Bang Your Head!!! 2018 (zweiter Tag) – Donner, Hölle, Chaos und Verwüstung nach Accept-Rezeptur!

ALEŠ PODBREŽNIK
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Ort: Balingen / Messegelände / Deutschland
Datum: 13.07.2018


Der zweite Tag des großen Bang Your Head!!! Festivals war angebrochen. An diesem Tag fiel die Rolle des Headliners den legendären Accept zu, die anlässlich des 20. Jubiläums des Festivals eine Exklusivshow vorbereitet und ein spektakuläres Spektakel versprochen hatten. Auch einige andere höchst interessante Leckerbissen fanden sich auf der Auftrittsliste, darunter die amerikanischen Metal-Veteranen aus Colorado Jag Panzer, die immer heißer werdenden Speed/Thrash-Metal-Revivalisten aus Kanada Striker, das »leicht aufgefrischte Gotthard« unter der Regie von CoreLeoni, dazu die legendären Overkill sowie der Teufel höchstpersönlich an der Gitarre, nämlich Jeff Waters mit seinen Annihilator. Kurzum: Es versprach ein weiterer äußerst unterhaltsamer Festivaltag zu werden.

An diesem Tag startete das Festival mit einer Stunde Verspätung. Um halb zwölf durchbrachen die deutschen Metal-Revivalisten Alpha Tiger die Ruhe und Stille — auf diesem Festival sind sie kein Unbekannter mehr, und sie haben auch schon beim Metadays Festival in Tolmin gespielt. Äußerlich kaum wiederzuerkennen, denn die Frisuren haben ein wenig an Länge verloren (die Schere war offenbar zu Besuch), und die Jungs haben die gelblich-dunklen Streifen aus ihrem Outfit komplett gestrichen — ein kluger Schachzug, denn dieser Trick wurde auf der Szene schon viel zu oft strapaziert. Man denke nur an Stryper. Benjamin Jaino ist der neue Sänger, der kurz vor der Veröffentlichung des aktuellen »Alpha Tiger«-Albums den Vorgänger Stephan Dietrich abgelöst hat. Das neue Album ist ein ambitioniertes Werk, das auf insgesamt zwei CDs verteilt ist. Die Band präsentierte es engagiert und bewies, dass es ihr an Erfahrung auf großen Bühnen nicht mangelt. Ein gelungener Auftakt zum zweiten Tag also.

Erheblich mehr Staub wirbelten anschließend die kanadischen Striker auf. Vor einiger Zeit auf ein Quintett angewachsen, »killten« sie das Publikum wirklich — mit ihrem giftig aufgestachelten Ansatz, bei dem es keine Bühnenpause auch nur für einen Moment gab. Alle fünf waren voll auf der Lauer und schlugen mit großer Verve zu. Die hervorragende stimmliche Darbietung von Sänger Dean Cleary und die außerordentliche Spritzigkeit beider Gitarristen, vor allem Leadgitarrist Chris Segger, die mit außergewöhnlichen Soloschmankerln bezauberten, streute eine Serie ungemein ansteckender und scharf geschnittener Thrash/Speed-Riffs. Die Band hielt das Publikum in einem großartigen Theater voller Schärfe und unbändiger Action fest in ihrem Bann und reihte in knapp einer Stunde eine Serie gut ausgewogener Songs aus dem Repertoire aller fünf Alben aneinander. Striker vergaßen auch nicht, die brandneue Heart of Lies live zu spielen. Sie spielten folgendes Repertoire: Former Glorym, Born to Lose, Pass Me By, Lethal Force, Crossroads, Too Late, Out for Blood, Heart of Lies, Full Speed or No Speed, Phoenix Lights und Fight for Your Life.

Monument brachten anschließend N.W.O.B.H.M.-Wiedergeburt auf die Bühne, vor allem im Stil von Iron Maiden. Bei ihnen singt White Wizard-Sänger Peter Ellis. Ein Schreier, der sich jeden Bühnentrick und den Stil von Bruce Dickinson in dessen besten Zeiten — sprich den Achtzigern — genauestens draufgeschafft hat. Damit nicht genug: Monument schreiben Riffs, die zeitweise schon viel zu giftig ähnlich jenen aus der goldenen Ära von Iron Maiden sind und sich in dieser Hinsicht schon gefährlich nah an die Urheberrechte der legendären Metal-Veteranen vorwagen. Spandex, Hotpants und der Charakter des Bühnenspiels selbst bringen wieder reinsten Revivalismus der klassischen Heavy-Metal-Schule. Die Band ist überragend eingespielt und natürlich schon sprichwörtlich ungemein ansteckend — gerade wegen der stürmischen Eskapaden, in denen sich eine Vielzahl von Terzenharmonien verflicht. Die Band veröffentlichte im heurigen Mai ihr viertes Studioalbum mit dem Titel »Hellhound«, aus dem sie neben dem Titelsong (als Opener) noch präsentierte: Attila, The Chalice und Wheels of Steel (was für eine blühende Fantasie), dazu die älteren Carry On und Fatal Attack (Album »Renegades«) sowie vom Album »Hair of the Dog«: Olympus, Imhotep (the Higher Priest) – wo das Einweben arabischer Tonleitern wieder an etwas erinnerte, das vom Maiden-Album »Powerslave« hätte stammen können –, und schlossen den Auftritt mit Lionheart ab. Die Iron Maiden-Fans waren begeistert. Ordentlich, aber wie gesagt: zu ähnlich den Originalen und Vorbildern.

