Therion im Schlund des monströsen Vltava-Leviathans (2024)!

foto: EDITA KLEMEN 2024
0 166

Lineup: Sathra (Vorband), Therion
Datum: Freitag, 15. 3. 2024
Ort: Prag / MeetFactory / Tschechische Republik


Therion sind heute quasi Veteranen des düsteren, aber pompösen, opernhaften, sinfonischen Metals, der sich gelegentlich auch gothischer Verzierungen bedient. Angesichts der aktuellen Urlaubssituation, die uns mal wieder ins Reich des Biers und der besten Hausspezialitäten geschossen hat – sprich: die Tschechische Republik –, gilt die Regel: Alte Gewohnheiten legt man eben nicht so leicht ab. Schwer ist es nämlich, irgendwo um acht Uhr abends herumzusitzen – auch wenn man gerade dabei ist, eine Runde Bierkrüge zu stemmen –, wenn Therion nur ein, zwei Kilometer entfernt spielen. Das gilt für die gesamte Bandbreite an Musikgenres, die Rockline abdeckt. Aber in diesem Fall sind es eben wieder Therion. Dieselben Therion, die wir am 9. 3. 2024 in Venetien abgefangen haben (San Dona Di Piave, Revolver Club), nur dass der Besuch diesmal rein urlaubsmäßig war – ohne Akkreditierung, ohne Stress, ohne die teure Fotoausrüstung, die man in solchen Fällen eben mitschleppen muss. Aber das ist eigentlich nicht das Wesentliche.

Zur MeetFactory, die einen Steinwurf vom Prager Hauptbahnhof entfernt liegt, kamen wir genau in dem Moment an, als die Finnen Satra – die Tourvorband – ihren Set gerade abschlossen. Eine kleine Randnotiz, aber durchaus interessant: Ticketpreise? Am Konzerttag 27,00 € (in Italien hatte die (sechs Tage zuvor) satte 40,00 € gekostet). Die MeetFactory fasst 1.000 Leute. Nun, an diesem Abend drängten sich rund 800 Köpfe rein. Damit hatten wir einen mehr als vorzeigbaren Besuch. Als Therion die Bühne betraten, wurde die Band von der Menge ohrenbetäubend laut begrüßt. Toller Besuch, tolle Atmosphäre.

Die Band lieferte wieder einmal einen hervorragenden Sound sowie routiniert inszenierten, theatralischen Bühnenspaß – und das alles eingebettet in den strikten Perfektionismus, der den Bandchef und unerschöpflichen Anführer Christofer Johnsson schon immer auszeichnet.

Keyboards und Orchestrierungen kommen vom Band. Das Septett, das neben Johnsson noch aus Christian Videl (Gitarre, Gesang), Thomas Vikström (Gesang), Lori Lewis (Gesang), Rosalía Sairem (Gesang), Sami Karppinen (Schlagzeug) und Chris David (Bassgitarre) besteht, beeindruckte erneut mit erstklassiger Eingespieltheit. Die drei Sänger – also zwei Sängerinnen und Vikström – sind gewissermaßen der eigentliche Hauptmagnet, denn sie entfalten ein außergewöhnliches opernhaftes Chorharmonisieren mit explosiven Kontrast-Melodien und stehlen sich dabei gegenseitig die Show. Während Vidal und Karppinen bereits alte Hasen im Johnsson-Universum sind, beeindruckte auch der neue Bassist Chris David mit Lockerheit und Bühnengewandtheit. Mit Ausnahme von Karppinen und Johnsson singen alle anderen Bandmitglieder mit. Auch Vidal und Chris David. Therion sind auf der Bühne mal wieder eine Klasse stärker – vor allem wegen der Rückkehrerin, der außergewöhnlichen amerikanischen Mezzosopranistin Lori Lewis, die mit manchen Melodien schlichtweg umhaute und die Bühne in der Gesamtshow sogar dominierte.

Gut anderthalb Stunden ausgefeilte Show, huronisches Bühnentheater, bei lautstärker Unterstützung des mitgerissenen Publikums, das sich ordentlich in den vorderen Reihen zusammendrängte. Tolle Energie, toller Spaß. Ein ganz anderes Erlebnis als die Clubshow in Venetien vor sechs Tagen. Die Band ritt auf einer riesigen Welle, die das aufgeheizte und zahlreiche Publikum erzeugte. Die Location war wirklich hervorragend gefüllt.

Über die Show der Band gibt’s nichts zu meckern. Erwartungsgemäß. In jeder Hinsicht ausgezeichnet. Dafür sorgte auch das ausgewogene Repertoire aus ‚Neuem und Altem‘, in dem Therion einigen Klassikern, die zu Favoriten und festen Konzertstandards geworden sind, ihren Platz ließen; besonders beeindruckend war die Integration des ‚Theli‘-Klassikers The Siren of the Woods, den die Band nach längerer Zeit wieder in die Setliste aufgenommen hat. Die geräumige Bühne und die Logistik der Location ermöglichten es der Band diesmal, sich nach dem ‚Gothic Kabbalah‘-Klassiker Son of the Staves of Time theatralisch in die Kulissen zurückzuziehen und den ‚Trick‘ mit der obligatorischen Zugabe zu vollziehen (im kleinen Revolver Club ist das nämlich unmöglich).

Die Rückkehr auf die Bühne mit den erwarteten Nummern des eisernen Repertoires The Rise of Sodom and Gomorrah und To Mega Therion, wobei Johnsson zuvor mit einer kurzen Ansage das Publikum dazu aufforderte, noch ein letztes Mal eine maximale Salve an ohrenbetäubenden Dezibeln loszulassen. Er stieß auf wirklich fanatischen Widerhall! Therion bleiben ein Kapitel für sich im Metal. Die ‚Leviathan‘-Trilogie ist allenfalls ein weiteres Zeugnis von Johnssons und seines Teams künstlerischer Unnachgiebigkeit und unerschöpflicher kreativer Fokussierung. Angesichts der drei frischen Eigenproduktionen, die in sehr kurzer Zeit nacheinander entstanden und veröffentlicht wurden, und vor allem angesichts der Überzeugungskraft der Konzertauftritte, werden wir Therion schon bald auf neuen Tourneen wiedersehen.

Text: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen

Satra (Setlist):
1. From the Night
2. Sand of Time
3. Travellers
4. Stars
5. Secret Place
6. Shadow Engine
7. Scarecrow
8. Golden City

Therion (Setlist):
1. The Blood of Kingu
2. Ruler of Tamag
3. Birth of Venus Illegitima
4. Tuonela
5. Twilight of the Gods
6. Mon amour, mon ami (orig. Marie Laforêt)
7. La Maritza (orig. Sylvie Vartan)
8. Leviathan
9. Asgård
10. Morning Star/Black Diamonds
11. Ginnungagap
12. Litany of the Fallen
13. The Siren of the Woods
14. Aeon of Maat
15. Lemuria
16. Sitra Ahra
17. Quetzalcoatl
18. Eye of Algol
19. Son of the Staves of Time
—Zugabe—
20. The Rise of Sodom and Gomorrah
21. To Mega Therion


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies