`Cmakanje `18` mit Agan, Lintver und Blackoutt (2018)
Auftretende: Agan, Lintver, Blackoutt
Ort: Cerkno / C.M.A.K. / Slowenien
Wann: 08.09.2018
Ein neues »Cmakanje« ist ins Land gekommen, das 20. der Reihe nach. Wohin denn sonst als in die Hügel und Täler des Cerkljansko-Berglands, genauer gesagt in den altgedienten und unzerstörbaren C.M.A.K. in Cerkno. Einer der seltenen Klubs, der die verarmte slowenische Underground-Szene mit regelmäßigen Konzertveranstaltungen versorgt. Wir können stolz auf ihn sein, dass er trotzt und durchhält. Böse Mächte sind stets auf der Lauer, doch ein unverdorbenes Herz können sie nicht »beschlagnahmen« und seine Reinheit trüben.
So kam der 8.9.2018, und der erste Tag des diesjährigen »Cmakanje« musste über die Bühne gebracht werden. Im Zeichen von Metal und Alternativ-Rock. Die Uhr zeigte bereits weit nach neun Uhr abends – denn zu diesem Zeitpunkt war der Auftritt der ersten Band offiziell angesetzt. Nun, auf dem Veranstaltungsgelände bin ich allerdings, wie es meine Gewohnheit ist, wieder mit ordentlicher Verspätung aufgekreuzt. Aber genau richtig. Denn die slowenischen atmosphärischen Metaller Agan, mit deutlicher Anlehnung an Death-Metal-Einflüsse, hatten gerade erst begonnen zu donnern. Agan soll angeblich recht schwer auf einer Bühne zu erwischen sein (in Cerkno traten sie an diesem Abend überhaupt zum ersten Mal in ihrer Karriere auf). Die Band ist seit 2009 aktiv und kommt aus dem Baška grapa (ihr kennt doch jene Gegend von Bača in Richtung Porezen – also u. a. Kneža, Huda Južna und alles weiter in Richtung Podbrdo?). Sie sagen, sie fühlen sich zur Ursprünglichkeit der Mutter Natur hingezogen, aber auch zum alten Glauben – nennen wir es schlicht »Rechtgläubigkeit«. Das Wort Agan ist ein slowenischer Archaismus und bezeichnet einen Zustand des Klangeinklangs, der aus der Natur kommt. Sie komponieren eine ungemein ansteckende und musikalisch gefällige Metal-Passion, durchzogen von sinfonischen Einlagen – was häufig auch für die Eröffnungspassagen gilt –, gekreuzt mit der elementaren Schärfe des Riffs. Der Gesang ist rau und schmiegt sich angenehm der musikalischen Vision der Band an – die Jungs sind aber, ungeachtet der Tatsache, dass ihr Originalmaterial nach all den Jahren noch nirgends offiziell dokumentiert ist, echte erfahrene Haudegen, denn sie haben u. a. bereits beim Metaldays Festival gespielt, im Orto bar, und im Ausland (Laakirchen, Festival Eresia Metalfest). Doch im Herbst dieses Jahres kündigen sie die Veröffentlichung ihres Studiodebüts an, und so präsentierten sie in einer satten Spielzeit von knapp einer Stunde ausschließlich Originalmaterial. Domen Duša (Gesang, Gitarre), Robi Lapanja (Bassgitarre), Sašo Kokošar (Schlagzeug) und Vasja Božič (Gitarre) haben ihre Sache mit Auszeichnung erledigt. Souverän, herzlich, hingegeben. Interessant, dass sie unter allen Auftretenden des Abends auch das größte Publikum anzogen. Eine Band, die es wert ist, gecheckt zu werden, eine Band mit Potenzial für die Zukunft – und überhaupt eine Band, die es zu unterstützen gilt. Wegen des gezeigten Potenzials und wegen der allgemeinen Tatsache, dass es dem Metal heute in Slowenien nicht gerade rosig geht. Neuerscheinungen slowenischer Metal-Bands lassen sich im Jahr 2017 oder 2018 nämlich an einer Hand abzählen. Beide Gitarristen hatten auf der Bühne übrigens zusammen vierzehn Saiten.