Die vierte und an diesem Tag letzte Band mit dem Revival-Stempel waren Night Demon. Da der Veranstalter Accept zum Festival eingeladen hatte, bekam er Night Demon gleich im Paket dazu. Letztere befanden sich nämlich mit Accept auf einer ausgedehnten Europatournee im heurigen Winter. Night Demon sind ein Trio. Erwartungsgemäß stellte das aktuelle Album »The Darkness Remains« die Hälfte des Repertoires, denn Night Demon spielten davon fünf Songs: Black Widow, Dawn Rider, Life on the Run, Stranger in the Room und Welcome to the Night. Die Band überraschte nicht wenig mit der Integration einer The Scorpions-Coverversion des Originals In Tranzit. Vor allem goss die Mitte des Auftritts Öl ins Feuer, als sich Sänger und Bassist von leicht grotesker Erscheinung Jarvis Leatherby sowie Gitarrist Armand John Anthony an den äußersten Rand der Bühne stellten. Dort platzierte Jarvis auch seinen Mikrofonständer. Einen schönen Teil des Konzerts intensivierten Night Demon damit noch erheblich und kapitalisierten die höllische Energie, die ihre rohe und unverhüllte Heavy-Metal-Erscheinung mit konkreter Anlehnung an das Pionierwerk von Thin Lizzy charakterisiert, sehr erfolgreich. Das deutsche Publikum kennt die Band sehr gut, und die Chemie zwischen Band und Publikum stimmte dementsprechend. Die Band spielte obligatorisch auch The Chalice, wobei das Maskottchen der Gruppe (der Tod mit einem Kelch in der Hand) auf der Bühne erschien, und steigerte den Auftritt mit Black Widow bis hin zum abschließenden Night Demon, das den durchaus leidenschaftlichen, äußerst soliden, souveränen und kompakten Auftritt des Trios auf mehr als »elegante« Weise abschloss.

Besonders attraktiv war für Liebhaber der klassischen Metal-Tage die Ankunft von Jag Panzer beim Festival. Nicht etwa, weil sie musikalisch irgendwie besonders wären. Sie sind schlicht schwer auf Bühnen zu erwischen. In Europa tauchen sie äußerst sporadisch auf. Dazu plagen sie in den letzten Jahren eine leichte Instabilität in der Besetzung sowie gelegentliche Pausen. Doch das letzte Album »The Deviant Chord« ist wieder ausgezeichnet, und das rechtfertigt vollauf den langen Werdegang dieser hervorragenden klassischen Metal-Besetzung, die aber überraschenderweise im Repertoire nicht einen einzigen Titel aus ihrem kultigen »Thane to the Throne« spielte, ebenso wenig aus dessen Nachfolger »Mechanized Warfare«. Aber Jag Panzer vergaßen das Album »Casting Stones« nicht, als irgendwo in der Mitte Achllles erklang. Wie auch immer — ein toller Auftritt. Die Band befrachtete das Repertoire nämlich mit Songs des kultigen Debütalbums »Ample Destruction« (1984): Harder Than Steel, Generally Hostile und Warfare. Öl ins Feuer gossen zwei unverzichtbare Highlights des unvergesslichen »The Age Of Mastery« (1999): gleich zu Beginn des Auftritts Chain Of Command sowie das in die Mitte eingeschobene epische und bombastische Iron Eagle. Nicht zu übersehen war auch die Integration des kultigen Black aus dem Album »The Fourth Judgement«. Die Besetzung? Natürlich Chef und Bandleader sowie Gitarrist und Hauptkomponist Mark Briody! Mit ihm hält sein langjähriger Kumpel am Bass John Tetley durch. Natürlich ist Harry Conklin am Mikrofon — der in letzter Zeit einen erheblichen Teil seines Körpergewichts verloren, sich die Haare wachsen lassen und sichtlich gegraute Schläfen bekommen hat. Ebenso ist er nicht mehr von einer Unmenge riesiger Ketten und anderer »klingelnder« Requisiten umgeben, die früher an ihm hingen. Schlicht. Im ausgewaschenen kurzärmeligen Shirt und Jeans. Der kaum wiederzuerkennende Conklin hat deshalb aber weder an Stimmkraft noch an der außergewöhnlichen Bandbreite eingebüßt, für die er schon immer bekannt war — und damit auch die Alben der Band. Das Quintett vervollständigen noch Schlagzeuger Rikard Stjernquist sowie Gitarrist außergewöhnlicher Virtuosität Joey Taffola. Selbiger Mann hat in seiner Karriere Graham Bonnet geholfen, ebenso Hardline, und zuletzt steht er den amerikanischen Metal-Veteranen Leatherwolf zur Seite. Briody sorgte stets dafür, harte Solisten in der Truppe zu haben. Vor Taffola war das zum Beispiel Chris Chirs Broderick. Ein Konzert voller Nostalgie-Gefühle, das begeisterte. Jag Panzer haben ihre Sprengkraft, ihren Zauber und ihre Faszination nicht verloren.

