Judas Priest und UFO in Brünn – ein rustikales Heavy-Metal-Märchen (2015)

ALEŠ PODBREŽNIK
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Datum: Samstag, 12.12.2015
Ort: Brünn / Hala Rondo / Tschechische Republik


Die Giganten des Weltmetals Judas Priest erleben nach sage und schreibe 45 Jahren Bandgeschichte eine neue Renaissance. Nachdem sie vor einigen Jahren noch ihre Abschiedstournee angekündigt hatten, hat die Integration des neuen Gitarristen Richie Faulkner ihnen neuen Schwung und neuen kreativen Antrieb gegeben. So wurde letztes Jahr das neue Studioalbum »Redeemer of Souls« geboren, und Judas Priest starteten damit auf eine neue Tournee. In diesem Jahr haben Judas Priest bereits auf dem alten Kontinent gespielt, und zwar im Rahmen der europäischen Sommerfestivals. Noch vor Jahresende bestätigten sie eine spätherbstliche und winterliche Tournee, die ebenfalls der Promotion des nach wie vor aktuellen Albums »Redeemer of Souls« gewidmet ist. Die Band kündigt gleichzeitig bereits ein neues Studioalbum an, was einmal mehr beweist, dass die Metal-Veteranen von einem frischen Wind neuer Jugendlichkeit begleitet werden.

Um die Tournee noch attraktiver zu gestalten, haben Judas Priest eine Band eingeladen, die sogar noch ein kleines bisschen mehr auf dem Buckel hat als sie selbst. Die britischen UFO.  Die Rock-Exzellenz hat in diesem Jahr bereits ihr 21. Studioalbum »A Conspiracy Of Stars« veröffentlicht, und die aktuelle Besetzung besteht aus folgenden Herren: Phil Mogg (Gesang), Andy Parker (Schlagzeug), Paul Raymond (Keyboards, Gitarre), Vinnie Moore (Gitarre)! Seit 2008 unterstützt sie (ausschließlich live) Bassist Rob De Luca, auf dem Platz des in den Ruhestand gegangenen Pete Way.  UFO bekamen eine volle Stunde Zeit, um sich in der Eishockeyhalle Rondo der zweitgrößten tschechischen Stadt Brünn warmzuspielen. Die Halle fasst 7.200 Sitzplätze. Die Tribüne hinter der Bühne war natürlich nicht geöffnet. Dafür wurde ein Stehplatzbereich im Innenraum hinzugefügt. Die Halle: brechend voll. Inklusive der Sitzplätze. Schätzungsweise zwischen 11.000 und 12.000 Menschen! Bereits am Mittag waren die Hotels in Brünn komplett ausgebucht. Die Nachfrage nach dem Konzert war also außergewöhnlich groß.

Zurück zum Auftritt von UFO. Der festlich gekleidete Sänger Phil Mogg betrat erwartungsgemäß die Bühne. Wieder in Begleitung alkoholischer Derivate. Der schaukelnde Onkel hat diesmal die Texte beim Singen nicht vergessen, nahm sich aber in den Pausen mehr Zeit, um das Publikum anzusprechen. Vor allem hatte er es auf die Mädels in den vorderen Reihen abgesehen. So waren unter anderem Kommentare wie »Nice cleavage, keep on touching!« zu hören, und als die Fans ihn später schon drängten, endlich mit dem Singen anzufangen, stoppte er sie – in ein Mädchen vertieft –: »Wait a minute. I am tryin‘ to make a business commitment«. Außerdem lobte er einen Typen mit einem Tuch um den Kopf, der aussehe wie Quireboys-Sänger Spike. Kurzum: Mogg hat sich beim Konzert jedenfalls nicht gelangweilt. Moore und der Rest der Mannschaft tauschten beim Warten auf Mogg ein paarmal vielsagende Blicke aus. Trotzdem lieferte die Band genau das, was wir gesucht haben. Ein Höllenauftritt. Die Riffs sitzen und packen zu. Sie bleiben zeitlos. Der Sound war ausgezeichnet. Die Band lieferte in zehn Nummern auch 4 neuere Stücke, dennoch stahlen die Klassiker die Show – angeführt vom eröffnenden Mother Mary sowie den Kultstücken Lights Out, Rock Bottom, Let it Roll, Only you Can Rock Me und dem unvergesslichen Doctor, Doctor, mit dem UFO eine kraftvoll energische und bildhafte Show abschlossen. Vinnie Moore brillierte erneut mit seinen zauberhaften Gitarrenakrobatiken, die Band zeigte außergewöhnliche Bühnenkompaktheit. Auch der »schaukelnde« und zwischenzeitlich von der Last des Alkohols schwerfällige Onkel Phil lieferte den Auftritt auf dem geforderten Niveau ab. Kurzum: UFO halten sich. Ausgezeichneter Auftritt. Eine Attraktion! Die Giganten der Rock-Bibel bleiben auch in reifem Alter mehr als bissig und kampflustig! Sündhaft gut.

Hand aufs Herz. Gerade die Bestätigung von UFO als Vorgruppe von Judas Priest hat das kleine RockLine-Team zusätzlich motiviert, bis ins tschechische Brünn zum Konzert beider Bands zu fahren. Und das an einem Samstag obendrein. Nichts Schöneres.

