Rock Of Ages 2016 (dritter Tag) und Slade-Eis ohne Kim Wilde!
Ort: Seebronn (Rottenburg am Neckar) / Festplatz / Deutschland
Datum: Sonntag, 31.07.2016
Der letzte, also der dritte Tag des 11. Rock of Ages Festivals ist da. Es war Sonntag und er begann wirklich trostlos. In den Morgenstunden hat es geschüttet. Und geschüttet. Und geschüttet. Auch rund um Seebronn, in den Dörfern Hailfingen, Ergenzingen, Wolfenhausen, Bondorf und dem größeren Ort Rottenburg am Neckar. Die Regengüsse waren heftig. Bis ein Uhr nachmittags. Dann stabilisierte sich das Wetter, die Bewölkung ließ langsam, aber stetig nach, und Sonnenstrahlen drangen durch die verstreuten Wolken. Unglaubliches Wetterglück, schon den dritten Tag in Folge. Also weder zu heiß noch zu kalt.
Auch der letzte Tag begann nachmittags um halb vier mit dem Programm. Auf dem Plan standen fünf Acts. Und dennoch spielten nur vier. Das Konzert des Hauptacts des dritten Tages, der Pop-Ikone der Achtziger Kim Wilde, fiel nämlich aus. Gleich nach dem Konzert von Fargo trat Festivalleiter Horst auf die Bühne und verkündete, dass der Stuttgarter Flughafen aufgrund eines Unfalls geschlossen sei. Obwohl man versucht hatte, den Flug umzubuchen, mit dem Kim Wilde und ihre Begleitband zum Rock Of Ages hätten einfliegen sollen, hatte man kein Glück, und das Konzert musste daher abgesagt werden. Nach UFO also schon die zweite Absage beim diesjährigen Rock Of Ages Festival!
Reichlich Gemurre, Gemecker und sogar Pfiffe brachen los. So blieben auf dem Programm nur Fargo, Erste Allgemeine Verunsicherung – so eine Art »österreichische Version der slowenischen Agropop, grob gesagt« –, die legendären britischen Rock-Schwergewichte Slade und nach ihnen die deutlich anspruchsvolleren Barclay James Harvest (die Version der Band unter Bassist Les Holroyd).
Noch vor der unglücklichen Ansage über die Absage des Kim Wilde-Konzerts eröffneten den dritten Tag die Hardrockerveteranen aus Hannover, die deutschen Fargo, die vom nicht minder legendären Bassisten Peter Knorn angeführt werden, der auch durch seine Zusammenarbeit mit den Heavymetallern Victory bekannt ist. Der Auftritt von Fargo war die Exklusivität des diesjährigen Festivals, denn es handelte sich nach langer Zeit tatsächlich um den einzigen Gig der Band. Knorns heutige Bandbesetzung umfasst außerdem Gitarrist und Sänger Peter Ladwig, Lead-Gitarrist Arndt Shultz und Schlagzeuger Nikolas Fritz. Die Band, die in ihrer Blütezeit unter anderem als Vorgruppe für AC/DC, Mother’s Finest und The Small Faces spielte, durchforstete ihr klassisches Material aus Alben, die zwischen 1979 und 1982 veröffentlicht wurden. Insgesamt vier Alben. Aber das ist nicht das Maß der Dinge. Das Material schon. Unglaublich ausgereifte Kompositionen mit der genau richtigen Balance zwischen rockiger Wucht und melodischer Eingängigkeit, gekrönt von unfassbar mitreißenden und hörenswerten Refrains. Energie, aus dem orthodoxen Hardrock-Teig der alten Schule geknetet, die einen sofort packt. Eine ähnlich phänomenale Einstiegsdosis Rock’n’Roll hatten am Vortag schon Lucifer’s Friend auf das Festivalgelände gebracht. Ein exzellenter Auftritt der Legenden-Band, bei der kurz vor seinem Wechsel zu den Scorpions sogar Matthias Jabs für kurze Zeit Gitarre gespielt hatte. Angesichts der seltenen Live-Auftritte der Band ein äußerst kompakter, ausgefeilter und stimmiger Auftritt!
Als Nächste betraten die österreichischen Erste Allgemeine Verunsicherung – kurz EAV – die Bühne. Die Clowns des Rock’n’Roll, eine Mischung aus unglaublich intelligenter Satire und Parodie auf das Leben des modernen Menschen. Die bereits 1977 gegründete Band ist ein Sextett aus der treibenden Kraft und dem Schöpfer grenzenloser Ideen mit sprudelnder, üppiger Fantasie, Sänger und Schauspieler Klaus Eberhartinger, den Gitarristen Thomas Spitzer und Kurt Keinrath, Keyboarder Franz Kreimer, dem dunkelhäutigen Bassisten Alvis Reid und Schlagzeuger Aaron Thier. Alle Augen richteten sich auf das Theater von Klaus Eberhartinger, der sich während der Show ständig in die zentralen Figuren umkleidete, denen bestimmte Songs des Repertoires gewidmet waren. Nicht nur die pointierten Texte, sondern auch die Anlage der Kompositionen selbst, in denen EAV die Rock-Tradition mit Genre-Federn aus Pop, Funk, Kabarettmusik und Tango anreichern und die Stücke bei Bedarf mit Latino-Rhythmen oder Alpenpolka beschlagen – und wenn sie sich über die Italiener lustig machen (Heissse Nacht in Palermo), gesellt sich auch ein lässiger Hauch mediterranen Melos dazu. Kurzum. Komödie ohne Bremsen. Auch in den Pausen zwischen den Songs ließ Klaus das Publikum nicht durchatmen, drehte in der Manier eines zungengewandten Conferenciers geschickt sein Mundwerk auf und feuerte ohne Unterlass Humoresken aus sich heraus, die kein Ende nehmen wollten. So herzliches Lachen wurde beim Auftritt keines anderen Acts auf dem gesamten Festival aus dem Publikum herausgekitzelt. Also Lachen bis zu Tränen und Krämpfen. Bis es wehtut. Die Texte natürlich allesamt auf Deutsch. Die Band präsentierte die obligatorischen Humoresken ihres Repertoires, darunter Ba-Ba-Banküberfall, Märchenprinz, Heiße Nächte (in Palermo), Fata Morgana, Küss die Hand, schöne Frau, An der Copacabana, Samurai, Was ist Loss, Geld Oder Leben, Burli,… Beim Schauen einer EAV-Show sind Deutschkenntnisse Pflicht, sonst kann einem im Nu langweilig werden.
Die Band Slade ist eine der wenigen noch aktiven legendären Rockbands, die mit ihrer Pionierarbeit unter anderem Bands wie The Ramones, Kiss, Mötley Crüe, Twisted Sister usw. inspiriert haben – und die das Rockline-Team bis zu diesem Tag in der zehnjährigen Geschichte des Portals noch nie auf europäischen Bühnen erwischt hatte. Daher war das Interesse am Auftritt der Band umso größer. Im Quartett sind von den originalen Mitgliedern nach wie vor der berühmte „Winzling“ und Gitarrist Dave Hill sowie der (heute) zahnlose Schlagzeuger Don Powell aktiv, während die Stelle des Bassisten (und Geigers) und Zusatzvokals John Berry und die Position des Leadsängers und Rhythmusgitarristen Mal McNulty ausfüllen. Die Band arbeitet in dieser Besetzung seit 2005. Eigenes neues Material gibt es seit der zweiten Hälfte der Achtziger nicht mehr, da die Haupt-Ideenträger – die beiden aus der originalen Slade-Besetzung zurückgetretenen Mitglieder Noddy Holder und Jim Lea – schon lange nicht mehr dabei sind. Wie dem auch sei: Die Band schlug die Saiten der Nostalgie an – und das mit einem exzellenten Konzert, bei dem sie die riesige, weitläufige Bühne (Catwalk eingeschlossen) geschickt nutzte. Vor allem war Dave Hill allgegenwärtig auf der Bühne – er rannte die ganze Zeit wild von einer Seite zur anderen, verbrachte viel Zeit vorne am Catwalk, wo er das Publikum fest an sich band, das so während des gesamten Konzerts hervorragend mit der Band mitzog. Kein Wunder, wenn man im Gepäck hat: (als Opener) Gudbuy T’Jane, dann Lock Up Your Daughters, Look Wot You Dun, Everyday, Cuz I Love You, My Baby Left Me, Far Far Away, Run Runaway, Mama Weer All Crazee Now, Get Down And Get With It und im Finale das heiß ersehnte My Oh My und danach Cum On Feel the Noize. Ein irres Konzertroulette voller Slade-Klassiker und Hits. Und die Band spielt verdammt gut. Dave Hill, wohl einer der kleinsten Gitarristen des ganzen Planeten, wenn nicht der Galaxie, nutzt ein kleines Podest, auf das er steigt. Darauf wippt er von einem Bein aufs andere – eben sein Bühnenzeichen. Weitere Podeste stehen auch in der Mitte und ganz links. Wenn du Slade heute auf der Bühne siehst, wird sofort klar, warum sie als Band gelten, die die Entwicklung des späteren Glam Rock und Glam Metal entscheidend beeinflusst hat. Sie pressen noch immer mächtige Quanten ungeahnter Rock’n’Roll-Energie und Performance-Kraft aus sich heraus, die mit dem Glanz höchster Eingespielheit strahlt. Rock of Ages war knisternd aufgeladen, und die Spannung des eruptiven Rock’n’Roll-Fiebers des zügellos ausgelassenen Slade ließ nicht nach. Das Konzert zündete im Nu. Hill und seiner Crew sieht man die Jahre und die lange Geschichte trotz allem überhaupt nicht an. Beim heutigen Slade ist noch immer dieses jugendliche Feuer und der echte Zauber ungezähmter Rock-Magie zu spüren!