Zeit für eine Auffrischung des Erbes der Schweizer Hard-Rock-Urgesteine Gotthard. Dafür sorgte die neue Band von Gotthard-Chef und Gitarrist Leo Leoni — »schlicht« benannt als CoreLeoni. So würde sich Leoni nämlich schreiben, wenn er ein Mafia-Boss im Film »Der Pate« wäre. Warum Leoni sich zu diesem Schritt entschieden hat, wird die Zeit zeigen — im Grunde hätte er es nicht nötig gehabt, es sei denn, ihm ist langweilig und die übrigen Kameraden bei Gotthard haben für den Zeitraum der nächsten zwei Jahre keine Lust zu spielen. Wenn du einen so herausragenden Sänger der neuen Generation wie Ronnie Romero hinzuholst, der mit federleichter Leichtigkeit die stimmliche Reichweite des verstorbenen Steve Lee zum Leben erweckt, wobei nicht zu vergessen ist, dass dieser sympathische und unglaublich charismatische Chilene bei Blackmore’s Rainbow gesungen hat — dann ist das ein völlig gerechtfertigter Grund. Romero begeistert mit seiner Kraft, Autorität und Explosivität. Leoni fand Schlagzeugerdienste beim Gotthard-Kameraden Heni Habegger und »reaktivierte« zwei scheinbar »pensionierte« Musiker. Ersterer ist der üppig gelockte Igor Gianola, der lange Zeit für U.D.O. gespielt hat und so einst, ähnlich wie Leoni mit Gotthard im Jahr 2005, sogar in Ljubljana aufgetreten ist. Wenn mich das Gedächtnis nicht trügt, war das am 24.05.2004. Das zweite und völlig unbekannte Gesicht ist Bassist Mila Merker — sicher Leonis langjähriger Weggefährte, der aber mit seinem Bass-Graben das Vertrauen Leonis vollauf gerechtfertigt hat. Der Auftritt der Band war pure Fantasie und einer der besten dieses Festivaltages. Neben dem einzigen Eigenkompositions-Song, den CoreLeoni bis zu diesem Tag geschrieben hatte — nämlich Walk On Water, ein »gemeißelter Gotthard-Song« —, reihten CoreLeoni mit vehementer Leichtigkeit Gotthard-Klassiker an Klassiker, darunter das Eröffnungsstück Higher, weiter Stanidng in the Light, Downtown, Fist in Your Face, Firedance, In The Name, Tell No Lies, Make My Day, und gossen im Schlussteil Öl ins Feuer mit einem Crescendo in Form der aufeinanderfolgenden Dreierkette Mountain Mama, She Goes Down sowie dem ultra-ansteckenden Hard-Rock-Geschoss Here Comes The Heat. Während Romero wie bereits erwähnt schlichtweg ein fantastischer Sänger ist, wirkt Leoni auf der Bühne wie ein kleines Kind, dem man ein neues Spielzeug in die Hände gegeben hat. Die ganze Bühne gehörte ihm. Er strahlte außerordentliche Leidenschaft und Feuer aus. So war der gesamte Auftritt der Band. Die Frage ist, wo Leoni heute mehr Spaß hat — mit CoreLeoni oder mit Gotthard? Das wird die Zeit zeigen. Aber dieser Auftritt lieferte einige Gotthard-Klassiker, die sie schon lange nicht mehr bei ihren Auftritten spielen. Fast schon blasphemisch ist der Gedanke, dass Romero deutlich charismatischer ist als der aktuelle Gotthard-Sänger Mica Maedder. Aber für diese Worte könnte Leoni mich lynchen. Kurzum: eine Bomben-Show — und hoffentlich folgt dem Debüt »The Greatest Hits Vol. 1« bald ein zweiter Teil und noch mehr Konzertauftritte der Band. Nebenbei: Weiß jemand unter euch von einem Termin in der Nähe von Slowenien?

