Frank Zappa: Waka/Jawaka (Vinyl-Reissue zum 50. Jubiläum)
Label: Bizarre/Reprise // Zappa Records/Ume (Reissue zum 50. Jubiläum des Originalreleases)
Reissue-Datum: 16.12.2022 (zum 50. Jubiläum des Originalreleases)
Originalrelease: 5.7.1972
Produktion: Frank Zappa
Mix 2022: Ahmet Zappa & Joe Travers
Spielzeit: 36:08 Min.
Genre: Jazz Rock Fusion / Progressive Rock
Wertung: 10/10
1972, nach einem katastrophalen Tourende und der Auflösung seiner Begleitband The Mothers (ursprünglich The Mothers Of Invention), begann Frank Zappa – genialer Komponist, Gitarrist, Regisseur, Satiriker und noch einiges mehr – im Rollstuhl sitzend, neue Kreativkräfte zu sammeln (wofür er im Vergleich zu den meisten anderen Musikern verschwindend wenig Zeit brauchte) und konzentrierte sich eine Weile komplett auf Studioprojekte. Die damalige Tour endete nämlich damit, dass ein durchgeknallter »Fan« Frank mitten im Auftritt von der Bühne stieß, weil der der Auserwählten des Typen angeblich ein paar zu freche Blicke zugeworfen hatte. Solches Flirten mit dem weiblichen Teil des Publikums war in Franks Live-Karriere jedenfalls beileibe keine zufällige Ausnahme – falls das wirklich der Grund war und man einem neurotischen Trottel glauben darf, der auf so niederträchtige Weise zu einem Teil der Musikgeschichte wurde. Das Endergebnis dieses unerfreulichen Zwischenfalls: ein gebrochenes Bein und Zwangsmobilität im Rollstuhl. Frank verzichtete also vorerst sowohl auf Konzertauftritte als auch auf die Zusammenarbeit mit einer Begleitband. Stattdessen heuerte er einen persönlichen Bodyguard für Konzerte an und richtete seine musikalische Aufmerksamkeit wieder auf den Jazz Rock Fusion, mit dem er sich auf dem Meisterwerk »Hot Rats« (1969) einen Namen gemacht hatte – für die meisten bis heute sein bestes Album, das ihn endgültig unter die brillantesten Komponisten des 20. Jahrhunderts einreihte. Was Eigenständigkeit, Stilmix und das Sprengen von Genregrenzen zwischen klassischer Musik, Jazz, Avantgarde und Rock angeht – alles auf technisch außergewöhnlich hohem Niveau und mit der obligatorischen Dosis Satire in einzelnen Kompositionen –, da war Frank unerreicht, und das wird er sehr wahrscheinlich auch bleiben.
»Waka/Jawaka« war Franks triumphale Rückkehr zum Jazz Rock Fusion und eine Art Fortsetzung dessen, wo »Hot Rats« aufgehört hatte. Dafür spricht auch das typisch ironische Cover mit einem Waschbecken. Auf dem linken Hahn steht »heiß«, auf dem rechten dagegen nicht »kalt«, sondern »Ratten«. Offenbar spielte auch Frank mit der Idee, dieses Album symbolisch als Nachfolger seines erfolgreichsten Albums zu verknüpfen. Der Albumname soll von einem Slangausdruck für einen speziellen rhythmischen Gitarrensound stammen, der damals angesagt war. Für dieses Projekt scharte er wieder ein regelrechtes kleines Orchester aus erstklassigen, vielseitigen Musikern um sich. Mit den meisten hatte er bis dahin schon erfolgreich zusammengearbeitet. Dazu zählten der exzellente Jazz-Keyboarder George Duke, der britische Schlagzeug-Workaholic Aynsley Dunbar sowie Keyboarder Don Preston, das einzige Mitglied der originalen The Mothers Of Invetnion, das auf diesem Album mitwirkte. Frisches Blut brachten Gitarrist Tony Duran, ein Meister der Slide-Gitarre, der bassistische Sonderling Erroneous sowie eine hervorragende Bläsersektion rund um Trompeter Sal Marquez, die Saxofonisten Mike Altschul und Joel Peskin und die Posaunisten Ken Shroyer und Bill Byers. Das Ergebnis war eine außerordentlich eklektische Mischung aus Jazz-Rhythmen mit jeder Menge komplexer, aber witziger Gitarrenpassagen und prächtigen Bläserarrangements in bester Tradition der Miles-Davis-Besetzung aus der »Bitches Brew«-Ära. Die Eckpfeiler des Albums sind der Eröffnungs- und der Schlussteil, beides Jazz-Rock-Fusion-Instrumentals, während dazwischen zwei Stücke mit Gesang eingeklemmt sind – witzige Mischungen aus Blues, Funk und Hard Rock, bei denen natürlich auch satirische, sexuell angehauchte Texte nicht fehlen.
