Doppelmord mitten in einem muffigen Wiener Loch (2010)

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Autor: Aleš Podbrežnik

Ort: Escape-Metal Corner / Wien / Österreich
Konzertdatum: 23.08.2010
Besucherzahl: 250
Kartenpreis: 15,00€

Weiß da unter euch noch irgendjemand, wer Lizzy Borden sind? Kann sich da noch irgendjemand an diese Band erinnern? Kaum noch, oder? Lasst mich deshalb in den folgenden Zeilen ihre Botschaft in der Rockwelt so „saftig“ wie möglich vorstellen. Für die Wahl eines passenden Namens für die Band mussten die Jungs nicht lange in der Welt der Fantasie wühlen. Sie griffen schlicht auf die Realität zurück. Sie nannten sich nach Lizzie Borden, jener berüchtigten Dame, die des Mordes an ihrem Vater und ihrer Stiefmutter beschuldigt wurde. Der Dame, der man unter anderem vorwarf, die Axt mit großer Vorliebe zu äußerst unpassenden Momenten des Alltags zu schwingen, wurde später mangels greifbarer Beweise ein Freispruch gewährt. Wie auch immer. Dieses Ereignis vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts, hat sich so tief in die amerikanische Geschichte eingegraben, dass es bis heute ein Synonym für ihre berüchtigtste Tat geblieben ist. Es ist sogar – wenn ich eine etwas spitze Wortkombination verwenden darf – zum festen Bestandteil des täglichen Angebots auf der Speisekarte der „gewalttätigen amerikanischen Folklore“ geworden.

Der Name gab den Jungs ein ausgezeichnetes Alibi, die bereits damals etablierte Rhetorik der aufwendigen Bühnenkostümierung von Künstlern wie Kiss und Alice Cooper zu übernehmen und damit das Schock-Element aus der Rockkultur auch in den Heavy Metal zu übertragen. Auf ihren ersten beiden Alben „hackten“ sie traditionellen amerikanischen Heavy Metal. Sie spielten schnell und melodisch. Die Alben „Love You To Pieces“ (1985) und „Menace To Society“ (1986) sind Manifeste der Übertragung des britischen N.W.O.B.H.M.-Booms über den großen Teich, der eine ganze Phalanx von Bands in den USA nach sich zog, die noch schneller und noch aggressiver spielen wollten als ihre europäischen Kollegen. Im Grunde gehörten Lizzy Borden zur Liga junger Bands wie unter anderem: Metal Church, Crimson Glory, Riot (die allerdings noch eine Band aus der zweiten Hälfte der Siebziger sind), Liege Lord, frühe Fates Warning und frühe Queensryche. Ungeachtet der verschiedenen Entwicklungspfade, die die genannten Bands im weiteren Verlauf ihrer Karriere einschlugen, bewahrten Lizzy Borden in ihrem traditionellen Konzept der Heavy-Metal-Definition eine entschiedene melodische Haltung. Am wirkungsvollsten krönten sie dies mit ihrem dritten Album „Visual Lies“ (1987), mit dem sie (auch mithilfe eines Horror-Showtheaters auf der Bühne) sogar in die Gefilde des damals aufsteigenden Glam Metal vordrangen. „Visual Lies“ ist für Lizzy Borden der prächtigste Moment ihres kreativen Schaffens, in dem es der Band gelang, metallische Wucht und eingängige Melodiosität hervorragend auszubalancieren und beides durch ihr „Horror“-Showtheater eindrucksvoll in Szene zu setzen. Es folgte das hard-rockig, aber keineswegs weniger hochwertig eingefärbte „Master Of Disguise“ (1989), dann verschwanden Lizzy Borden vollständig von der Bildfläche.

Unter die Lebenden kehrten sie erst im Jahr 2000 mit dem hervorragenden Comeback-Album „Deal With The Devil“ zurück. Trotz des ausgezeichnet aufgenommenen neuen Albums folgte eine erneute kreative Pause bis zum Jahr 2007, als ein weiteres hervorragendes Studiomanifest der Band erschien, verkörpert durch das Album „Appointment With Death“. Lizzy Borden sind also eine Band, die für ihr bescheidenes „Sträußchen“ hervorragender, aber zu Unrecht übersehener Alben bekannt ist. Neben dem „Horror-Show“-Theater ziert alles durchweg der einzigartige Gesang von Sänger Lizzy. Er vereint einen autoritativ melodischen Ansatz mit dem maximalen Ausschöpfen der verfügbaren „Pferdestärken“ seines Kehlkopfvolumens, wenn es darum geht, sich auf die Felder der am schwersten erreichbaren Vokallinien vorzuwagen. Das ist der Sänger Lizzy Borden. Wenn euch die Vocals von Michael Kiske (ex-Helloween), dem frühen Geoff Tate (Queensryche), dem Erbe der giftig hohen Vocals des (leider bereits) verstorbenen Midnight (ex-Crimson Glory) und Tony Moore (ex-Riot) vertraut sind – begleitet im gehobenen Falsett stets von jener besonderen Vibrato-Konnotation, die an die zentrale Kingdom Come-Figur Lenny Wolf erinnert –, dann habt ihr die richtige Frequenz erwischt!

