Rock Of Ages 2016 (zweiter Tag) – Avantasia übernimmt Seebronn!
Ort: Seebronn (Rottenburg am Neckar) / Festplatz / Deutschland
Datum: Samstag, 30.07.2016
Der zweite Tag des deutschen Festivals des Rock-Pioniergeists und der »Legendenhaftigkeit« namens Rock of Ages galt als das Herzstück der diesjährigen Ausgabe. Das Programm des zweiten Tages begann nämlich bereits um halb zwölf Uhr mittags und endete um halb zwölf Uhr nachts – insgesamt neun Bands.
Diesmal ließen wir wegen Kräfteeinteilung die ersten beiden Acts aus. Um halb zwölf standen nämlich die deutschen Hardrocker Cucumber auf der Bühne – 1991 gegründet und ohne Zweifel ein ordentliches Aufwärmprogramm –, gefolgt von den deutlich jüngeren Blackslash, die vierzig Minuten handfesten Heavy-Metal-Revivalismus im Geiste des New Wave of British Heavy Metal mitbrachten und ihr aktuelles, insgesamt zweites Studioalbum »Sinister Lightning« (2015) vorstellten.
Das RockLine-Team traf um halb zwei am Gelände ein, als die großen Rock-Veteranen Lucifer’s Friend bereits auf der Bühne standen. Eine deutsch-britische Kooperation, 1970 gegründet, die den Großteil ihrer Alben in den Siebzigern veröffentlichte. Die Diskografie schloss vorerst das Album »Mean Machine« im Jahr 1981 ab, danach versanken Lucifer’s Friend in jahrelange kreative Inaktivität. Das Erwachen kündigte das Album »The Awakening« an, eine Art Kompilation mit neuen Songs, im vergangenen Jahr veröffentlicht. Bei Lucifer’s Friend sind heute noch drei Originalmitglieder aktiv: der renommierte Sänger John Lawton, der in der zweiten Hälfte der Siebziger auf drei Platten auch als Sänger von Uriah Heep mitwirkte, dazu Bassist Dieter Horns, den Lawton beim Konzert als »… and Mr. Rock’n’roll himself…« vorstellte, sowie Gitarrist Peter Hesslein. Die Besetzung komplettieren noch Keyboarder Jogi Weismann, der 1994 zur Band stieß, sowie Schlagzeuger Stephan Eggert, der seit 2014 dabei ist. Die Band lieferte in einer Stunde eine erstklassige Show ab. Erwartungsgemäß widmete sie sich den neuen Tracks von »The Awakening«, spielte aber auch eine schöne Auswahl an Klassikern – allen voran Keep Goin‘ und Ride the Sky (beide »Lucifer’s Friend«, 1970), dazu Burning Ships (»Where Groupies Killed the Blues«, 1972), das großartige Moonshine Rider (»Mind Exploding«, 1976) sowie Fire And Rain und Hey Driver (Album »Mean Machine«, 1981). Die Band etablierte von Anfang an einen hervorragenden Sound – die perfekte Balance zwischen Peters Gitarre und Jogis sattem Hammond-Orgel-Klang. Klassischer Hard Rock, wunderbar angereichert mit psychedelischen Momenten, prog-rockigen Ansätzen und einer spürbaren Portion Musikalität, gekrönt vor allem durch eingängige Refrains. John Lawton bleibt ein hervorragender Frontmann, der auch im reifen Alter vor Charisma sprüht. Der große Herr mit ungeahnten Gesangsqualitäten baute rasch eine Brücke zum Publikum – vor allem mit seinem bemerkenswert guten Deutschen. Von allen »nicht-deutschen« Sängern, die beim Festival mit ein paar deutschen Wörtern zu punkten versuchten, hat Lawton eindeutig den ersten Platz abgeräumt. Zugleich würzte Lawton seine Ansagen mit einer ordentlichen Portion brillantem Humor – ganz in der Tradition echter englischer Rock’n’Roll-Kultur. Mit Lawtons ausgereifter und noch immer unglaublich gut erhaltener samtig-kehligen Stimme lieferte die Band eine der besten Shows des gesamten Festivals ab. Zwischendurch zeigte sich allerdings, dass sie schon lange, lange nicht mehr zusammengespielt hatten: Als Peter in Burning Ships zur Akustikgitarre griff, klangen die Akkorde mehrfach nicht ganz sauber. Aber das sind Kleinigkeiten angesichts einer klanglichen Authentizität, die uns augenblicklich in die goldenen Siebziger katapultierte.