Lintver, die Thrash-Metal-Revivalisten aus dem Brda, sind im Jahr 2018 ein seltener überlebender Stern des slowenischen Metal-Raums, der noch immer mit großer Intensität leuchtet und Musik schreibt und erschafft. Auf der Szene sind sie seit 2004. Das waren jene goldenen Jahre des Thrash-Metal-Revivals in Slowenien, als es von ähnlichen Bands nur so wimmelte – angeführt von den Hauptprotagonisten der Bewegung, das waren Negligence. Neben Zeitgenossen wie Eruption und den deutlich jüngeren Panikk sind Lintver eine der wenigen »überlebenden« Besetzungen, die nicht aufgehört haben. Vor zwei Jahren haben sie ihr zweites und noch immer aktuelles Studioalbum »Distorted Perception« veröffentlicht, das nach drei Jahren den Erstling »Snakebite« (2013) ablöste. Das Quartett, bestehend aus Erik Kodermac (Gesang, Gitarre), Tilen Grandovec (Gitarre) sowie den Brüdern Damjan (Bassgitarre) und Jan Jakončič (Schlagzeug), stürzte sich mit vollem Eifer in die Darbietung des Materials. Die Jungs zeigten ein außerordentlich eingespieltes, explosives und ungezügeltes Spiel, voller herzlicher Verwebung aus Aggression, zorniger Wut, Wahnsinn und Schmerz. Kompromisslos und auf absolutem Topniveau. Der exzellente Gesang des kampflustigen Erik sowie sein rasendes Solospiel, der eiserne Riff-Griff beider Gitarristen, die hervorragende Kontrolle der Band auch in Momenten extremer Entwicklungen und in Passagenfolgen, wo größeres technisches Know-how gefordert war, lieferten eine vorzügliche Vorstellung, bei der sich alle rechtgläubigen Fans der alten Thrash-Schule – gespielt natürlich in neuen Zeiten, nach den Noten neuer Thrash-Metal-Legionen – die Finger lecken konnten. Von den brutaleren Impulsen des ungezügelten Primitivismus von Slayer und der teutonischen Thrash-Schule (Kreator, Destruction, Paradox,…) bis hin zur kompositorischen Findigkeit, die von der Bay-Area-Bewegung geerbt wurde (Testament, Exodus,…). Für jeden etwas. Wie gesagt. Echtes Thrash-Metal-Schrapnell von vier potenten Hengsten, direkt in die dämliche Stirn. Die Band spielte in Cerkno folgendes Repertoire: Punish the Light, K.K.N.D., World Funeral, Trapped Inside, Erroneous Society, Dark Skies, Dune, Old Disputes… New Recruits.
Als letzte betraten die Blackoutt aus Postojna die Bühne. Das Quartett, mit ebenso beachtlicher Klub-Erfahrung wie die Vorgängerbands, präsentierte in Cerkno Material des Erstlings »Behind« (2013) und des in diesem Jahr frisch veröffentlichten zweiten Langspielers namens »The Culture Of«. Blackoutt, vertreten durch das Quartett Primož Barut (Gitarre), Klemen Čepar (Gitarre), Goran Blaško (Bassgitarre) und Tomaž Čepar (Schlagzeug), haben keine Mittel gescheut, um zu beweisen, warum sie eigentlich diesen Namen tragen. Abschalten! Instrumentales Dröhnen, Donnern und oszillierendes Grollen, angetrieben von einer Serie treffender Stoner-Riffs einer rollenden psychedelischen Bestie, der alkoholische Derivate und andere Rauschmittel entströmen, mit nicht wenigen Indizien, die jenes im Wesentlichen stets diskutable Präfix »post« auf den Plan rufen, lieferte das Erlebnis eines Zustands wahnsinniger Ausschweifung, bei dem die Halswirbel mühelos mitschwingen – vor allem wenn man vorher etwas ›konsumiert‹, das die Vernunft in den Hintergrund drängt. Es ist nämlich unglaublich, wie eine rein instrumentale Band, die in ihrem gesamten mentalen Abschalten auf der Bühne beim Spielen noch so manche bizarre Dinge treibt, mit denen sie ein regelrechtes Gleiten an den Rand des Exzesses provoziert, dennoch so viel Besonnenheit aufrechtzuerhalten vermag, dass sie Song für Song völlig souverän, kompakt und glaubwürdig vorträgt. Beim Umschmeißen von Marshalls, gleichgeschlechtlichen »coitus interruptus«-Einlagen (lies: »crust« ist ein »kleines Baby«) bis hin zum sonstigen Wälzen auf dem Boden ereignete es sich allerdings, dass einen der Gitarristen ein solcher Blackout erwischte, dass er für die korrekte Stimmung seines Instruments die Hilfe seiner Kameraden in Anspruch nehmen musste – was für einige Minuten die benebelte und abwesende Atmosphäre unterbrach; andererseits aber fügte gerade dieser Zwischenfall der Schöpfung eines echten Underground-Gefühls das Tüpfelchen auf dem i hinzu, wo Rock and Roll seinen wahren Vorrang als Rebellion erhält, in der alles erlaubt ist. Die Pflege der rechtgläubigen Underground-Haltung gegenüber Rock and Roll, wie sie Blackoutt so effektiv kultivieren, ist heute eher Ausnahme als Regel. Eine Konzertdarbietung, bei der man keinen Augenblick lang vorhersagen konnte, wie sie sich entwickeln würde. Ein Zusammenspiel von Spontaneität und unerwarteten Aktionen, völliger Enthemmtheit und Versunkenheit – das die Band jedoch stets, wenn sie ihre Exzesse an den Rand getrieben hatte, geschickt zu zähmen wusste. Eine unglaubliche Band. Wenn sie immer so spielt, wie sie es an diesem Abend im C.M.A.K. gezeigt hat, handelt es sich zweifellos um eine große Besonderheit und Attraktion nonkonformistischen Handwerks – und zugleich um ein wohl gehütetes Geheimnis des slowenischen Musik-Undergrounds.
Der erste Akt des diesjährigen »Cmakanje« hat seinen Ritus der rebellischen Metal- und Rock-Messe erfolgreich absolviert. Wir sehen uns im C.M.A.K. wieder am Samstag, 15.09.2018, wenn Bad Notion und Le Serpentine auftreten.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

















