Metaldays 2018 (fünfter Tag) – perfekter Abschluss mit Primordial
Lokation: Tolmin / Sotočje / Slowenien
Datum: Samstag, 27.07.2018
Und trotz fünf Tagen unablässiger Metalisierung war der letzte Festivaltag mal wieder viel zu früh da – einer, der wegen seiner fantastischen Atmosphäre, der erstklassigen Organisation und des wirklich starken Line-ups als eine der besten und angenehmsten Ausgaben von Metaldays bisher in die Geschichte eingehen wird. Nach dem letzten Plantschen in der Soča lockten früh am Nachmittag die Schweizer Melodic-Black-Metaller Tyrmfar auf die Boško-Bursać-Bühne. In einer halben Stunde lieferten sie eine Dosis solide gespielten Black Metals, veredelt durch eingängige, epische Melodien. Nichts sonderlich Aufwühlendes hatten Tyrmfar zu bieten – aber fürs entspannte Kopfnicken beim Verdrücken einer verdammt leckeren Pizza an der zweiten Bühne reichten sie allemal.
In ähnlichen Genre-Gewässern bewegten sich die belgischen Thurisaz, bloß dass sie die Melodic-Black-Metal-Note von Tyrmfar gegen eine melancholische Atmosphäre eintauschten, die wirkungsvoll in einem Mix aus Death und Black Metal eingefangen war. Thurisaz sind belgische Veteranen, die seit gut zwanzig Jahren in nahezu unveränderter Besetzung unterwegs sind – und das merkt man ihnen auf der Bühne ganz konkret an. Eingespielt, souverän und mit einer starken Darbietung, dank der die dichte Atmosphäre aus Finsternis und Depression noch besser zur Geltung kam. Die Cleananteile gingen im Vergleich zum mächtigen Growl zwar etwas unter – sie wurden ordentlich gebracht, keine Frage –, aber sei’s drum.
Einen Gang höher schalteten die griechischen Thrasher Chronosphere, die in Tolmin schon vor einigen Jahren aufgetreten sind. Seitdem sind sie schnell in Vergessenheit geraten, diesmal aber hinterließen sie einen etwas besseren Eindruck. Vor allem mit ihrer starken Bühnenenergie überzeugten sie – auf der Bühne explodierten sie wie eine Tsar Bomba und rissen mit wirklich beeindruckender Energie mit, die sich auch auf das Publikum übertrug. Aufgrund des frühen Nachmittags und des schönen Wetters war das Publikum zwar überschaubar, doch bildeten sich schnell kleinere Mosh- und Circle Pits. Musikalisch konnten Chronosphere weniger begeistern; an der Darbietung selbst gibt es nichts auszusetzen – die Jungs sind eingespielt, die Riffs fließen, die Rhythmussektion walzt alles nieder, die Soli sind typisch thrashy –, aber alles in allem klang es ziemlich ausgelutscht und generisch. An ihre Genrekollegen Dust Bolt, die die BB-Bühne am ersten Tag fast auseinandergenommen hatten, kamen Chronosphere damit nicht heran – und der fragwürdige Look mit den aufeinander abgestimmten roten Hosen half da auch nicht weiter. Hoch anzurechnen ist ihnen aber die Widmung an ihre Landsleute. In Griechenland wüteten nämlich genau am letzten Tag von Metaldays schwere Waldbrände, die auch Todesopfer forderten, und Chronosphere spendeten alle Einnahmen aus dem Merchandising-Verkauf für die Opfer.
Als erste Band des letzten Tages betraten Carrion die Hauptbühne. Die vier Belgier aus Gent hüllten das Gelände in death-metallische Düsternis – für Anspruchsvollere sogar in Übelkeit, da ihre Riffs ziemlich generisch und abgedroschen wirken. Ihr zweites Album »Time To Suffer« stand im Mittelpunkt des Auftritts; daraus spielten sie unter anderem Ginger Grind, und auch Material ihres Studioerstlings »Revelations of the Death« ließen sie nicht aus, als sie Revelations spielten. Die Band ist kompakt, solide und eingespielt. Auf der Bühne sind Carrion souverän, scharf und aggressiv – nur etwas zu vorhersehbar.
Mit beißender Säure aufgeladen schnappte sich die »Waldbühne« die französischen Monarch, die aus Bayonne stammen. Die Band, die seit 2002 aktiv ist, zelebrierte eine echte 40-minütige Doom-Metal-Orgie und ein makelloses Totenmessen-Spektakel. Schwärzer geht’s kaum. Die Band schöpft ausgiebig aus allerlei Schwingungen und Mikrofonie – jede Menge zusätzliches Kratzen, »dekorativer Krach« und Gebrumme also! Sie tragen Drone-Charisma in sich und entwickeln dabei auch Momente, die nach Sludge riechen. Eine ziemlich seltsame Kombination. Schwere, langsame Riffs – absolute Hypnose des Verderbens. Der exzentrische Frauengesang, der unheilverkündend kreischt und sich unglaublich geschickt durch eine markante Palette unterschiedlichster Vokalrollen bewegt. Mit Effekten, natürlich! Wenn du nach dem Begriff »Untergrund« suchst, sind Monarch definitiv eine überaus treffende Personifikation des musikalischen Untergrunds. Eine Band, die genau weiß, was sie will, eine eigenständige musikalische Identität entwickelt und dabei ständig neue Musik produziert. Im Gepäck haben sie bereits acht Studioalben und zahlreiche EPs sowie Split-Mini-Alben. Eine Band, die durch und durch besonders ist.
