Auf den Flügeln unverwirklichter 80er-Hits: The Night Flight Orchestra in Wien (2025)
The Night Flight Orchestra (Special Guests: Metalite)
Freitag, 14. 2. 2025 (Beginn um 20.00 Uhr, Ende um 23.00 Uhr)
Wien / Szene / Österreich
The Night Flight Orchestra! Nein, nicht Electric Light Orchestra, sondern die „Nachtflieger“. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, so ein Berg an Assoziationen rauscht mir gerade durch den Kopf! Das ist eine Band, die auf dem alten europäischen Kontinent schon ordentlich Renommee hat, ganz Deutschland und Skandinavien gehören ihnen. Bei uns dagegen dringt solche Musik etwas schwerer durch. Das ist fast schon Tradition, was die Sonnenseite der Alpen angeht. Aber wie auch immer, zumindest Wien liegt für uns paar wählerische Musik-Außenseiter relativ nah. Die Band besteht aus Mitgliedern von Spitzenbands (Soliwork, Arch Enemy, Mean Streak). Bis heute haben The Night Flight Orchestra schon mehrere Millionen Streams gesammelt und drei Nominierungen für den schwedischen Grammis. Mit dieser Band ist nicht zu spaßen!
Das Oktett gründeten 2007 die beiden Soilwork-Mitglieder (leider viel zu früh verstorben) David Andersson und Sänger Björn „Speed“ Strid, denn bei aller Treue zur Melodic-Death-Metal-Stammband waren die beiden schon immer große Fans von Arena-Rock (auch Glam), Progrock, sogar von Disco-Rhythmen aus den späten Siebzigern (kein Wunder – in der DNA der Schweden fließt nun mal das ABBA-Erbe), sowie vom West-Coast-/AOR-Boom der Achtziger. So entstand das Oktett The Night Flight Orchestra, das zwischen 2012 und 2025 schon sieben Studioalben veröffentlicht hat – das neueste davon, „Give Us The Moon“ (RockLine Rezension), erst am 31. 1. 2025 (das ist ihr erstes Album unter dem Dach von Napalm Records). Das Phänomen bei The Night Flight Orchestra: Die Songs erinnern immer an etwas, das in den Siebzigern und Achtzigern gespielt, aufgenommen und veröffentlicht wurde, trotzdem hat man nie das Gefühl, die Band würde irgendetwas klauen. Es ist einfach Schaffen unter dem großen Einfluss dieser Zeiten. Mal hörst du Toto, mal Survivor, dann wieder Journey, Foreigner, REO Speedwagon, Alan Parsons Project, beim dritten Mal zieht es Richtung Styx, Angel, späte Rainbow, Bad Co., Kiss, aber auch The Beatles, ABBA. Kurz gesagt: Alles klingt so unglaublich vertraut, und trotzdem weißt du nie genau, wo du was einsortieren sollst! Verdammte Analyse – dabei zählt bei alldem nur die Magie der Musik, deren Mission es ist, dich irgendwohin ins Unbekannte zu tragen, in dir die ehrlichsten Gefühle zu wecken und die bestmögliche Party zu liefern.
Die Band hat mitten auf der Tour schon einige Konzerte ausverkauft. Vor allem in Deutschland. Der Termin direkt nach Wien zum Beispiel, also München, war bereits komplett dicht. Für das innerkrainer Domizil zweier partyhungriger Bewohner der Šentflorjanska kura erwies sich Wien wieder einmal als äußerst praktisch, zumal es der Valentinstag und ein Freitag war, auch wenn uns schon lange davor alle Medien brav mit einer totalen Schneesintflut Angst gemacht hatten, die sich dann als lausig platzierter Wetterfurz der alten Schneewehen der Achtziger entpuppte, die weit weniger (oder gar keine) mediale Propaganda hatten, die wir aber genauso normal überlebt haben. Schon auf der Fahrt vor Graz kam die Sonne raus. Punkt halb acht abends gingen die Türen des Wiener Clubs Szene auf. Bis auf die Sekunde pingelig genau. Hinein ergoss sich die glühendste Gruppe der ersten Besucher, die sich schnell in der Schlange Richtung Garderobe anstellten. Vor allem aber war der Anblick des offiziellen Merchandise-Stands ein Spaß, wo eine als Stewardess verkleidete, überaus gesprächige Verkäuferin geschickt hantierte und gleich ordentlich die Ärmel hochkrempeln musste.
