Alestorm erobern mit Piratensturm gnadenlos die ungarische Hauptstadt! (2022)

Foto: DENIS PARADIŽ 2022
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Line-up: Rumproof, Visions Of Atlantis, Alestorm
Location: Barba Negra / Budapest / Ungarn
Datum: Sonntag, 3. 7. 2022


Piratenmetal-Tag in Budapest. Was wohl Running Wild dazu sagen würden? Die Sonne stand noch hoch am Himmel! Von dort oben brannte sie gnadenlos runter und sorgte für Sonnenbrand, während die ‚Rum-Degustation‘ schon längst lief. Und zwar mit der lokalen, piratig ‚lallend‘ angehauchten Band Rumproof. Die Folk-Metaller aus dem ungarischen Pecs betraten die Bühne Punkt 18:10 Uhr. Also gerade mal zehn Minuten, nachdem die Tore des Barba Negra aufgegangen waren. Für die über 1000 Besucher, die in die erste Reihe stürmten, war die Situation ein ordentlicher Brocken, um rechtzeitig vor die Bühne zu kommen. Trotz der geringen internationalen Bekanntheit der Truppe (obwohl es sie schon seit 2014 gibt) lieferten Rumproof ein hervorragendes Warm-up. Die Band hat die EP „Black Flag in The Sky“ (2014) und das Studiodebüt „Rogues of the Seven Seas“ in der Tasche, das 2016 erschienen ist. Mit dem Titelsong dieses Albums eröffneten sie auch den hitzigen, rumgetränkten Auftritt. Auf heimischem Boden ist die Band ziemlich gut bekannt. Gleichzeitig gab es eine engagierte Interpretation und Aufwärmung der Sitten und Bräuche der Piraterie, unter die man halt die schon abgekaute musikalische Ausdrucksweise packt. Dazu Party, und auch ein paar Songs auf Ungarisch. Und das haben die Jungs geschafft. Feurig, leidenschaftlich, kurz und effektiv.

Rumproof erzählten auf der Bühne, dass sie über zwei Jahre nicht live gespielt hatten. Auf diese Show hätten sie sich auch nicht groß vorbereitet. Offenbar kam der Anruf des Veranstalters buchstäblich aus dem Hinterhalt. Auf den letzten Drücker. Für die Vorbereitung blieben also nur ein paar Stunden. Aber das hat man nicht gemerkt. Der Auftritt ist ihnen voll und ganz gelungen.

Es folgte der Auftritt der internationalen, nämlich französisch-italienisch-österreichischen Truppe Visions of Atlantis, die erst vor Kurzem ihre große Freude am Flirt mit der Piratenthematik entdeckt hat. Die Band gibt es seit gut zwei Jahrzehnten, und sie hat eine ganze Reihe von Besetzungen und Inkarnationen überlebt und durchgestanden. Etwa 2013 fing sie an, sich zu stabilisieren, vor allem nachdem die hübsche, kecke und energiegeladene Französin Clémentine Delauney zur Gruppe stieß und den weiblichen Leadgesang übernahm. Die Band hat also unlängst in Piratengeschichten ihre Inspiration gefunden und sich entsprechend Bühnenoutfit und Kulisse zugelegt, die Grundlage von allem ist natürlich das aktuelle neue und letzte Studioalbum namens „Pirates“. Dieses Jahr erschienen. Insgesamt das achte. Clémentine hat zusammen mit Co-Sänger Michele Guaitoli für einen äußerst kinoreifen Einstieg auf die Bühne gesorgt. Professionell! In allem. Mit Visions Of Atlantis ist (nicht mehr) zu spaßen. Nicht mehr. Angesichts der Flut symphonischer Power-Metal-Bands mussten sie tatsächlich Nischen austesten und ausprobieren, um irgendwie dem Urteil zu entkommen, für immer im Schatten von Bands wie Epica und Nightwish zu leben. Hut ab vor der Band für das ganze sture Durchhalten. Mit Trotz haben sie es doch geschafft, eine solide Fanbasis aufzubauen, und die hat sie nach oben gebracht. Ganz einfach. In den letzten paar Jahren sind Visions Of Atlantis heiß geworden. Aus einer durchschnittlichen, live fast vergessenswerten Truppe sind sie zu einer richtigen musikalischen Größe herangewachsen. Die Band traut sich heute problemlos, unter anderem auch mit vielköpfigem Symphonieorchester auf die Bühne. Na ja, der Auftritt in Budapest war ‚klassisch‘. Quintett! Das, was wir am liebsten mögen. Schrapnell in den Kopf. Ohne Ballast. Deutlich direkter. Brennend und druckvoll. Melodisch und mit Pomp aufgepumpt. Hymnisch. Clementine und ihr ‚Gesangs-Leidensgenosse‘ Guaitoli haben wieder wunderbar zusammengepasst. Klar waren alle Augen auf die Sängerin gerichtet, die die erhitzten Köpfe, also das Publikum, mit federleichter Lässigkeit im Griff hatte – und das hatte bis zu diesem Tag unter anderem auch die frischen Songs des Albums „Pirates“ sehr gut verinnerlicht. Ja. Der Kern des Konzerts drehte sich um den Inhalt des neuen Albums. Sehr dynamisch und mitgelebt. Souverän und selbstbewusst. Visions Of Atlantis haben mit dem Auftritt bewiesen, dass sich das Trotzen und Durchhalten am Ende ausgezahlt hat. Klar, das Niveau von Falco ist uneinholbar, aber der Mann hatte mit Metal nicht viel am Hut. Wenn man sieht, wie es für die Band in den letzten Jahren stetig bergauf ging, könnten Visions Of Atlantis zu einer der kommerziell erfolgreichsten Bands aus Österreich werden. Im Metal-Genre natürlich. Da schlagen wir Slowenen die Österreicher spielend, auch wenn uns die Promo nicht gerade gut gelingt. Was nicht in Ordnung ist. Aber so ist es nun mal. Gut, genug gesagt. Eine tolle Show, ohne scheinbaren und/oder hörbaren Patzer. Visions Of Atlantis segeln stramm weiter nach oben! Das ungarische Publikum, von dem wir wissen, dass es kein Englisch spricht (lies: ‚ahhhh, du anziehende Exotik‘), hat bestätigt, dass Visions of Atlantis auch in Ungarn zu Hause sind, denn es hat während des Konzerts intensiv mitgesungen.