Auf die Hauptbühne lockte dann die Attraktion namens Sisters of Suffocation, ein rein weibliches niederländisches Death-Metal-Ensemble. Der Gruppe hat sich dieses Jahr am Schlagzeug zwar ein etwas weniger ansehnliches Mitglied mit XY-Chromosom angeschlossen, ansonsten aber beherrschen die Mädels sowohl Saiten als auch Gesang. Besonders der Gesang von Els Prins ist schlicht beeindruckend – die Frau holt aus ihren Stimmbändern sowohl einen ultra-tiefen Growl als auch hohe Schreie heraus, die zwar gelegentlich etwas nerven können, da sie in manchen Momenten klingt wie ein aufgedrehter Chihuahua. Sisters of Suffocation wirken auf Aufnahmen – namentlich dem Studioerstling Anthology of Curiosities (2017) – sehr solide, und entsprechend groß waren die Erwartungen. Leider war die Darbietung stellenweise sehr oberflächlich, oder aber den Mädels spielte ein ziemlich schlechter Sound einen Streich, der alle Gitarrenriffs schluckte und nur das Bassbrummen, die Bassdrum und Els‘ Gesang nach vorne schob. Auch dank ihrer energischen Vorstellung und der guten Publikumsanimation sah der Auftritt der Niederländerinnen am Ende besser aus, als er war – was das Publikum offensichtlich ähnlich sah: Trotz der Hitze hatte sich vor der Bühne einiges an Leuten angesammelt.
Viel, viel schneller und aus dem Takt gebracht wurde das Herz dann an der BB-Bühne, wo die schwedischen Death-Metaller Demonical die HM-2-Pedale auf elf drehten und sich damit als eine der schönsten Überraschungen des Tages erwiesen. Demonical erfinden im schwedischen Death Metal rein gar nichts neu – das müssen sie auch nicht, denn der Großteil der Band besteht aus Mitgliedern der kultigen Centinex, einer der frühen Vertreterinnen der schwedischen Death-Metal-Szene –, aber was sie auf den Metaldays boten, war verdammt gut und lebendiger Beweis dafür, wie Death Metal klingen muss. Demonical walzten das ahnungslose Publikum gnadenlos nieder wie Panzerketten und verursachten auf der Bühne wie darunter echten Krieg. Die Jungs ballerten Song für Song, Schuss für Schuss, blieben dabei aber dank abwechslungsreicher Riffs, einer erschütternden Rhythmussektion, »Kerry-King«-Tremolo-Soli und einem mächtigen Gesang jederzeit frisch und relevant – keinen Augenblick eintönig oder repetitiv. Die Schweden widmeten gut die Hälfte ihres Sets dem aktuellen Album Chaos Manifesto – die richtige Entscheidung, denn die Platte ist exzellent und enthält mit Tracks wie Towards Greater Gods, A Void Most Obscure und Unfold Thy Darkness genau die richtige Mischung aus Kreissägen-Gitarren-Brutalität und minimalistischer, aber raffinierter Melodik. Einer der besseren Death-Metal-Auftritte der Metaldays 2018.
Nach Bölzer trat auf dem diesjährigen Festival noch ein weiteres Duo auf: die deutschen Mantar. Das Duo – »Pilze« übrigens, denn mantar bedeutet auf Türkisch Pilz – bestehend aus Erinc (Schlagzeug, Gesang) und Hanno (Gesang, Gitarre) spielt höllisch dreckigen Sludge, der trotz nur zweier Instrumente voll, mächtig und laut klingt. Auch wenn auf der Bühne nur zwei Menschen standen, war die Sache nicht so langweilig, wie es vielleicht klingt – vor allem wegen Hanno, dessen tierische Energie die ganze Bühne ausfüllte, und weil die gegenüberstehende Aufstellung der Musiker eine interessante Dynamik erzeugt, die man auf Bühnen selten sieht. Mantar spielten in knapp einer Stunde ein Set aus hochoktanigem Punk und vernichtendem Doom, die Vocals mal sludgig leidend, mal black-metallisch scharf schneidend – das Duo, das Motörhead und Melvins als größte Einflüsse nennt, hat mit diesen Referenzen ihre Essenz genau getroffen. Entgegen den Erwartungen spielten Mantar ein Konzert, das im Gedächtnis blieb – vor allem wegen Adrenalin-Hymnen wie Era Borealis mit dem Refrain, der einfach nicht aus dem Kopf will (»This is death über alles / This is era borealis«).
