Burgabenteuer in Udine – auf den Spuren von Genesis mit Meister Hackett (2022)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2022
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Veranstaltungsort: Udine / Castello di Udine (Piazzale del Castello) / Italien
Datum: Dienstag, 26. 7. 2022


Der englische Gitarren-Großmeister und Innovator Steve Hackett stattete mit seiner Begleitband während der aktuellen Tournee dem italienischen Udine einen Besuch ab, das für uns die nächstgelegene Konzertlocation war. Die aktuelle Tournee ist dem 45. Jahrestag des Erscheinens des Konzertalbums »Seconds Out« (1977) aus der reichen Diskographie seiner ehemaligen Band Genesis gewidmet. Die wunderbare Location des hiesigen Schlosses in Udine bot nahezu ideale Konzertbedingungen und eine außergewöhnliche Atmosphäre für den unter Liebhabern des Progressive Rock äußerst geschätzten Musiker und Weltenbummler, der bei italienischen Fans schon immer ein besonderes Ansehen genoss. Da die diesmalige Setliste die vollständige Darbietung des zuvor erwähnten kultigen Konzertalbums enthielt – was eine überwiegende Darbietung von Genesis-Evergreens und lediglich eine Nummer aus Hacketts Solowerk bedeutete –, versprach das ein erstklassiges und völlig ungewöhnliches Konzerterlebnis zu werden.

Die Begleit-‚Crew‘ eines der einflussreichsten Rockgitarristen der vergangenen fünf Jahrzehnte – der übrigens für sein Alter noch hervorragend ‚gut erhalten‘ ist – ist seit Jahren unverändert: Keyboarder Roger King (The Mute Gods) und Bläser Rob Townsend arbeiten seit mehr als zwanzig Jahren mit Hackett zusammen. Anders sieht es bei den Positionen des Bassisten und Schlagzeugers aus, denn in der Rhythmussektion gab es in den letzten Jahren einige Wechsel. Schlagzeug-Champion Craig Blundell (ex-Steven Wilson, Pendragon, Lonely Robot) sowie der schwedische Bassist Jonas Reingold (The Flower Kings, Kaipa, Karmakanic) stießen vor drei bzw. vier Jahren zu Hacketts Band, fanden aber rasch die Dynamik mit den übrigen Mitgliedern.

Der mit außergewöhnlichem Talent und Charisma gesegnete schwedisch-amerikanische Sänger Nad Sylvan ist ebenfalls schon lange in Hacketts Band. Eine Darbietung der Genesis-Klassiker ist ohne ihn heute kaum noch vorstellbar, da seine Stimme stimmlich eine große Ähnlichkeit mit Peter Gabriel und Phil Collins aufweist. Gitarristin und Sängerin Amanda Lehman, die zugleich die Schwester von Hacketts Frau Jo ist, tritt seit 2011 bei einzelnen Konzertdarbietungen nur noch als Gast auf. Ihre Rolle bei den Konzertauftritten ist klein, erwies sich aber als wichtig – wie sich auch an diesem Abend zeigte.

Alle Genesis-Fans kamen an diesem Abend zweifelsohne auf ihre Kosten, denn Herr Hackett spielte mit seiner treuen musikalischen Gefolgschaft das gesamte »Seconds Out« in der originalen Songabfolge und präsentierte einige langjährige Favoriten, die er sonst nicht allzu häufig spielt. »A Trick of the Tail« (1976)-Standard »Squonk«, die Geschichte über ein mythologisches Wesen, das den Großteil seiner Zeit damit verbringt, über sein groteskes Äußeres Tränen zu vergießen, eröffnete das unvergessliche Konzert-Treffen mit Meister Hackett.