Wie klein und unscheinbar Lizzy Borden heute auf der Szene sind, belegt die kurze europäische Tournee im August. Einige eigenständige Konzertauftritte, die die Jungs zu den Festivalauftritten hinzufügten, waren auf Besuche in Clubs der echten „Underground“-Szene ausgerichtet. Mit dem mageren Honorar aus der Eigenvermarktung, dem allernotwendigsten „persönlichen“ Equipment – also Gitarren, Mikrofone, Gitarreneffekte und ein Hocker fürs Schlagzeug –, einem möglichst günstig „angemieteten“ Transporter, Lizzys „Schminkköfferchen mit persönlicher Kosmetik“ sowie zwei „Häschen“ mit anstößigen Charaktereigenschaften, die nach den Standardkriterien eines Lizzy Borden-Konzerts auf der Bühne keinesfalls fehlen dürfen, trafen Lizzy Borden in dem wahrscheinlich finstersten Klubloch ein, das Wien, die österreichische Hauptstadt, zu bieten hat. Dem Klub mit dem überaus bezeichnenden Namen „Escape-Metal Corner“.

Wir sind vor Ort. Wie üblich checken wir zuerst die Bierpreise, die nicht gerade geldbörsenfreundlich sind, doch Durst und Ambiente diktieren etwas anderes. Wir greifen zum ersten Krug, zum zweiten, und rollen uns langsam ins „Unterreich“. In den Keller. Die Kneipe oben, die Konzertbühne unten im Keller. Kartenpreis? Eine Kleinigkeit. 15,00€! Wo auf diesem Planeten erlebt man sowas noch?

Vor dem Auftritt von Lizzy Borden wärmten die österreichischen Metal-Bands Virtual Disease, High Healer und Katjusha das spärliche Publikum im Klub auf. Das durchaus qualitätvolle Spielen und Schreien aller drei Acts bestätigte, dass die Mitglieder Können und Potenzial besitzen. Nur an Charisma und Bühnenauftritt mangelte es. Ebenso an Eigenständigkeit und unverwechselbarer künstlerischer Erkennbarkeit in der Musik. Trotzdem konnten wir uns sofort davon überzeugen, dass im Klub in Sachen passender Sound-Einstellungen sehr schwierige Verhältnisse herrschten. Die Geste, ein Trio heimischer Bands einzubinden, bestätigt, dass dies der einzig richtige Ansatz jedes Konzertpromoters ist: heimischen Künstlern auf heimischem Boden, vor einer größeren Band, den Raum zu geben, den sie für ihren Durchbruch dringend brauchen.

Es ist fünf nach elf abends. Der instrumentale Teil der Besatzung betritt die Bühne und eröffnet das Konzert mit Tomorrow Never Comes vom nach wie vor aktuellen Lizzy Borden-Studioalbum „Appointment With Death“. Mit zwei Minuten Verzögerung erscheint auf der Bühne eine in ein dunkles Gewand gehüllte Gestalt, die jene freundliche Tante verkörpert, die jedem von uns nur einmal im Leben einen schicksalhaften Besuch abstattet. Der Kellerraum füllt sich vollständig, und vor der Bühne drängen sich rund 200 Köpfe. Mehr kriegst du da nicht rein. Und wie sieht der Raum aus? „Länglich“. Eine ungewöhnlich schmale und tiefe Bühne. Gut, dass die Bandmitglieder nicht die Körpergröße von Rašo Nesterovič haben, denn ihre Köpfe wären zwischen den Wasserleitungsrohren verschwunden, die aus der Decke ragten.

In dem Loch schmorten also rund 200 Köpfe, die der beißenden Feuchtigkeit des Raums ausgesetzt waren, da das Konzertgelände von den Kellermauern eines hundert (und mehr) Jahre alten Gebäudes umgeben ist. Und solche Gemäuer sind dafür bekannt, Feuchtigkeit anzuziehen. Dazu kommt noch die Tatsache, dass im Lokal das Rauchen erlaubt ist – und der „Sieg“ ist euer! Den Bandmitgliedern auf der Bühne behagte dieses Ambiente ganz und gar nicht, aber als Profis trugen sie es ohne sichtliche Belastung und konzentrierten sich einzig auf den Vortrag des Materials.

