Dirkschneider mit neuem Sturm der Accept-Klassiker in Wien (2017)

ALEŠ PODBREŽNIK
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Datum: 27.10.2017
Ort: Wien / Szene / Österreich


Zwei Jahre ist es her, dass sich die deutschen Metaller U.D.O., angeführt von der legendären ehemaligen ersten Stimme der deutschen Metal-Titanen Accept, Udo Dirkschneider, in Dirkschneider umbenannt und beschlossen haben, bei künftigen Konzertauftritten ausschließlich Accept-Material zu spielen. Nichts als Accept. So erwies sich bereits die erste Konzerttournee als unglaublicher Erfolg, und Dirkschneider bestätigten aufgrund des großen Interesses (sowie einer ganzen Reihe komplett ausverkaufter Spielorte) immer neue Konzertermine. So erschienen 2016 und 2017 bereits zwei Konzertdokumentationen (aus dem deutschen Memmingen und dem tschechischen Brünn). Das Jahr 2017 neigt sich dem Ende, und Dirkschneider sind noch auf die letzte Tournee gegangen, bei der sie Accept spielen. Angesichts unserer Besuche von zwei Dirkschneider-Konzerten – im Rahmen des Bang Your Head!!!-Festivals und in Brünn im vergangenen Jahr – hatte sich gezeigt, dass es sich lohnte, Dirkschneider auch ein drittes Mal zu erleben. Aus einem einfachen Grund. Das Konzertrepertoire hatten sie nämlich komplett auf den Kopf gestellt und dabei einige Songs reingepackt, die Accept seit Jahren beharrlich aus ihrem Konzertrepertoire ausschließen.

Aber der Reihe nach. Das Konzert eröffneten die österreichischen Garagedays, eine Band aus der Tiroler Stadt Rattenberg. Die seit 2005 aktive Band hat eine Menge Demoaufnahmen sowie zwei Studioalben veröffentlicht: »Dark And Cold« (2011) und »Passion of Dirt« (2014). Die Band sprang als Vorgruppe von Dirkschneider für gerade mal drei Konzerte dieser Tournee ein – als Ersatz für die kultigen NWOBHM-Metaller Raven, die Dirkschneider sonst auf dieser Tournee begleiten. Ausgerechnet das Wiener Konzert fiel auf einen dieser Termine ohne Raven. Und wie sehr wir uns auch nach den legendären Raven-Riffs gesehnt hatten – Garagedays haben sich wirklich von Herzen ins Zeug gelegt, einen ausgezeichneten Auftritt abgeliefert und alles gegeben. Man spürt, dass die Band schon sehr lange zusammenspielt und dass die Bindungen zwischen den Bandmitgliedern fest sind. Die Band schüttelte natürlich einen ganzen Sack voller Riffs aus dem Ärmel, die so eine Art dreckige Dosis teutonischen Heavy Metals darstellten – der auf der einen Seite seinen Einfluss aus der europäischen Metal-Tradition schöpfte, angeführt von der alten Hamburger/Bochumеr Bandszene, während nicht wenige Momente zu einem nostalgischen Flirt mit den frühen Alben von Metallica und/oder Megadeth einluden. Die Band agierte außerordentlich stark. Eingespielt, kompakt, überzeugend. Vor allem dank der standhaft unerschütterlichen Erscheinung und dem Rückgrat des Bandanführers, nämlich Sänger und Gitarrist Marco Kern, der mit festem rhythmischen Spiel und grollend-kehligem Gesang für eine überzeugende vokale Performance sorgte, die zur musikalischen Ausrichtung der Band passt. Schön, souverän und engagiert. Eine Band, die ihrer Rolle als Vorgruppe in jeder Hinsicht gerecht wurde.

Es folgte eine zweistündige Dosis Accept-Musik. In der neuen Phase haben Dirkschneider (und zugleich U.D.O.) in ihren Reihen einen Wechsel vollzogen: Der finnische Gitarrist Kasperi Heikkinen wurde durch den Amerikaner Bill Hudson ersetzt – ein Mann voller Erfahrung, da er zuvor mit Trans Siberian Orchestra, Power Quest, Circle II Circle und Nightrage zusammengearbeitet hat und nach wie vor auch mit John Oliva’s Pain zusammenarbeitet.

Der kleine Club Szene fasst bis zu 500 Leute. Das Publikum war kleiner. Vielleicht gut 300 Besucher. Angesichts des geradezu sprichwörtlich schwachen Besuchs des österreichischen Publikums bei solchen Konzerten lohnte es sich deshalb umso mehr, den Auftritt von Dirkschneider zu erleben – mitten in einem perfekten Club-Setting und aus unmittelbarer Nähe (dritte Reihe). Als Kuriosität sei erwähnt, dass wir das Konzert von Dirkschneider in Brünn im Dezember 2016 von der Tribüne aus verfolgten. Es fand nämlich mitten in einer Basketballhalle statt, war restlos ausverkauft, und damals kamen 6.500 Besucher. Dirkschneider überraschten in Wien mit der Setlist. Diese war auf Material ausgerichtet, das Udo Dirkschneider zwar mit Accept aufgenommen hatte, aber in der späteren Phase seiner Zeit mit der Band. So überraschte er das Publikum bereits zu Beginn total, als Dirkschneider mit dem »Death Row«-Klopper The Beast Inside loslegten. Es folgte eine Überraschung nach der anderen. Darunter gleich vier »Objection Overruled«-Klassiker (Bulletproof, direkt danach Slaves To Metal, dann in der zweiten Konzerthälfte das ausgezeichnete Balladenstück Amamos la Vida sowie der Titeltrack). Neben The Beast Inside spielten Dirkschneider auch noch einen weiteren »Death Row«-Track, nämlich Stone Evil. Auch Hard Attack durfte nicht fehlen – der Track eröffnet das bei Accept-Fans eher verschmähte Accept-Album »Predator«, und die Band ließ sich auch die Darbietung des »Eat the Heat«-Klassikers X-T-C nicht nehmen (diesen Song haben U.D.O. einst für eine »tribute to« Accept-Kompilation aufgenommen). Doch damit waren die Überraschungen noch lange nicht erschöpft. Von einem der berühmtesten Momente der Accept-Karriere, nämlich vom Album »Balls To the Wall«, reihte Udo zwei bei Konzerten ewig übersehene Perlen aneinander: Love Child und Fight It Back – und außerdem hatte sich wohl niemand vorstellen können, Can’t Stand the Night vom Kultalbum »Breaker« jemals live zu hören, und neben Aiming High vom Album »Russian Roulette« gab es noch eine weitere großartige Setlist-Überraschung: Another Second to Be.

