Simple Minds: Selbst der Regen konnte die Magie in Udine nicht stoppen (2018)
Ort: Udine / Castello Di Udine / Italien
wann: 10.07.2018
Simple Minds auf neuer Tour und mit einem neuen Album in der Tasche! Präsentiert das neunzehnte Studioalbum in Folge: »Walk Between Worlds«. Für Simple Minds ist Italien eigentlich ein zweites Zuhause, denn Sänger Jim Kerr lebt schon seit vielen Jahren in Italien. Simple Minds halten an ihrer konzertanten Unerschütterlichkeit und außerordentlichen Entschlossenheit fest. Kompromissloser, eiserner Bühnenfokus. Bis zu diesem Julitag, an dem sie das italienische Udine und die dortige zauberhafte Burgkulisse mit der weitläufigen Grünfläche davor besuchten, hatten sie bereits eine ordentliche Konzertreihe absolviert und zahlreiche europäische Spielstätten bereist, an denen sie das neue Studioalbum präsentierten.
Für das neue Album hat die Band die Besetzung kräftig umgekrempelt. Gleichzeitig wurden die am neuen Album beteiligten Musiker auch für die neue Tour behalten. Die tragenden Säulen der Besetzung sind nach wie vor die zwei essenziellen Figuren von Sound und Stil der Gruppe. Der erste ist Sänger Jim Kerr, der zweite Gitarrist Charlie Burchill. Am Bass behielten sie Ged Grimes, der bei Simple Minds schon ein alter Hase ist, und gesellten dazu vier weitere Musiker: Gitarrist Gordy Goudie, Sängerin und Background-Vokalistin Sarah Brown, die ebenfalls schon seit Jahren mit der Gruppe zusammenarbeitet, Schlagzeugerin Cherisse Osei und Catherine AD, zuständig für Keyboards, Gitarre und Background-Vocals. Damit sind Simple Minds plötzlich zum Septett herangewachsen, und in der neuen Besetzung dürfen sie sich gleich drei Musikerinnen rühmen.
Unsere letzte Begegnung mit dieser legendären New-Wave-Band schottischer Herkunft verknüpft sich mit der Erinnerung an ein Konzert, das von Niederschlägen überschüttet wurde, die das Gelände der Arena Alpe Adria mitten im italienischen Lignano Sabbiadoro fluteten — die Gruppe trat dort am 29.07.2014 auf. Unglaublich, aber auch das Konzert der Gruppe in Udine brachte alles andere als besseres Wetter. Zur Burg schlängelte sich eine lange, kaum überblickbare Schlange von Fans, die es kaum erwarten konnten, die Gruppe zu treffen. Schon kurz nach sieben Uhr abends warteten sie dort auf Einlass. Und irgendwann kurz nach acht begann es vom Himmel zu tröpfeln. Das Tröpfeln war anfangs harmlos, nahm dann aber langsam an Stärke zu. Bis zum Konzert, das für halb zehn Uhr abends angekündigt war, wurden wir schon ordentlich durchgespült — zum Glück aber ohne Anzeichen eines Gewitters oder der Gefahr, dass die Wolken vollends aufbrechen würden. Aber gerade genug, um lästig zu sein. Mit hochgezogener Kapuze hörte man das Konzert schlecht. Also war es besser, komplett durchnässt zu sein, als gar nichts zu hören. Und das passiert ausgerechnet bei einem Konzert, das außerordentliche klangliche Feinheit und Präzision verlangt. So ein Mist. Simple-Minds-Konzerte sind bekannt für ihren hohen Klanganspruch — hier hörst du während des Konzerts sogar eine Stecknadel fallen.
Die Band also knallte fünf Minuten nach halb zehn auf die Bühne und feuerte erwartungsgemäß sofort einen Song aus dem frisch erschienenen Album »Walk Between Worlds« ab: einen der besten Tracks darauf, Signal And the Noise. Das Publikum in Anoraks, mit Regenschirmen. Gewohnt an solche Regenschauer. Auf den Regen wurde kaum geachtet, denn die kernigen Glasgower vertrieben den Gedanken daran mit ihrer gewaltigen Ausstrahlung (Jim Kerr), dem Sound, der Routine, der Erfahrung und überhaupt der Bühnenpräsenz und -essenz im Nu — und auf dem Gelände blieb nur Platz für eine Sache. Positive Vibes.
