The Wooten Brothers – jazz funk fusion aus einer anderen Galaxie (2024)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2024
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The Wooten Brothers
Donnerstag, 9. 5.2024, um 20.00 Uhr
Portorož / Avditorij / Slovenija


The Wooten Brothers haben mit ihrem Auftritt im Avditorij in Portorož einen der Konzerthöhepunkte hingelegt, wenn man vom Jazzangebot in diesem Jahr in Slowenien spricht. Es ist zwar erst Mai 2024, aber man kann jetzt schon sagen, dass das Zusammentreffen mit diesem kraftvollen Jazz-Funk- und Jazz-Fusion-Quartett einen der musikalischen Höhepunkte im Genre Jazz und seiner Fusion mit anderen Genres gebracht hat.

Die vier Wooten-Brüder – darunter zweifellos der bekannteste, der sensationelle Bassgitarren-Großmeister Victor Wooten, fünffacher Grammy-Gewinner, Gründungsmitglied von Béla Fleck and The Flecktones und 2011 vom Rolling Stone zu einem der zehn besten Bassisten aller Zeiten gewählt – haben das Quartett der vier Brüder wiederbelebt. Victor hat sich dabei drei weitere Meister ihres Fachs dazugeholt: Keyboarder und Sänger Joseph Wooten, Schlagzeuger Roy „Future Man“ Wooten und Gitarrist Regi Wooten. Diese Männer sind als Familie gemeinsam mit ihren Instrumenten aufgewachsen, haben zusammen gespielt und sich als Musiker zu einem einzigen musikalischen Körper entwickelt. Sie haben ihre eigene Chemie entwickelt, ihre eigene geschlossene Bildsprache des musikalischen Ausdrucks, die in Worten eigentlich kaum zu beschreiben ist. Man muss es hören. Live.

Ungeachtet der Bruderschaft liefen an diesem Abend in Portorož alle Wege zu Victor – oder von ihm aus. Der Mann wurde im Laufe seiner Karriere zum klangvollsten und gefragtesten Namen der Wooten-Familie in der Musikwelt, sei es auf Konzerttourneen oder als Sessionmusiker. Er hat u.a. mit Namen wie Jaco Pastorius, Dave Mathews Band, India Arie, Keb’Mo, Tommy Emmanuel (der übrigens am 7. 8. 2024 in Opatija auftreten wird), Cory Wong und Bootsy Collins zusammengearbeitet. Die Runde vervollständigen Joseph Wooten, seit 1993 Keyboarder der legendären The Steve Miller Band, sowie der bildhafte Schlagzeuger und Perkussionist Roy Wooten alias Future Man, der viele Jahre lang Mitglied von Béla Fleck and The Flecktones war. Future Man ist tatsächlich ein Visionär und Erfinder – seine Erfindungen sind der Drumitar, den er an diesem Abend gegen Ende des Konzerts auch im Avditorij in Portorož vorstellte, sowie die RoyEl-Tastatur. Und dann ist da noch Regi Wooten, der Älteste der Brüder, ein Multi-Instrumentalist mit der Gitarre als Hauptrolle (tief runtergehängt, wie es sich für die Jazzwelt gehört), der im Laufe der Zeit eine atemberaubende Technik entwickelt hat. Dazu gehört auch der gelegentliche Ausbruch in überschallschnelle Passagen (Two-Hand-Tapping gewinnt dabei wohl die akrobatische Krone). Stell dir ein bisschen Vernon Reed vor, ein bisschen Stanley Jordan und noch etwas mehr…

Ihr Funk-Jazz und ihre Fusion sind etwas Besonderes. Neben dem ausgiebig betonten Funk spürst du Einflüsse von R&B, sogar Bluegrass – die Jungs sind mit den Klängen von James Brown, Earth Wind and Fire und Sly and The Family Stone aufgewachsen und haben das alles zu einem ausdrucksstarken Konglomerat zusammengetragen, das in der Galaxie, wie wir sie kennen, schlicht einzigartig ist.

Beim Betreten der Bühne, begleitet von lautem Applaus, heizten The Wooten Brothers dem bis auf den letzten Platz gefüllten Avditorij schnell ein – mit zwei Eigenkompositionen von Joseph Wooten: Not Just Religion, gefolgt von Unity (beide auf Josephs Soloalbum »Soul of Freedom«). Natürlich zog zunächst Joseph die Aufmerksamkeit auf sich mit seiner außergewöhnlichen Virtuosität und ungeahnten Handfertigkeit, die im Finale noch durch eine abgerissene Soloeskapade von Regi an der Gitarre gekrönt wurde. Es folgte ein längeres Schlagzeugintro von Future Man, das sich in den Song 2 Timers verwandelte, und weiter in eine Manifestation ungeahnter Freiheiten, wie sie die bekannten Gepflogenheiten des Jazz-Rock-Fusion, gestützt auf ein solides Funk-Fundament, vorgeben – abgerundet durch Pentagon Square (eine Eigenkomposition von Victor Wooten). Es folgte noch ein weiterer Einsatz von Victor Wooten, bei dem er Motiv um Motiv aufschichtete und sich dabei Delay-Looping zu Hilfe nahm. Er entfaltete ein außergewöhnliches Klangspektrum, durch das geniale Blitze seines angeborenen Sinns für außerordentliche Rhythmik drangen. Man wusste nicht, wohin die Brüder als nächstes steuern würden. Das ist genau der Reiz solcher Konzerte, die für alle Feinschmecker gemacht sind, die sich das Beste leisten können, was die Musikkunst zu bieten hat. Genau so: Sie spielten Sex in A Pan, das im Original zu Bela Fleck And the Fleckstones gehört.

