Siddharta haben Stožice dreieinhalb Stunden lang durchgeschüttelt und ein neues Kapitel der slowenischen Rockgeschichte geschrieben (2023)
Act: Siddharta
Datum: Samstag, 18.11.2023
Location: Ljubljana / Arena Stožice / Slowenien
Siddharta! In der ausverkauften Arena Stožice und mit einem dreieinhalbstündigen Gig, abgeliefert auf einem Niveau, das locker mit den Konzertzeremonien der größten und reichsten Rock- und Metal-Superstars der Welt mithalten kann, haben Siddharta der slowenischen Rockszene einen weiteren historischen Meilenstein verpasst, der nicht in Vergessenheit geraten wird.
Siddharta sind eine slowenische Rockband mit Stempel, die die DNA der Mehrheit der Slowenen in eins verschmilzt. Ähnlich wie es zum Beispiel Vlado Kreslin im Bereich der Liedermacher-Musik geschafft hat, haben wir Slowenen uns in Sachen Rock Siddharta zu eigen gemacht. Sie sind die Band von uns allen. Die Essenz des Slowenentums, allen voran die slowenische Sprache, lässt sich kaum treffender mit der Pointe von Rock und Metal verbinden, als es Siddharta gelungen ist. Deshalb sitzen sie zu Recht auf dem Thron der slowenischen Rockmusik.
Die Band wollte sich selbst bei einem neuen Gig mit megalomanischer Produktion auf die Probe stellen und gleichzeitig die 20 Jahre feiern, die seit dem Wendepunkt ihrer Karriere im Handumdrehen vergangen sind, als sie 2003 das Bežigrad-Stadion eroberten. Zugleich war das eine Art „Reset“, sagen wir „Restart“, denn die Band zog damit einen Strich unter die Aktivitäten der letzten Zeit und knüpfte gleichzeitig an jenen unvergesslichen Auftritt im Bežigrad an, nach dem wir sie alle zu unserer Band gemacht haben. Der Auftritt in der Arena Stožice war dafür das Tüpfelchen auf dem i und der Schlussakt eines Karrierekapitels. Deshalb kam es der Band äußerst gelegen, das Ende des Jahres dafür zu nutzen, in einer der größten Konzerthallen Sloweniens aufzutreten, sich epochal auf die Reise durch die wichtigsten und unvergesslichsten Momente ihrer Karriere zu begeben und sie in einem dreieinhalbstündigen Spektakel abzurunden, bei dem sie außerdem gleich vier brandneue eigene Songs live uraufführte (allen voran die Single Prepovedana). Zugleich bedeutete dieser Auftritt, dass sich die Band auf den Eintritt ins Jahr 2024 vorbereitet, in dem ein neues Studioalbum erscheint, mit dem Siddharta ein neues Kapitel ihrer wunderschönen Musikkarriere aufschlagen.
Schon der erste Blick beim Betreten der Location ließ ahnen, dass der diesmalige Auftritt von Siddharta es mit dem professionellen Anspruch der größten Acts der Welt aufnehmen würde. Auf allen organisatorischen Ebenen. Tische mit dem offiziellen Merch standen schon vor dem Eingang zur Halle, später waren sie dann auch ordentlich über die Halle verteilt. Jede Besucherin und jeder Besucher bekam beim Kauf des Tickets am Eingang außerdem ein Armband mit blinkendem Licht. Weiter geht’s. Ins Innere der Arena. Eine riesige Bühne mit rundem Catwalk, der den „goldenen Ring“ (mit einer Handvoll Auserwählter – der leidenschaftlichsten Fans) von links und rechts umschloss, eine atemberaubende Kombination aus unaufhaltsamen Pyro-Salven und opulenter Bühnenbeleuchtung, dazu riesige Projektionsleinwände im Hintergrund. Durchgehend aktives Spiel von Lichtern und Scheinwerferstrahlen. Eine ausverkaufte Halle, vollgepackt mit Euphorie und Emotionen. Du wusstest: Heute ist nur heute. Und dieses Heute gibt es nur einmal. Aber eben nicht nie wieder. Nur dass es dann anders sein wird. Deshalb musstest du einfach hier sein.
Die Band spielte ohne Pause. Ohne Verschnaufen. Auf dem Programm standen 30 Punkte, davon 28 gespielte Songs. Ein Rondo, wie es dir nur eine slowenische Rockband von Gewicht liefert. Aus der Riege der Größten. Wenn nicht gar die Größte. Die Setlist haben Siddharta wie zu erwarten mit Klassikern der ersten drei Studioalben beladen, denn damit wollte die Band den Auftritt im Bežigrad so intensiv wie möglich mit dem Auftritt in der Arena verknüpfen. Natürlich wurde das Programm aber auch mit Momenten späterer Alben gefüllt, wobei die Band mit der Einbindung von Disco deluxe vom Album „Petrolea“ ordentlich überraschte. Hoffen wir, dass sie künftig öfter überrascht, mit dem einen oder anderen weiteren Song vom zu Unrecht übersehenen Album „Petrolea“.
Im Laufe der Jahre ist die Band künstlerisch so gereift, dass sie manche Nummern adaptiert angeht, Einschübe hinzufügt, die die Originale nicht besitzen, und sich sogar Momente von Solo-Improvisationen gönnt. Am spannendsten waren die Momente der Premieren. Vier neue Songs. Alle völlig verschieden voneinander, wobei sich besonders Na nebu ins Gedächtnis eingebrannt hat, bei dem Bassist Jani Hace’ Tochter Izabela als besonderer Gast zur Violine griff. Der abwechslungsreiche, wendungsreiche Song deutete nämlich an, dass das neue Album auch Momente bringen wird, die die Fans und die Musikwelt ordentlich überraschen werden. Und wenn wir schon bei den „Auflockerungen“ sind: Bei der Klassiker-Performance von Platina tanzten auch Anja Möderndorfer und Miha Krušič auf die Bühne.