Was den Sound betrifft – der war wirklich schlecht. Die Gitarren waren völlig unkenntlich. Zeitweise komplett unhörbar, oder die Riffs überdeckten der Reihe nach alle melodischen Passagen der einstimmigen Verzierungen. Zum Glück war Lizzy Bordens Gesang durch dieses klangliche Durcheinander hindurch klar zu hören. Der Vokalist bewies, dass er noch immer außerordentliche Kraft und Energie in seinen Gesangsfähigkeiten besitzt. So bändigte er ohne großes Anstrengen absolut alles, einschließlich der schwierigsten Vokalsequenzen, die in die höchsten Lagen getrieben wurden. Lizzy Borden hatten eine ausgezeichnete Setlist vorbereitet. Direkt nach der Eröffnung spielten sie das geradezu eingeforderte Red Rum aus dem Debüt „Love You To Pieces“, und den Anfangsteil würzten sie mit einem der schönsten Stücke in Sachen melodischer Vollkommenheit des Albums „Visual Lies“: Voyeur (I’m Watching You). Gleich während des ersten Stücks gab Lizzys kabelloses Mikrofon den Geist auf – er warf es theatralisch zu Boden, griff sich das Mikrofon vom Ständer des Gitarristen AC Alexander und löste die unerwartete Panne damit sofort.

Der erste Teil des Konzerts präsentierte die berühmte Reihe von Lizzys Gesichtsmasken sowie das Schwingen eines Knüppels und einer Axt; den eigentlichen atmosphärischen Wendepunkt des Konzerts aber lieferte das Stück There Will Be Blood Tonight vom Album „Deal With The Devil“. Da erscheint das erste der beiden „Häschen“ auf der Bühne. Während sie sich räkelt, schleicht sich Lizzy (mit Zombie-Gesichtsmaske) hinter sie, entblößt ihren Hals und lädt sich selbst zu einem veritablen Vampirbankett ein. Als das Mahl vorbei ist, bringt ihm einer der Techniker dienstbeflissen einen Schädel mit geöffnetem Schädeldeckel, der voll „Blut“ ist. Lizzy macht einen kurzen „Spaziergang“ durch die ersten Reihen, wo er die heißesten Köpfe mit dem roten Gebräu besprengt (sprich: die Mädels in der Schusslinie!). 

Lizzy Borden präsentierten in Wien eine erneuerte Besetzung. Neben den Originalmitgliedern Lizzy Borden (Gesang) und Joey Scott (Schlagzeug) – Letzterer ist nebenbei angeblich Lizzys leiblicher Bruder –, gibt es noch Marten Anderson (Bass), der seit 1992 in der Band „dient“, sowie zwei völlig neue Gesichter. Zwei Gitarristen. Der erste ist Dario Lorina (Teil der ehemaligen Begleitband  von Warrant-Sänger Jani Lane sowie der Begleitformation von Mr. Big-Sänger Eric Martin), der im vergangenen Jahr Iro K. Black (ex-Vicious Rumors, ex-Heathen) in der Besetzung ersetzte; der zweite ist der Gitarrist der old-school-amerikanischen Speed-Metaller Warrior, AC Alexander, der dieses Jahr Chris Sanders bei Lizzy Borden ablöste.

Beide Gitarristen zeigten – gestützt auf die Erfahrung, die sie angesichts ihres jungen Alters sehr schnell durch die Härtung in Bands mit älteren Musikern gesammelt hatten – absolute Souveränität im Umgang mit dem klassischen Lizzy Borden-Material; die Rhythmussektion Anderson-Scott funktionierte fehlerfrei. Das Einzige, worauf die Jungs während des gesamten Konzerts achten mussten, war, sich nicht gegenseitig zu stolpern und nicht von der Bühne zu fallen. Tja, auf drei bis vier Quadratmetern zu funktionieren ist ohnehin schwer, wenn man ein paar Tage zuvor auf der Bühne des Wacken Open Air vor mehreren Zehntausend Menschen gestanden hat… Lizzy Borden ist ein außergewöhnlicher Frontmann. Neben dem Charisma ist er ein unglaublicher „Showman“, der das Publikum fest im Griff hatte, sodass es mitfiebernd mitmachte. Die Jungs gewannen das Publikum spielend auf ihre Seite. Es bewies durch das Mitsingen der Refrains – besonders bei Me Against The World („Visual Lies“, 1987), American Metal („Love You To Pieces“, 1985) und generell beim abschließenden Give ‚Em The Axe (gleichnamige EP aus dem Jahr 1984) –, dass es Lizzy Borden noch nicht vergessen hat. Es war jedenfalls nur eine Handvoll „Heißblütiger“ direkt vor der Bühne, die aber wesentlich zur insgesamt unendlich unterhaltsamen Konzertstimmung beigetragen hat.