Die niederländischen Death Alley brachten etwas von jenem Revival-Groove auf die Bühne, der in den letzten Jahren ziemlich angesagt ist. Sie bezeichnen sich selbst als »New Wave of Dutch Loudness«, reiten aber auf einem lasziven, altmodisch zugespitzten und druckvollen Rock ’n‘ Roll, wobei sie sich entschlossen in psychedelische Weiten vorwagen. Lasziv und ungezähmt – mit dieser ungezähmten Pose und Darbietungskraft werfen sie dich zurück in Zeiten, als auch die kultigen MC5 ihren Hedonismus rausschüttelten. Es steckt also eine gewisse Alternative-Konnotation drin, und die Band könnte auch für Hörer interessant sein, die auf The Cult abfahren. Auf der Bühne sind Death Alley gleichzeitig genug »abwesend«, »entrückt«, wobei sie durch heulende Riffs rollen, die ein ansprechendes Klangmassiv entwickeln. Der Sound, der an die Tradition anknüpft, wird auf Instrumenten der Marken Rickenbacker und Gibson erzeugt. Der Hauptmagnet ist der Sänger, der sich spielerisch etwas von Robert Plant, etwas von Paul Rodgers geliehen hat. Rock-’n‘-Roll-Psychedelik. Das abschließende Supernatural Predator, eine ambitioniert ausgedehnte Komposition von fast fünfzehn Minuten mit vielerlei Stimmungslagen, ist vielleicht sogar das gelungenste Stück, das das Bild der Gruppe charakterisiert. Besonders der hypnotisch-psychedelische Jam der Band im abschließenden Teil des Auftritts brannte sich ins Gedächtnis ein – da bestätigten die Jungs ernsthaft, dass sie über ein außergewöhnliches Bühnengefühl und souveräne Darbietungsstärke verfügen. Die Band hat draußen zwei Alben; das aktuelle »Superbia« erschien letztes Jahr, und davon spielten sie Murder Your Dreams, The Chain, Shake the Coil, dazu ältere Stücke wie Black Magic Boogieland, Over Under und The Fever vom Studioerstling »Black Magic Boogieland« (2015).
Und doch – wo wir schon beim »Untergrund« sind… Es gibt auch eine Art Porno-Untergrund! Für die genremäßige Vielfalt und das schiere Theater der Ereignisse am letzten Festivaltag sorgten die deutschen Gut auf mehr als beneidenswerte und denkbar gründliche Weise. Es handelt sich um eine legendäre Grindcore-Band, die seit 1991 auf dem Planeten unterwegs ist. Ein Quartett mit einer bizarren Show, wie es sich für »Grind sein« bzw. ihren sogenannten Pornogrind gehört. Latexmasken, kombiniertes Gegrunze von Schlagzeuger und Sänger. Auf der Bühne eine Peitsche, echte Porno-Folklore. Mit Ausnahme des Bassisten ist das Quartett in Originalbesetzung. Noch vor dem Start trank Sänger Oliver Röder reichlich Wasser, um seine Stimmbänder auf die richtige Betriebstemperatur zu bringen, und auch während des Auftritts musste er mehrfach den Brand in der Kehle löschen. Grunzen und Kreischen fordern eben ihren Tribut. Aber Gut sind bei aller theatralischen Bizarrerie und Morbidität auf der anderen Seite eigentlich äußerst unterhaltsam – schon allein wegen ihrer ausgeprägten Groteskheit und Ungewöhnlichkeit. Die Bandmitglieder haben sich obendrein überaus amüsante Namen gegeben. Sänger Oliver ist bekanntermaßen »Bukkake Boy«, dazu kommen die übrigen Mitglieder mit überaus »saftigen Namen«: Bassist »Pumpgun Messiah«, Schlagzeuger »Organic Masturbator of 1000 Splatter Whores« und Gitarrist »Cuntshredding Electro Jesus«.
Das wohl unangenehmste Überschneidungsproblem gab es ausgerechnet am letzten Tag, als man zwischen der New-Orleans-Black/Thrash/Death-Metal-Band Goatwhore und der ebenfalls amerikanischen Crossover-Mutanten-Party Municipal Waste wählen musste. Da Letztere bei uns schon länger nicht mehr aufgetaucht waren, entschied ich mich für sie – und bereute es nicht. Auch wenn Municipal Waste im Studio schon eine Weile nicht mehr das sind, was sie auf den ersten beiden Alben waren, sind sie live noch immer eine schallende Ohrfeige, serviert vom Toxic Avenger. Die Amerikaner begeisterten das Publikum noch bevor sie die Verstärker einschalteten. Wilder Jubel brandete aus dem Publikum auf, als sie das Backdrop mit einer Comic-Zeichnung von Trump enthüllten, der sich gerade selbst die Birne weggepustet hatte und die Welt damit von Trumpismen befreite, die noch schlimmer sind als Bushismen. Municipal Waste drehten dann unter der Führung der Party-Thrash-Maschine, Sänger Tony Foresta, schon mit den ersten gespielten Noten das Gelände in einen tödlichen Walzer, der bis zur Schlusshymne Born To Party nicht aufhörte. Bei ausgezeichnetem Sound kamen mühelos die abwechslungsreichen Riffs von Ryan Waste, der krachende Bass von Land Phil, das Schlagzeuggeprügel von Dave Witte und Forestas Gebell zur Geltung. Municipal Waste steigerten die Konzertintensität schön kontinuierlich, begeisterten vor allem mit Evergreens von Hazardous Mutation und bewiesen, dass »Municipal Waste is gonna fuck you up!« ihren Auftritt wirklich treffend beschreibt.
Goatwhore sind eine Band, die sich in letzter Zeit relativ häufig in der Nähe Sloweniens herumtreibt; in Ljubljana haben sie auch schon gespielt – soweit mich mein Gedächtnis nicht trügt, mindestens zweimal, nämlich 2012 und 2014. Zuletzt schnappten wir sie uns dieses Jahr in Graz vor Sepultura, Ende August kommen sie wieder zu unseren nördlichen Nachbarn, diesmal nach Klagenfurt, wo sie gemeinsam mit Dying Fetus auf Tour sind. Kurzum: eine Band, die mit über 20 Jahren Existenz, sieben Studioalben im Gepäck und ständiger Bühnenpräsenz definitiv nicht zum Tourismus auf dem Metaldays-Festival angereist ist. Die »Ziegenhure« pflegt eine besondere, eigenständige musikalische Mischung aus Black und Death Metal, wobei die Songs nicht selten von ziemlich elementaren, wenn nicht gar rockigen Rhythmen angetrieben werden – auch Riffs, die sich mit der Old School des Thrash berühren oder sogar sludgig bis rock’n’rollig tendieren, was nur bestätigt, dass die Band in sich den sumpfigen Charakter der New-Orleans-Weiten trägt. Die Band brachte ihr neues Album »Vengeful Ascension« (2017) nach Tolmin mit, spielte daraus unter anderem den Titeltrack sowie Mankind Will Have No Mercy. Vor Letzterem erdachte der charismatische und für einen guten Witz stets »auf Zack« seiende Sänger Ben Falgoust eine Lösung, wie man das Publikum in noch intensivere Bewegung bringen könnte. Er heizte einem ordentlichen Teil des Publikums ein, eine aufblasbare Palmen-Skulptur, die sonst durchs Publikum »wanderte«, in die Mitte zwischen sich zu stellen und darum einen Circle Pit zu veranstalten. Das geschah dann auch, als die Band mit besagtem Song loslegte – der gilt als einer der schnelleren des neuen Albums –, und das Publikum in flottes Laufen um die Palme versetzte. Am Ende war die arme Palme natürlich vollständig niedergetrampelt. Die Band eröffnete das Konzert mit dem älteren Stück The Alchemy of the Black Sun, legte noch das noch elementarere, mit oktanigem Brennen übergossene Baring Teeth For Revolt nach, während sie ihre Affinität zu black-metallischer Düsternis mit der Darbietung von Collapse In Eternal World zum Ausdruck brachte. Als Gesamtheit sind Goatwhore ein ungemein harmonisches und unglaublich aufeinander eingespieltes Team. Bens exzellenter Growl, Sammys giftige, einfallsreiche und abwechslungsreiche Riffs sowie die äußerst lebhafte Rhythmussektion von Zack und James. Ja. Ein Quartett, das zwei Gitarren noch lange nicht braucht. Ein einzigartiges Erlebnis und wieder eine außerordentlich starke Vorstellung. Es stellt sich die Frage, ob die Band in puncto Konzertauftritte überhaupt jemals irgendwelche Kritik einstecken muss!
Cannibal Corpse sind Legenden des Death Metal. Das ist tatsächlich die erste und einzige Band des Festivals, die mit ihrem Schund und ihren Death-Metal-Blasphemien, mit denen sie in Tolmin unbekümmert schlürfte und knirschte, als sie lebendige Körper fraß, die himmlischen Elemente so erfolgreich provozierte, dass es während ihres Auftritts anfing zu regnen. Das Wetter hatte sich nämlich die ganze Festivalwoche über ausgezeichnet gehalten. Bis zum Auftritt von »Corpsegrinder« und seiner Truppe. Aber es tröpfelte angenehm und kühlte das ohnehin extrem aufgeheizte Gelände ab, und ließ dabei die massiven Staubschwaden niedersinken, die Municipal Waste zuvor in den Himmel aufgewirbelt hatten. Old School! Bis auf die Knochen. Großartige Atmosphäre. Die Band hat unterm Strich den Eindruck korrigiert, den Cannibal Corpse mit einem etwas reservierten beziehungsweise lauen Auftritt vor zwei Jahren im Kino Šiška hinterlassen hatten. Das Gitarren-Duo glänzte sowohl mit einer außerordentlichen Dosis brutal-gezackter, tiefer gestimmter Riffs, bemerkenswerter Harmonie und Präzision in den gespielten Übergangspassagen, als auch mit den »Spielereien« bei den Solo-Ausflügen des ansonsten exzellenten Pat O’Brien. Die Setliste war erwartbar. Präsentation des neuen Albums, plus Evergreens. Das Publikum zogen Cannibal Corpse mit einem aufeinanderfolgenden Dreiergespann neuer Songs vom letztes Jahr veröffentlichten »Red Before Black« ab: Code Of Slashers (Opener), Only One Will Die und der Titeltrack Red Before Black. In der ersten Hälfte des einstündigen Auftritts spielten sie noch den vierten neuen Track Scavenger Consuming Death. Die zweite Hälfte reihte nur Klassiker der Band aneinander, darunter die erwartbaren Kill or Become, A Skull Full of Maggots, I Cum Blood, Make Them Suffer, und schloss das Konzert absolut halsbrecherisch mit den »ewig jungen« Klassikfavoriten Stripped, Raped and Strangled sowie Hammer Smashed Face ab. Der berühmte George Fisher belüftete die Bühne wirkungsvoll mit seiner berühmten Halswirbelmassage – mit den Händen auf den Knien (und gelegentlich mit einem Fuß auf dem Monitor) erweckte er die Assoziation eines Windkraftwerks (natürlich mit extrem beschleunigter Rotorblatt-Drehzahl). Die Band tritt unglaublich viel auf. Ständig. An Routine und Erfahrung mangelt es ihr nicht. Und das war während des Auftritts spürbar. Aber es ist was. Old School. Ausdrucksmäßig und in Bezug auf die Steigerung der technischen Komplexität (da ist vor allem in der Rhythmussektion noch genug Luft nach oben) werden sie sich offensichtlich auch in Zukunft nicht mehr viel bewegen. Kreative Veränderungen sollten wir also nicht erwarten – was du bei den Corpses hörst, das siehst und kriegst du auch auf der Bühne. Eine Konstante, die in den letzten Jahren dank der klassischen Jahre ihres Schaffens und ihrer musikalischen Innovationen ihren ehrwürdigen und geschätzten Status auf der internationalen Bühne des Extreme Metal wirkungsvoll behauptet.
Während Cannibal Corpse auf der Hauptbühne brutalisierte, senkte sich über den Metaldays gerade die Dämmerung, und wir erlebten die einzige halbe Stunde Regen der ganzen Woche. Die Atmosphäre war damit geradezu ideal, damit die deutsche King-Diamond-Anbetungsband Attic die BB-Bühne übernahm. Wenn du in der Musik reine Originalität suchst, schau lieber woanders – wenn du aber klassischen Heavy Metal mit kreischenden Vocals, Orgeln und schaurigen, okkulten, satanistischen Themen liebst, wirst du Galle wie Regan im Exorzisten von selbst spucken. Wohin der Bock betet, verriet schon die Bühne, die Attic mit Kerzen und klosterartig aussehenden Gittern geschmückt hatte. Attic luden in ihr Kloster, wo die Nonnen noch mehr Spaß haben, mit dem Titelkracher des aktuellen Albums Sanctimonious ein, und der in Corpse Paint gekleidete Sänger Maister Cagliosto riss vom ersten Moment an die Trommelfelle mit unmenschlichen Falsett-Schreien auf. Attic nahmen sofort ein – obwohl das Gelände etwas verwaist war –, mit erstklassigen Riffs, tödlichen Soli und mitreißenden Refrains. Leider verdarb den Attic-Auftritt ziemlich der schlechte Sound und der Gitarrist, der offensichtlich einen etwas schlechten Tag hatte und sich einen Patzer oder zwei leistete. Aber die Deutschen lösten sich wenigstens etwas ein, als sie ihren Auftritt mit einer Widmung an die verstorbene Legende Warrel Dane (Kloß im Hals) und einer ordentlich gespielten Sanctuary-Klassik I Died For My Sins beendeten. Mit King-Diamond-Vocals klang das zwar etwas seltsam, aber sei’s drum – Attic zeigten, wie die Nonnen sich vergnügen, und übel nehme ich ihnen nur, dass sie den besten Track von Sanctimonious nicht gespielt haben: Die Englemacherin.