Die nächste Stunde sorgten die Veteranen des schwedischen Melodic Rock Treat auf der Bühne für eine wohltuende Portion angenehmer Hard-Rock-Atmosphäre. Die sieht man äußerst selten live. Im April dieses Jahres standen sie zum Beispiel beim Frontiers Rock Festival auf der Bühne. Im März dieses Jahres veröffentlichten Treat das hervorragende neue Studioalbum »Ghost of Graceland« und bestückten ihre Show natürlich mit Songs davon. In den vorderen Reihen hatte sich auch viel Jugend versammelt, vor allem Mädels, denen die sympathischen Schweden angeführt vom unglaublich charismatischen Robert Ernlund mehr als nur unter die Haut gingen. Leider begleitete den Auftritt von Treat von Anfang bis Ende ein großes Problem. Der Sound. Die Abstimmung machte ausgerechnet beiden Originalmitgliedern der Band zu schaffen. Die ganze Zeit über »kratzte« Andreas Wickströms Gitarre, und irgendwo in der Mitte gab auch Robert Ernlunds Mikrofon den Geist auf – weshalb der Auftritt der Band im Gedächtnis bleibt als ein Ereignis voller nervlicher Anspannung, auch Ärger und schlechter Laune, bei dem Ernlund und Wickström trotz der sprichwörtlichen schwedischen Ruhe und Gelassenheit während des Konzerts beträchtliche Mengen schwarzer Pfeile und Blitze in Richtung der Techniker schossen. Wie auch immer die Truppe mit den Soundproblemen kämpfte – das Konzert begleitete dennoch ein akzeptabler Sound, und bei einer Performance, bei der die Lockerheit des Quintetts zwar geopfert wurde, lieferte die Band trotzdem eine durchaus würdige und souveräne Show ab. Was auch sonst. Erfahrung ist Erfahrung. In der Situation, in die sie geraten waren, holten Treat eben das Optimum heraus. Sie hätten nämlich einfach das Handtuch werfen und das Konzert abbrechen können, oder einer der Jungs hätte die Nerven verlieren können, und die ganze Show wäre in den Klippen der Verzweiflung zerschellt. Die Band feuerte voll mit Material vom neuen Album »Ghost of Graceland« und reihte gleich zu Beginn Ghost of Graceland, Better the Devil You Know, Nonstop Madness aneinander, denen im weiteren Verlauf noch Do Your Own Stunts folgte. Die Band ließ auch den nicht minder starken Vorgänger »Coup De Grace« nicht außer Acht, von dem das starke Paper Tiger sowie Roar ertönten. In der zweiten Konzerthälfte dann stellten die Jungs die Weichen um und widmeten sich dem klassischen Material (Ready for the Taking, Get You on the Run, Conspiracy und abschließend World of Promises), das in manchem Besucherherzen natürlich nostalgisch wirkte.