Während des CoreLeoni-Konzerts begann es in der benachbarten Halle Volksbankmesse zu donnern. Dort riefen die niederländischen Death-Metal-Veteranen mit Black-Einsprengseln, God Dethroned, bzw. das, was einst von dieser charismatischen Besetzung übrig blieb, den kleinen Teufel aus der Unterwelt. Von den Originalmitgliedern ist heute nur noch Sänger und Gitarrist Henri Sattler dabei. Die anderen drei sind im Vergleich zu ihm regelrechte Grünschnäbel — was auch für Schlagzeuger Michael Van Der Plichta gilt, der etwas mehr Dienstzeit hat. Gitarrist Mike Ferguson ist seit 2015 in der Truppe, Bassist Jeroen Pomper ein Jahr länger. In jenem Jahr reaktivierte Sattler die Band erneut. Die Band, die in ihrer Karriere von ständigen Mitgliederwechseln und Ruhephasen erschüttert wurde, brachte so im vergangenen Jahr endlich ein neues Studioalbum mit dem Titel »The World Ablaze« (2017) heraus. So eröffnete auch das Konzert — mit dem Titelstück des neuen Albums. Nun, das Publikum, das anstelle der Hard-Rocker CoreLeoni extremes Metal-Düsternis genoss, konnte sich in der Folge weiter erfreuen, denn die Band sprang zum Klassiker »Ravenous« über, als sie Villa Vampiria in Angriff nahm. Tiefer in die Geschichte griffen sie nicht. Mit dem Repertoire blieben sie ausschließlich bei post-millennialen Werken und reihten neben zwei neuen Songs Escape Across the ice (the White Army) und Annihilation Crusade noch Nihilism, No Man’s Land, Poison Fog sowie im Schlussteil Boiling Blood und Storm of Steel aneinander. Die Charisma blieb, Henri Sattlers Gesang ebenfalls. Unheilverkündend und schaurig. God Dethroned bewahren ihre Souveränität, das neue Album bestätigt kreative Reife und Frische. Er ließ lange auf sich warten, belohnte die Fans für dieses Warten aber auch entsprechend.

Als das God Dethroned-Konzert in seine Schlussphase überging, übernahm einer und einziger die Position auf der Hauptbühne des Festivals. Abbath natürlich. Den Besuchern der letztjährigen Ausgabe des Metaldays Festivals in Tolmin hat sich Abbath ganz besonders ins Herz gebrannt. Nach ihm benannt ist nämlich inzwischen auch der Soča-Anstieg über dem Festivalgelände des Tolminer Festivals als »Abbaths Hügel«, wo der allmächtige norwegische Bergbewohner aus Bergen nach einem Handshake mit den Fans während seines Auftritts theatralisch Anlauf nahm, in sturmartigen Schritten über einen Maulwurfshügel stolperte und dabei ungewollt stürzte. Nun, Derartiges erlebten wir beim Bang Your Head!!! nicht. Abbath genoss es in Balingen einige Tage, denn er hatte hier bereits aufgetreten — zwei Tage zuvor mit seinen Bombers. Damals spielte er MOtorheade nach, jetzt aber musste er Immortal covern — und das in echter Immortal-Montur! Abbath ist ein Spaßvogel und wirkt, als hätte sich jemand von Manowar als Black-Metaller verkleidet. Diese Charismatik und bis zu einem gewissen Grad parodistische Groteskheit, die ihn in den letzten Jahren erfasst hat, zieht seine Konzerte dankbar nach oben. Spezifische Grimassen, Verzerrungen, das auf Meilen erkennbare Corpse Paint… Die Zunge stets draußen, wann immer möglich, die aufgerissenen Augen nicht weniger. Abbath spielten so eingangs drei Songs aus dem Studioerstling Abbath: To War!, Winterbane und Ashes of the Damned, und bespritzten dann das gesamte restliche Repertoire fast ausschließlich mit Covers des Immortal-Erbes. Es folgten nämlich Warriors, In My Kingdom Cold, Tyrants, Nebular Ravens Winter, The Rise of Darkness und One by One. Das Publikum hätte ihn wahrscheinlich gelyncht, wenn es anders gewesen wäre. Das Konzert schloss der Abbath-Song Count the Dead ab. Völlig ordentlich und souverän. Angesichts der Reihe von Anekdoten ist ein Besuch eines Abbath-Konzerts heute tatsächlich eher eine Gelegenheit zu lachen, als dass einem bei seinem »Black-Metal-Getue« zufällig die Haare zu Berge stünden.