Als das diesjährige Festival sich langsam seinem Höhepunkt, dem Abschlussteil und dem Ende näherte und der Mond am Himmel nach und nach blutige Farbtöne annahm, betraten die niederländischen Symphonic-Power-Metaller Epica die Bühne. Sie stießen auf hervorragenden Besuch und bestätigten in einem einstündigen Auftritt einmal mehr, wie exzellent sie bei Bühnenauftritten sind. Als Einstieg widmeten sie sich gleich der Präsentation ihres letzten Studioalbums »The Holographic Principle« (2016) und eröffneten das Konzert mit Edge of the Blade. Das Konzert begleitet eine außergewöhnliche Bühnendynamik der Gruppe, die während des Auftritts keineswegs nachlässt. Im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit steht natürlich die außergewöhnliche Mezzosopranistin Simone Simons, die wieder mit ihren Gesangszaubereien und sinnlicher Feinfühligkeit bezauberte. Die übrigen Bandmitglieder wechselten ständig ihre Positionen, liefen von links nach rechts usw. … Dabei stahl wieder Coen Janssen an den Keyboards den Großteil der Aufmerksamkeit. Nicht nur, dass er während des Konzerts einige interessante Stücke seines Instrumentariums in die Hand nahm – er fuhr sie buchstäblich hinter die Schlagzeugfestung von Drummer Ariën van Weesenbeek hin und her und drehte sich mit ihnen zusammen. Die Mitglieder heizten dem Publikum auch dadurch ein, dass sie mehrmals von der Bühne in den Fotopit herunterkamen und den vorderen Reihen die Hand gaben. Das episch-bombastische Drama-Show-Theater zündete wieder einwandfrei. Mit all den zusätzlichen Bühnendekors und dem überaus enthusiastischen Ansatz wirkten Epica unglaublich engagiert und sommerlich. Von den neueren spielte die Band noch Beyond the Matrix; das Konzertrepertoire hinsichtlich des Diskografiekatalogs ansonsten recht gelungen ausbalanciert, wobei Sancta Terra vom kultigen »The Divine Conspiracy« (2007) nicht fehlen durfte. Vom Vorgängeralbum »The Quantum Enigma« spielte die Band Unchain Utopia sowie The Essence Of Silence; Platz auf der Setlist fanden noch Storm the Sorrow (Album »Requiem for the Indifferent«), das in der Mitte gespielte Cry for the Moon vom Studioerstling »The Phantom Agony«, das sich gut mit der aufkommenden blutigen Mondfinsternis verband, sowie das abschließende Consign to Oblivion, entnommen dem zweiten, gleichnamigen Studioalbum. Epica sind schlicht zu erfahren, um beim Auftritt danebenzuschießen. Eine Bombe mit Simone Simons als Sahnehäubchen.
Für den letzten Hieb reinblütigen Black Metals auf den Metaldays 2018 sorgten die kultigen deutschen Black-Metaller Darkened Nocturn Slaughtercult, angeführt von Sängerin und Gitarristin Onielar, dem einzigen noch originalen Mitglied. Das war aber eigentlich auch das einzige Interessante an der Band, die absolut klassischen Black Metal spielt, der in nichts von den strengen Genre-Richtlinien abweicht und deshalb schnell etwas eintönig wird. Onielars fader, krächzender Gesang trägt da auch nicht gerade viel dazu bei – wahr ist aber, dass die Band dank ihrer Erscheinung als eine Art monströse Blutbraut optisch sehr reizvoll war.
Die Mondfinsternis erreichte ihren Zenit, der Mond blutete mehr und mehr, und darunter war auch der blutige Mars deutlich sichtbar. Auf der Bühne aber standen die finnischen Children of Bodom, die sich nach einem nicht minder blutigen Ereignis benannt haben. Die Headliner des letzten Festivaltages also, die das Abschlussprogramm auf der Lemmy-Bühne bestritten. Die Band, die in diesem Jahr stolze 25 Jahre ihres Bestehens feiert, präsentierte eine Show mit einer exzellenten Setliste, in der Klassiker aus den am meisten geschätzten Alben der früheren Schaffensphase dominierten. Der wilde Anführer der Gruppe Alexi Laiho, so kompakt und klein wie er ist, gibt noch immer das Bild des frechen Lausbuben ab. Und er bleibt unglaublich. Nicht nur in der Interpretation selbst, die beim Gitarrenspiel vor Perfektionismus überquillt. Unglaublich, was für ein vollendeter Musiker Laiho ist. Sein Growl dient ihm noch immer hervorragend, die Gitarre spielt er mehr als fantastisch. Wenn du ihn beobachtest, staunst du, wie er beim gleichzeitigen Singen und der extrem schnellen Ausführung (Soli, Passagen) keinen einzigen Ton, keine einzige Note verfehlt. Die teuflischen Solo-Einlagen und das gelegentliche Einbeziehen in das feurige Zusammenspiel mit dem außergewöhnlichen Keyboarder Janne Wirman nahmen wieder den Atem. Klassisch ausgebildete Musiker, die in neoklassischen, das heißt barock verschnörkelten