Steve und seine Gefährten begeisterten uns im Nu mit außergewöhnlicher Spielfreude und Eingespieltheit sowie gelegentlichen Jazz-Arrangements und solistischen Einlagen, die in den Originalversionen der Genesis-Stücke nicht vorhanden waren. Für solche ‚erweiterten‘ Versionen war vor allem Bläser Townsend mit seinem vielseitigen Bläser-Repertoire zuständig, das Klarinette, verschiedene Saxophonarten, Flöte und Tin Whistle umfasste. Sein Saxophon-Solo frischte die bekannteste Darbietung des Abends, nämlich »I Know What I Like (In Your Wardrobe)«, gehörig auf – diese enthielt einmal mehr Sylvans makellose Imitation des sonntäglichen Rasenmäher-Manns nach dem theatralischen Vorbild des unvergesslichen Peter Gabriel.

»Carpet Crawlers« – oder »Carpet Crawl«, wie diese beliebte Klassik vom unvergesslichen Konzeptmeisterwerk »The Lamb Lies Down On Broadway« (1974) manchmal genannt wird – setzte nach »Squonk« die lyrische Thematik der seltsamen kleinen Wesen fort, die sich unter den Rändern des menschlichen Unterbewusstseins verbergen. Dieses Stück gilt ebenfalls als eines der beliebtesten unter Genesis-Fans und genießt einen besonders nostalgischen Status, da die neu eingespielte Version von 1999 der letzte Studio-Akt der klassischen Genesis-Besetzung war, die natürlich auch Herrn Hackett umfasste. Für zusätzliche Vokalharmonien sorgten konsequent der Gitarren-Meister persönlich sowie Reingold, der je nach Bedarf zwischen den einzelnen Darbietungen zwischen einem ‚gewöhnlichen‘ Bass, einem Zwölfsaiten-Hybrid (mit zwei Hälsen; Gitarre oben, Bass unten) und einer Rhythmusgitarre wechselte. Meister Hackett setzte sich, seiner alten Gewohnheit folgend, bei bestimmten Konzert-Momenten, wenn er zur Akustikgitarre griff, auf einen Barhocker – und selbstverständlich fehlte auch der obligatorische Schal nicht um seine Schultern, der seit Jahren Teil seines Bühnen-Images ist.

»Robbery, Assault & Battery«, die Geschichte eines glücklosen Einbrechers, gehört zweifellos zu den Genesis-Standards, die Herr Hackett sehr selten spielt, sodass wir die Darbietung umso mehr genossen – Sylvan hatte dabei eine ziemlich anspruchsvolle Gesangsaufgabe, was sich an diesem Abend noch mehrfach wiederholen sollte. Romantische Gemüter kamen während der nostalgischen »Afterglow«-Darbietung auf ihre Kosten, die gemäß der originalen »Seconds Out«-Setliste der einzige »Wind & Wuthering« (1976)-Standard des Konzertabends war, während Prog-Rock-Gourmets vor allem die außergewöhnliche Darbietung des »Selling England By the Pound« (1973)-Evergreens »Firth of Fifth« genossen – mit einer der berühmtesten Klaviereinleitungen und Gitarrensoli in der Geschichte des Progressive Rock.

Nach der außergewöhnlichen Darbietung des Evergreens »The Lamb Lies Down On Broadway«, dem Eröffnungskapitel der ungewöhnlichen Geschichte von Raels Suche nach seinem verschwundenen Bruder, neigte sich das Konzert seiner zweiten Hälfte zu. Amanda Lehman stieß als Hauptsängerin und Rhythmusgitarristin zur Band und bezauberte uns mit einer außergewöhnlichen Gesangsdarbietung des mellotrongeprägten Meisterwerks »Shadow of the Hierophant«. Das Epos über die religiöse Figur aus den Tarot-Karten war an diesem Abend der einzige Standard aus Hacketts eigenem Soloschatz. Die Wahl war mehr als gelungen, denn nach Meinung vieler Hackett-Fans zählt es zu seinen besten Schöpfungen, die in Struktur und Atmosphäre den größten Genesis-Meisterwerken sehr nahesteht. Amanda traf an diesem Abend – wenn man all unsere bisherigen Konzertbegegnungen mit ihr berücksichtigt – die Vokalmagie der Originalversion dieses epischen Meisterwerks am besten, das 1975 auf Hacketts Debüt »Voyage of the Acolyte« von Sally Oldfield, der Schwester des berühmten Mike Oldfield, eingesungen wurde.