Klar, Regen und Wind machten immer wieder Ärger und trugen den Sound gelegentlich davon, was sich ein paarmal in der schwer hörbaren Gitarre von Charlie Burchill widerspiegelte — doch Simple Minds heizten dem italienischen Publikum andererseits derart ein, dass es der Band wie verwettet aus der Hand fraß. »Walk Between Worlds« ist eine herausragende neue Studioleistung der Gruppe, von der man sagen kann, dass sie eigentlich ein klassisches Simple-Minds-Album ist. Hand aufs Herz. Die Band hat dafür einige Ideen verwendet, die noch in den Achtzigern und Neunzigern entstanden sind, besitzt aber wie sein Vorgänger »Big Music« außergewöhnlichen Tanzcharakter und Rhythmik. Das Material des neuen Albums funktioniert hervorragend im Zusammenspiel mit den Klassikern der Gruppe, die mit dem magischen und hypnotischen Waterfront vertreten waren, gefolgt von Let There Be Love — dem ein weiterer Real Life-Klassiker folgte: See the Lights —, dem feierlichen Mandela Day, dem hinreißenden She’s A River und der ansteckenden romantischen Sommergeschichte Someone Somewhere in Summertime… Eine wunderschöne Überraschung beim Konzert brachte die Integration des Titelstücks des Simple-Minds-Albums »Once Upon A Time« (1985), sodass wir zusammen mit den bekannten und unverzichtbaren Konzertfavoriten (Ghost Dancing, Sanctify Yourself, Alive And Kicking und All The Things She Said) von diesem Album gleich fünf Songs zu hören bekamen! Kerr überließ Sarah Brown am Mikrofon zwei Nummern und verschwand derweil backstage, um seinen Stimmbändern eine Pause zu gönnen. Nämlich für das The-Call-Cover Let The Day Begin und die wunderschöne Ballade Dolphins. Sarah hat ihre Aufgabe hervorragend gemeistert, aber Dolphins mit Kerr am Mikrofon funktioniert doch ganz anders. Das sitzt, wie es sitzen soll. »Simple-Minds-mäßig«.
Im großen Finale spielte die Band erwartungsgemäß New Gold Dream (81-82-83-84) und den allseits erwarteten, frenetisch gefeierten Hit Don’t You (Forget About Me), mit dem sie den regulären Teil abschlossen — und es war ein Leichtes vorherzusagen, dass noch eine Zugabe mit den fehlenden Hits folgen würde, die Simple Minds mit Alive and Kicking eröffneten und mit Sanctify Yourself beendeten.
Jim Kerr blickte während des Konzerts mehrmals in den Himmel, wandte sich ans Publikum und meinte, in Glasgow regne es sowieso immer — ein Versuch, die Menge zu beschwichtigen, über den sich die Leute aber keinen Kopf machten. Überhaupt knüpfte Kerr mühelos wieder jenen unglaublichen magischen Kontakt mit dem Publikum, der das gesamte Konzert über nicht nachließ. Nicht nur, dass er das Publikum gekonnt auf Italienisch ansprechen kann — auch sein Bühnenspiel, das ständige Beibehalten von Tanzschritten und Moves, trieb die Besucher an, sodass die Band und die Stimmung hoch auf Kurs blieben. Die Magie von Simple Minds erstrahlte damit einmal mehr mit voller Intensität. Unvergesslich, einmalig und natürlich — bis zum nächsten Treffen mit der Gruppe — unwiederholbar.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist:
1. The Signal and the Noise
2. Waterfront
3. Let There Be Love
4. See the Lights
5. Sense of Discovery
6. Mandela Day
7. She’s a River
8. Someone Somewhere in Summertime
9. Walk Between Worlds
10. Summer
11. Once Upon a Time
12. All the Things She Said
13. Dolphins
14. Let the Day Begin (orig. The Call)
15. New Gold Dream (81-82-83-84)
17. Don’t You (Forget About Me)
—Zugabe—
18. Alive and Kicking
19. Sanctify Yourself





