Abbath hatte gerade seinen Weg in die Konzertmitte eingeschlagen, als in der Halle Volskbankmesse die deutschen Power-Metaller Mob Rules die Bühne betraten. Die seit 1994 aktive Langzeit-Band, von deren Originalmitgliedern heute nur noch Sänger Klaus Dirks in der Besetzung ist, absolvierte beim Bang Your Head!!! Festival einen der seltenen Sommerauftritte — einen Monat vor der Veröffentlichung des neuen Studioalbums »Beast Reborn«. Die Band kokettiert reichlich mit Pomp und Bombast, entsprechend sind auch die Refrainmelodien, bei denen es nicht schwerfällt, mitzusingen. Klaus hatte sich etwas barocken »Kram« übergeworfen und das Theater damit leicht intensiviert, die Band spielt aber ausgezeichnet. Die Gruppe schloss den Auftritt mit dem Song Hollowed Be Thy Name aus dem gleichnamigen Studioalbum, das bereits 2002 erschienen war; im Repertoire fanden sich unter anderem noch: Children’s Crusade, das völlig neue und live-erstmals-präsentierte Ghost Of A Chance sowie Children of the Flames.

Auftritte von Overkill gelten immer als eine Art Attraktion. Schlicht und einfach — so gut sind ihre Konzerte. Overkill bringen auf Bühnen noch immer einen echten sturmartigen Schlag, einen waschechten Thrash-Metal-Tornado. Sie bewahren Bühnenvehemenz, Ungezähmtheit und Zügellosigkeit. Wieder übernahm der einzigartige Bobby Blitz das Kommando, der beim Zeigen des Mittelfingers nicht vergaß, die ganze Bühne vollzuspucken. Das ist nicht mal der Kern der Sache — das ist Fakt und Teil des obligatorischen Overkill-Folklores. Der verrückte Sänger bleibt auch Ende Fünfzig verrückt. Er schreit und brüllt mit unverminderter Kraft und fügt mit seinen Verrücktheiten und seinem Lausbubengehabe das genau richtige, wenn nicht gar perfekte Maß an Unterhaltung hinzu. Den Leuten riss es die Köpfe weg, und es war besser, das Konzert aus sicherer Entfernung zu beobachten. Deutschland ist die zweite Heimat der Band. Das Quintett fühlte sich großartig und lieferte tatsächlich wieder einen Spitzenauftritt ab und bewies, dass es keine Spur von Alterserscheinung kennt. Overkill werden nicht einfach so vom Gaspedal steigen. Sie zeigen außerordentliches Engagement und Feuer. Dabei ziehen natürlich Bobby und das andere Originalmitglied der Truppe — ihr »Vampirologe« und Bassist D.D. Verni — die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Viel Raum zum Grimassenschneiden auf der Bühne hat auch Rhythmusgitarrist Derek Thaier, während der hervorragende Solist Dave Linsk als Bandmitglied noch am meisten Bühnenernsthaftigkeit und Bodenhaftung bewahrt. Die Band hieb Song für Song raus, zeigte außerordentliche Eingespielheit, unglaubliche Kompaktheit und eine arbeitssame Chemie, in der Overkill wirken, als wären sie in Trance. Der einleitende neue Mean, Green Killing Machine von »The Grinding Wheel«, der sich in der Mitte Goddamn Trouble hinzugesellte, bekamen von den neueren Highlights noch Electric Rattlesnake (»The Electric Age«, 2012) und Ironbound (»Ironbound«, 2010) Gesellschaft — ansonsten aber durchgehend goldene Achtziger und ein Spaziergang durch die Songs: Rotten to the Core, There’s No Tomorrow (beide Debüt »Feel the Fire«), weiter Coma, Infectious (beide »Horrorscope«), Elimination (»Years of Decay«), In Union We Stand (»Taking Over«) und Hello From the Gutter (»Under the Influence«). Die Band schloss den Auftritt erwartungsgemäß ab — mit Fuck You!!! (orig Subhumans), in das sie das Dead Boys-Cover Sonic Reducer einwebte und damit an ihre Punkrock-Wurzeln erinnerte. Overkill sind, zurückhaltend gesagt, verheerend!

