Kiko Loureiro und die gitarristische Metal-Neoklassik des sinnlichen Latino-Instinkts (2019)

ALEŠ PODBREŽNIK
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Ort: San Dona Di Piave / Revolver Club / Italien
Datum: Mittwoch, 13.02.2019


Kiko Loureiro gilt als einer der herausragendsten Gitarristen des Metal-Universums. Es überrascht nicht, dass er 2015 in die große Welt der Thrash-Metal-Titanen Megadeth eingetreten ist, wo unter dem Schutz von Mustaines unzerbrechlicher Diktatur nur die Besten Einlass finden. Kiko hatte davor ganze zwanzig Jahre (1994–2014) in einer der besten Prog-Metal-Bands der Galaxie gespielt, den brasilianischen Angra, und mit ihnen acht Studioalben veröffentlicht. Der klassisch ausgebildete Meister des Shreddings und blitzschneller Arpeggios, der einst Inspiration aus den Werken zweier großer brasilianischer Klassiker – Pedro Bueno und Mozart Mello – schöpfte, hat auch vier Solo-Studioalben in der Hinterhand: »No Gravity« (2005), »Universo Inverso« (2006), »Fullblast« (2010) und »Sounds Of Innocence« (2012). Wer sich für instrumentalen Gitarrenrock begeistert – oder sagen wir gleich Gitarren-Art-Rock – und Asse wie Marty Freedman, Tony MacAlpine, Gus. G., Chris Impellitteri, Paul Gilbert, Joe Satriani, Eddie Van Halen… gut kennt, war sicher auch dabei, als er 2007 das Ljubljanaer Orto bar besuchte, wo er eine Gitarrenklinik abhielt, und 2010, als er im Rahmen der damaligen Kitarijada zusammen mit dem unglaublichen Guthrie Govan (Steven Wilson) auftrat.

Kurzum: Wenn der Mann auf Solo-Tour auftaucht und obendrein noch mit zwei aktuellen Angra-Mitgliedern im Gepäck – Bassist Felipe Andreoli und Schlagzeuger Bruno Valverde –, dann ist klar, dass man die Konzerte eines solchen Trios auf keinen Fall verpassen darf, geschweige denn überhören. Andreoli ist bei Angra schon seit dem Album Rebirth dabei, Valverde hat zwar eine kürzere Dienstzeit. Kiko spielte beim Konzert überwiegend sein eigenes Material. Das Konzert war vollständig instrumental.

Eineinhalb Stunden reine Poesie in der Fusion von Neoklassik mit Latino-Melodie – sprich Bossa Nova. Kurz nach acht, als die Türen des Revolver öffneten – der Club liegt in der Industriezone des italienischen Städtchens San Dona Di Piave bei Treviso –, hatten die eifrigsten Gitarren-»Professoren« tugendhaft die erste Reihe belegt, sich an die Bühnenkante gelehnt und dort noch über eine Stunde gewartet, bis Kiko das Parkett betrat. Wie ihr wisst, läuft das bei unseren westlichen Nachbarn alles etwas später an. Auch diesmal passierte vor halb zehn rein gar nichts Besonderes. Das Publikum ist das so gewohnt und trudelt gemächlich ein. Der Club ist zwar geräumig und würde gut und gerne fünfhundert Leute schlucken. Aber auch die gut hundert, die diesmal da waren, sind keine zu verachtende Zahl. Kiko redete nicht viel – er spielte einfach. Ein paar höfliche Dankgesten, mit denen er sich die Gunst des begeisterten Publikums sicherte, reichten völlig. Atemraubend waren sein Instinkt und sein Gespür – die Fusion brasilianischen Temperaments, nennen wir es ruhig Salsa, mit Elementen der Neoklassik. Und dann dieses höllische Shredding, das im Abfeuern sonisch rasend schneller Tonleiterfolgen keinen Moment nachließ – gepaart mit dem kernigen Charakter des Phrasierens, dynamischen Umschwüngen in ruhigen Passagen, und die Tatsache, wie stark dieses Trio auf der Bühne ist. In jeder Hinsicht. Wie sie jeden verfügbaren Raum mit Substanz füllen. Gebrochene Rhythmen, durch und durch progressiver Natur, verschiedene Melodien, die Andreoli und Loureiro gleichzeitig spielen und die sich so perfekt miteinander verweben in der jeweiligen Komposition. Ja. Man darf Kikos beide Kumpels auf keinen Fall übersehen. Ganz einfach. Die zwei haben geglänzt. Auch Valverde, der sein Schlagzeugsolo hatte, hat damit keinen einzigen Moment gelangweilt. Eine Explosion ungezügelter Virtuosität.