Figuren, höllische Geschwindigkeit entwickeln. Dabei bekam auch der neue Gitarrist Daniel Freyberg die Gelegenheit, sich in einer der Passagen in die »dreifache« Harmonisierung einzubringen und auf sein Talent aufmerksam zu machen, auch wenn klar ist, dass er in der gegebenen Situation eben eine untergeordnete Stellung einnehmen muss. Wie viele neoklassische Einlagen haben Laiho und Wirman noch vor, in die Kompositionen einzuweben? Die Band spielt die ohnehin schon schnell angelegten Songs auf der Bühne noch schneller. Wahnsinniges Gespür dieser beiden Musiker. Die Chemie zwischen ihnen fließt in vollen Zügen. Bei all dieser Geschwindigkeit darf man auf keinen Fall Schlagzeuger Jaska Raatikainen vergessen, ohne den Children of Bodom derartiges auf der Bühne bei weitem nicht verwirklichen könnten. Children of Bodom funktionieren als Einheit – unerschütterlich. Der Eröffnungsteil des Konzerts gehörte gleich einem Dreiergespann vom Album »Are You Dead Yet?« (Titeltrack, In Your Face, Living Dead Beat); danach spielten sie noch I Worship Chaos sowie Blooddrunk, und bis zum Konzertende folgte ein Karussell mit Songs der Alben »Hate Crew Deathroll« (Angels Don’t Kill, Hate Crew Deathroll, Needled 24/7), »Hatebreeder« (Bed of Razors, Downfall, Towards Dead End, Warheart) und »Follow the Reaper« (Bodom After Midnight, Everytime I Die, Follow the Reaper, Hate Me!).
Im ersten Teil des Konzerts kam es während einer von Wirmans einleitenden Keyboard-Einlagen zu Mikrofonie, und Laiho warf in diesem Moment wutentbrannt das Plektrum auf den Boden, spuckte wütend vor sich hin und verlor sichtlich die Nerven: »What the fuck is going on…!?!?«, um dann entschlossen backstage zu stapfen, nachzuschauen, was zum Teufel los war, und seinen Gitarrentechniker zusammenzustauchen. Nicht lange danach kehrte er beruhigt zurück, und das Konzert ging erfolgreich weiter. Hate Crew Deathroll schloss den regulären Teil des Konzerts ab, die Band kehrte für eine Zugabe zurück und brachte die Konzert-Atmosphäre mit den kultigen Bodom After Midnight sowie Towards Dead End zum Kochen. Laiho und seine Leute bleiben unglaublich. Mit einer solch exzellenten Setliste und dem ganzen Biss, mit dem sie das Gelände betraten, war es für sie nicht schwer, die Hauptfestivalbühne zu unterwerfen. Die Leute fotografierten wie verrückt, und die gesamte Festivalfolklore, die Metaldays ausmacht, strahlte so ein letztes Mal in vollen Zügen in Tolmin.
Für den allerletzten Abschied von Metaldays 2018 sorgten die irischen Veteranen Primordial – und was für ein Abschied das war! Ich gebe zu: Angesichts des letztjährigen außergewöhnlichen Abschlusses mit den verdammt guten Death Angel war ich skeptisch, ob Primordial etwas Ähnliches gelingen würde. Ihre Musik ist für den durchschnittlichen Hörer etwas anspruchsvoller als der – immerhin erstklassige – Thrash von Death Angel. Wie froh bin ich, dass ich mich geirrt habe. Die Iren haben nämlich den Abschluss von 2017 mit Death Angel mindestens erreicht. Das wohl größte irische Metal-Exportprodukt hat auf den Metaldays schon gespielt, aber zu ziemlich ungünstigen Tageslichtstunden, in denen sie nicht vollständig zur Geltung kamen. Diesmal gehörten Nacht und BB-Bühne ganz ihnen, und Primordial zeigten das beste Konzert, das ich von ihnen bis dato gesehen habe. Die Iren kamen diesmal mit dem neuen Album Exile Amongst the Ruins nach Tolmin und begrüßten das schön gefüllte Gelände mutig gleich mit dem neunminütigen Opener Nail Their Tounges. Zungen nageln taten sie uns zwar nicht – aber bei der außergewöhnlichen Darbietung klappte einem fast der Kiefer herunter. Ein glasklarer Sound ermöglichte es, dass die einzigartigen Akkordfolgen der keltisch inspirierten Gitarren des Duos MacUiliam/O’Flinn schön zum Vorschein kamen, und die ganze Aufmerksamkeit stahl wieder der energische und charismatische Alan Nemtheanga, der mit einer außergewöhnlichen Gesangsdarbietung begeisterte, bei der er sogar einige Schreie von sich gab, die einen zurück zu den Black-Metal-Anfängen mit Imrama und A Journey’s End trugen. Primordial klangen bei den unvergesslichen No Grave Deep Enough, Gods to the Godless, dem »Disko«-Hüpfer To Hell or the Hangman, den abschließenden The Coffin Ships und der jedes Mal verdammt epischen Hymne an den Untergang der Imperien Empire Falls schlicht magisch und katartisch – und waren damit der perfekte Abschluss einer eigentlich perfekten Woche. Der Abschied mit der hymnischen Heathen Tribes kam so mal wieder viel zu früh.