Kurz gesagt: Schock nach Schock. Bis zur obligatorischen Zugabe, bei der Dirkschneider das Konzert auf den absoluten Stimmungshöhepunkt trieben und die unverzichtbaren Accept-Favoriten aneinanderreihten. Genau für die Zugabe zog Udo Princess of the Dawn, Metal Heart und Balls to the Wall bewusst in die Länge, um dem Publikum alle Kraftreserven zu entlocken, während es die Refrains ausgelassen mitsang. Bei Fast As A Shark brachte Udo das Publikum dazu, den Eröffnungsteil selbst zu singen.

Es sei erwähnt, dass Bill Hudson mühelos in die Fußstapfen seines Vorgängers getreten ist, bereits zu Beginn zwei Lead-Soli in The Beast Inside und Aiming High abgefeuert hat und auch im weiteren Verlauf als vollwertiges Bandmitglied agierte – dabei teilte er sich mit Andrey Smirnov die Lead-Soli innerhalb der Songs gleichberechtigt auf. Der Sound: brillant. Die Snare von Sven Dirkschneider wirkte atomar, die Basslinien von Fitty Wienhold griffen intensiv zu, während der Mann, der sich in seiner Bühnenbewegung ein wenig an Matt Sinner erinnert, wild auf seiner Bassgitarre wühlte. Die Bassdrum hielt das Gerüst für die Gitarren-Riffs mit aller Vehemenz. Natürlich waren alle Augen auf den legendären Sänger gerichtet – einen unglaublich charismatischen Kerl mit dem ewig »grimmigen« Gesicht, das ist natürlich Udo Dirkschneider. Er bestätigte einmal mehr, dass seine Stimme kein bisschen von der berühmten kreischend-hohen Kähligkeit verloren hat, mit der er Szene mehrfach in seinen Grundfesten erschütterte und mit der er den klassischen Accept-Alben – und auf gewisse Weise auch dem gesamten Bild der weltweiten Metal-Landschaft – einen unvergesslichen Stempel aufdrückte. Auch bei diesem Konzert bestätigte Udo, dass er noch immer mit großer Brillanz singt – seine Stimme wirkt bei seinen sag-und-schreib 65 Jahren erhalten, frisch, potent und autoritativ. Mit einer solchen Leistung klingen auch alle Accept-Klassiker souverän, die die Band bei ihren Konzerten angeht. Dem legendären Sänger mangelt es also nicht an Zündstoff. Was man da zu hören und zu sehen bekommt – Accept-Klassiker in den Händen von Dirkschneider wirken sogar überzeugender als im Konzertrepertoire der heutigen Accept. Ganz einfach. Der Gesang entscheidet. Und Udo bleibt dabei nach wie vor die erste Accept-Kehle, auch wenn er nicht für Accept singt. So wird es offensichtlich für immer bleiben. Mit seiner Stimme erreicht er noch immer Höhen, die der aktuelle Accept-Sänger Mark Tornillo schlichtweg nicht schafft – und das wiegt, zusammen mit Udos berühmter Stimmfarbe, eben schwer.

Eine neue Konzertvorstellung, abgeliefert mit aller Brillanz. Ohne Bremsen, nur volle Performance. Unschlagbar! Ein Konzert vollgeladen mit der Erektion des klassischen Heavy Metals teutonischer Schule! Ein Abenteuer auf den Spuren des Accept-Pioniergeists, bei dem man auf vollen Genuss hofft – und den bekommt man auch, in mehr als reichem Maße. Nach dieser Tournee benennen sich Dirkschneider wieder in U.D.O. um und setzen ihre Karriere als U.D.O. fort. Ein neues Studioalbum haben sie bereits angekündigt. Aber wie immer. Auch U.D.O. spielen bei ihren Konzerten eine ordentliche Dosis Accept-Favoriten. Es wird interessant sein zu verfolgen, ob sie sich in ihrer Karriere noch einmal in Dirkschneider umbenennen – um eine Ehrenrunde mit puristischem Accept-Klassiker-Repertoire zu drehen.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


  1. Fire (Intro vom Band, orig. The Crazy World Of Arthur Brown)
  2. The Beast Inside
  3. Aiming High
  4. Bulletproof
  5. Slaves to Metal
  6. Another Second to Be
  7. Protectors of Terror
  8. Fight It Back
  9. Can’t Stand the Night
  10. Amamos la Vida
  11. Stone Evil
  12. Hard Attack
  13. Love Child
  14. Objection Overruled
  15. X-T-C
  16. Russian Roulette
    —Zugabe—
  17. Princess of the Dawn
  18. Metal Heart
  19. Fast as a Shark
  20. Balls to the Wall
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