Iron Maiden erobern Zagreb erneut als Auftakt zum letzten Teil der „Legacy of the Beast“-Tournee!
wo: Zagreb / Arena / Kroatien
wann: Sonntag, 22. 5. 2022
Endlich. Nach zweimal verschobenen Terminen für den Abschlussteil der „Legacy Of The Beast“-Tournee und der zwischenzeitlichen Veröffentlichung des neuen Studioalbums „Senjutsu“ (2021, RockLine Rezension) haben die Schwergewichte des Heavy-Metal-Handwerks Iron Maiden endlich wieder angefangen zu touren. Das Touren war ihnen endlich wieder erlaubt. Na ja, einigen nachträglichen Terminanpassungen der Tournee – darunter fielen die Konzerte in Kiew und Moskau (die Gründe dafür müssen nicht extra erwähnt werden) – ließ sich leider auch diesmal nicht entgehen.
Iron Maiden kommen seit 2007 offensichtlich nicht mehr nach Slowenien, machen aber auf fast jeder Tournee einen Halt ganz in der Nähe unseres Landes. Nach den letzten beiden Besuchen in Triest, 2018 (RockLine Konzertrezension) und 2016 (RockLine Konzertrezension), hat uns diesmal also wieder Zagreb beim Besuch ihres Konzerts ‚gerettet‘.
Eine Iron Maiden-Tournee ist eben ein universelles Heavy-Metal-Volksfest. Fahrzeuge vollgepackt mit Fans in schwarzen T-Shirts rollten den ganzen Tag unaufhörlich aus allen europäischen und sogar überkontinentalen Richtungen auf die kroatische Hauptstadt zu. Kein echter Hartrock-Fan aus Slowenien durfte das einfach verpassen. Und noch mehr: Wer konnte, hatte sich auch den Dienstag, den 24. 5. 2022, freigehalten und düste weiter bis nach Belgrad zum nächsten Iron Maiden-Konzert.
Genug der Vorfreude. Die Uhr hatte kurz nach acht Uhr abends geschlagen und die Halle brodelte bereits. Das Vorprogramm von Lords of the Lost, das unser Auto mit drei eingefleischten Iron Maiden-Fans bewusst ausgelassen hatte, war abgehakt – Zeit, sich Richtung Bühnenfront in den sogenannten ‚Fan Pit‘ vorzukämpfen. Die Maschinerie ist auf den Punkt eingespielt, und kurz nach neun verdunkelte sich die Halle. Das Instrumental Transylvania und danach der erwartete UFO-Klassiker Doctor Doctor heizten dem ‚Ameisenhaufen‘ der nahezu ausverkauften Halle, die rund 22.000 Menschen fasst, ordentlich ein – bis die Klänge des Intros zum regulären Konzertteil erklangen. Ein zunächst spärliches Licht enthüllte ein neues Bühnenbild, das uns ins Land der aufgehenden Sonne entführte, und auf der Bühne erschien einer nach dem anderen eine Gruppe von sechs wohlbekannten Gesichtern.
Das Zagreber Publikum erlebte die Weltpremiere des neuen Albums mit drei neuen Songs am Stück: Senjutsu, Stratego und The Writing On the Wall – wobei Iron Maiden beim letzteren auch Eddie in neuem ‚Samurai‘-Look auf die Bühne brachten. Das neue Album war zu dem Zeitpunkt fast ein Jahr offiziell draußen, und es war an der Zeit, es live vorzustellen. Wie allgemein bekannt, kalibriert sich der Sound bei Maiden-Konzerten während der ersten paar Songs ein. So auch diesmal. Nach The Writing On the Wall, das von den drei Neuzugängen beim Publikum mit Abstand am besten ankam, wechselte das Bühnenbild komplett. Die Bühne übernahm das ‚Legacy of the Beast‘-Setup, und Iron Maiden fuhren mit Revelations fort, das für diesen Anlass offenbar Where Eagles Dare in der Setlist verdrängt hatte. Letzteres hatten Iron Maiden auf den vorherigen Etappen der ‚Legacy Of The Beast‘-Tournee in der Setlist behalten. Im Sinne der ’neuen Korrekturen‘ beim Auffrischen der ‚Bestien-Doktrin‘ ging das Spektakel weiter, als die Band auch Blood Brothers ins Repertoire zurückholte – und davor hatte der (wieder mal) langhaarige ‚vokale Moses‘ des Metals, Bruce Dickinson, mit einer sensationellen Ansprache das Publikum restlos auf seine Seite gebracht.
Von da an lief alles im Einklang mit der alten Schule der ‚Legacy of the Beast‘, nur dass die Band die ‚Sahnestücke‘ ihrer Karriere ordentlich durchgemischt hatte. Das galt auch für den Abschlussteil, der jetzt zwei Zugaben enthielt. Vor allem für die zweite, die auf früheren Konzerten eben dieser Tournee ihren Eröffnungsblock dargestellt hatte. Ja. Diesmal das abschließende Aces High – leider der einzige Song vom Album „Powerslave“, der, begleitet von einem aufgeblasenen Spitfire, im allerletzten Moment des Abends erklang.
Die Band ist in blendender Form. Die Herren in den kräftigen Sechzigern bewahren ihre Bühnenverve, eine gewisse Verspieltheit und auch Lockerheit – auch wenn uns längst allen klar ist, dass sich das Ganze eher um Geld und Routine dreht. Aber sie haben toll gespielt. Wirklich toll. Iron Maiden bleiben eine Konzertmaschine, die mahlt, bis nichts mehr zu mahlen ist. Bruce ist immer das erste Fragezeichen, wenn man über die aktuelle Form der Bandmitglieder spricht – doch der Mann hat seine Rolle erneut makellos erfüllt. Er hat überragend gesungen.
