Samael beim unheilig schwarzen venezianischen Jubiläumsgottesdienst zum 25. Jahrestag des Albums »Passage«!
Ort: San Dona Di Piave, Revolver Club, Italien
Datum: Donnerstag, 29. 9. 2022
Den Abschluss dieses Septembers haben wir uns mit einigen aufeinanderfolgenden Konzertbesuchen versüßt. Wille und Zeit waren vorhanden. In San Dona Di Piave, gelegen im venezianischen Teil Italiens, befindet sich auch ein schmuckes Lokal namens Revolver, in dem Hard-Rock- und Metalkonzerte auf Clubniveau stattfinden – vergleichbar mit ähnlichen Locations wie u. a. dem Orto bar in Ljubljana, dem Grazer Explosiv oder dem (ehemaligen) Vintage Industrial bar in Zagreb. Was unsere Konzertabenteuer nach Italien angeht: Früher haben wir den New Age club (in Roncade bei Treviso) besucht, und auch Abstecher nach Pordenone haben wir gerne gemacht, wo damals Il Deposito Giordani aktiv war. Aber das war einmal. Zum Glück gibt es noch den (nach wie vor aktiven) Revolver Club, der derzeit beinahe im Alleingang die gesamte Clubszene der venezianischen und julisch-friulanischen Region rettet – und das in verhältnismäßiger Nähe zu unserer Westgrenze. Das Programm des Clubs kann sich mit einem konstant abwechslungsreichen und farbenfrohen Konzertkalender rühmen, der Fans verschiedener Metal- und Rock-Subgenres zufriedenstellt. Und wie gesagt: Für Slowenien ist er nach wie vor gut erreichbar.
Und auch die legendären Schweizer Industrial-Black-Metaller Samael sind zu einer neuen Konzerttour aufgebrochen, bei der sie ihren Fans versprochen haben, an allen Konzertdaten ihr viertes Studioalbum »Passage« in voller Länge zu spielen. Es handelt sich um ihr Durchbruchsalbum, auf dem sie begannen, ihre Black-Metal-Wurzeln mit Industrialelementen zu verknüpfen und die Texte ihrer Anfangsära – freundliche Oden an Satan – langsam durch Okkultthemen zu ersetzen. Die Band wusste damals nicht einmal, dass sie ein Album geschaffen hatte, das mit seiner Substanz viele inspiriert hat, die es gehört haben. Denn als solches eröffnete es bislang ungesehene Horizonte, in die sich der (extreme) Metal weiterentwickeln sollte.
»Passage« erschien also vor gut 25 Jahren. Ungefähr zur gleichen Zeit, noch vor dem Ende der Neunziger, begannen auch die schwedischen Black/Death-Metaller Diabolical ihre Aktivitäten. Die Brüder Locher hatten diese zur Europatour eingeladen, denn das extrem unheilvolle Quartett sucht seit 2019, als das bislang letzte Album »Eclipse« erschien, immer noch nach der richtigen Gelegenheit, es auf europäischen Bühnen zu präsentieren. In über zwanzig Jahren Bandgeschichte ist die Gruppe bei Albumveröffentlichungen ziemlich zurückhaltend. Doch das neueste Album, also »Eclipse«, ist für Diabolical ein sehr wichtiges Werk. Den Großteil des rund 40-minütigen Sets, mit dem die Band um halb neun Uhr abends den Konzertabend eröffnete, widmete die Gruppe nämlich dem neuesten Album. Bei aller schaurigen Attitüde ein dennoch sehr melodisches Prinzip – und gleichzeitig etwas, das an die aktuellen Manöver von Septicflesh und dem neueren Behemoth erinnert. Den mit symphonischen Elementen unterlegten Hurrikan des verderblichen Death-Metal-Düstertums, den die Soldateska der vier Reiter der Apokalypse – für diesen Abend sorgsam in schwarze Tuniken gekleidet – entfesselte, zogen Diabolical strikt professionell durch und boten ein mehr als vorbildliches Zusammenspiel. Dasselbe galt auch für den Soundmix, der ihre Show begleitete. Durch dichten Nebel – dick genug, um ihn schneiden zu können – lauerte heulend eine eisige Kälte, bei der den Anwesenden im Club die Knochen klapperten. Ein Weckruf! Und wie! Die Band schnitt aus älterem Material nur einen einzigen Song heraus, nämlich Reincarnation of the Damned (»Neogenesis«, 2013), und präsentierte außerdem einen brandneuen Eigentitel namens Transformation Hell.
Samael! An diesem Abend hatte das Quartett eine stattliche Schar treuer Fans im Club versammelt, die gekommen waren, um ihre Helden anzufeuern. Die Band teilte ihr Repertoire in zwei Teile auf. Im ersten spielten sie das Album »Passage« in voller Länge, im zweiten Teil streiften sie durch das restliche Werk ihres langen und üppigen Schaffens. Angeführt wird die Band nach wie vor von den Brüdern Michael »Vorph« Lochert (Gesang, Gitarre) und seinem Bruder Alexandre »Xytras« Lochert (Samples, Schlagzeug, Keyboards, Rhythmusmaschine), ergänzt durch Thomas „Drop“ Betrisey, der bei Samael 2018 vom Bass zur Gitarre gewechselt ist, sowie Bassist Ales Campanelli, der sich vor zwei Jahren der Band angeschlossen hat.