Am Ende des Auftritts klagte die Band, dass sie drei Jahre ohne ihre ungarischen Fans kaum ausgehalten habe! Allein das Covid-19-Szenario hat der Gruppe gleich dreimal eine ‚Headliner‘-Tour und damit den Besuch der ungarischen Hauptstadt unmöglich gemacht. Visions of Atlantis erklärten dem Publikum vor dem Abschied von der Bühne, dass genau dieses Konzert die Rückkehr der Band sei, und versprachen, noch vor Ende des laufenden Jahres wieder nach Ungarn zu kommen.

Endlich! Zeit für Alestorm! Ohne Zögern und Zeitverlust raubten sie dem Publikum den Atem, als sie die Bühne enterten. Das orkanartige Gebrüll, das auf wirklich jedem ungarischen Konzert dabei ist, wollte und wollte nicht abebben, bis Sänger Chris die ersten paar Worte sprach. Da verstummten über 1000 Besucher und lauschten seinen Worten, als würde ihr Kapitän zu ihnen sprechen. Dass diese Worte eine Ansprache wie unter anderem „Are you ready to party“ waren, heizte die Leute nur noch mehr an, in ein beinahe frenetisches Delirium, das bei Keelhauled, dem ersten Song, schon die Ausmaße zahlreicher Moshpits erreichte.

Bei Alestorm sieht man, dass es sich nicht um eine typische Folk-Metal-Band handelt bzw. um eine Band, die sich überhaupt öffentlich als Metal-Band verkaufen würde. Das war auch an der Zusammensetzung des Publikums zu sehen. Das wirkte größtenteils, und zwar vor allem nach der Aufmachung zu urteilen, als wäre es für ein Konzert von Vili Resnik ausgestattet. Hoffen wir, dass Vili RockLine liest. Er wird begeistert sein. Den Rum schnappt er sich ja eh schon! Der andere Teil dann natürlich als Piraten. Man muss betonen, dass das das größte ‚Headliner-Konzert‘ von Alestorm war. Seit es sie gibt. Dabei schwirrte mir die ganze Zeit eine Laienfrage durch den Kopf: „Warum Ungarn? Warum haben sie bei der Veröffentlichung des neuen Albums Seventh Rum of a Seventh Rum einen Song auf Ungarisch geschrieben? Außer dem Plattensee hat das Land doch nicht viel zu bieten, geschweige denn Piraten?“