Victor, der auch die Rolle des Konzert-MC übernahm, nutzte die Pausen für Ansagen voller berühmter Geschichten aus dem Leben sowie dem Wirken und Schaffen der Wooten-Brüder. Er vergaß auch nicht, den verstorbenen Rudy Wooten zu erwähnen, der als Saxofonist galt, und fügte hinzu, dass sein Geist auch heute Abend auf der Bühne unter den Versammelten in Portorož präsent sei. Amüsant war auch die Debatte rund um Frau Consuelo Lee, der Tante von Regisseur Spike Lee. Seine Tante war nämlich Jazzpianistin und hat sich sehr um die Verbreitung des Jazz im ländlichen Raum und in die Herzen junger Talente verdient gemacht, was Victor noch aus seiner Schulzeit zu spüren bekam. Consuelo hatte nämlich das Institut Snow Hill (gegründet von ihrem Großvater William J. Edward) wiederbelebt. Hunderte von Kindern besuchten es und eigneten sich Wissen in verschiedenen Kunstbereichen an. Die Wooten-Brüder ehrten Consuelo mit einer Darbietung von Consuela Smiles. Danach stürzte das Quartett in eine bildhafte, umgedeutete Interpretation von Clifford Jones‘ Originalkomposition John Coltrane, die auch im weiteren Verlauf das Gefühl der Überlegenheit dieses Konzertspektakels aufrechthielt.

Es folgte die Geschichte einer verlorenen und wiedergefundenen Demokassette – tatsächlich die erste gemeinsame Aufnahme der Wooten-Brüder aus Zeiten, als sie noch Kinder waren. Damit begann das letzte Drittel des Konzerts, in dem die Band eine echte Funk- und Disco-Party schmiss, selbstverständlich untermauert von bildstarken jazzigen Bögen und Kurven. Victor vergaß auch nicht zu erwähnen, dass auf diesen Aufnahmen der verstorbene Saxofonist und Bruder Rudy zu hören ist, der auch damit experimentierte, gleichzeitig zwei Saxophone zu spielen (Liebhaber von Van Der Graaf Generator werden das kennen). Vor diesem letzten Konzertdrittel hatte Victor angekündigt, dass die Brüder eine besondere Platte vorbereiten, auf der sie diese Demoaufnahmen weiterentwickeln werden. Das Publikum wurde mit einem „Vorgeschmack“ auf das, was auf dem Album zu erwarten ist, in das große Finale entlassen. Ein Zeitsprung mit dem Raumschiff in die Disko-Funk-Ära der 70er, bei dem jeder Song (Ow Come On, Singing And Dancing) darauf ausgerichtet war, Tanzbewegungen zu entlocken. Äußerst interessant ist auch Hero im Anschluss. Joseph, der auch die Leadgesangsparts übernahm, bereicherte die Gesangsdarbietung bei diesem Song außerdem mit einem eindrucksvollen Einsatz der Talkbox. Auch bei Sweat ließ die rhythmisch federnde Energie des Funk-Gespanns in keiner Weise nach, und man spürte, dass das Konzert langsam seinem Höhepunkt entgegensteuerte.

Im großen Finale und als Zugabe nahm sich die Crew noch James Browns Get Up (I Feel Like Being A) Sex Machine vor. Funk-Jazz auf dem Gipfel aller Gipfel. Innerhalb dieser Adaption folgte natürlich noch eine weitere Einlage namens „Takt zählen“. Und was für einer. Wir sind schließlich mit den The Wooten Brothers unterwegs. E-Moll und 11/8-Rhythmik. Die Jungs schlagen den Rhythmus unisono an. Alle gleichzeitig. Ohne Patzer. Volltreffer! Kein Danebenschlagen. Dabei haben sie sich nur gegenseitig angeschaut. Kein Scherz! Atemberaubend und kaum zu beschreiben. Im weiteren Verlauf dieses Spaßes begann Victor den Takt laut mitzuzählen und versuchte so, das Publikum zu einer ausgiebigeren Beteiligung zu animieren.

Der Auftritt und die Darbietung sind tatsächlich mit kaum etwas vergleichbar. Ein atemberaubendes und einzigartiges Erlebnis, das nur dieses gewaltige, bis über beide Ohren mit Können, Wissen und Talent gesegnete Quartett zaubern kann. Der Siedepunkt im Avditorij hatte das Publikum schon lange vor dem Ende des Spektakels auf die Beine gebracht und die Grundmauern des Veranstaltungsorts ordentlich erschüttert! Auch nach dem Konzert strahlte der Saal noch das Gefühl aus, als hätte die Band die Bühne noch nicht verlassen. Die Magie, die die Jungs entfacht hatten, war nämlich allumfassend, mitreißend und für alle (besonders Hypersensiblen) schlichtweg hypnotisch.

Nach dem Konzert fanden sich die Jungs im Foyer ein, wo sie sich mit Fans fotografierten, Autogramme gaben und plauderten. Eine unglaubliche Zugänglichkeit dieser musikalischen Größen, die die Grandiosität der künstlerischen Haltung und Reputation dieses außergewöhnlichen Musikensembles nur noch unterstrich. Ein Abend mit The Wooten Brothers gehört zu jenen Konzerten, bei denen einem die Superlative so schnell nicht ausgehen. Unvergesslich und einzigartig!

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setliste:
1. Not Just Religion (orig. Joseph Wooten And the Hands Of Soul)
2. Unity (orig. Joseph Wooten And the Hands Of Soul)
3. Two Timers
4. Pentagon Square
5. Sex in a Pan (orig. Bela Fleck And the Fleckstones)
6. Consuela Smiles
7. John Coltrane (orig. Clifford Jones)
8. Aw Come On
9. Singing and Dancing
10. Hero
11. Sweat
12. Family Affair
—Zugabe—
13. Sex Machine (orig. James Brown)


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