Samael haben in ihrer Show einmal mehr bewiesen, was für kraftvolle und wirkungsvolle Schöpfer einer ansteckenden und hypnotischen Atmosphäre sie sind. Die düster-theatralische Bombastik ihrer Kompositionen erzeugt im Nu ein ganz eigenes Klima, das in den Sog dieses dämonisch anziehenden Magnetismus sofort alles vor sich aufsaugt. Ein im Grunde ziemlich simples Kompositionsprinzip, das alles der Erschaffung einer massiv ins Gesicht starrenden Gitarrenwand unterordnet, der eine schlagartige Stütze durch eine kanonisch weite Rhythmik gegeben wird. Über allem thront der nach wie vor enorm durchdringende, charismatische Growl-Gesang von Vorph sowie seine phantomhafte Ausstrahlung, der sich während des Auftritts der Band buchstäblich alles unterordnet.
Samael sind auf der Bühne ungemein kinetisch. Vorph verwandelt sich in einen echten kleinen Teufel, und ihren Beitrag zum höllischen Szenario leisten auch Bassist Campanelli und Gitarrist Drop, die pausenlos in Bewegung sind. Vor allem bei Campanelli, für den dies die erste Samael-Tour ist, spürt man, wie es ihn regelrecht zerreißt vor Lust aufs Auftreten. Die Band lieferte einen absolut soliden Sound mit der richtigen Balance der Klangelemente. Die verheerende und erbarmungslose Kanonade, die der Höllenkerl Vorph gnadenlos kommandierte, hielt das Publikum in höchster Stimmung. Erst recht, als Jupiterian Vibe mit seiner ansteckenden Kombination aus durchdringendem Rhythmus-Groove und schneidender Phrasierung auf dem Programm stand, dahinter im krassen Kontrast das zerstörerische The Ones Who Came Before, bei dem auch Xytras kräftig an allen Rhythmusprogramming-Mustern arbeitete, sowie der epische Marsch Liquid Soul Dimension. »Passage« ist eine Geschichte für sich, und wahrscheinlich haben an dem Abend während Samaels Vorstellung im Revolver alle venezianischen Hunde den Mond angeheult. Eine neue Wendung der Atmosphäre in weichere Sphären brachte später das ausgeprägt musikalische und beinahe in Pop gehüllte Moonskin. Und so weiter bis zum Ende des Albums. Ohne einen einzigen Ausrutscher! Klasse. Von der ersten bis zur letzten Sekunde des Kultalbums.
Die Band unterlegte ihre Show mit Bühnenkulissen auf einer Projektionsleinwand im Hintergrund, während das Schießen der Scheinwerferstrahlen durchgehend vom Nebelausstoß begleitet wurde. Die Hypnose wirkte in allem. Die zweite Hälfte kam irgendwie viel zu schnell. Darin lieferte die Gruppe in acht Songs Material der übrigen Studioalben. Nicht aller, aber es muss besonders hervorgehoben werden, dass Samael auch Momente aus den Zeiten ihres reinblütigen, spöttischen Black-Metal-Wahnsinns einbauten, als sie irgendwo in der Mitte des zweiten Teils den blasphemischen »Blood Ritual«-Klassiker (1992) …Until the Chaos angingen. Die Band eröffnete den zweiten Teil der Show mit neuerem Samael-Material aus dem aktuellen Album »Hegemony« (2017). Mit demselben Album schlossen sie das Konzert auch ab, als sie das ‚giftige‘ Black Supremacy spielten. Die Energie und Vibration ließ auch in diesem Teil des Konzerts keineswegs nach. Die Band bot ein hervorragendes Zusammenspiel. Zweifelsohne zog der schwarze Apostel Vorph den Großteil der Bühnenpräsenz auf sich – ohne den man sich Samael, ihr Werk und die Konzerte der Band auch nur für einen Moment nicht vorstellen kann.
Ein Konzert und eine Tour, die wie gemacht sind für den echten Samael-Fan. Nicht für den, der nur die erste Platte oder die ersten zwei Platten hört. Die Show im Revolver Club endete viel zu schnell. Gut eineinhalb Stunden schwarzes Zelebrieren, bei dem Samael mit einer kompakten, hervorragend eingespielten und mit echter Hingabe nachempfundenen Show alle Anwesenden verhext haben. Echte Fans der Band hätten sich kaum mehr wünschen können. Und »Passage«? Nach all diesen Jahren gilt es zweifellos als besonderes Studiowerk, das auch nach 25 Jahren von Rost und Schimmel völlig unberührt bleibt. Bei Live-Auftritten packt es sogar noch intensiver zu. Und genau dieses Erlebnis hat auch dieser Konzertbesuch heraufbeschworen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist Diabolical:
1. Tyranni
2. The Fire Within
3. Transformation Hell
4. Requiem
5. Reincarnation
6. Betrayal
7. Black Sun
8. Inception
9. We Are Diabolical
Setlist Samael:
erster Teil – komplettes »Passage«-Album
1. Rain
2. Shining Kingdom
3. Angel’s Decay
4. My Saviour
5. Jupiterian Vibe
6. The Ones Who Came Before
7. Liquid Soul Dimension
8. Moonskin
9. Born Under Saturn
10. Chosen Race
11. A Man in Your Head
—zweiter Teil—
12. Samael
13. Luxferre
14. Son of Earth
15. …Until the Chaos
16. Infra Galaxia
17. Reign of Light
18. Baphomet’s Throne
19. Black Supremacy