Genau um acht Uhr standen die schwedischen Heavy-Metaller Metalite auf der Bühne. Das Quintett in der Besetzung Erica Ohlsson (Gesang),
Edwin Premberg (Gitarre), Robert Örnesved (Gitarre), Robert Majd (Bass) und dem neuen Schlagzeuger Erik Junttila Johansson, der im November 2024 zur Band stieß, zeigte in knapp dreiviertel Stunden strenge Professionalität und Zusammenspiel auf höchstem Niveau. Wäre die Bühne noch geräumiger gewesen, hätte man ihrer Beweglichkeit kaum folgen können. Natürlich waren alle Augen auf die schlanke Erica Ohlsson gerichtet, die das überschaubare Publikum von etwa 200 Leuten mit federleichter Hand im Griff hatte. Nicht nur mit tollem Gesang, sondern auch mit unglaublicher Souveränität in der Performance. Beide Gitarristen und besonders der wilde Bassist Robert Majd nutzten die Bühne gewissenhaft aus, dank der großen Kilometerleistung, die die Band an Konzerten schon hinter sich hat. Die Band mit vier Studioalben in der Tasche widmete die meiste Aufmerksamkeit dem aktuellen, letztes Jahr erschienenen „Expedition One“, aus dem sie den Großteil der Songs des Sets abfeuerte. Und überzeugte auf ganzer Linie. Power Metal, bei dem für keinerlei Wackeln Platz ist. Eine ausgezeichnete Show. Verführerisch, fiebrig, und auch der Sound war (für eine Vorband) sehr, sehr gut.
Aber natürlich waren alle wegen The Night Flight Orchestra gekommen. Sobald Metalite die Bühne verließen, drückte die Menge von hinten in die ersten Reihen, um sich die besten Plätze fürs Konzert zu sichern. Viele Leute waren es nicht. Die Szene fasst offiziell knapp 500 Leute, doch in der Halle waren nicht einmal 300. Das hielt das Oktett aus lauter Spitzenmusikern aber nicht davon ab, die bestmögliche Party zu liefern. The Night Flight Orchestra klopften schon mit dem Debüt „Infernal Affairs“ an die Tür einer Nische, die in den letzten zwei Jahrzehnten ziemlich in Vergessenheit geraten war. Und damit gelang ihnen der große Wurf. Weil sie wissen, dass sie das Rad nicht neu erfinden, verpackten sie das Ganze in eine richtige Bühnenzeremonie voller Geschichten von Flugbesatzungen grenzenloser Transozeanflüge (und auch Flüge zum Mond). Über die Jahre haben sie das nur verfeinert, und die Produktion ist von Jahr zu Jahr gewachsen. Auch mit dem neuesten „Give Us The Moon“ hat die Band ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die beiden als Stewardessen verkleideten Begleitsängerinnen sind neben Kapitän Björn Strid mit der Zeit zu unverzichtbaren Ikonen der Band geworden. Auch diesmal hatten sie links neben sich angenehme Gesellschaft. Eine Flasche gekühlten Champagner, den sie während des Konzerts fleißig und im Einklang mit der Bühnenzeremonie, die dem Publikum den bestmöglichen Spaß liefern muss, gekonnt in ihre Gläser fließen ließen.
