Blaze Bayley, Absolva und das Pilsener Konzil der steinernen Druiden!
Mit am Start: Absolva, Blaze Bayley
Datum: Samstag, 16. 3. 2024
Ort: Pilsen / KD Šeříkovka / Tschechische Republik
Blaze Bayley gilt als einer der größten Krieger im Heavy Metal. Ein Mann der tausend Leben und gewonnenen Schlachten, die er in endlosen Kriegen geschlagen hat, und wie es eines seiner Alben so schön sagt: „The Man Who Would Not Die“. Schlachten und Kriege, so oder so, begleiten Bayley regelmäßig durch seine Karriere, die definitiv turbulent ist. Der legendäre Sänger, bei dem man kaum betonen muss, dass er Iron Maiden zwischen 1995 und 1999 gerettet hat, stand vor knapp einem Jahr noch unter strenger ärztlicher Aufsicht, als er eine Operation mit gleich vier Herzbypässen erfolgreich überstand. Zum Glück ist der knorrige Sänger noch da. Unter uns. Immer noch. Und wie es aussieht, bleibt er ‚für immer‘ unter uns (und bei vollem Bewusstsein, versteht sich).
Man kann kaum glauben, dass schon sieben Jahre vergangen sind, seit wir den Kerl und seine Helden aus der Begleitcrew, der Manchester-Truppe Absolva, zuletzt im österreichischen Velden in Kärnten erlebt haben – das war am 25. 4. 2017 (einen Tag später besuchte Bayley mit der Truppe auch Ljubljana, das für RockLine aber ‚zu nah dran‘ ist – wenn ich mir ein bisschen Sarkasmus erlauben darf)! Und er ist zurückgekehrt. Nicht in die Nähe von Slowenien, aber trotzdem. Wenn du Urlaub in Prag machst und nicht weißt, wohin mit dir am Samstagabend, erweist sich ein Ausflug ins rund 100 km entfernte Pilsen (in Richtung Westen – Richtung Deutschland) als weise Entscheidung. Erst recht, wenn du herausfindest, dass im dortigen Kulturhaus Šeříkovka ein legendärer Musiker mit seinen Kumpels auftritt, und zwar beim vorletzten Konzert einer Europatournee, auf der er sein frisch erschienenes elftes Studioalbum „Circle Of Stone“ unterstützt (RockLine-Rezension).
Das Publikum hat Bayley nicht vergessen. Das bewies der sehr gute Besuch in der Location, die schon vor sieben Jahren den berühmten Sänger und seine Kumpels beherbergt hatte, als er den zweiten Teil der „Infinite Entenglement“-Albumtrilogie namens „Endure And Survive“ vorstellte. Die Ticketpreise (vor allem im Vorverkauf) lächerlich niedrig (15,00€/19,00€), der Tisch mit den offiziellen Merch-Artikeln wie immer bei Bayley mit fairen Preisen. Bayley hat alles selbst unter Kontrolle. Alles, was er aufnimmt, druckt und veröffentlicht, verkauft er selbst, was heißt, dass er sich seit Jahren als selbstständiger Unternehmer über Wasser hält. Und auch diesmal schmolz das Merch dahin. Der Kerl erzählte während des Konzerts, dass ihm auf der Tour schon zum dritten Mal der gesamte Vorrat des neuen „Circle Of Stone“-Albums ausgegangen sei – die letzten Exemplare habe er genau am Tag zuvor verkauft, als sie in der mährischen Hauptstadt Brünn aufgetreten sind. Dasselbe passierte mit dem Merch von Absolva. Nach dem Konzert in Pilsen war nirgends mehr eine Vinylplatte des neuesten Albums der Band, „Fire in the Sky“, aufzutreiben. Wenn du an diesem Abend am Merchstand aufgetaucht bist, saß nur etwa einen Meter entfernt auf einem Barhocker ein Typ, der sich für jeden eine Minute Zeit nahm, der ein Foto mit ihm machen oder ein Autogramm haben wollte. Blaze Bayley. Mit Kopf und Bart! Eigentlich bist du direkt in ihn hineingerannt. So ist seine Art. Seit Jahren.