Das Spektakel der Iron Maiden-Konzerte wächst derweil unaufhörlich. Von Jahr zu Jahr bereichert sich das Bühnenbild in seiner Vielfalt. Jeder Song hat sein eigenes Bühnenbild, und Maiden präsentieren in letzter Zeit gleich drei verschiedene Eddies auf der Bühne. Der zweite begrüßte uns während der höllischen Performance des Klassikers The Number of the Beast, der dritte kam dann mit dem Säbel auf die Bühne während The Trooper. Dickinson wechselte bei jedem Song sein Outfit. Bei Fear of the Dark stakste er mit Zylinder und Laterne in der Hand über die Bühne, bei Flight Of The Icarus bediente er sich einiger Rammstein-Manöver und fuchtelte mit Flammenwerfer-Armen umher, bei The Trooper schlüpfte er – wie ihr das wahrscheinlich schon selbst wisst – in die Uniform eines britischen Gardisten und schwenkte dabei die kroatische Flagge, bei Hallowed Be Thy Name gab er einen zerlumpten Gefangenen, dem auf der Bühne Galgen Gesellschaft leisteten, und bei Sign Of The Cross hüllte er sich in den schwarzen Umhang eines blutdürstigen Inquisitors. Kurzum. Ein Iron Maiden-Konzert ist über die Jahre zu einem riesigen, riesigen Spektakel geworden. Mit theatralischer Unterstützung von speienden Feuern und züngelnden Flammen (The Number of the Beast, Flight Of Icarus) sowie Feuerwerken (Sign Of The Cross).
Was soll man zum Schluss sagen? Der kommt immer viel zu schnell. Zu früh erklingt dieses abschließende Iron Maiden. Eigentlich bringt dessen Darbietung mehr Wehmut als Freude, weil du weißt, dass danach nur noch die obligatorische Zugabe folgt. Der einzige Kritikpunkt an diesem ansonsten in jeder Hinsicht begeisternden Treffen mit den Großen des Metals betrifft nur die Darbietung von The Clansman. Nicht die Darbietung selbst, sondern die Entscheidung der Band, ihn als Zugabe zu spielen. Die sollte für Klassiker der Achtziger reserviert bleiben. In dieser Hinsicht zogen zwei besondere Juwelen jener Ära aus der gesamten Maiden-Diskografie den Kürzeren. Das sind die Alben „Seventh Son Of A Seventh Son“ und „Somewhere In Time“, die im Repertoire völlig ignoriert wurden. Na ja, zum Glück hat die Band gleichzeitig auch alle Alben ignoriert, die nach „Brave New World“ erschienen sind.
Ein Iron Maiden-Konzert bleibt also ein Erlebnis der besonderen Art. Auch für jene, die kein Metal hören, ist der Besuch mindestens eines Konzerts dieser Band eigentlich eine Lebenspflicht. Nach dem Gebotenen setzt sich die Geschichte einer der bedeutendsten Heavy-Metal-Bands also fort. Das Metal-Fest in Zagreb mit Iron Maiden bedeutete zugleich ein Zusammentreffen verwandter Seelen, das sämtliche Grenzen überwand, in denen wir seit dem Kindergarten konditioniert sind. Auch die nationalen. Hier wurden wir alle wieder eins. Eine echte Bruderschaft. Brüder und Schwestern. Eine Ladung positiver Energie schwirrte hin und her, die Ausgelassenheit in der Halle war außergewöhnlich. Wenn jemand, der in seinem Leben ein gutes Dutzend Maiden-Konzerte erlebt hat – der ‚Chronist dieser Zeilen‘ –, diese intensiven Gefühle immer wieder und wieder erlebt, versetzt ihn ein solcher Zustand positiver und irgendwie echter Schwingungen in das Gefühl, als wäre es sein allererster Kontakt mit den Ikonen des Heavy Metals.
Der Abschlussteil der ‚Legacy of the Beast‘-Tournee hat also die Erkenntnis gebracht, dass Iron Maiden noch immer in sehr guter Form sind – und nicht zuletzt, gerade mit Blick auf den Eröffnungsteil des Konzerts in Zagreb, dass auf diese Tournee bald die nächste folgen wird, die der Promotion des Albums „Senjutsu“ gewidmet ist. Wer beim Lesen dieses Beitrags das Gefühl bekommen hat, etwas zu verpassen, hat die Möglichkeit zur Nachprüfung am 10. 7. 2022, wenn die Band im gut 300 km von Ljubljana entfernten Wiener Neustadt auftritt.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos Nr. 1 bis 12 & 15: Aleš Podbrežnik
Fotos Nr. 13, 14 & 16 bis 20: Edita Klemen
Setlist:
1. Senjutsu
2. Stratego
3. The Writing on the Wall
4. Revelations
5. Blood Brothers
6. Sign of the Cross
7. Flight of Icarus
8. Fear of the Dark
9. Hallowed Be Thy Name
10. The Number of the Beast
11. Iron Maiden
—erste Zugabe—
12. The Trooper
13. The Clansman
14. Run to the Hills
—zweite Zugabe—
15. Churchill’s Speech (aufgenommenes Intro)
16. Aces High