Die Bühne übernahm daraufhin Chris Thompson mit seiner Begleitband. Chris ist die ehemalige Stimme von Manfred Mann’s Earth Band. Und ja. Er spielte ausschließlich Repertoire aus seiner Zeit mit Manfred Mann’s Earth Band. Mit Ausnahme des großen Hits You’re the Voice (orig. John Farnham), der ihm noch die meisten Gesangsprobleme bereitete. Das Konzert eröffnete Thompson mit For You (orig. Bruce Springsteen). Gitarre in der Hand. Darauf folgten Davy’s on the Road Again (orig John Simon), Demolition Man (orig. The Police), Father of Day, Father of Night (orig. Bob Dylan), Don’t Kill It Carol (orig Mike Heron), Marha’s Madman (ein Original von Manfred Mann’s Earth Band), Blinded By The Light (Bruce Springsteen) und erwartungsgemäß als großes Finale Mighty Quinn (orig. Bob Dylan). Kurzum: die bekanntesten Songs, die MMEB seit jeher spielen und noch immer spielen. Chris Thompson besitzt noch immer diesen unverwechselbaren samtig-kehligen Glanz, der seine Gesangsdarbietung schmückt. Der agile Sänger, dem die ganze Bühne gehörte, hatte gegen Ende des Konzerts immer mehr Mühe, den Gesangslinien zu folgen – man merkte, dass Chris langsam der Atem ausging. Aber die Jahre sind nun mal die Jahre. Trotzdem war Thompson von einer Schar erstklassiger Musiker umgeben, die eine Spitzenshow ablieferten. Unglaubliche Harmonie und Eingespielheit. Und perfekter Sound. Neben Thompson beeindruckte vor allem der brillante norwegische Gitarrist Mads Eriksen zu seiner Rechten. Er bot eine wahre kleine Gitarrenschule und verzauberte mit erstklassigen Soloeinlagen, in denen er seine ganze Weichheit und filigranes Können zeigte. Tatsächlich bildete den Rest des Quintetts die Mannschaft, die sonst die Mads Eriksen Band ausmacht. Das sind der silberhaarige Organist Gunnar Bjelland, Bassist Frank Hovland und Schlagzeuger Zsolt Meszaros. Anders als beim MMEB-Sound liegt bei der Interpretation der MMEB-Klassiker unter Chris Thompsons Regie mehr Gewicht auf dem Gitarrenklang, der die Hammond-Orgeln sogar in den Hintergrund drängen kann. Mads Eriksens Soli füllten den Großteil der mittleren »mid-eight«-Passagen, oft auch jene Stellen der Songs, wo man »nach MMEB-Standard« Manns Mini-Moog erwarten würde. Also wieder eine tolle Show.
Eine leichte Enttäuschung brachte hingegen der ehemalige Uriah Heep-Keyboarder und Hauptkomponist des unvergesslichen Uriah Heep-Materials der Siebziger, Ken Hensley. Er hatte wieder günstige italienische Musiker angeheuert, die ihm als Begleitband zur Seite standen. Die Band, die Hensley diesmal begleitete, hieß Our Propaganda. Hensley entschied sich gleich zu Beginn, das Publikum sofort zum Kochen zu bringen – startend mit dem Uriah Heep-Schwergewicht Gypsy, dem sofort einer der größten Uriah Heep-Hits Easy Livin‘ folgte. Die Band erfüllte erwartungsgemäß ihre Rolle, obwohl die Gitarre klanglich und stilistisch nicht im Entferntesten an Mick Boxs Gitarre heranreicht – der »Griff« ist schlicht ein völlig anderer. Das Feeling also, damit die Technik und alles, was folgt. Die Dinge liefen ganz ordentlich durch das Konzert, bis Hensley nach vorne trat und beschloss, das Konzert so zu beenden, dass er alles selbst in die Hand nimmt. So übernahm er die Leadgesang-Funktion beim »Magician’s Birthday«-Klassiker Tales, dem erwartungsgemäß der Abschluss mit Lady in Black folgte. Bei Tales passierte jedoch Folgendes: Hensley stimmte die Akustikgitarre einen halben Ton zu tief – damit er den Song leichter singen konnte, natürlich. Der Rest der Band war davon aber nicht informiert, weshalb zwei Drittel des Songs im »tonalen Durcheinander« gespielt wurden, ehe Our Propaganda schließlich »die richtige Akkordkombination fanden«. Infolge dieser unglücklichen Umstände taten so manchem Zuhörer die Ohren stark, sehr stark weh – aus dem Publikum war sogar ein markanter Pfeifton des »Betrogenfühlens« zu vernehmen. Mehr noch. Tales war (meiner Einschätzung nach) für Hensleys Stimme sogar zu tief gestimmt. Ebenso zeigte Hensley deutliche stimmliche Abnutzung, als er in The Wizard den Leadgesang übernahm und als er in July Morning die geteilte Gesangsfunktion ausübte. Hätte er die Lead-Gesangsparts vollständig dem jungen britischen Sänger Jack Denton überlassen, dem das Meistern stimmlicher Höhen federleicht fällt, wäre auch dieses Konzert auf einem ganz anderen Niveau gewesen. Das Konzert füllten noch der abgedroschene Hit Stealin‘ und das Bonbon vom Album »Demons And Wizards« namens Circle of Hands. Also eine dissonante und nicht gerade gelungene Vorstellung der Legende, die damit ihrer hohen Stellung auf dem Lineup nicht gerecht wurde.