Gehen wir aber endlich zur Bühne. Um acht am Abend, eine Minute drüber, enterten Absolva die Bretter. Ja, auch so spart man Geld und sorgt dafür, dass der Verdienst bei den Musikern bleibt. Absolva sind die Band, die Blaze Bayley seit 2015 auf der Bühne begleitet und seit 2012 ihre eigenen Studioalben aufnimmt. Das letzte, „Fire in the Sky“, erschien 2022. RockLine verfolgt diese Band schon seit ihrer Prä-Absolva-Ära, als sie noch Fury UK hieß. Es handelt sich um eine im Jahr 2000 gegründete Band, der es gelang, drei Studioalben herauszubringen. 2011 haben wir Fury UK (Ende November) zuerst in Belgrad erwischt, dann Anfang Dezember noch in München. Damals eröffneten sie die Shows für Iced Earth. Luke Appleton schloss sich danach Iced Earth an, weshalb sein Status in der Band, die inzwischen zu Absolva geworden war, oft ‚gestört‘ war. Seit 2015 ist er aber (zumindest auf Studioebene) wieder regelmäßig dabei. Nach dem Iced-Earth-‚Schiffbruch‘ 2021 stieß Luke auch als festes Mitglied zur Begleitcrew von Blaze Bayley, was bedeutet, dass Absolva auch live zum Quartett wurden. Die treibende Kraft der Truppe ist definitiv Chris Appleton, Lukes älterer Bruder. Ein explosiver und unglaublich eingespielter Auftritt einer Band, die pro Abend zwei Konzerte spielt, ist deshalb keine Überraschung. Absolva sind ein von überschüssigem Testosteron erfülltes Quartett, das mit Wucht auftritt. Es bringt keine musikalische Revolution, sondern hält sich an klassische Metal-Postulate, die das Beste aus den Welten des N.W.O.B.H.M.-Metals und des Erbes von Judas Priest ziehen.
Die Besetzung Chris Appleton (Gesang, Gitarre), Luke Appleton (Gitarre), Karl Schramm (Bass) und Martin McKnee (Schlagzeug) lieferte in einer Stunde Spielzeit ein extrem aufgedrehtes und allumfassend zerstörerisches Armageddon. Die Nummern, reichlich gesegnet mit der Gerichtsbarkeit des Riffings der alten Schule und höllischen Soli, für die überwiegend Chris zuständig war, walzten Absolva gnadenlos nieder, eine nach der anderen. Die malochende Truppe wurde für ihre Mühe mit mehrfach kräftigem Applaus des Publikums belohnt. Chris hat seinen Gesang, der es keineswegs übertreibt mit Ausflügen in die Höhen und Tiefen, sondern die mittlere Lage nutzt, in der er mit einem Hauch Kehligkeit enorm stark ist, über die Jahre noch weiter verfeinert. Luke wiederum übernahm sogar einige der Leadsoli, und zusammen mit Karl ergänzt und entlastet er Chris gesanglich mehr denn je. Tatsächlich sind Absolva mit der Konsolidierung der Truppe durch Luke auf der Bühne stärker geworden als je zuvor. Die Stunde war im Nu rum, die Band hielt die Show mit einem Repertoire im Gleichgewicht, das Material von allen sechs veröffentlichten Alben lieferte, mit einem leichten Schwerpunkt auf dem neuesten Album „Fire in the Sky“. Ein hervorragender, mit der Spannung hochoktaniger Verbrennung geladener Auftritt, von außergewöhnlicher Lockerheit und Selbstsicherheit, der die Konzentration und Unverwüstlichkeit der Band ausstrahlt. Wie gesagt. Mehr denn je.
Nach dem Auftritt bereiteten die Bandmitglieder nach dem Motto ‚jeder sein eigener Roadie‘ die Bühne für den Auftritt von Blaze Bayley vor, wobei sie nicht viel zu tun hatten. Nach zwanzig Minuten tauchen sie als Absolva wieder auf der Bühne auf und checken den Sound – mit dem Rücken zum Publikum, als sich von rechts (von der Bühne aus gesehen) die berühmte Silhouette von Blaze Bayley hineinschleicht. Die Halle erwacht zum Leben, die Band haut den Blaze-Klassiker vom Album „Blood & Belief“ raus, Alive, und gleich danach schüttet noch ein Blaze-Klassiker, Ten Seconds, Öl ins Feuer. Der Großteil des Repertoires war den letzten beiden Studioalben gewidmet, „War Within Me“ (2021, RockLine-Rezension) und seinem Nachfolger, dem neuesten „Circle Of Stone“, das Anfang dieses März erschienen ist. Beide mehr als großartig. Die Songs folgten der Reihenfolge der beiden. Zuerst ein Grüppchen von „War Within Me“, angeführt vom pompösen Warrior, dem Titelsong und Pull Yourself Up. Es folgt eine längere Einleitungsansprache des knorrigen Kommandanten, mit der er uns in die konzeptuelle Geschichte des neuesten Albums „Circle Of Stone“ entführte. Danach ein Bündel Nummern vom neuesten Album, von denen vor allem der Opener The Call Of the Ancestors und der Titelsong imponierten.
