Simple Minds und ein Marathon der größten Hits beim unvergesslichen Spektakel in Zagreb (2022)!
Spielort: Zagreb / ŠRC Šalata / Kroatien
Konzertdatum: Donnerstag, 30. 6. 2022
Simple Minds! Die größte schottische Band aller Zeiten. Auf einer Hits-Tour. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums ihres Bestehens. Eine Band, die in der zweiten Hälfte der Siebziger gegründet wurde, noch auf den Wellen der Punk-Expansion, und die durch das eigenständige Pflegen einer New-Wave/Art-Rock-Musikkarisma einen Teil dieses rebellischen Etiketts in den großen kommerziellen Erfolg der Achtziger überführte – getragen von den Hits unvergänglicher Evergreens, allen voran Don’t You (Forget About Me), Alive And Kicking, Waterfront, Someone Somewhere in Summertime, Glittering Prize und Belfast Child –, und dabei ihre unvergessliche musikalische Figur festigte.
Die aktuelle Tour, die wie jede andere in den vergangenen zwei Jahren ebenfalls verschoben und auf spätere Termine verlegt wurde – wobei die Gründe dafür keiner besonderen Erwähnung bedürfen –, hat nun endlich und zum ersten Mal seit 2014 auch Zagreb wieder besucht. Die Gruppe war in eine Spielstätte eingeladen, die rund 3.500 Personen fasst, nur dass es diesmal, im Gegensatz zum Besuch der Band im März 2014, ein heißer Sommertag war – und Simple Minds kamen nach Zagreb mit einem Marathon-Set, das in seiner Gesamtheit drei Stunden dauerte. Aufgeteilt in zwei Teile mit einer 20-minütigen Pause dazwischen. Willkommen also auf dem Karussell der größten Hits und weiterer bedeutendster Songs, die die langjährige Karriere der Band dokumentieren – einer Band, die bis zu jenem Abend insgesamt achtzehn Studioalben veröffentlicht hatte und im Juni bereits die neue Single Vision Thing vorgestellt hatte, womit sie andeutete, dass ein neues Studioalbum namens »Direction Of the Heart« entsteht, das für Oktober dieses Jahres angekündigt ist.
Es ist halb neun Uhr abends. Die Sonne steht noch immer hoch. Zu hoch. Doch keine Zeit mehr zum Warten. Auf dem Programm steht das Karussell aus vierzig Jahren Hits der Band. Die Spielstätte war mindestens zwei Wochen vor dem Konzert in Zagreb ausverkauft. Große Euphorie der Menge und knisternde emotionale Funken! In Erwartung einer Band, die die Pop-Rock-Kultur der Achtziger definitiv geprägt hat. In nostalgischer Vorfreude, dass diese Jahre durch ein dreistündiges Spektakel wieder erwachen und uns für einen Moment in eine Parallelwelt entführen, in der viele Besucher dieses Konzerts noch aufgewachsen waren. In enger Gemeinschaft mit der Band! Nirgendwo sonst als eben beim Konzert. Live. Authentischer geht es nicht.
Den Kern der Band bilden im Jahr 2022 die Gründungs- und Originalmitglieder – das sind, man darf es ruhig sagen, der ikonische Sänger Jim Kerr sowie der Gitarrist und gelegentliche Keyboarder Charlie Burchill. Auf der Bühne präsentieren sich Simple Minds in der Gestalt eines Septetts, was sie in den letzten Jahren offiziell auch sind. Den beiden Hauptakteuren schließen sich an: Bassist Ged Grimes, die äußerst attraktive und lebhafte Schlagzeugerin Cherisse Osei, die exzellente zusätzliche Backgroundsängerin Sarah Brown, Zusatzgitarrist Gordy Goudie und die zuletzt dazugestoßene Keyboarderin Berenice Scott.
