwick – Gesang, Gitarre
Scott Gorham – Lead-Gitarre, Rhythmus-Gitarre
Damon Johnson – Lead-Gitarre, Rhythmus-Gitarre
Marco Mendoza – Bassgitarre
Jimmy DeGrasso – Schlagzeug, Percussion

Produktion

Kevin Shirley

Tracklist

1. All Hell Breaks Loose
2. Bound For Glory
3. Kingdom Of the Lost
4. Bloodshot
5. Kissin‘ the Ground
6. Hoodoo Voodo
7. Valley of the Stones
8. Someday Salvation
9. Before the War
10. Blues Ain’t So Bad

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