Die Antworten lösten sich in Luft auf, als beim zweiten Song im Repertoire eine kurze Ansage vom Gitarristen Máté Bodor in fließendem Ungarisch kam. Endlich wurde klar, dass der Leadgitarrist nach Hause zurückgekehrt war. Buchstäblich, denn er soll nur knapp einen Kilometer vom Konzertort entfernt aufgewachsen sein. Alkohol floss natürlich, nicht nur in Strömen, sondern in reißenden Fluten. Vergleichbar mit der Save auf Jahrhunderthochwasser-Niveau nach einem extremen einwöchigen Dauerregen. Die Band ging wieder im Gesang und Geschrei des Publikums unter, beim Song Mexico, wo Gitarrist und Sänger dem zarteren Geschlecht jede Menge „Fanservice“ boten, als sie sich mit zwanzig Zentimetern Abstand auf der Bühne mit Zunge zu küssen begannen (und das ca. 30 cm vom Autor dieses Artikels entfernt, der bei dieser Gelegenheit in unmittelbarer Nähe der ’sich verschlingenden Zungen‘ auch seine Funktion als offizieller Fotograf einbüßte – ‚ich heule‘). Das ganze Konzert lieferte komische Kommentare von Sänger Chris, der für epische Stimmung bei allen Anwesenden sorgte. Obwohl das ganze Konzert eine einzige große Party war, ließ sie auch in der obligatorischen Zugabe nicht nach, als Alestorm mit Drink loslegten. Für eine Sekunde blitzte der Gedanke auf, dass die Besucher die Bühne einreißen würden. Das war der am sehnlichsten erwartete Song. Der vorletzte Song bot dann wieder die einzigartige Verbundenheit zwischen Band und ungarischem Publikum. Es handelt sich um den Song Nyár van (der erstmals 1985 erschien) und als der kultigste Song der 80er für das ungarischsprachige Volk gilt. Das kündigte Sänger Chris zu Beginn des Songs so an: „I Don’t speak Hungarian, but I’ll try“, und dann kam ihm nach der ersten Strophe Sänger Leander Köteles auf der Bühne zu Hilfe, der seine Bekanntheit (außerhalb der Metal-Sphäre, in der er hauptsächlich unterwegs ist) 2019 erlangte, als er am DAL-Wettbewerb teilnahm (die ungarische Version von EMA – eine Vorentscheidung für den Eurovision Song Contest).

Zum Schluss natürlich Fucked With an Anchor! Die Mittelfinger waren den ganzen Song lang in der Luft. In einigen Fällen überließ der Sänger den Gesang gleich dem Publikum, das ihn natürlich übertönte.

Wie erwähnt war es das größte und auch längste Konzert von Alestorm seit ihrer Gründung 2004, das für einen einzigartigen Abend sorgte. Bands wie Alestorm und andere (sogenannte „unernste Bands“ – Electric Callboy, We Butter Our Bread With Butter, TurboBier und viele mehr), die Metal und seine Subgenres mit Humor einem breiteren Publikum näherbringen, werden von Fans des sogenannten ‚Daddy Metal‘ oft gehasst (ohne Spandex ist es halt nichts :)), aber Alestorm würden auch alte, festgefahrene Metaller garantiert und mit Abstand überzeugen, wenn die nur mal ein Konzert von ihnen besuchen würden. Das Konzept der Piraterie und ihrer Verherrlichung, vor allem wenn es ums Trinken von Rum und in diesem Fall Ale geht, ist zwar ein altbekannter Brauch der Metal-Gewässer, aber der Durchbruch war für solche Bands schon immer schwer. Dieser Trend hat sich in der COVID-Zeit stark verändert und beweist dieses Jahr, wo sich die Konzerthallen endlich wieder öffnen, dass ausgerechnet diese Bands die Besucherrekorde brechen. Auf Alestorm treffen wir bestimmt wieder, bis dahin gilt die Parole:
„We live each day like there’s nothing to lose
But a man has needs and the need is booze
They say all the best things in life are free
So give all your beer and your rum to me!
„

Autor: Denis Paradiž
Fotos: Denis Paradiž


Rumproof-Setlist:
1. Intro
2. Rogues of the seven seas
3. Blood of the kraken
4. Kótyagos Álmok
5. Haunted Tavern
6. Szittyós John
7. Kalózszív
8. Black Out

Visions of Atlantis-Setlist:
1. Pirates Will Return
2. A Life of Our Own
3. Heroes of the Dawn
4. Clocks
5. The Silent Mutiny
6. Master the Hurricane
7. Melancholy Angel
8. Legion of the Seas

Alestorm-Setlist:
1. Keelhauled
2. Treasure Chest Party Quest
3. Mexico
4. The Sunk’n Norwegian
5. Magellan’s Expedition
6. Shipwrecked
7. Seventh Rum of a Seventh Rum
8. Alestorm
9. Tortuga
10. Hangover (orig. Taio Cruz)
11. Zombies Ate My Pirate Ship
12. Nancy the Tavern Wench
13. Rumpelkombo
14. P.A.R.T.Y.
15. Magyarország (erstmals live)
16. Captain Morgan’s Revenge
17. Shit Boat (No Fans)
—Zugabe—
18. Drink
19. Pirate Metal Drinking Crew
20. Nyár van (orig. Neoton Família, erstmals live, plus Leander Köteles)
21. Fucked With an Anchor

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