Es gibt auf der Welt wenige Männer in glänzend seidenen Umhängen und mit der Mission, die Menschenwelt zu retten! Batman, Superman, ‚Cape Crusader‘ Rick Wakeman (Yes) und natürlich, die Welt wäre fad und leer, wenn nicht auch Björn ‚Speed‘ Strid dazugehörte! Mit der obligatorischen ‚Eye of A Tiger‘-Baskenmütze nach dem Vorbild von Dave Bickler (Survivor) aus den Achtzigern, glamouröser Montur bzw. einem Seidensakko voller Orden, Ränge, flatternder Fransen und den unvermeidlichen weißen Tanzschuhen ist dieser Mann tatsächlich die erste Ikone des Oktetts. Und was für eine schöne Stimme er hat, wenn er bei Soilwork nicht gerade ‚growlt‘! Wenn du sie hörst, weißt du, es wäre ein großer Verlust, wenn er diese Stimme nicht auch in einer weiteren (genremäßig deutlich anderen) Band einsetzen würde. Ray-Ban-Brillen (Pilotenbrillen – Top-Gun-Modell) haben sich diesmal übrigens alle Männer der Band aufgesetzt, mit Ausnahme des herausragenden Bassisten Sharlee D’Angelo!
Kurzum! Das Oktett konzentrierte sich erwartungsgemäß auf das großartige neueste Studiowerk „Give Us The Moon“, das mit fünf Nummern im Set vertreten war (alle drei Singles: Shooting Velvet, Paloma und in der obligatorischen Zugabe Way To Spend The Night natürlich mit dabei). Das Konzert dauerte eine Stunde und drei Viertel, und The Night Flight Orchestra griffen, mit Ausnahme des zweiten Studioalbums „Skyline Whispers“ (2015), tatsächlich auf alle Studioalben zurück. Das tolle White Jeans („Aeromantic II“, 2021), getragen von einem Disco-Beat wurde in der Zugabe sogar noch schneller gespielt als in der Studioversion!
Das war’s. Eine bessere Portion Spaß bekommst du kaum. Auch der neueste Gitarrist Rasmus Ehrnborn, der 2022 in die Fußstapfen des verstorbenen David Andersson treten musste, wurde seiner Rolle in jeder Hinsicht gerecht. Ein paar Ungenauigkeiten schlichen sich ein, am offensichtlichsten war ein Missverständnis während der Aufführung der exzellenten Arena-/Progressive-/Bluesy-Rock-Mini-Epos-Suite Transatlantic Moon vom Debüt, wo er und Strid sich ein paarmal anschauten, worauf Rasmus zum Gitarrentechniker marschierte, während das Ganze klang, als wäre die Gitarre nicht auf den richtigen Ton gestimmt, doch Rasmus fand schnell die Akkorde in der neuen Lage und spielte auch das Solo im zweiten Teil des Songs, wie es sich gehört. Dieser Song ist wirklich einer der Höhepunkte, besonders für etwas anspruchsvollere Hörer. Das ist Musik, wie sie in der zweiten Hälfte der Siebziger geschrieben wurde. Wenn wir genau sind, sind The Night Flight Orchestra eine Band, die seit 2012 die bestmögliche Poprock-Musik veröffentlicht, die nicht in den Siebzigern und Achtzigern geschrieben wurde. Wären sie damals aufgetaucht, wären sie multiplatinum geworden, mit Millionen verkauften Platten. Und genau das ist die richtige Nische. Im Publikum das Interesse für Musik zu wecken, die archaisch und vergessen ist und an die sich die Generation erinnert, die heute tief in den Fünfzigern steckt. Und tatsächlich. The Night Flight Orchestra haben mit ihrer Musik genau diese Generation aktiviert. Es waren viele ältere Paare da, die gekommen waren, um die Klänge und den Sound der nostalgischen Zeiten ihrer Teenagertage zu genießen!