Blaze Bayley gilt nach wie vor als einer der charismatischsten und außergewöhnlichsten Frontmänner der Metal-Szene. Auch diesmal bestätigte er seine Tugenden als ungemein feinsinniger Performer und ‚kettete‘ das Publikum buchstäblich an sich, sodass es dem Kommandanten auf der Bühne geradezu hypnotisiert folgte. Die Bühne war voll von ihm. Er heizte mal die linke, mal die rechte Seite an. Ein Haufen theatralischer Grimassen, Posen und auch Anfeuerungen für die Begleitcrew. Und über all dem wird Bayley vor allem bei seinen Ansprachen zum Sieger. Darin ist er unglaublich einfallsreich bei der Wortwahl. Die Worte finden immer ihren richtigen Platz. In jedem einzelnen Moment. Kein Wunder, dass die offiziellen Verkaufsartikel auf Tourneen so schnell dahinschmelzen. An Pilsen hatte er sich erinnert, als er hier vor sieben Jahren aufgetreten war, ‚lud einen ganzen Kasten‘ an gefälligem Vokabular nach, womit das Pilsener Publikum ihm noch intensiver aus der Hand fraß. Kurzum: Blaze Bayley. Das Charisma ist riesenhaft, allumfassend, kaum etwas kann es überdecken. Und genau so einen Blaze willst du. Deswegen kommst du eigentlich. Das ist seine Bahn des Expressionismus, seine Show, sein ‚Haus‘ und sein Revier.
Während der Show spürte man, dass es das vorletzte Konzert der Tour war. Wenn du weißt, dass die Tour mehr als erfolgreich gelaufen ist, wenn der berühmte Sänger unter anderem erzählt, dass sich seit seinen Iron-Maiden-Tagen kein Album seiner Karriere so gut verkauft habe wie gerade das neueste „Circle Of Stone“, und so weiter. Die Sache bog in ein großes Finale ein, von dem du weißt, dass es den endgültigen Triumph bringen wird. Die Truppe wirkte sehr entspannt, zeitweise fast ein bisschen ‚entfesselt‘ und auch ‚lausbubenhaft‘. Einen so positiven und freudvollen Bayley, den wir bei früheren Auftritten meistens als ‚düster‘ erlebt haben (wir verfolgen Blaze in verschiedenen Konstellationen seit 1995), triffst du nicht alle Tage. Das Konzert bot viele Momente, in denen der legendäre Sänger sich mit den Mitgliedern der Begleitband prächtig amüsierte. Einer dieser Tricks war, als Luke und er von je einer Seite auf Bayleys Mikrofonständer zurannten und Blaze ihn dem Gitarristen um Haaresbreite wegzog. Chris regierte in den Soli und mit unglaublichem Können an seiner wunderschönen blau-violetten Gibson SG. Die Jungs griffen vor allem gegen Ende des Konzerts immer lieber und immer intensiver zu den Bierkrügen.
Natürlich ging es nicht ohne Iron Maiden. Blaze Bayley erfreute an diesem Abend die Anhänger seiner Maiden-Ära mit zwei Nummern, die er bisher nicht oft gespielt hat, wenn überhaupt. Die erste davon war die überraschende Integration des „Virtual XI“-Klassikers Lightning Strikes Twice, und bei diesem Album blieb er auch im Anschluss, als When Two Worlds Collide das Publikum noch kräftiger anheizte. Zwischen die beiden quetschten Blaze Bayley noch eine großartige neue und extrem aufgedrehte kurze Detonation, als sie den Song Mind Reader spielten.
Die obligatorische Zugabe war erwartet worden. Es fehlten die Klassiker vom Debüt „Sillicon Messiah“. Da ist Stare At The Sun, auf den zwei Bayley-Maiden-Ära-Standards folgten: Man On The Edge und Futureal. Ein wuchtiger Abschluss dieser großartigen Party, die ich, Hand aufs Herz, von dem schillernden Bayley (und seiner Truppe) während des Wartens in den letzten sieben Jahren schon ziemlich vermisst habe. Während der Iron-Maiden-Nummern hatte das Absolva-Quartett jede Menge Spaß. Den Start in Man On The Edge gestalteten Schramm und beide Appleton-Brüder so, dass sie theatralisch alle gleichzeitig vom Schlagzeugpodest sprangen, wie es Iron Maiden in den Achtzigern gemacht haben, und an den Bühnenrand rannten (mit den Füßen auf den vorderen Monitoren).
Wie gesagt. Blaze Bayley ist wieder da. Mit einem tollen neuen Album in der Hand, einer erfolgreichen ersten Serie europäischer Konzerte und, wie es aussieht, mehr als großartiger Form. Stimmlich und performancemäßig. Dazu muss man sagen, dass er vor einem Jahr sozusagen neu geboren wurde. Noch stärker, noch durchschlagender, inspirierter, unterhaltsamer und schillernder.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen
Absolva setlist:
1. Fire in the Sky
2. Anthems to the Dead
3. Never a Good Day to Die
4. Fistful of Hate
5. Side by Side
6. Stand Your Ground
7. Code Red
8. Refuse to Die
9. From Beyond the Light
Blaze Bayley setlist:
1. Alive
2. Ten Seconds
3. Warrior
4. War Within Me
5. Pull Yourself Up
6. The Call of the Ancestors
7. Circle of Stone
8. Rage
9. A Day of Reckoning
10. The Path of the Righteous Man
11. Lightning Strikes Twice
12. Mind Reader
13. When Two Worlds Collide
—Zugabe—
14. Stare at the Sun
15. Man on the Edge
16. Futureal





















