The Darkness und die rockige Kommunion unvergleichlicher Narretei in Pordenone (2022)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2022
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Line-up: Overlaps, The Amazons, The Darkness
Location: Pordenone / Parco San Valentino / Italien
Datum: Samstag, 23. 7. 2022


Der letzte Tag der diesjährigen Ausgabe des Pordenone Blues Festival brachte in den dortigen idyllischen Park der ‚Verliebten‘ des heiligen Valentin noch ‚robuste‘ britische Rock-Burschen und glamourös geschminkte Rabauken: The Darkness. Bei The Darkness fragt sich der rechtgläubige slowenische Rockfan nicht mal mit „Ja“ oder „Nein“. Ein Konzert so nah an Slowenien ist für ihn in der Regel Pflicht. Dieser Meinung ist natürlich auch das Publikum unserer westlichen Nachbarin, was das Gelände gegen halb sieben am späten Nachmittag allerdings noch keineswegs verkündete.

Das Programm des letzten Festivaltags sollte einen breiteren Hörerkreis abholen, denn alle drei ausgewählten und eingeladenen Bands gehörten völlig unterschiedlichen Genres beziehungsweise Ausdrucksweisen an, zwischen denen es nur wenig Verwandtschaft gibt.

Punkt halb sieben enterten die alternativen Rocker aus Venedig, Overlaps, gegründet 2016, die Bühne. Das Quartett in der Besetzung Gloria Piccinin (Gesang), Stefano Galioto (Bass), Marco Marinato (Gitarre) und Matteo Ciciliot (Schlagzeug) machte in gut einer Stunde Spielzeit klar, dass es sich um eine enorm engagierte, hungrige und professionelle neue Band handelt, die nach kommerziellem Erfolg strebt. Die Gruppe servierte eine Mischung aus Alternative Rock, der mit Pop-Elementen anbandelt, Crossover-Manövern der Neunziger und einer klaren, unmissverständlichen Integration von Elektronik beziehungsweise zugespielten Programmschleifen. Gestützt von Keyboards und Effekten, die vom Mischpult kamen, lieferte das Quartett eine ausgezeichnete Eingespieltheit, getragen auch von einer sehr guten Abstimmung – dem Sound selbst. Sängerin Gloria, die den Großteil der Aufmerksamkeit auf sich zog, nutzte die Bühne geschickt mit ihrer dynamischen, gefühlvoll durchlebten Performance, während die Jungs ein solides rhythmisches Gerüst zimmerten, untermauert von modern-fettem Gitarrensound. Die Band stellte Material vom Studiodebüt „In Your Room“ vor, das 2017 erschien, dazu neue Songs vom kommenden Nachfolger, darunter den größeren Hit White Line, etwa in der Mitte des Sets gespielt, und das neueste Mind Over Matter, das vor einem Monat veröffentlicht wurde.

The Amazons, eine britische Rockband, 2014 in der britischen Stadt Reading gegründet, sprangen um acht Uhr auf die Bühne. Das ist eine Indie-Rock-Truppe, die musikalisch ansteckende Refrain-Melodien schmiedet, wie gemacht für das Komponieren von Arena-Rock-Hymnen. Eigentlich nichts Neues. Eine Band, die unter anderem hervorragend ins Programm eines der uralten FreQuency Festival bei Salzburg gepasst hätte, aber auch ins Programm des Zagreber In Music Festival. Also Retro-Sound mit Retro-Gitarren, das Outfit im Stil artig gekämmter Jungs, die Mama nach erledigten Hausaufgaben noch kurz zum Feiern rauslässt. Aber Spaß beiseite. Ihr selbstbetiteltes Debüt von 2017 kletterte auf Platz acht der britischen Albumcharts. Darauf folgte 2019 das Album „Future Dust“, das einen Platz schlechter abschnitt. Das dritte Album mit dem Titel „How Will I Know If Heaven Will Find Me?“ kündigen The Amazons für September dieses Jahres an. Die Band lieferte in jeder Hinsicht einen korrekten und souveränen Auftritt und bewies echte Eingespieltheit. Einen schönen Teil des Repertoires machten die neuesten Nummern beziehungsweise Singles Bloodrush, One By One, Ready for Something und Wait For Me aus, aber natürlich widmete die Band auch den beiden veröffentlichten Alben Aufmerksamkeit. Vom Debüt „The Amazons“ spielten die Jungs In My Mind, Junk Food Forever und im Schlussteil Black Magic, vom Album „Future Dust“ die Songs Doubt It und Mother. Die Band zog ihren Auftritt eigentlich fehlerfrei durch. Klanglich und spielerisch. Energisch. Im selben Atemzug lärmend-gefällig und musikalisch raubtierhaft, wobei die Ausstrahlung des rothaarigen Sängers und Gitarristen Matt Thomson der führende Magnet ist, sowohl für die Teenager als auch für die allgemeine Souveränität und Kompaktheit der Auftritte von The Amazons.