Neben den beiden Sängerinnen ist Björn natürlich die Hauptzielscheibe. Ein unglaublich unterhaltsamer Sänger, ein erfahrener Frontmann, der in seinem Leben schon alles gesehen hat. Riesige Festival-Massen, und er kennt auch die stickige Enge der Clubgigs aus den ersten Soilwork-Tagen – was auch das Konzert hier in Wien war, mit gerade mal ein paar Dutzend Zuhörern. Aus der Fassung brachte ihn nicht einmal ein vom Gewicht alkoholischer Derivate ordentlich belasteter junger Kerl, der in den Pausen ständig unnötige Kommentare zu Strids Ansprachen ans Publikum einwarf. Björn bewahrte in diesen Momenten professionelle Ruhe und feuerte ihn mit Gegenkommentaren höchstens zusätzlich an. Wahrscheinlich beruhigte ihn in diesen – für Musiker definitiv störenden – Momenten des Konzerts auch der Anblick des TNFO-Shirts, das sich der junge Mann genau auf dem Wiener Konzert gekauft hatte. Björns Auftritt, voller Tanzschritte aus den Diskotheken der ersten Hälfte der Achtziger, passt dafür hervorragend zur Show der Band. Rasmus kühlte ihn in der Zugabe in einer der Pausen sogar mit einem Handtuch, so wie er schon Keyboarder John Lönnmyr in einem der einleitenden Teile am E-Piano gekühlt hatte. Im großen Finale forderte Björn die ‚Nightfyers-e‘ auf, einen Zug zu bilden. Es folgte der Schlusspunkt vom Debüt, der Song West Ruth Ave. Das alles feuerten auch die beiden heißen Mädels mit ihrem eigenen Zügle an, die Bühnenstewardessen Anna Brygård und Asa Lundman.
Das Gespür für Bombast und Pomp ist in der Musik der Band außergewöhnlich. Das Set könnten mit Leichtigkeit auch einige andere Songs aus dem breiten Arsenal brodelnder Rhetorik mit der ultra-musikalischen Ansteckungskraft, die in ihnen steckt, füllen. Die Auswahl an solchen Kandidaten, die die Band bis heute auf ihren Alben aufgenommen hat, ist schlicht beneidenswert. In dieser Hinsicht ist es wirklich schwer, sich zu entscheiden, was man in die eineinviertel Stunden… pardon, in die Stunde und drei Viertel packt, die man zur Verfügung hat. Wenn du dir alle Alben der Band anhörst, auf denen wirklich kein einziger Fehlgriff zu finden ist, weißt du, dass die Auswahl des Konzert-Sets für The Night Flight Orchestra immer eine sehr schwere Aufgabe ist.
Das Konzert der unverwirklichten Hits der Siebziger und Achtziger lief rasant ab. Und begeisterte auf ganzer Linie. Alles ist perfekt durchstudiert. Hingabe und Pedanterie, hinter denen der skandinavische Perfektionismus steckt, bleiben unbeschadet! Vor allem im Hinblick auf die Grundmission, die die Band mit großer Auszeichnung erfüllt hat. Die Mission, das Publikum auf hohe Touren heißer Mitmachbereitschaft zu bringen und es froh, ausgelassen, übermütig und gelöst zu machen! Genau das ist es! Spaß. Über alle Grenzen hinweg.
Zu den Konzerten von The Night Flight Orchestra werden wir deshalb ganz sicher immer wieder zurückkehren. Solange die Band sich bewegt und Alben mit so wunderschönem musikalischem Inhalt veröffentlicht, wie ihn die bisher sieben erschienenen Studioalben aufweisen! Die erste Gelegenheit ist schon im August 2025, wenn The Night Flight Orchestra beim Rock Castle Festival im tschechischen Mähren auftreten!
Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen
Metalite – Setlist:
1. Intro
2. Disciples of the Stars
3. Far from the Sanctuary
4. Beyond the Horizon
5. Cyberdome
6. New Generation / Apocalypse
7. Blazing Skies
8. Black Horse Rider / Nightmare / Afterlife
9. Peacekeepers
10. We Bring You the Stars
The Night Flight Orchestra – Setlist:
1. Final Call (Intro)
2. Stratus
3. California Morning
4. Shooting Velvet
5. Divinyls
6. Domino
7. Gemini
8. Cosmic Tide
9. This Boy’s Last Summer
10. Paloma
11. Satellite
12. Transmissions
13. Can’t Be That Bad
14. Transatlantic Blues
15. Burn for Me
—Zugabe—
16. White Jeans
17. Way to Spend the Night
18. West Ruth Ave










