Wem das alles nicht so recht nach Geschmack war, der konnte derweil in die Halle flitzen, wo die schwedischen Glam-Metal-Revivalisten Crazy Lixx auftraten. Die Halle war brechend voll, und die Band servierte sogar Pyrotechnik. Danny Rexon hatte sich in jüngerer Zeit die halbe Schädeldecke rasiert und setzte während des Konzerts theatralisch eine Gefängnismaske auf — natürlich in Einklang mit »Freitag dem Dreizehnten«. Also der neue Song XIII und das neue Album »Ruff Justice«, das in der Setlist stärker vertreten war. Davon spielten sie noch Killer, Walk the Wire und Wild Child. Den Spitzenplatz holte sich aber das Material aus dem Album »New Religion«, als die Band Blame It on Love, Children of the Cross, Lock Up Your Daughter, Rock and a Hard Place spielte und das Konzert mit 21 Til I Die abschloss. Crazy Lixx sind eine Glam-Metal-Revival-Band, können aber auch punkoid und »zerfetzt« aufkochen, was die Inspiration durch Motley CVrue, Guns’N‘ Roses, Skid Row, nun ja, auch Kiss verrät. Die Band ist auf Bühnen perfekt. Sie verspielen sich nicht. Keine Fehler. Sie sind aber unglaublich beliebt geworden — nun ja, zumindest in Deutschland. In der Halle konnte man sich nämlich während des Konzerts kaum bewegen. Sicher waren da an die 2000 Köpfe drin. Die Band spielte noch: Hell Raising Woman (»Crazy Lixx«), die Songs Riot Avenue und Whiskey Tango Foxtrot (beide Album »Riot Avenue«), und fügte gleich im Anfangsteil des Konzerts auch den Song Girls Of the Eighties ein. Die Achtziger im Revivalismus schwedischer Perfektion funktionieren kaum besser. Und das bestätigte auch die Bühne wieder einmal. Ausgezeichnete Show, ausgezeichnete Party!

Und jetzt die großen Accept. Accept spielen ununterbrochen. Und nehmen fast genauso ununterbrochen auf. Letztes Jahr erschien wieder ein Studioalbum, diesmal betitelt als »The Rise of Chaos«. In der Rolle der Headliner des zweiten Tages nutzten sie die Bühne maximal aus. Auf ihr erstrahlte das »The Rise Of Chaos«-Bühnenbild nach dem Vorbild des Albumcovers. Apokalypse! Die Band hatte also für die diesjährige Festivalausgabe ein exklusives Konzert vorbereitet, das etwas länger war als die üblichen Setlisten der Sommerfestival-Auftritte der Band. Sogar am Tisch mit den offiziellen Souvenirs konntest du ein offizielles Band-T-Shirt kaufen, das gerade mal 15,00€ kostete. Daneben stand: »Sonderpreis, nur zum 20. Jubiläum des BYH!!! Festivals.« Du musstest aber aufpassen — auf der Rückseite waren nämlich die Daten der Herbst-Winter-Tournee 2017/2018 aufgedruckt. Wenn du auf ihr einen der Accept-Konzerte mitgenommen hattest, hat sich das zwar kitschige T-Shirt sicher gelohnt. Accept sind eine außergewöhnlich gut eingespielte Maschinerie, die nicht nur mit Routine vorgeht, sondern mit geschliffenem Professionalismus, in den ein Sinn für Perfektionismus und das angeborene deutsche Streben nach Fehlerlosigkeit, wenn nicht gar Unnachgiebigkeit eingewoben ist. Die Legenden machen weiter, und auch auf der Bühne sieht es nicht so aus, als würden ihnen die Jahre etwas ausmachen. Accept waren von unglaublich freudigem und ausgelassenem Wesen. Sie zeigten deutlich weniger scheinbare Routine als eine Woche später beim Metaldays Festival in Tolmin. Und da möge jemand der goldenen Regel widersprechen, dass man deutsche Bands eben primär in Deutschland schaut! Wolf Hofmann, der für sein Ego stets am meisten Platz und Scheinwerferstrahlen beansprucht, ließ schon beim dritten Song (und der ersten Repertoire-Überraschung) Starlight Uwe Lulis zu sich kommen. Gemeinsam marschierten sie ganz bis an den Rand des Catwalks. Lulis hatte übrigens die Erlaubnis, mehrmals auf die linke Seite zu Hofmann zu treten, wo sie Schulter an Schulter auf klassischen Accept-Riffs ritten. Patzer gab es keine. Auch der souveräne Tornillo verbarg nicht seine große Routine und Erfahrung. Die höchsten Lagen umfuhr er geschickt und passte sie stellenweise clever an, vereinfachte sie — den Rest erledigte an seiner Stelle das Publikum, das die Refrains wie in Trance sang. Gewiss werden wir nie mehr Zeugen der Entstehung einer Magie, die nur mit Dirkschneider am Mikrofon möglich wäre — aber das ist eine andere Geschichte. Tornillo ist ein ziemlich anderer Sänger. Genau richtig anders und noch immer ähnlich genug. Sein Gesang harmoniert hervorragend mit den grundlegenden Charakteristiken von Accept-Musik. Alter wie neuer.