Und dann die ‚verdammten‘ The Darkness. Punkt zehn Uhr, mit einem knapp einer Dreiviertelstunde… pardon, einem knapp einstündigen und dreiviertel langen Auftritt. Unglaublich, wie sich das Gelände gefüllt hat. Am 20. 7. 2022 war Jeff Beck mit Johnny Depp hier ausverkauft, was bedeutet, dass sich 5.000 Köpfe auf die Wiese ‚gequetscht‘ haben. Beim Blick auf die ganze erhitzte, brodelnde Menge war das Gefühl nicht viel anders. Mindestens gute 4.000 Leute. Was ist an The Darkness so faszinierend, dass das Publikum sie so vergöttert? Ich wage sogar zu behaupten, dass es das extreme Gesangshochland des theatralischen Justin Hawkins ist, das Markenzeichen der Band schlechthin. Sein Gesang. Alle warten auf diese Momente. Wenn sich The Darkness von der Leine reißen und Fesseln und Ketten sprengen, hält sie nichts mehr auf. Besonders gilt das für Justin, der sich im Nu in einen höhnischen Teufel verwandelt, der seinesgleichen sucht. Oder in so einen üblen Nachahmer, vor dem sogar der Teufel selbst Reißaus nimmt. One Way Ticket – wer sich noch an das uralte Video zu diesem Hit erinnert, weiß alles über den rotznäsigen Teufel, der tief im Erdinneren und noch tiefer unter dem Gefrierpunkt haust. Ja. Da ist er. One Way Ticket, der die Leute gleich zum Auftakt in die Höhe riss und ihren überhitzten Köpfen den Deckel vom Siedepunkt lüftete. Dorthin trug er sie mit einem Ticket ohne Rückfahrt,

In letzter Zeit ist es herrlich, die Jungen zu beobachten. Die kommen zurück zu Rockkonzerten. Quatsch, nicht zurück. Sie entdecken sie. Und genau da bleibt die Hoffnung. Davon waren wir diesen Juli überall Zeugen. In Zagreb am 9. 7. 2022 bei Kiss, dann bei Steel Panther am 2. 7. 2022, ebenfalls in Zagreb, weiter am 12. 7. 2022 in Ljubljana bei Judas Priest (und The Dead Daisies) und so war es auch in Pordenone bei The Darkness. Rock’N’Roll wird überleben, und der Dank dafür gebührt in erster Linie seiner Wiederentdeckung durch eine neue Generation von Hard-Rock- und Heavy-Metal-Fans.

Währenddessen stürmten The Darkness mit dem verrückten Justin weiter. Nach dem obligatorischen Growin‘ On Me, das im eisernen Repertoire nicht fehlen darf, spielte die Band wohl eine der luzidesten Nummern des neuen Albums „Motorheart“. Den Titelsong natürlich. Mit untergeschobenem Thin-Lizzy-Ornament. Ein phänomenaler Track. Es folgen der stürmische Open Fire – ein giftiger, riffig aufgedrehter Song, mit dem die Band jederzeit ihre Konzerte eröffnen könnte – und das besonders raubtierhafte Solid Gold, bei dem das Publikum beim Mitsingen der Refrains besonders kräftig mit dem frechen und ungezähmten Justin mitzog.

Die Band hat die Setlist überlegen gewichtet. Auf einen Song mit hymnischer Melodie folgte eine Kanonenkugel. Da ist die Party-Time-Einladung Friday Night, doch den Gipfel parodistischer Possenreißerei und überhaupt typisch britischer Humorpräsenz erreichen The Darkness in der Abfolge von Barbarian (vom Publikum sehnlich erwartet) und wenig später Japanese Prisoner of Love. Vor allem Letzterer ist besonders witzig wegen des Kontrasts zwischen dem entfesselten, vampirisch metallisierten Riff und Justins ohrenzerreißendem Kreischen.