Zum Glück versank diese Vorstellung schnell in Vergessenheit, denn die Bühne übernahm eine durch und durch geölte Art-Rock-Maschine aus England! Das sind die berühmten Magnum. Hinter ihnen liegt wieder eine Reihe von Konzerten, da sie auf der neuen Headliner-Tournee vor Kurzem das aktuelle Studioalbum »Sacred Blood `Divine` Lies« (2016) vorstellten. Deshalb gelten sie als erstklassig eingespieltes Team, das auf der Bühne schlicht nicht versagen kann und will. Da Bob Catleys Stimmkraft über die Jahre nachgelassen hat, haben sich auch Magnum in den letzten Jahren tiefer gestimmt. So meisterte Catley, der in letzter Zeit – angesichts seiner früheren »Ausgedörrheit« – wieder ein paar dringend nötige Kilos zugelegt hat, die Show absolut würdig. Nur gegen Ende, als er sich an Vigilante machte, spürte man etwas von seiner stimmlichen Ermüdung. Ansonsten aber ein Konzert voller sprühender Dynamik und toller Atmosphäre. Am meisten Energie besaßen eindeutig Catley, für diesen Anlass in weiße Jeans gekleidet und die Catwalk-Position konsequent nutzend, sowie Bassist Al Barrow. Tony Clarkin steht während des Konzerts noch immer da wie eine »kalte Statue«. Reglos. Aber mit einem Gitarrenspiel und Sound, den man sich nur wünschen kann. Die Band überraschte gleich zu Beginn mit dem »Chase the Dragon«-Klassiker Soldier of the Line, und die Stunde des Feierns mit Magnum begann sofort im Glanz eines hochatmosphärischen Spektakels. Wie erwartet. Toller Sound, tolle Show. Was vielleicht störte – angesichts der begrenzten Spielzeit –, war lediglich, dass die Band gleich vier neue Songs spielte und das Publikum dadurch um den einen oder anderen Klassiker gebracht wurde. So bekamen wir vom einen der meistgeschätzten Alben der Band »On A Storyteller’s Night« nur den Titelsong und All England’s Eyes, vom Album »Vigilante« nur den bereits erwähnten Titelsong, als Zugabe dann das schöne »Chase the Dragon«-Stück The Spirit und das erwartete Kingdom of Madness (»Kingdom Of Madness«), mit dem die Band das Konzert schloss. Das Album »Sacred Blood `Divine` Lies« war vertreten durch: Your Dreams Wont Die, Princess in Rags (The Cult), den Titelsong und die Single Crazy Old Mothers. Vermisst hätte man bei alledem auch den einen oder anderen Song aus dem großartigen Album »Wings of Heaven«.