Angesichts der Absage von Kim Wilde war die Rolle des Hauptacts also gewissermaßen still auf den Auftritt von Barclay James Harvest feat. Les Holroyd übergegangen. Die Band war zwar gebeten worden, ihr Konzertrepertoire zu verlängern, doch mehr als fünf zusätzliche Minuten bekamen wir nicht. Die Techniker zogen es stattdessen vor, die Pausen zwischen den Acts in die Länge zu ziehen. Das Warten wurde dadurch sehr quälend. Gleichzeitig drückte Les Holroyd gleich zu Beginn, beim Betreten der Bühne, das Mitgefühl der Band mit dem Publikum wegen der Absage von Kim Wilde aus. Der Auftritt von Barclay James Harvest feat. Les Holroyd brachte einen Act auf die Bühne, der stilistisch meilenweit von allem entfernt war, was wir bis zu diesem Abend auf dem Festival genossen hatten. BJH besitzen künstlerische Raffinesse. Sie tragen Elemente des Symphonischen wie auch des Progressive Rock in sich. Damit liegen sie eher näher an den Fans von Progressive Rock – etwa Pink Floyd, Camel, Genesis und der späteren Garde neo-progressiver Rockbands – als an denen, die direkte Hardrock-Schärfe suchen. Letztere waren auf dem Festival natürlich eindeutig in der Überzahl, weshalb der Auftritt von BJH feat. Les Holroyd das abschließende Crescendo im Verlauf des Festival-Geschehens schlicht nicht liefern konnte. Besser wäre es gewesen, wenn BJH feat. Les Holroyd und Slade in diesem Fall ihre Rollen bzw. Positionen im Programm getauscht hätten. Entsprechend war ein deutlicher Schwund beim Publikum nicht zu übersehen, das während des Auftritts von BJH feat. Les Holroyd beharrlich das Festivalgelände verließ. Wie dem auch sei – wer sich einzufühlen wusste, wurde belohnt. BJH sind nämlich unglaublich melancholisch in ihren Leadmelodien und legen dabei mühelos einen Schleier von Mystik über das Ganze. Trotzdem ist die von Les Holroyd geführte BJH-Version etwas mehr »rock-zugespitzt« im Vergleich zur Version der Band unter Holroyds ehemaligem BJH-Weggefährten John Lees. Die BJH-Version mit Les Holroyd spielt auch überwiegend späteres Material der Band. Es überraschte daher kaum, dass die Band gleich als zweiten Programmpunkt den »berühmt-berüchtigten« und bis zu diesem Tag wohl bekanntesten Song der gesamten BJH-Karriere wählte: Mockingbird.
Interessant war auch, dass die gesamte Band leiser abgemischt war als die Vorgänger, die an diesem Tag bereits die Festivalbühne besucht hatten. Die Struktur des Klangbilds verlangte absolute Balance, wobei die Leadgitarre den Kürzeren zog – sie blieb im Mix selbst in den mittleren, instrumentalen Passagen, die sie mit Soli füllte, zu leise. Diese Soli folgten nämlich einer unglaublich filigranen Subtilität, nach dem Vorbild von Meistern der Gitarrentonkontrolle wie Andy Latimer (Camel) oder David Gilmour (Pink Floyd). Umso störender war daher die zu geringe Hörbarkeit der Gitarre während des Konzerts. Da Les Holroyds dünne, leise, ja sogar etwas schüchterne (und piepsige) Stimme eine gewisse reife Brüchigkeit besitzt, war das Zusammenführen der Vocals zu harmonisierten Mehrstimmigkeit durch vier der fünf Quintett-Mitglieder umso willkommener. Darin sind BJH absolute Meister, und dieses Element überzeugte während des Konzerts definitiv in vollem Umfang.
Die Band begann den Auftritt mit Who Do We Think We Are?, fuhr fort mit dem bereits erwähnten Mockingbird, gefolgt von: Time of Our Lives, Sip the Wine, Victims of Circumstance, Ring of Changes, Crazy City, dem akustischen Poor Boy Blues, Fly Away, That Was Then… This Is Now, Love On the Line, Hymn, Tonight’s Gonna be the Night, Life is for Living.
Ein sehr schöner Auftritt voller künstlerischer Feinheiten – und dennoch etwas zu leise abgemischt. So blieb das Finale des Festivals ohne den abschließenden Höhepunkt, den sich alle Festival-Besucher mehr als verdient hätten. Wie es beim befreundeten Bang Your Head!!! Festival Tradition ist, betrat für das Finale des Rock Of Ages wieder Horst die Bühne, diesmal wieder in Begleitung seiner kleinen Tochter, und verabschiedete das Publikum ein letztes Mal mit ein paar aufmunternden Dankworten. Abgeschlossen wurde das Festival mit einem fantastischen Feuerwerk, und »der Vorhang fiel schließlich«. Rock of Ages, bis nächstes Jahr! Hoffen wir, dass die Festival-Ausgabe 2017 ohne Absagen von Acts über die Bühne geht.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


























