Black Shuck flog diesmal aus der Setlist, was fast unerhört ist. Und doch. Im Schlussteil gönnte sich Justin noch ein kleines Manöver für einen zusätzlichen Theater-Schub. In der Pause nach Japanese Prisoner of Love bat er einen Teil der Technik-Crew, ihm das Banner zu bringen, das jemand im Publikum hochhielt. Noch bevor die Crew bei dem Typen im Publikum ankam, schleuderte dieser den Stoff mit dem Banner schon aus der Menge direkt in Justins Arme. Darauf stand: „The Darkness – I Want To Sing Black Shuck With You“. Justin sagte dem Mann, dass der Song diesmal nicht auf dem Programm stehe, aber egal. „Wie heißt du?“, fragt Justin. Antwort: „Sandro!“ Daraufhin wies Justin die Techniker an, Sandro ein Mikrofon ins Publikum zu bringen. Die Band haute tatsächlich Black Shuck raus, mit Sandro am Leadgesang. Justin ‚markierte‘ den Rest der Nummer am Mikro nur an den wesentlichen Stellen. Sandro machte seine Sache gut, und die Band hielt mit ihm bis zum Ende des ersten Refrains durch und stoppte dann.

Justin übernimmt die Rolle des Zeremonienmeisters und kommentiert theatralisch: „Get your hands off my fuckin microphone, you arsehole.“ Das war die Überleitung zum abschließenden Get Your Hands Off My Woman. ‚Du stirbst‘. Vor Lachen, vor all den positiven Vibes. Metaphorisch gesagt, ‚du stirbst vor lauter Schönem‘. Auf einem The-Darkness-Konzert. Eine bessere Party lässt sich kaum liefern. Mit Ausnahme von Steel Panther vielleicht. „Hey Jungs? Habt ihr schon mal über eine gemeinsame Tour nachgedacht?“ Sogar das CUK Kino Šiška wäre zweimal hintereinander ausverkauft.

Die obligatorische Zugabe brachte das sehnlich erwartete I Believe In A Thing Called Love auf die Bühne, bei dem der Boden bebte unter dem strammen Hüpfen der gut viertausendköpfigen Menge. Den Höhepunkt des einzigartigen The-Darkness-Theaters lieferte Love on the Rocks With No Ice, als Justin Hawkins theatralisch auf den Schultern von Gitarrentechniker Ian Norfolk landete (der zuvor mit der Band auf der Bühne den neuen Song Heart Explodes gespielt hatte – mit Akustikgitarre – Justin merkte dazu an, dass ihm das Publikum unbedingt auf die Finger schauen müsse). Das ist schon sichtbares Theater, aber offenbar muss Ian dafür ordentlich ‚in Form‘ sein. Den bis zur Hüfte nackten Justin trug er mitten ins Publikum. Gemeinsam bewegten sie sich von der linken Seite ganz nach rechts. Und das dauerte nicht bloß eine Minute. Nach Justins Rückkehr auf die Bühne wurde der Song theatralisch noch um einige zusätzliche Bühnenexzesse und Soli verlängert. Justin kann alles. Der Gesang ist kugelsicher. Was heißt Gesang. Seine Höhe. Irre. Dazu gab es ein paar Patzer, was bei so viel grenzenlosem Eifer logisch ist. Sowohl bei den Soli als auch beim Gesang. Beim letzten Song gab Dan die Gitarre den Geist auf, Ian stand sofort mit einer neuen Gibson LP neben ihm, und alles lief normal weiter. Auch Justin blieb nicht unbemerkt, der währenddessen laut lachend seinem Bruder zu seiner Rechten zusah, wie dieser hektisch nach einer anderen Gitarre suchte.

Zu schnell. Zu schnell war es vorbei. The Darkness bleiben ein luzides Faltblatt von allem Besten, was Rock’n’Roll auf die Bühne bringen kann. Eine fantastische Party brillanter Einfälle von bissigem Rock’n’Roll, Parodie und einer Prise Glam. Die Form ist top, und The Darkness behalten knapp zwanzig Jahre nach dem Erscheinen des ikonischen Debüts „Permission To Land“ (2003) den Status einer unverwüstlichen Rockmacht der Welt.

Autor: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen
Fotos: Aleš Podbrežnik


The Darkness Setliste:
1. Arrival – taped intro (orig. ABBA)
2. Welcome Tae Glasga
3. One Way Ticket
4. Growin‘ On Me
5. Motorheart
6. Open Fire
7. Givin‘ Up
8. Heart Explodes
9. Solid Gold
10. It’s Love, Jim
11. Friday Night
12. Love Is Only A Feeling
13. Barbarian
14. Japanese Prisoner Of Love
15. Black Shuck (ends with first chorus plus Sandro from public on vox)
16. Get Your Hands Off My Woman
—Zugabe—
17. I Believe in a Thing Called Love
18. Love on the Rocks With No Ice

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