Lizzy Borden haben unter schwierigen Konzertbedingungen das Optimum herausgeholt – in ein Ambiente, das man eigentlich nicht ohne angeborene Kiemen und eingebauten Luftfilter hätte betreten dürfen. Lizzys Theater hat voll gezündet und bestätigte, dass er nach wie vor ein außergewöhnlicher Vokalist ist, der in die Liga jener heutigen Sänger gehört, die außerordentliche Kraft durch eine breite Vokalspanne entwickeln und sie auch in den höchsten Tönen ungebrochen halten. Es handelt sich schlicht um einen der besten Sänger, die einen reinen melodischen Vokalansatz verfolgen.

Die Uhrzeiger drehten sich schnell. Die Jungs widmeten die Darbietung des Rainbow-Stücks Long Live Rock And Roll dem „Mann vom Silberberg“ (Ronnie James Dio) und reihten sich damit in die Konzerttribute der Rock- und Metal-Bands ein, durch die das Jahr 2010 noch lange in Erinnerung bleiben wird. Das war auch der Abschluss des regulären Teils. Der Zugabenteil war besonders intensiv, denn die Band brachte den Auftritt genau dort zum Höhepunkt. Um das zu erreichen, schmuggelte sie kurzerhand Rod Of Iron vom Debütalbum ins Repertoire, dazu dessen Nachfolger Notorious sowie das bereits erwähnte Give ‚Em The Axe von der EP, mit dem sie das Konzert beendeten. Red Rum zogen sie aus dem Zugabenteil heraus und stellten es ganz an den Anfang, verteilten damit die Konzertenergie des eigenen Repertoires neu; als weiteres i-Tüpfelchen gab es noch Master Of Disguise („Master Of Disguise“, 1989) – das hätte man an dieser Stelle nun wirklich nicht erwartet.

Der mit Spannung aufgeladene Auftritt bestätigte die hervorragende Form der Band. Man hätte sich nur eines gewünscht. Dass eine solche Band immer eine ausreichend große Bühne bekommt, auf der sie ihr berühmtes Horror-Theater voll ausschöpfen kann. Es gab also Bremsen. In einem solchen erstickenden Loch wie dem Escape-Metal Corner ist das völlig normal. Leider. Die Locations auf der Metelkova der slowenischen Hauptstadt sind für diesen Klub das reinste Las Vegas. Nach dem Konzert nahm sich die Band Zeit für ein Treffen mit den Fans, sodass der Ertrag unseres Konzertbesuches noch vollständiger war. Dabei ließ mir AC Alexander im Gespräch durchblicken, dass die Band im Dezember dieses Jahres auf eine neue Europätournée geht. Hoffen wir, dass es irgendwo näher an Slowenien liegt, und hoffen wir auf eine Location, die tatsächlich einer Konzerthalle ähnelt und nicht einem Fahrradlager. Bis dahin: auf Wiedersehen.

Fotos: Martin Prezelj

P.S.: Wie der Auftritt von Lizzy Borden beim Festival Bang Your Head!!! am 28.06.2008 aussah – als die Band gleich zweimal an demselben Tag auftrat (das zweite Mal als Ersatz für die ausgefallenen Hardcore Superstar) –, könnt ihr HIER nachlesen. Wie sich Lizzy Borden-Gitarrist AC Alexander mit seinen Warrior beim Festival Bang Your Head!!! ein Jahr später, genauer gesagt am 27.06.2009, geschlagen hat, könnt ihr HIER nachlesen.

Setlist

HIGH HEALER Setlist: 1. Conquerors 2. Medea 3. The Touch 4. Iron Torpedo 5. Kalaschnikov 6. Power To The Cord 7. Metal Obsession 8. Bontempi Killers KATJUSHA Setlist: 1. Born To Run 2. Eat Me Raw 3. The Devil’s Jester 4. Master Of The Hellion 5. Holy Spirit 7. Red Light Trip 8. Rude Attitude 9. Misery In Black 10. Lucky Parasite 11. Forever Love It Loud LIZZY BORDEN Setlist: 1. Tomorrow Never Comes 2. Red Rum 3. Voyeur (I’m Watching You) 4. Live Forever 5. Eyes Of A Stranger 6. Under Your Skin 7. We Only Come Out At Night (intro) 8. There Will Be Blood Tonight 9. Me Against The World 10. American Metal 11. We Got The Power 12. Rod Of Iron 13. Long Live Rock And Roll —Zugabe— 14. Notorious 15. Master Of Disguise 16. Give ‚em the Axe

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