Wenn wir also unter die ganze Woche einen Strich ziehen: 5 Tage (plus zwei Aufwärmtage) und rund 150 Bands auf drei Bühnen. Außerordentliches Wetterglück, das kaum idealer hätte sein können. Exzellente Organisation. Alles zusammen führte zu dem Ergebnis, dass Metaldays 2018 vielleicht sogar das beste aller bisherigen war. Das gesamte Metaldays-Team verdient zunächst Lob für seine ökologischen Bemühungen, dank derer das Festival eines der saubersten weit und breit ist. Die Freiwilligen sammelten nämlich ständig, fleißig wie Ameisen, Müll auf, und es war auch dafür gesorgt, dass die mobilen Toiletten praktisch jederzeit sauber und mit Toilettenpapier ausgestattet waren. Für slowenische Geldbeutel sind die hohen Preise für Essen und Trinken zwar etwas störend, aber so ist es eben auch auf Festivals jenseits unserer Grenzen. Ein Vergleich mit Tschechien ist halt nicht angebracht, wenn’s einen in die Finger juckt, hehe. Aber die riesigen 0,75-Liter-Cocktails waren trotz des hohen Preises ein klarer Gewinn. Zu loben ist auch die kulinarische Auswahl – vor allem die Vielfalt an Speisen im slowenischen Dorf –; besonders gut war die Pizza an der Boško-Bursać-Bühne. Da wir schon bei dieser Bühne sind: Großes Lob geht an die außerordentlich qualitätsvolle Auswahl der Auftritte dort, wo man auch in den frühen Nachmittagsstunden allerlei Interessantes hören konnte, woran wir in den Vorjahren so nicht gewöhnt waren. Persönlich begrüße ich auch die New-Forces-Bühne, aber eine Verschiebung des Zeitplans wäre willkommen, damit es nicht zu unglücklichen Überschneidungen mit den anderen beiden Bühnen kommt. Auch die Soundtechniker erledigten ihren Job dieses Jahr größtenteils hervorragend – die Bands klangen meist klanglich optimal. Viel, viel besser war dieses Jahr im Vergleich zum letzten auch das Festivalbier Painkiller. Lassen wir mich noch kurz die zahlreichen Kostüme und aufblasbaren Einhörner, Flamingos und was auch immer ansprechen, über die »true« Metaller die Nase rümpfen. Was soll man machen – es sind eben Metal-Ferien, wo die Leute Dampf ablassen und niemanden stören. Sollen sie doch bei Alestorm auf der großen Bühne rudern – mich stören sie wenigstens nicht, wenn ich grim und kvlt unter der BB-Bühne bin, hehe. Ja, wir sehen uns also auf jeden Fall auf Metaldays 2019, für das bereits Dimmu Borgir, Hypocrisy, Soilwork, Korpiklaani, Rise of the Northstar, Impaled Nazarene, Gaahl’s Wyrd, Alkaloid und Dornenreich bestätigt sind.
Nina Grad (Foto): Tyrmfar, Chronosphere, Sisters of Suffocation, Demonical, Gut, Cannibal Corpse, Municipal Waste, Darkened Nocturn Slaughtercult
Sebastijan Videc (Foto): Carrion, Death Alley, Monarch, Mantar, Attic, Epica, Children of Bodom, Primordial
Jure Olaj – Luftaufnahmen
Sebastijan Videc: Video
Rok Klemše (Text): Tyrmfar, Thurisaz, Chronosphere, Sisters of Suffocation, Demonical, Mantar, Municipal Waste, Attic, Darkened Nocturn Slaughtercult, Primordial
Aleš Podbrežnik (Text): Carrion, Monarch, Death Alley, Gut, Goatwhore, Cannibal Corpse, Epica, Children of Bodom











































































































































































































