Und doch…. Über diesem ganzen Teil des Essays, der stark rational ist…. Was ist eigentlich der Punkt von allem? Ab hier gehen (mir) wieder langsam die passenden Worte zum Beschreiben aus, denn jetzt treten die Sinne, die Instinkte in den Vordergrund,… Die Vibration und die Energie, die sie antreibt? Abschalten (der Ratio). Hier ist sie also, die Party. Diese ehrliche Energie, die sich nicht in Worte fassen lässt. Dafür ist die Band gekommen, und sie kam mit der Absicht, all das auch zu teilen. Mit dem Publikum. Der charismatische Tomi M. ist über die Jahre zum großen Zauberer darin geworden, das Publikum zu hypnotisieren und auf seine Seite zu ziehen. Mit ein paar donnernden Anfeuerungen hatte er die ganze Arena im Nu auf seiner Seite. Aber es zählte das Mehr. Nicht der ganze Bühnenkram und Krimskrams, der übrigens auch Ehrfurcht einflößte. Der Kern ist natürlich die Musik. Die Action. Jeder Ton, jede Zeile, jede Phrase. Aus einem Guss. Undurchdringlich wie bei der verbissensten Eishockeymannschaft. Alle für einen und umgekehrt. Genau das ist der Moment außergewöhnlicher Faszination, mit dem dich Siddharta packen. Wenn du spürst, was für eine große Familie diese Jungs sind und wie sich diese Bande aus gegenseitigem Vertrauen, Respekt und Liebe frei in den Raum übertragen. Wie sie das Publikum frei übernehmen. Wie auch dieses mit der Band selbst zu einer riesigen Familie wird. An diesem Abend bist du keinem Besucher begegnet, der gleichgültig oder mutlos gewesen wäre, der zufällig irgendwie gejammert oder gemotzt hätte. Aller Negativismus hat sich an diesem Abend im Nu in nichts aufgelöst. Überall breiteten sich dagegen frei Lachen, Positivität, Respekt, Versöhnlichkeit aus,… Und darin hast du eine außergewöhnliche Eintracht gespürt. So ist das, wenn sich die Slowenen zu einem vereinen. Und Siddharta sind der Schlüssel, der die Herzen öffnet.
Die Jungs spielten wie in Trance. Sie gaben alles. Das Beste, was sie draufhaben. Dreieinhalb Stunden, als hätte es sie nie gegeben. Es war einfach ein Konzert mit so intensiven Empfindungen, dass Zeit und Raum vom Horizont verschwinden. Sie existieren nicht mehr. Es bleibt nur die Ewigkeit der Vibration des Universums, diktiert von der Sprache der Musik. In einem Unikat namens Siddharta. In vollem Glanz.
Als sich die Band allmählich dem Finale des regulären Teils näherte, widmete Tomi zuerst die Performance des Songs Siddharta seiner Tochter, die genau am Tag des Konzerts in Stožice ihren 12. Geburtstag feierte. Darauf folgte Vojna idej – die einzige Nummer vom leicht übersehenen, aber großartigen Album „Saga“ (2009), und dann einer der ganz eigenen Höhepunkte, Le mavrica, bei dem sich Jani Hace vorne am Catwalk mit einem außergewöhnlichen, verlängerten Bass-Solo austoben durfte. Nach der emotionalen Vorstellung der Bandmitglieder beschließt die „Infra“-Nummer Piknik den regulären Teil des Konzerts, bei der sich alle Mitglieder auf den Catwalk begeben, wobei Tomaž zum Bass greift, Boštjan zur Percussion, Jani zur Gitarre.
Aber mit dem Beisammensein war noch nicht Schluss. Zwei opulente Zugaben brachten noch eine halbe Stunde Auftritt obendrauf. Einen Auftritt, wie ihn nur die Größten hinlegen. Siddharta kamen, sahen und siegten in Stožice. Mit Kraft, Leidenschaft und Wucht brachten sie die Grundmauern der Halle zum Beben, und treu an ihrer Seite stand das hingebungsvolle Publikum, das einheitlich mit den Jungs atmete. Wie ein Körper. Schön zu wissen, dass so ein Beisammensein mit der Band garantiert nicht das letzte war, aber man sollte im Hinterkopf behalten, dass Siddharta für das nächste solche Konzert sicher neue Hebel suchen werden, um neue Meilensteine zu setzen. Unterm Strich: „Unvergesslich und einzigartig!“
Autoren: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen (die letzten acht Fotos)
Setlist:
1. Intro
2. Rh-
3. T.H.O.R.
4. B Machina
5. Pot v X
6. Prepovedana (neuer Song)
7. Klinik
8. Disco deluxe
9. Bonsai (ft. Martin Janežič – Buco)
10. Platina
11. Lej lej lej
12. Jaz
13. Samo edini
14. 1 minuta (neuer Song)
15. Japan
16. Napoj
17. Et tu
18. Rave
19. Na nebu (ft. Izabela Hace an der Violine, neuer Song)
20. Siddharta
21. Vojna idej
22. Le mavrica (ft. Martin Janežič – Buco, plus Bass-Solo)
23. Piknik (ft. Martin Janežič – Buco)
—Zugabe I—
24. Volk Q ovce
25. NGRMGMT (neuer Song)
26. Na soncu
27. Medrevesa
—Zugabe II—
28. Ledena
29. Ring
30. Orion Lady
































































