Opeth erobern mit sensationellem Auftritt endlich auch Zagreb (2022)
Nach einer merkwürdigen Phase, in der plötzlich über ganz Europa eine Flut an angekündigten Konzerttourneen hereinbrach, auf die eine Absage nach der anderen folgte – besonders seitens amerikanischer Bands (über die kalkulierten Gründe dafür muss man sich nicht lange auslassen) –, blieb die diesjährige Opeth-Tournee durch den alten europäischen Kontinent, die im September startete und gut zwei Wochen dauerte, zum Glück unberührt.
Die Band, die mit ihrer ‚regressiv-progressiven‘ Ausrichtung – die Opeth in ihrem Material besonders nach dem Album „Watershed“ (2008) intensivierten, wobei die Momente solcher Assoziationen noch tiefer in ihre Geschichte zurückreichen – für Fans härterer Kost heute eine Entdeckung darstellt, über die man anfängt, auch die Pioniere und selbst die obskursten Prog-Rock-Bands zu erkunden, die an der Schwelle von den Sechzigern zu den Siebzigern entstanden. Was heute auf der Szene etwa ‚clevere Epigonen‘ wie Steven Wilson und Porcupine Tree für die Pflege des Prog-Rock-Erbes bedeuten, das sind auf der anderen Seite – nur eben im Progressive Metal – Opeth. Ist halt so. Opeth sind Opeth. Niemand kommt ihnen gleich. Ihre eigene musikalische Geschichte, die aus den ambitionierten Anfängen einer rohen Death-Metal-Haltung heraus diese Ambition experimentell und sensationell in ein Format getragen hat, das schon lange keine wesentliche Verbindung mehr zu diesem Genre aufweist.
Zagreb liegt zum Glück nah an Slowenien, und Opeth-Konzerte lässt man grundsätzlich nicht aus. „In Cauda Venenum“ (2019, RockLine Rezension) ist ein neues, ausgezeichnetes Studioalbum, das wieder abwechslungsreicher und interessanter zu hören ist als der Vorgänger „Sorceress“ (2016), der etwas zu ‚entspannt‘ wirkte. Sprich: retro-progressiv-rockig. Auf Kosten davon litt stellenweise sogar der Kontakt zu den typischen Opeth-Kunstgriffen und Art-Manövern, die diese in jeder Hinsicht phänomenale Stockholmer Band auf einen ganz besonderen Platz im Progressive-Metal-Universum heben.
Es ist 19:45 Uhr. Die isländische Retro-Rock-Band The Vintage Caravan betritt die Bühne. Das aktualisierte Erbe der psychedelischen Tage des klassischen Rocks, geprägt durch Gruppen wie Cream, Vanilla Fudge – zeitweise zog die Band auch in Richtung Led Zeppelin. Ein Trio. Ein einziges Trio. Gitarre/Gesang, Bass und Schlagzeug. Óskar Logi Ágústsson, Alexander Örn Númason und Guðjón Reynisson hatten vor etwa einem Monat mitten in Reykjavik zwei nichtsahnende slowenische Touristen begeistert und ihre spielerische Brillanz beim Auftritt in Zagreb einmal mehr bestätigt. Sehr elementar. Jam-basiert. Aufgebaut auch auf langen Improvisationen (die man bei intensiven Proben erarbeitet), was sich natürlich sowohl in der Bühnenumsetzung der Kompositionen als auch im Songwriting widerspiegelt. Die Band macht keine großen Umwege. Sie sucht den ursprünglichen, rohen Kontakt mit Energie und Vibration, die sie durch die Performance übersetzt, transformiert und so echt und unverfälscht wie möglich in ein bravouröses Rock-Konglomerat überführt. Vom ersten Moment an, als sie ihren dreiviertelstündigen Auftritt mit Whispers eröffneten – vom neuesten und insgesamt fünften Studioalbum „Monuments“ (2021) –, bis zum abschließenden „Voyage“-Track Expand Your Mind (in den sie aus einem Drum-Solo hereinbrachen), begeisterte die Gruppe mit einer Musikparade voll ungeschliffenen, borstig-kampflustigen und abrasiven Rocks, der in seiner verbissenen Energie zeitweise sogar an den allerhühesten Rush (Ära 1974–1976) erinnerte. Dabei macht die Band nichts grundlegend Neues. Es gibt durchaus einigen Revivalismus dieser Art auf der Szene – etwa von schwedischen Bands wie Graveyard, Horisont, Hällas und Witchcraft, dann von den Deutschen Kadavar, usw. Kurzum: eine ausgezeichnete Wahl als Vorband, die ein brillantes Eröffnungserlebnis lieferte und bestätigte, dass sie sich weiter auf einem kräftigen Aufstieg hin zu breiterer internationaler Bekanntheit befindet.