Accept erfreuten langjährige Fans mit wirklich einer hervorragenden Setlist. So machten die »Restless And Wild«-Standards Fast As A Shark und Princess Of the Dawn diesmal Ahead Of the Pack und Demon’s Night Gesellschaft (mit letzterem schlossen sie den regulären Teil ab), während interessanterweise der Titelsong dieses kultigen Albums aus dem Repertoire fiel (den spielten sie zum Beispiel später beim Tolminer Auftritt). Exklusiv ihren Weg in die Setlist fanden auch zwei »Objection Overruled«-Klassiker, nämlich der Titelsong und Slaves To Metal. Dann noch T.V. War aus »Russian Roulette«! Im restlichen Teil natürlich eiserne Standards, angeführt von den »Metal Heart«-Songs Up to the Limit und Metal Heart, dem legendären »Eier gegen die Wand« (»Balls to the Wall«), dem bereits erwähnten Starlight sowie dem abschließenden Rock’n’Roll-Zünder Burning (beide »Breaker«), ferner I’m A Rebel (»I’m A Rebel«). Das aktuelle Album »The Rise Of Chaos« war mit Die By The Sword (Konzertopener), dem ausgesprochen unterhaltsamen Koolaid, weiter No Regrets sowie für all jene, die noch immer keine »smarten« Telefone wollen, Analog Man vertreten. Die besten Momente des Albums »Blood of the Nations« Pandemic und insbesondere Teuthonic Terror sind bereits offensichtlich zu festen Bestandteilen des obligatorischen eisernen Repertoires der Band geworden.

Einen Teil des Konzerts mussten wir auslassen, da er sich »unglücklicherweise« mit dem Konzert der kanadischen Annihilator überschnitt, die in der benachbarten Halle angekündigt waren. Annihilator agieren in den letzten Jahren wieder als Quartett. Die Vocals hat wieder der einzigartige Jeff Waters auf seine Schultern genommen — ein Mann, der Ende der Achtziger mit seinem Genie verblüffte, als die Band das unvergessliche Studioerstling »Alice In Hell« veröffentlichte. Jeff brodelte bereits eingangs vor guter Laune. In seinem Stil bzw. in seinem charakteristischen »teuflischen« Tanz, oft auf einem Bein hüpfend, hörte er nicht auf, über die Bühne zu kurven. Mal rechts, mal links, dann wieder am Mikrofon und in der Mitte! Die Jahre hinterlassen bei ihm keine Spuren. Er wirkt wie ein Lausbub. Und zwar ein »aufgedrehter« Lausbub mit kurzem Irokesen. Eigentlich müsste Jeff unbedingt noch ein weiteres Mitglied in der Truppe haben — einen Mann, der ausschließlich singt, schreit und heult. Er sehnt sich nicht nur nach Randy Rampage, sondern auch nach Joe Comeau. Jeff ist halt kein Sänger, aber er ist hartnäckig und selbstbewusst genug zu glauben, stimmlich gut genug zu sein und den Leadgesang führen zu können. Gut. Soll er. Eröffnung also mit dem neuen Track des aktuellen »For the Demented« namens One for the Kill, weiter mit dem Titelsong des Albums »King of the Kill« (von diesem Album spielte die Band anschließend noch Fiasco). Überraschenderweise steckte die Band den »Feast«-Song No Way Out in die Setlist, den eigens für diesen Anlass der ehemalige Annihilator-Schlagzeuger Randy Black herbeieilte zu trommeln. Dieser klärte noch an diesem Abend die letzten Details mit seinem künftigen Arbeitgeber Schmier bezüglich seines Beitritts zu Destruction. Schmier trafen wir an diesem Abend natürlich wieder auf dem Festivalgelände. Er ist ein Stammbesucher des Festivals. Hier war die durchaus erwartete Klassik Set the World On Fire, wie immer aber warteten wir ungeduldig auf die Highlights der ersten beiden Alben. Vor allem des ersten. Allison Hell ist ein Standard, bei dem sich immer die Haare sträuben; Gesellschaft leisteten ihm vom Debüt noch W.T.Y.D. (Welcome to Your Death) und das abschließende Geschoss Human Insecticide. Das zweite Album »Never Neverland« war wie üblich mit der phantasmagorischen Phantasmagoria vertreten. Der Schlussteil in der Reihenfolge Phantasmagoria, Allison Hell und Huamn Insecticide führte das Konzert zum finalen Crescendo. Interessant war, dass Annihilator trotz der Überschneidung mit Accept keine leere Halle hatte. Ganz im Gegenteil — darin kochte es. Das spiegelte die Tatsache wider, dass die Deutschen Accept in den letzten Jahren sehr oft gesehen haben, was für Annihilator nicht immer und überall gilt. Und sie hatten etwas zu sehen und zu hören. UNGEACHTET des Murrens über Jeffs stimmliche Grenzen umgibt ihn die ausgezeichnete Gesellschaft dreier Musiker: Aaron Homma (Gitarre), Rich Hinks (Bassgitarre) und Fabio Alessandrini (Schlagzeug). Dabei ist interessant, dass Homma vom Äußeren her auf den ersten Blick sehr schnell an den jungen Waters erinnert (aus der Anfangsära von Annihilator). Waters bleibt ein absolutes Unikat. Wenn du ihm zusiehst, mit welcher federleichten Leichtigkeit er alles auf der Bühne macht und welche technische Komplexität und Perfektion seine Soloeskapaden ständig begleiten, verschlägt es einem den Atem. Dabei schwitzte der ungezähmte Gitarrist wieder durch und durch. Mag sein, dass die Mehrzahl in dieser Zeit Accept beobachtete, als diese auf der Hauptbühne spektakulär donnerten — aber es gibt keine Sekunde, die du bereuen würdest, die du mit Annihilator in der Halle Volksbankmesse verbracht hast. Eine außergewöhnliche Vorstellung.