Eine ganz besondere Attraktion nicht nur des zweiten Tages, sondern der gesamten Festivalausgabe lieferten mit ihrem Auftritt die berühmten amerikanischen Rocker Blue Öyster Cult. Die treten nach 2003, als sie zusammen mit Uriah Heep zur Promotion des damals aktuellen Albums »The Curse of Hidden Mirror« ihre letzte nennenswerte Europatournee absolvierten, auf dem alten Kontinent heute so gut wie nie auf. Allenfalls hier und da auf einem europäischen Sommerfestival. In diesem Sommer jedoch sammelten sie einige Auftritte auf europäischen Festivalbühnen – und das ist lobenswert. Ihr Auftritt beim Rock of Ages Festival war die absolute Bereicherung des Programms. Blue Öyster Cult vertreten in der heutigen Besetzung nur noch zwei Originalmitglieder. Zum Glück sind das auch jene beiden, die alle Gesangsfunktionen übernehmen. Und beide sind gleichzeitig Gitarristen! Eric Bloom und natürlich Donald Roeser, mit dem Kürzel »Buck Dharma«. Den Rest des heutigen Blue Öyter Cult-Quintetts bilden der wenig bekannte Schlagzeuger Jules Radino, der erfahrene Bassist Kasim Sulton (bekannt durch seine Mitarbeit bei Utopia) sowie der hervorragende Multiinstrumentalist Richie Castellano, der vom Dienstalter her auch ein deutlich jüngerer Musiker ist. Also auf die Klassiker gespannt! Und so war es auch. Startend mit dem »Agents of Fortune«-Klassiker This Ain’t the Summer of Love, dem Golden Age of Leather folgte. Beim Letzteren passte der Eröffnungsvers »Raise your can of beer on high« mehr als hervorragend zur allgemeinen Festivalstimmung! Bloom und Dharma bleiben die Stimmen der Band, die den Glanz der besonderen Charisma der musikalischen Einzigartigkeit dieser Gruppe bewahren. Zwei große Stimmen. Zusammen mit ihnen bewahren auch Blue Öyster Cult ihre volle performative Glaubwürdigkeit in reifen Jahren des Wirkens. Bloom bleibt giftig-zungig, wenn er die Verse übernimmt. Mit finsterer, eisiger Miene. Die schwarze Brille immer auf der Nase. Buck Dharma hingegen lächelt die ganze Zeit und bringt viel mehr Zugänglichkeit und Wärme in das Konzertgeschehen. Eine besondere Entdeckung ist Richie Castellano. Von seinem anfangs schüchternen »Verstecken« hinter den Keyboards (This Ain’t the Summer of Love) hat er sich im letzten Drittel des Konzerts buchstäblich gesprengt – beim Solopart in Then Came The Last Days of May. Dieser, der einzige Song vom Studio-Erstling der Band, enthielt einen besonders »ausgedehnten« mittleren Instrumentalteil, in dem zunächst Castellano mit seinen Meisterstücken brillierte, dem dann natürlich Buck Dharma folgte. Letzterer hatte sich zuvor schon solistisch ordentlich aufgewärmt bei der Interpretation des berühmten Instrumentals Buck’s Boogie. Die Ausführung dieses Soloduells zwischen Castellano und Buck war an sich einer der konzertanten Höhepunkte des Auftritts der Band. Blue Öyster Cult, die berühmten Agenten in Schwarz, Verschwörer und wenn schon nicht gleich die bösen Onkel des Rock’n’Roll, blieben bei alldem milde Schuldner. Sie hatten nämlich eine Stunde und zwanzig Minuten zur Verfügung, spielten aber ein weniger als eine Stunde langes Repertoire. Die Band, die abgesehen vom populären Burning For You und dem »Cultosaurus Erectus«-Bonbon Lips in the Hills den Achtzigern gegenüber ein großer Schuldner blieb, strich noch ODD’d on Life Itself, Me262, Harvest Moon (unnötiger Punkt aus dem Album »Heaven Forbid«, 1998) aus dem Repertoire und schloss das Konzert mit dem Klassiker Godzilla sowie dem allgemein erwarteten Don’t Fear the Reaper. Bei aller Professionalität, die die großen Herren des Rock’n’Roll servierten, konnte man sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Band ein längeres Konzert hätte liefern können – und damit mindestens drei, wenn nicht vier Songs mehr.