Es ist neun Uhr abends. Das Venue bis in den letzten Winkel gestopft. Eine riesige Menge junger Fans der harten Musikkultur ist begeistert dabei – der beste Beweis dafür, dass Heavy Metal niemals sterben wird. Noch mehr: In der Luft knisterte es förmlich vor Funken des ungeduldigen, konzerthungrigen Publikums. Opeth haben bei genau diesem Konzert, also ihrem Debütauftritt in Zagreb, vollkommen überrascht. Dass sie einen ausgezeichneten Auftritt abgeliefert haben, hast du wahrscheinlich schon selbst erraten – überraschend war aber vor allem die leicht angepasste Setlist. Gleich zu Beginn. Sie eröffneten ihren Auftritt mit dem Klassiker aus dem eisernen Repertoire Ghost Of Perdition, den sie auf der aktuellen Tournee nur sehr selten oder gar nicht gespielt hatten. Normalerweise eröffneten sie Konzerte mit dem neuen Svekets Prins. Ghost of Perdition tauchte auf dieser Tournee in der Setlist vor dem Zagreber Auftritt nur einmal auf. Drei Tage zuvor. Beim Auftritt in Bukarest. Das Publikum begann die Band sofort aus der Hand zu fressen.
Gleich zu Beginn musste der Sound noch kalibriert werden. Mit der Zeit wurde das Phrasing klarer, das Zusammenspiel der beiden Gitarren hallte deutlicher heraus, Akerfeldts Stimme war zentral, autoritativ und klar in den Vordergrund gestellt, Mendez‘ Basslinien fett und entschlossen betont. Das Schlagzeug hätte noch etwas mehr klangliche Tiefe und Durchschlagskraft vertragen können (die Bassdrum hallte etwas flach), und die Keyboards zogen – erwartungsgemäß – im Laufe des Konzerts ein paarmal den Kürzeren. Joakim Svalberg war gleich mit zwei Melotrons ausgestattet (eines unter den Nord-Keyboards, ein weiteres unter dem Hammond). Vokal ist Akerfeldt nach wie vor in sehr guter Verfassung, auch wenn er sich an die Growl-Linien macht. Seine Stimme bleibt eines der Hauptmarkenzeichen der Band – egal ob Clean-Gesang oder Growl. Die Kommunikation des Quintetts, besonders der vorderen Frontlinie Akerfeldt-Akesson-Mendez, ist eine solide Konstante, und es ist toll, aus der Nähe zu beobachten, wie die Bandmitglieder in ständigem Blickkontakt stehen und sich mit Gesten und Grimassen verständigen – vor allem in den technisch anspruchsvollsten Teilen ihrer oft schlangenartig verzweigten Kompositionen. Mit einem Wort: Der Opeth-Sound war geboren. Unerschütterlich und makellos.
Das große Fragezeichen war der frisch verpflichtete Schlagzeuger, der junge Finne Waltteri Väyrynen. Er kam zu Opeth direkt aus den Reihen seines vorherigen Arbeitgebers, den englischen Doom/Gothic-Metal-Legenden Paradise Lost. Wenn die ihn bezahlten, um ’nicht zu viel zu trommeln‘ – bzw. wenn schon, dann genau so viel wie nötig –, dann wird es bei Opeth ab sofort genau umgekehrt sein. Das bewies er während des Auftritts, und seinen Höhepunkt krönte er ausgerechnet beim obligatorischen Zugabenblock, einem der definitiven Gipfelpunkte des Opeth-Abends, als sie sich eine ihrer ambitioniertesten Kompositionen der Karriere vornahmen, das legendäre Deliverance. Lustigerweise ist Waltteri Väyrynen Jahrgang des Studio-Debüts der Band, „Orchid“ (1995). Könnte Akerfeldt seinem Alter nach sein Vater sein – Waltteri kann ihn trotzdem jederzeit Zigaretten holen schicken, denn in Zagreb ist er im Gegensatz zu Mikael schon aufgetreten. Mit Paradise Lost. Der Typ hat also in jeder Hinsicht begeistert und überzeugt (auch wenn er hinter dem Schlagzeug noch Meilen sammelt).