Hat jemand gezweifelt? Hat sich überhaupt jemand getraut zu zweifeln? Getragen von einer traumhaften Setlist voller Singles und Hits. Ein Marathon-Karussell der Achtziger, mit dem Gewicht der vier wichtigsten Alben der Karriere: »New Gold Dream (81-82-83-84)« (1982), »Once Upon A Time« (1985), »Sparkle In The Rain« (1984) und »Street Fighting Years« (1989). Jim Kerr, ein Mann von unerschütterlicher Charisma, der von Jahr zu Jahr – zumindest ein kleines bisschen – immer mehr Bruce Willis ähnelt, mit seinen charakteristischen kokett-tänzerischen Bewegungen, die aus den Tanzflächen der Pop-Kultur der Achtziger stammen, sogar in einem Outfit, das unmissverständlich das Sentiment jener Zeit weckt, in seinen typischen (oft breitbeinigen) Bühnenposen und mit ständigen Grüßen an die Menge. Das Publikum war im Handumdrehen seins. Die Band eröffnete das Konzert gleich mit drei Songs, die das Wort Liebe im Titel tragen (Act Of Love – ein ganz neuer Song, Love Song, Let There Be Love). Die Botschaft ist klar. Sie steckt in uns. Diese Sendung. Man muss sie nur wecken. Ihr Sinn erschließen und sie leben. Positive Vibes überall. Die Leute völlig entspannt, voller Heiterkeit und Versöhnlichkeit. Wenn man bei dem Gedränge jemanden unglücklich angerempelt hatte, als man aufbrach, um die ausgetrocknete Kehle mit dem ein oder anderen Bier zu erfrischen – dem Gedränge war nun mal nicht auszuweichen –, dann hat derjenige, den man angerempelt hatte, nur gelächelt und einem freien Durchgang gelassen. Wohin man auch wollte. Man konnte jederzeit während des Konzerts direkt vor die Bühne kommen. Die Leute haben sich einfach keinen Kopf darum gemacht, wenn jemand von hinten während des Konzerts ’nach vorne drängte‘. Ein eigenartig entspanntes Publikum – aber emotional und voll auf das Geschehen konzentriert.
Dass das diesmalige Konzert der Band ein voller Erfolg werden würde, lag irgendwie schon in der Luft, bevor es überhaupt begann. Kerr ist auch im reiferen Alter in ausgezeichneter stimmlicher Verfassung, und Charlie Burchill ist ein bekannter ‚Professor‘ des Klangverbiegens – bei dem seine Gitarre oft klingt wie ein Vorhang aus rauschenden Synthesizern mit einer Klangkontur, die die Pointe des Pop der Achtziger aufbaut. Als bei Glittering Prize für ein Vokalduett mit Kerr auch Sarah Brown die Bühne betrat – was unmittelbar danach sofort durch den Hit Promised You A Miracle bekräftigt wurde –, entfachte sich das Konzert vollständig und entfaltete sich in all seinem Glanz und aller Leidenschaft. Der erste Konzertteil dauerte eine gute Stunde, und die Band überraschte nicht wenig, als sie zwischen den bekannten und allgemein hochgeschätzten Hits Mandela Day und der besonders wunderschönen, konzertmäßig verlängerten Aufführung des herrlichen Belfast Child, die stets ein ganz besonderes atmosphärisches Erlebnis mitbringt, den brandneuen Song First You Jump einbaute – womit nach dem Opener Act Of Love erneut indirekt angekündigt wurde, dass im Hintergrund ein neues Album »Direction of the Heart« entsteht.
Ein Simple Minds-Konzert bringt eine Steigerung der Atmosphäre mit sich. Das macht die Band behutsam. Raffiniert. Bis zum absoluten Höhepunkt im Schlussteil. Der zweite Konzertteil war nicht nur länger als der erste, sondern auch intensiver – und theatralischer. Die Band begann den zweiten Teil mit dem exzellenten Instrumental Theme for Great Cities, bei dem Grimes‘ Bass durch den Kern des Stücks wühlte und den geheimnisvollen Melodien des Songs besonderen Glanz und Zauber verlieh. Darauf folgte eine nicht geringe Überraschung: die Integration des »New Gold Dream (81-82-83-84)«-Klassikers King Is White and in the Crowd, der von der Band in ihrer langen Karriere auf Konzerten sehr, sehr selten gespielt wurde. Ebenso erfreuten Simple Minds so manchen, als sie sich Let It All Come Down vom »Street Fighting Years«-Album vornahmen, sowie den Titeltrack von Once Upon A Time – beide Songs tauchten im Konzertrepertoire der Band erst seit einigen Jahren wieder auf, nach den ‚uralten Achtzigern‘. Zwischen diese Punkte waren natürlich die allseits beliebten, zündenden Hits eingestreut, allen voran Waterfront, All The Things She Said, Someone Somewhere in Summertime, She’s A River und natürlich der eine und einzige – Don’t You (Forget About Me). Ihren Karriere-Hit dehnte die Band theatralisch aus und fesselte das Publikum damit vor dem großen Finale beim Mitsingen noch fester an sich. Es wurde immer klarer, dass wir uns dem Ende des regulären Teils näherten, den die Band außerordentlich intensiv abschloss – mit dem Titelhit ihres Durchbruchsalbums »New Gold Dream (81-82-83-84)«, bei dem Simple Minds eine außergewöhnliche Groove-Kinetik auf der Achse der Intensivierung der Kontraste zwischen Rhythmik und Synthesizer-Vorhängen erzeugten.