All jene Konzertbesucher, die bereits vergessen hatten, dass auf »Seconds Out« lediglich die gekürzte Schlusssektion der »Nursery Cryme« (1971)-Klassik »The Musical Box« – der Geschichte von den Sterbensphantasien eines lüsternen Greises – enthalten ist, waren von ihrer kurzen Länge etwas enttäuscht, bis sie sich daran erinnerten, dass es sich um eine konsequente Wiedergabe der Version des besagten Konzertalbums handelte. Nad setzte sich, wie üblich, auch diesmal keine Greisen- und Fuchsmaske auf – denn Peter Gabriel war einmalig und unverwechselbar. Es folgte der Höhepunkt des Konzertabends mit einer unglaublich gewagten Darbietung des unvergesslichen Super-Epos »Supper’s Ready«, das diesmal die einzige Darbietung vom Meisterwerk »Foxtrot« (1972) war. Die Darbietung dieser kolossalen (post-)apokalyptischen Epopöe stellt immer eine außergewöhnliche Leistung dar – selbst für so erfahrene Musiker wie Herr Hackett und seine Gefährten. In mehr als zwanzig Minuten, die wie im Flug vergingen, konnten wir die konsequente Darbietung dieses mit bunten Sektionen gespickten Epos genießen, das auch einige kürzere, zusätzliche Bläserarrangements und solistische Improvisationen enthielt.

Damit waren die epischen Leckerbissen aus dem Genesis-Schatz an diesem Abend noch längst nicht zu Ende, denn es folgte eine phänomenale Darbietung des metaphysischen Epos »The Cinema Show« über die höchst ungewöhnliche Erfahrung des antiken Sehers und Odysseus-Bekannten Teiresias – mit Kings fünfminütigem Keyboard-Solo. Darauf folgte eine kurze Pause, bevor Hacketts Band bald auf die Bühne zurückkehrte und eine atemberaubende Version des »A Trick of The Tail«-Evergreens »Dance On a Volcano« spielte, die am Schluss mit Blundells Schlagzeug-Solo gekrönt wurde.

Der makellose Konzertabschluss mit der jazzigen Kostbarkeit »Los Endos« enthielt noch eine weitere Demonstration der ‚Tapping‘-Gitarrentechnik des Meisters – jener Technik, die der verstorbene Eddie Van Halen populär machte, obwohl es gerade Meister Hackett war, der sie Anfang der Siebziger als Erster in der Rockmusik einsetzte. Für den letzten Vers gesellte sich Amanda zu Nad beim Singen der Vokalharmonien und half Steves Gefährten dabei, diesen außergewöhnlichen Konzertabend mehr als erfolgreich abzurunden – einen Abend, über den wir Liebhaber des symphonischen Progressive Rock noch lange sprechen und an den wir mit zahlreichen Superlativen zurückdenken werden. Wer dieses Konzert aus welchen Gründen auch immer verpasst hat, darf sich ruhig ärgern. Eine ‚Nachprüfung‘ gibt es am 18. November, wenn Meister Hackett am nächstgelegenen Spielort in Padua auftreten wird. Die Herbsttournee wird neben Darbietungen einiger Standards aus seiner Solokarriere auch die vollständige Genesis-Meisterwerk »Foxtrot« beinhalten, mit der Steve den fünfzigsten Jahrestag ihrer Veröffentlichung würdigen wird.

Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setliste:
1. Squonk
2. The Carpet Crawlers
3. Robbery, Assault and Battery
4. Afterglow
5. Firth of Fifth
6. I Know What I Like (In Your Wardrobe)
7. The Lamb Lies Down on Broadway
8. Shadow of the Hierophant
9. The Musical Box (Closing Section)
10. Supper’s Ready
11. The Cinema Show
—Zugabe—
12. Dance on a Volcano
13. Drum Solo
14. Los Endos


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