Kiko spielte überwiegend Stücke von seinem ersten Solo-Studioalbum »No Gravity« und dem letzten Album »Sounds Of Innocence«. Dazu kamen noch zwei Nummern vom Album »Universo Inverso«, während »Fullblast« komplett aus dem Programm fiel. Richtig angeheizt hat er die Anwesenden im letzten Drittel des Konzerts, das er zunächst mit einer Version des Megadeth-Instrumentals Conquer Or Die! (»Dystopia«, 2016) eröffnete, gefolgt vom Shred-Tornado einer Bearbeitung des Angra-Klassikers Angels And Demons (»Temple Of Shadows«, 2004). Ein Spektakel, das von allem Temperament, Gespür, Instinkt und Leidenschaft getragen wurde – aber auch von großer Konzentration unter den dreien, die dafür sorgten, dass niemand zu weit aus diesem unglaublichen musikalischen Körper voller außerordentlicher technischer Versiertheit und Komplexität herausdriftete. Eine Darbietung, durchdrungen von einem hypersensiblen Gespür für das Einpflanzen von Melodie – sprich Musikalität. Mit einem gelieferten und heiß begehrten Theater ungezügelter virtuoser Einlagen. Alles in einem. Vereint am selben Ort. Zur selben Zeit. Absolut mitreißend, einzigartig, unvergesslich und unwiederholbar. Kiko verabschiedete sich mit dem Stück Enfermo von seinem Studio-Erstling »No Gravity«. Da ihn das Publikum aber nicht einfach so von der Bühne ließ, kam er für ein weiteres Stück zurück. Er kündigte es kurz an: »Jetzt spielen wir was von Angra.« Es war das erste Stück vom Studio-Debüt »Angels Cry«. Der vernichtende Prog-Metal-Sturm Carry On – mit einer der wiedererkennbarsten Gitarren-Leadlinien der gesamten Angra-Karriere. Die Gesangslinien des Originals hat Kiko bildhaft adaptiert und für die Gitarre umgedeutet – dabei hat er sich in seinen improvisierten Spielereien und seiner Fantasie in keinster Weise zurückgehalten und durchgehend jede Menge Variationen und zusätzliche Verzierungen eingeflochten. Wahnsinn, wie er das Formen von Tönen mit dem Tremolo meistert. Kurzum: Carry On hat wirklich alle Herzen der Angra-Fans zusätzlich erwärmt – um es geradeheraus zu sagen: die der gesamten Gesellschaft der Besucher dieses großartigen Konzerts und Auftritts des außergewöhnlichen Kiko Loureiro und seiner zwei Gefährten – das schlicht gesagt viel zu schnell vorbeiging.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. Pau-De-Arara
2. Reflective
3. Escaping
4. Grey Stone Gateway
5. No Gravity
6. El Guajiro
7, Feijao De Corda
8. Camino A Casa
9. Drum solo
10. The Hmyn
11. Samba Da Elisa
12. Conquer Or Die
13. Angels And Demons
14. Ray Of Life
15. Dilemma
16. Enfermo
—Zugabe—
17. Carry On


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