Für den Abschluss des zweiten Festivaltages wählte der Veranstalter, ähnlich wie am Tag zuvor, wieder einen deutschen Act. Auf diese Weise leerte er zum zweiten Mal in Folge den Campingplatz praktisch vollständig – der sich komplett auf das Festivalgelände verlagerte – und zog zusätzlich so manchen Besucher an, der nur wegen des Programms des zweiten Festivaltages gekommen war. Die Rede ist vom Projekt Avantasia. Es handelt sich um eine Super-Rock- bzw. Superpower-Metal-Band, die als »Rock-Oper« konzipiert ist, bei der die Musik vollständig konzeptualisiert ist und die Interpretation der Musik daher auf viele Rollen aufgeteilt ist. Das Markenzeichen des Projekts ist vor allem die Vielzahl gastierender Sänger, die sich auf den Alben abwechseln. »Ghostlights« ist das aktuelle Studioalbum des Projekts, das wieder eine Reihe von Gästen bietet. Außer dem obligatorisch allgegenwärtigen Tobias Sammet, der auch der Vater des Projekts und dessen Hauptmentor ist, brachte das Album aber nicht alle Gaststimmen auf die Bühne. Sammet entschied sich nämlich, es nicht in seiner Gesamtheit aufzuführen, und daher bestand dafür keine Notwendigkeit. Auf der Bühne gesellten sich aber Michael Kiske (Unisonic, ex-Helloween), Bob Catley (Magnum), Ronnie Atkins (Pretty Maids) und Eric Martin (Mr. Big) zu Tobias. Den Kern der aktuellen Avantasia-Crew bilden neben Tobias Sammet noch die Gitarristen Sascha Paeth (ex-Heaven’s Gate) und Oliver Hartmann (At Vance, Hartmann), dazu Keyboarder Michael Rodenberg »Miro« sowie Sammets Edguy-Kollege und Schlagzeuger Felix Bohnke (die Namen des Bassisten sowie der zusätzlichen weiblichen und männlichen Backgroundstimmen konnte ich nicht aufschnappen). Avantasia spielten ein Repertoire, das sämtliche veröffentlichten Alben umfasste. Für heitere, gute Stimmung durch das zweistündige Konzert sorgte wie gewohnt Tobias Sammet mit seinem berühmten Humor, und der Verlauf der Ereignisse wurde, wie bereits gesagt, durch das Erscheinen der vier zusätzlichen Sänger auf der Bühne bereichert – unter denen natürlich wieder der unzerstörbare Michael Kiske mit seiner Darbietung das Publikum wegblies. Letzterer hat ein paar ordentliche Kilos zugelegt und wird in Zukunft verdammt aufpassen müssen, nicht über die Grenze des guten Geschmacks hinauszuquellen. Charmant war auch das Duett von Martin und Atkins in Twisted Mind, während Atkins am Ende des Duetts in Invoke the Machine Sammet eine rote Rose schenkte, die sich dieser an seinen Mantel steckte (Parodie auf das einleitende Mystery of a Bloody Red Rose). Atkins blieb auch für den nächsten, nämlich den Song Ghostlights auf der Bühne, während dem legendären Bob Catley, der am frühen Nachmittag das Gelände mit dem Auftritt seiner Magnum aufgewärmt hatte, das Duett in The Great Mistery und später The Story Ain‘ Over Yet zufiel. Für ein Spektakel dieser Größe fehlte aber etwas. Licht. Zu wenige Scheinwerfer schickten Strahlen weißen Lichts auf die Bühne. Der Hauptstrahl war nur einer. Dieser erfasste auf der Bühne hauptsächlich nur Tobias Sammet, während die Gitarristen bei ihren Soli im Schatten blieben, ohne Beleuchtung. Schade vor allem auch deshalb, weil die Show selbst ein außerordentliches (und sicher nicht billiges) Bühnenbild umfasste, das der Geschichte des Albums »Ghostlights« entlehnt war. Die Ausführung jedoch natürlich perfekt. Professionell. Es handelt sich um eine Riege exzellenter, abgebrühter Musiker, die obendrein große Perfektionisten und Meister ihrer Zunft sind. Großes Selbstbewusstsein, buchstäblich ausführungstechnische Unverwundbarkeit. Herangehensweise mit großer und ungezügelter Verve. Rock of Ages gehörte in seiner Gesamtheit Sammet – und die Energie war außerordentlich. Das Publikum bekam, wofür es gekommen war. Ein großer abschließender Konzertkracher mit dem Musikhelden des Heimatlandes! Avantasia ist eine Geschichte der besonderen Art, die – wenn du ein Fan von Powermetal mit hypersensitiver Musikalität, aufgeladen mit Elementen der Sinfonik und Bombastik, bist – ein absolutes Muss ist. Mindestens einmal im Leben.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik







































































































