Judas Priest begannen ihren Auftritt kurz nach halb zehn Uhr abends. Nach einer verkürzten Version der eingespielten War Pigs (Black Sabbath) und dem eingespielten Intro (Battle Cry) schlug die Band (ähnlich wie im Sommer beim See Rock Festival in Graz) mit dem neuen Dragonaut ein. Alle Jungs auf ihren Plätzen. Gleich zu Beginn bekam Faulkner mehr Raum als Glenn Tipton. So auch im weiteren Verlauf. Ihm wurden auch einige besondere Minuten für eine Solo-Nummer gegönnt.  Der erfahrene Fuchs Tipton überträgt immer mehr wichtige Aufgaben auf den jungen Faulkner. Vor allem was das Solieren betrifft. Halford ist Halford. Er bleibt eine Konstante. Es ist schön, ihn wieder in exzellenter Gesangsform zu sehen. Natürlich für sein Alter. Der Mann bekommt zwar stellenweise Unterstützung vom Mischpult, doch die entscheidenden Kreischer feuert er noch immer mit außergewöhnlicher Leidenschaft und durchdringender Kraft.  Die Band hat die Setlist im Vergleich zu den Sommerfestival-Konzerten um einen Song erweitert. So wurde Devil’s Child in der Setlist durch das großartige Desert Plains (»Point of Entry«, 1981) ersetzt, und Jawbreaker durch das außergewöhnliche Screaming For Vengeance (»Screaming For Vengeance«, 1982). Im Vergleich zur Sommer-Setlist tauchte als zusätzlicher Song The Rage auf dem Repertoire auf. Es ist eine der schönsten Überraschungen des Konzerts – ein übersehener, aber ausgezeichneter Track von einer der erfolgreichsten Platten in der Karriere von Judas Priest, genannt »British Steel« (1980).

Judas Priest lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie sind zu erfahren dafür. Sie spielen mit außergewöhnlicher Souveränität und Lockerheit. Der Sound in der Halle: traumhaft. Das Publikum in der brechend vollen Halle: lautstark und aufgeheizt. Am unterhaltsamsten war der Typ, der das ganze Konzert über kaum auf den Beinen stand. Natürlich wegen eines Übermaßes an Alkohol im Blut. Es sah so aus, als würde er beim Konzert alles Mögliche machen, nur nicht zuhören. Der Onkel verschwand irgendwo zur Konzertmitte aus den vorderen Reihen. Nur um nach etwa 15 Minuten zurückzukehren. Mit zwei Hot Dogs, die der Gutgelaunte Richtung Bühne streckte und Faulkner und Halford anbot. Was einem alles begegnet und was man auf Konzerten nicht alles sieht? Kurzum: Das Publikum verdient die volle Punktzahl dafür, dass es die Band während des Konzerts hoch auf Händen getragen hat. Im Publikum war auch eine große Anzahl jüngerer Heavy-Metal-Fans auszumachen, was sehr, sehr gut ist.  Ausgestattet mit ihren liebsten Judas Priest-Shirts natürlich und sonstigem Metal-Kitsch.

Halford wechselte im Stil eines großen priesterlichen Propheten und biblischen Weisen mehrere Outfits während des Konzerts, tauschte ein paar predigerhafte Worte mit dem Publikum aus, fuhr vor Hell Bent For Leather mit einem Motorrad auf die Bühne (und sang das Lied auch vollständig vom Motorrad-Sattel aus) und heizte vor You’ve Got Another Thing Comin‘ das Publikum theatralisch mit Vokalärien auf, die das Publikum nach ihm wiederholen musste.

Die obligatorische Zugabe gehörte zunächst Schlagzeuger Scott Travis, der das Publikum zuerst fragte, ob es noch ein Lied hören wolle. Angesichts der Tatsache, dass Travis ganz allein auf der Bühne stand, war klar, um welches Stück es sich handelte. Die Band stieg in Painkiller ein, dem Publikum drehte sich ein letztes Mal der Kopf, und Judas Priest spielten zum Abschluss noch den vierten Track des Abends vom »British Steel«-Album, treffend betitelt Livin‘ After Midnight.

Ein Judas Priest-Konzert zu besuchen bleibt ein Spektakel seiner Art, dem nichts gleichkommt – nicht mal annähernd. Das Erlebnis mit dieser Band live auf der Bühne bleibt einzigartig. Die Form bleibt, die Agilität ebenso. Das neue Album am Horizont verlängert auf natürliche Weise die Lebensdauer dieser Metal-Legenden. Es ist klar, dass wir sie wiedersehen werden. Hoffen wir, dass es bald sein wird.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


JUDAS PRIEST:
1. War Pigs (eingespieltes Intro)
2. Battle Cry (eingespieltes Intro)
3. Dragonaut
4. Metal Gods
5. Desert Plains
6. Victim of Changes
7. Halls of Valhalla
8. The Rage
9. Turbo Lover
10. Redeemer of Souls
11. Beyond the Realms of Death
12. Screaming for Vengeance
13. Breaking the Law
14. Hell Bent for Leather
15. The Hellion
16. Electric Eye
17. You’ve Got Another Thing Comin‘
—Zugabe—
18. Painkiller
19. Living After Midnight
20. Beginning of the End (eingespielter Abgang)

UFO:
1. Mother Mary
2. Run Boy Run
3. Lights Out
4. Venus
5. Burn Your House Down
6. Only You Can Rock Me
7. Let It Roll
8. Messiah of Love
9. Rock Bottom
10. Doctor Doctor

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