Das Eröffnungsinstrumental »Big Swifty« ist für mich persönlich locker eines der besten Stücke in Franks Karriere und ein Meisterwerk des avantgardistischen Jazz Rock Fusion. Schon zu Beginn des Albums kann man Franks grenzenloses kompositorisches Genie bewundern: Mit scheinbar unfassbarer Leichtigkeit verbindet er auf den ersten Blick unvereinbare Elemente traditioneller ernster Musik mit Elementen populärer Musik, die für Klassik- oder Jazz-Puristen bis vor Kurzem noch minderwertig war, und formt sie nach seiner komischen Handschrift zu einem regelrechten Theater des musikalischen Absurden. Schon das einleitende, irrsinnig witzige Bläsermotiv erinnert an die Kapelle montenegrinischer Volkstrompeter mitten auf einer Bauernhochzeit. Für jede Menge witziger Bläser (vor allem Hörner) und Glöckchen sorgt hier der hervorragende Sal Marquez. Die Rhythmusgruppe Erroneous/Dunbar rattert im Intro mit unglaublicher Präzision und Eingespieltheit los. Frank streut dazwischen ein paar interessante Gitarrenimprovisationen ein. Als Fundament dient durchgehend Dukes E-Piano, das sich stellenweise durchaus mit der Meisterschaft des verstorbenen Joe Zawinul (Weather Report) messen kann. Mit der Zeit beruhigen sich der Verlauf der Komposition und die aufgeheizte Stimmung etwas. Im Mittelteil stehen vor allem der Trompetensound und Franks Gitarrensoli im Vordergrund, während sich die Rhythmusmotive ständig verändern. Irgendwann stößt Tony Duran mit der Slide-Gitarre zu Frank und sorgt für einen Hauch Blues. Einer der besten Momente kommt, wenn sich Gitarrensolo und Trompetensolo ineinander verschlingen und gemeinsam ein schönes »filmisches« Motiv erschaffen. Das Aufregendste daran: Die Komposition behält trotz ihrer Komplexität ihren melodischen und verschmitzten Charakter und weicht keinen Moment von der klanglichen Kontinuität ab, die das Eröffnungsmotiv vorgegeben hat, und verliert sich auch nicht in übertrieben eigenwilligen Improvisationen. Allein dieses brillante Stück, meiner Meinung nach das beste des Albums, reicht aus, um dem Album den Titel Meisterwerk und eines von Franks großartigsten Alben zu verleihen – aber auch der Rest ist beileibe nicht von schlechten Eltern.
Es folgen zwei Kompositionen, die in etwas »bodenständigere« Rock-Gewässer steuern und sowohl in den Texten als auch in den Titeln einige sexuelle Anspielungen enthalten. Bei »Your Mouth«, einer irrwitzig witzigen Mischung aus Funk, Jazz und Blues, übernimmt Chris Peterson die Rolle des Leadsängers, der eine ziemlich funkige Stimme hatte. In den Refrains wird er hervorragend von weiblichen Gesangsharmonien und einer kraftvollen Bläsersektion unterstützt. Der Text ist typisch Zappa’sche, anzügliche Satire auf lockere Beziehungen zwischen den Geschlechtern, im Geiste und Wesen des Klassikers »Broken Hearts Are For Assholes«. Auch wenn es keine künstlerischen Höhepunkte von Frank bietet, ist es eine überaus unterhaltsame und schelmische Rock-Satire auf das pathetische Ende einer Beziehung.
»It Might Just Be a One-Shot Deal«, getragen von Franks akustischen Country-Gitarrentönen, behandelt ähnliche Lyrik-Themen wie »Your Mouth«, nur auf etwas weniger sarkastische Weise. Hier wechseln sich drei verschiedene Stimmen ab (interessant, dass Frank sich auf diesem Album gesanglich komplett »enthalten« hat). Zu Beginn singt sie das »Cowgirl« Janet Ferguson. Danach löst sie der groteske, spöttische Gesang des zusätzlichen Gitarristen Tony Duran ab. Franks Country-Passagen klingen absichtlich verstimmt und dadurch ziemlich komisch. Trotz der anfänglichen Country-Stimmung, vor allem durch die akustischen Gitarrenmotive, dreht sich der Charakter der Komposition im weiteren Verlauf in andere Gewässer. Dann folgt nämlich ein spaßiger »hawaiianischer« Abschnitt mit Jeff Simmons an der Hawaii-Gitarre und am Gesang. In diese Passage mischt sich auch ein tolles Pedal-Steel-Solo aus den Händen von »Sneaky« Pete Kleinow. Zum Schluss folgen eine rhythmische Steigerung und die Wiederholung des ursprünglichen Country-Motivs auf der Akustikgitarre.