Accept und Annihilator schlossen ihre Auftritte gleichzeitig ab. Um 23:00 Uhr. Eine halbe Stunde später war noch ein weiteres Konzert angekündigt. In der Halle. Die Stuttgarter Primal Fear. Verteidiger der Ehre und des Ruhms des deutschen Power Metals, vertreten durch ein Quintett äußerst erfahrener und hervorragender Einzelpersönlichkeiten. Obwohl Primal Fear eine Stunde und eine halbe zur Verfügung hatten, spielten sie deutlich kürzer. Nach einer Stunde und zehn Minuten verabschiedeten sie sich. Die Volksbankmesse war brechend voll, die Band überließ erwartungsgemäß die leichte Initiative den Tracks des Albums »Rulebreaker« (Angels Of Mercy, The End Is Near, In Metal We Trust). Bei Primal Fear kreischt (noch immer) mit aller Vehemenz der prächtige Ralf Scheppers, der an diesem Abend in deutlich besserer Form war als vor zwei Jahren, als wir den Auftritt der Band in Wien verfolgten. Er riss wieder alles vor sich nieder und verblüffte mit seiner stimmlichen Charisma und unahnbarer Bandbreite. Das Gitarristen-Duo auf der Achse Tom Naumann und Alex Beyrodt bleibt brillant, wenn nicht gar Spitzenklasse, während die Rhythmussektion, angeführt von Chef Mat Sinner, der wieder eifrig mit der Bassgitarre schuftete und rasselte, und Francesco Jovino am Schlagzeug, das Gefühl der Unerschütterlichkeit vermittelt. Bei einem durchaus vorhersehbaren Angebot, bei dem unter den Klassikern wieder Nuclear Fire (»Nuclear Fire«), Metal is Forever (»Devil’s Ground«), Final Embrace (Konzertopener, Album »Jaws Of Death«) und die wilden Power-Metal-Ohrfeigen aus dem Debüt »Primal Fear« (1998) Chainbreaker und Running in the Dust erklangen, erspielte sich Primal Fear auf recht bequeme Weise den siegreichen Poker-Ass-Flush und schleuderte nicht nur die Menge in die Luft, sondern hob regelrecht das Dach der Halle ab. Die Band konnte eigentlich keinen einzigen nennenswerten Patzer oder Fehlschuss leisten. Die Augustveröffentlichung des neuen Albums kündete das hervorragende Hounds of Justice (»Apocalypse«, 2018) an. Dann ein Sprung auf »Seven Seals« mit Rollercoaster, während von den neueren Songs auch noch When Death Comes Knocking (»Delivering the Black«) erklang.

Die Band hatte also mehr Zeit zum Spielen zur Verfügung, aber man hätte Horst Sinner und Kompanie ein paar Euro mehr hineinstecken müssen, damit die Band die Gesellschaft mit dem äußerst freudigen und begeisterten Publikum verlängert. Primal Fear haben nachweislich zugeschlagen, gerissen, niedergemacht und getobt. Sie bleiben eine der angesehensten Power-Metal-Bastionen mit beneidenswert langer Dienstzeit zurzeit. Die deutsche Schule erfahrener Meister, die ihren ausgereiften Sinn für bravourös attraktiven Heavy Metal natürlich schon längst sorgfältig mit vollständigem Professionalismus gekreuzt haben.

Der zweite Tag war also lang und voll ausgezeichneter Musik. Er bot für jeden etwas. Es blieb also noch der dritte Tag. Dieser wird oldschooliger sein, da sich unter anderem folgende Auftritte aneinanderreihten: die Amerikaner Hexx, die N.W.O.B.H.M.-Zeitgenossen Tygers Of Pan Tang und Cloven Hoof, die japanischen Legenden Loudness sowie die dänischen Pretty Maids, die ihr kultiges Album »Future World« in seiner Gesamtheit spielten. Fortsetzung folgt.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


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