Dann folgt die obligatorische Zugabe. Beginnend mit dem radikal neu arrangierten Hit Speed Your Love To Me in einer akustisch-balladesk anmutenden Variante, bei der Sarah Brown und Berenice Scott in den Mittelpunkt des Geschehens traten. Letztere entlastete bei dieser Gelegenheit Kerr beim Hauptgesang, der sich auf ein zusätzliches Podest zu Schlagzeugerin Cherisse Osei bewegte. Wer das energetische Original dieser Single vermisste, kam im weiteren Verlauf auf seine Kosten mit dem lang ersehnten Alive And Kicking, bei dem Kerrs theatralisches Anfeuern seines Kumpels Ged Grimes nicht ausblieb, und dem abschließenden Sanctify Yourself, das die Band für das große Finale aufgespart hatte.
Und der Sound beim Konzert? Perfekt. Geradezu makellos. Die Kontraste intensiviert, die Klangedichte kernig und ausgefüllt. Die Instrumente in brillanter Balance, und die Stimmkraft von Jim Kerr ließ in keiner Weise nach. Unterstützt von der faszinierenden Sarah Brown, die auf Bühnen einfach nicht fehlen darf, ist die Intensität der Darbietung der Hits umso mitreißender.
An diesem Abend in Zagreb durfte man einfach nicht fehlen. Die Anhänger der Band wussten das und waren da. Genauso machten sich all jene auf den Weg, die den Kontakt mit der nostalgischen Zeit der Achtziger suchen – einer Zeit, die locker, sorglos, voller Hoffnungen und großer Träume wirkte. Ja, viele im Publikum sind mit Simple Minds zusammen älter geworden und haben ihre Teenagerjahre in den Achtzigern verbracht – doch es war auch aufmunternd zu erkennen, dass das Konzert eine Menge junges Publikum anzog, was bedeutet, dass das Interesse – nicht nur an Simple Minds, sondern an den unvergesslichen Zeiten, als Bands noch auf natürliche Weise, kraft eigener kreativer Talente, kommerziellen Erfolg erzielten – wieder zunimmt. Ein ultimatives, spektakuläres Konzert, vollgepackt mit klassischen Hits und Singles auf einem dreistündigen Rondell geflügelter atmosphärischer Intensitäten und Magie! Simple Minds bewegten sich bei der Repertoirewahl in der Diskografie nicht über das Jahr 1995 und das Album »Good News From The Next World« hinaus. Deshalb war dieses Gefühl der Re-Kreation der Achtziger womöglich umso intensiver. Und das im Jahr 2022. Ungeachtet der Reife von Kerr und Burchill, die eigentlich längst zu Hause auf die Enkel aufpassen müssten, hat die Band noch nicht das letzte Wort gesprochen. Deshalb darf man gespannt sein, dass Simple Minds im kommenden Frühling noch die eine oder andere Tour in Angriff nehmen werden. Bis dahin warten wir auf das neue Album. An Hits war an diesem Abend noch genug auf Vorrat, und Simple Minds hätten in Zagreb problemlos noch weitere zwei Stunden spielen können. Einen solchen Schluss bei so intensiven Gefühlen und Eindrücken sowie dem Gefühl einer gewissen (zeitlichen und räumlichen) Hypnose, die die legendäre Glasgower Band an diesem Abend in uns weckte, zu ziehen, fiel nicht schwer.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen (Nr. 45-47)
Setlist:
Set 1:
1. Act of Love
2. Love Song
3. Let There Be Love
4. Glittering Prize
5. Promised You a Miracle
6. Book of Brilliant Things
7. Mandela Day
8. First You Jump
9. Belfast Child
—Pause ca. 20 Min.—
Set 2:
10. Theme for Great Cities
11. King Is White and in the Crowd
12. Waterfront
13. She’s a River
14. Once Upon a Time
15. Someone Somewhere in Summertime
16. See the Lights
17. All the Things She Said
18. Don’t You (Forget About Me)
19. Let It All Come Down
20. New Gold Dream (81-82-83-84)
—Zugabe—
21. Speed Your Love to Me
22. Alive and Kicking
23. Sanctify Yourself














