Mikael Akerfeldt, der Hauptvisionär, der Antriebsmotor und große Häuptling der Band, bleibt auch im Jahr 2022 der schlagfertige Wortakrobat und begeisterte Plauderer. Den ersten längeren Monolog gab es vor Demon Of The Fall („My Arms, Your Hearse“, 1998), wo Mikael betonte, dass es sich um einen Song handelt, von dem sein damaliger Opeth-Kamerad und Mitautor, Gitarrist Peter Lindgren, gesagt hatte, er würde ein großer Hit werden. Das, wie Akerfeldt mit einem Hauch seines typisch zynischen Humors hinzufügte, ist natürlich nicht passiert. Inmitten dieser unterhaltsamen Anekdoten aus den alten Opeth-Tagen trat die Begeisterung der Band zunehmend in den Vordergrund – eine Reaktion, die sie in der Zagreber Tvornica Kulture sicher nicht erwartet hatten. So stellte Akerfeldt bald laut fest, dass er sich frage, warum zum Teufel Opeth nicht schon früher nach Zagreb gekommen seien. Die Sprechchöre und der Applaus waren zeitweise so lautstark, dass Akerfeldt mit seiner Crew verstummte und nur sprachlos in die vollgepackte Halle starrte. Womöglich hat all diese überkochende Energie dazu beigetragen, dass dem Guten während eines Songs die sechste Saite an der ‚grünen PRS‘-Gitarre riss, woraufhin ihn der Techniker blitzschnell mit einer Ersatzgitarre (der ‚weißen PRS‘) versorgte.
Opeth sind nach wie vor auf absolutem Top-Niveau eingespielt. In den technisch anspruchsvollen Passagen verlieren sie keinen Moment die Fassung. Die Chemie, die das Quintett verbindet, ist auf der Bühne schlicht phänomenal. In den ruhigsten Passagen, wo Akerfeldts vokale Feinfühligkeit nur vom ’scheuen‘, aber mystischen Keyboard-Klang begleitet wurde – der sich dabei keineswegs von der ausgeprägt düster-melancholischen Atmosphäre entfernte, für die das Werk der Band bekannt ist –, stach der besonders schöne Mellotron-Klang hervor. In diesen ‚intimeren‘ Momenten, die gerade für Club-Venues besonders passend sind (von denen die Tvornica Kulture nicht weit entfernt ist), störten einzelne laute Rufe angetrunkener und aufgewühlter Köpfe aus dem Publikum diese Passagen wiederholt und zerrissen unschön die errichtete Kulisse der intensiven, düsteren Atmosphäre. Doch auch dann blieben Opeth durchgehend fest in ihren Positionen. Souverän, professionell. Vollkommen auf ihre Arbeit fokussiert. Auf höchstem Niveau. Dazu gehört auch der Moment, als Fredrik Akesson mitten im Spielen – fast nebenbei – die Saiten auf eine andere Tonlage umstimmte.
Insgesamt elf Songs dieses ‚malerischen Unikums des Heavy-Metal-Progressivismus‘, wobei das Publikum beim obligatorischen Zugabenblock mit seinem ungebändigten Fanfieber und seiner Hingabe noch den „Watershed“-Klassiker The Lotus Eater herausjubelte, der auf der Zagreber Setlist eigentlich nicht vorgesehen war. Fast zwei Stunden Opeth-Show. Die Alben „Pale Communion“ und „Still Life“ fehlten diesmal im Repertoire, aber die Band lieferte eine ausgesprochen gelungene und erlesene Auswahl, bei der auch The Lepper Affinity („Blackwater Park“) und Hope Leaves („Damnation“) nicht fehlen durften. Wie gesagt: Den absoluten Höhepunkt des Abends brachte definitiv das abschließende progressiv-metallische, düster-sinfonische Epos Deliverance.
Opeth haben mit ihrem Auftritt in Zagreb ihre Unverwüstlichkeit bestätigt. Den Ruf einer der aufregendsten Progressive-Metal-Bands, die mit ihrer kompositorischen Doktrin seit mehr als zwei Jahrzehnten das Bild der unvergänglichen Welt des Metals in all seinen Genre- und Cross-Genre-Formen prägen. Starker Fokus und außergewöhnliche Bühnenstärke. Die Jahre, die Meilen, die Erfahrung – kurzum: Meister ihres Handwerks! Akerfeldt bleibt der spöttische Witzbold. Die Crew um ihn herum: phänomenal. Ein Konzert, das intensive Gefühle hinterließ. Noch lange, nachdem wir tief auf dem Weg nach Ljubljana und weiter nach Pivka unterwegs waren. Ach ja, stimmt. Diesel in Kroatien kostet 1,54 €/l, und Benzin ist preislich mit Orbáns Ungarn vergleichbar – 1,23€/l. Auf solchen und ähnlichen Konzertodysseen wird man da ab sofort obligatorisch tanken.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen
The Vintage Caravan Setlist:
1. Whispers
2. Crystallized
3. Reflections
4. Innerverse
5. Forgotten
6. On the Run
7. Drum Solo/Expand Your Mind
Opeth Setlist:
1. Ghost of Perdition
2. Hjärtat vet vad handen gör
3. Demon of the Fall
4. The Leper Affinity
5. Reverie/Harlequin Forest
6. Nepenthe
7. Hope Leaves
8. The Devil’s Orchard
—Zugabe—
9. Sorceress
10. The Lotus Eater
11. Deliverance

