Direkt danach folgt die abschließende Instrumentalkomposition »Waka/Jawaka«, die den zweiten der beiden Jazz-Rock-Fusion-Höhepunkte des Albums darstellt. War »Big Swifty« von der Stimmung her ziemlich theatralisch, energiegeladen und zerstreut, ist dieses Instrumental sein genaues Gegenteil, denn es ist deutlich subtiler, wenn nicht sogar leicht romantisch. Mit seiner Atmosphäre erinnert es sogar ein bisschen an Filmmusik, die gut in einen der frühen James-Bond-Filme oder zu Sergio Leones Italowestern passen würde. Auch das ist eine meisterhafte Schöpfung, die eine noch reichhaltigere Bläsersektion und noch mehr witzige Gitarrensoli von Frank enthält, mit denen er nie gegeizt hat. Schon das Eröffnungsmotiv, in dem die üppige Bläsersektion mit unvorhersehbaren Rhythmuswechseln und den Tastenkünsten von Don Preston an Klavier und Minimoog verschmilzt, ist brillant und die reinste Ohrenweide. Prestons Minimoog-Solo platzt förmlich vor Witz und Spontaneität. Man muss sich gar nicht fragen, warum er immer einer von Franks Lieblingskeyboardern war und warum er bis heute eine Band hat, mit der er zahlreiche Zappa-Klassiker spielt. Kunstvoll folgt ein langes Gitarrensolo von Frank, bei dem sogar Hendrix applaudiert hätte, und danach eine bunte Bläsersektion mit Saxofonen, Posaune, Piccolo, Klarinette und Horn. Auch ein kurzes Schlagzeugsolo von Dunbar fehlt nicht. Im Schlussteil wiederholt sich noch einmal das einleitende, irrwitzig witzige »filmische« Motiv, bei dem die Bläser mit den Glockenschlägen in vollkommenem Einklang mit der Rhythmusgruppe stehen und einige der besten Momente in der Geschichte des Jazz Fusion – und, wenn ich das so sagen darf, auch des Progressive Rock – zeigen. So endet eines der ausgereiftesten und großartigsten Alben in Franks reicher Diskografie.
Manche nennen »Waka/Jawaka« einfach »Hot Rats 2«, und dem kann man auch kaum widersprechen, denn es ist mehr als ein hervorragender Nachfolger dieses legendären Albums, der es in manchen Teilen sogar übertrifft, auch wenn er es nie überstrahlt. Persönlich würde ich dieses Jazz-Rock-Fusion-Kunstwerk unter Franks zehn, vielleicht sogar fünf besten Alben einordnen. Bei all seinem enorm reichen und vielfältigen Schaffen kehre ich immer wieder am liebsten zu seinen Jazz-Rock-Fusion-Alben zurück, die zwar meist nicht so viel lyrisch verdrehten, avantgardistischen Humor enthalten, aber schon allein die Strukturen der Kompositionen sind so brillant witzig, dass sie den Hörer problemlos zum Lachen bringen. Was kompositorisches Können, die Ausstrahlung einzelner Stücke und die Art der Vermittlung angeht, konnte sich Frank völlig ebenbürtig neben die besten Jazz-Fusion-Acts stellen, etwa Weather Report, Mahavishnu Orchestra, Return To Forever und so weiter. »Waka/Jawaka«, das erste der beiden Jazz-Rock-Fusion-Meisterwerke, die er in dieser Phase aufnahm, war ein schöner und beredter Beweis dafür, dass das Sprichwort stimmt, wonach die schwierigsten Situationen (wie die Verletzung während des Auftritts) zur Verwirklichung der größten Kunstwerke führen.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Tracklist:
Seite A:
1. Big Swifty (17:23)
Seite B:
1. Your Mouth (3:12)
2. It Just Might Be a One-Shot Deal (4:16)
3. Waka / Jawaka (11:18)
Besetzung:
Frank Zappa – E-Gitarre, Akustikgitarre auf Track 3, Percussion auf Track 1, Fx & Gesang auf Track 3
Mitwirkende Musiker:
Chris Peterson – Gesang (2,4)
Janet Ferguson – Gesang (3)
Tony Duran – Slide-Gitarre (1-3), Gesang (3)
Peter Kleinow / Pedal-Steel-Gitarrensolo (3)
Jeff Simmons / Hawaii-Gitarre & Gesang (3)
George Duke / E-Piano (1), Tack Piano (2)
Don Preston / Piano & MiniMoog (4)
Sal Marquez / Trompete, Röhren (1,4), Flügelhorn (4), Gesang (2-4)
Joel Peskin / Tenorsaxofon (2)
Mike Altschul / Bassflöte (4), Bassklarinette (4), ‚Piccolo‘-Flöte (2,4), Baritonsaxofon (2), Tenorsaxofon (4), Saxofone
Kenny Shroyer – Posaune (4), Baritonhorn (4)
Billy Byers – Posaune (4), Baritonhorn (4)
Alex Dmochowski – Bassgitarre, ‚Fuzz‘-Bass (4), Gesang (3)
Aynsley Dunbar – Schlagzeug, Tamburin & Waschbrett (3)
