The Ferrymen: One More River To Cross
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 21. 1. 2022
Produktion: Magnus Karlsson
Albumlänge: 56.30 min
Genre: Melodic Metal
Bewertung: 9.0/10
The Ferrymen, die internationale Melodic-Metal-Sensation mit dem chilenischen Sänger Ronnie Romero, dem schwedischen Gitarristen und Multi-Instrumentalisten Magnus Karlsson sowie dem amerikanischen Schlagzeuger Mike Terrana, sind mit dem dritten Studioalbum des Projekts zurück – dahinter stecken die ‚Bosse‘ von Frontiers Music Srl. Den Titel »One More River To Cross« haben sie ihm verpasst. Ob das eine Metapher für das letzte Album des Projekts ist, angesichts des Labelvertrags, werden wir noch sehen – ich bezweifle es allerdings.
Karlsson ist ein bekannter Legionär des Labels. Im Studio. So eine Art schwedisches Multi-Instrumental-Pendant zum Italiener Alessandro Del Vecchio – nur dass er sich nicht gerade mit besonders ‚in den Himmel schreienden‘ Vokalqualitäten brüsten kann. Nun ja, Magnus hat in den letzten Jahren ein wenig an seiner unglaublichen kreativen Energie nachgelassen, für die er vor allem im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends bekannt war, als Material für Alben verschiedenster Künstler (‚Auftraggeber‘) unter dem Dach von Frontiers Music Srl. nur so aus ihm herausströmte. Trotzdem bleibt Magnus eben Magnus. Gute Ware verdirbt nicht. Er hält an seiner Formel fest, die er meisterhaft beherrscht und mit der er sich immer wieder ein gewinnendes Blatt erspielt – auch wenn es dabei nur um äußerst geschicktes Recycling und Aufwärmen bereits Bekannten geht, freilich in neuem und höchst einladendem Gewand.
Der scharfsinnige und routinierte Magnus hat erneut eine beneidenswerte Sammlung von elf Tracks zusammengeschmiedet – das Album bringt wieder ordentlich Spielzeit mit, langweilt dabei aber keinen Augenblick. Was unterscheidet also auch das dritte Album des Projekts – und damit das Projekt selbst – von den anderen Projekten (FreeFall, Last Tribe, Starbreaker, Allen/Lande, Place Vendome,…), hinter denen dieser Musiker steckt, obwohl der Kompositionsstil im Grunde sehr ähnlich ist? Den gewünschten Unterschied bringen die beiden anderen Musiker des Projekts. Erstens der schlagzeugerisch versierte Schwergewichtler Mike Terrana, und zweitens der außergewöhnliche Sänger Ronnie Romero. Mit ihren musikalischen Qualitäten fügen sie die notwendige Prise ‚Andersartigkeit‘ hinzu. Allen voran Romero, der sich vokal wie gewohnt wieder in seine Grundbestandteile zerlegt. Der Mann beeindruckt mit seiner Gesangsdarbietung und bleibt an der Spitze der Sänger seiner Generation. Terrana – sein gigantisches Ego ist hinlänglich bekannt, er beansprucht enorm viel Aufmerksamkeit und expressiven Raum – kann stellenweise aber auch recht zurückhaltend sein und drängt sich nicht in den Vordergrund. Bei Tracks wie City of Hate und/oder Bringer of the Dark, den dunkleren Momenten des Albums, tritt er allerdings definitiv aufs Gas, und in diesen Momenten gewinnt das Album an deutlich mehr Heavy-Metal-Biss – vergleichbar sowohl mit Primal Fear als auch mit Rage in jener Ära, in der Terrana in dieser Band trommelte. Eindeutig unterstrichen wird auch diesmal Karlssons Hingabe an die Wurzeln des AOR bzw. des melodischen Rock. Keyboard-Arrangements sind auf Schritt und Tritt des Albums präsent, was das Bild des Albums definitiv in die Nähe eines Projekts wie Allen/Lande rückt. Terrana ist definitiv stark präsent. Auf dem Album feuert er einige mörderische Übergangs-Fills raus, die diesem Schlagzeuger von jeher das unverwechselbare Markenzeichen der Einzigartigkeit verleihen – wie u.a. in Hurt Me To The End Of The World angedeutet.
The Ferrymen rechtfertigen also auch mit »One More River To Cross« in jeder Hinsicht ihre Daseinsberechtigung. Am zufriedensten mit dem Produkt werden natürlich wieder die Auftraggeber, sprich das Label-Management, sein – aber widerstehen werden ihm auch alle Fans von Karlssons Kompositionsprinzip ganz gewiss nicht, ebenso wenig wie Fans von Lords Of The Black; gelegentliche Parallelen zu Almanac von Victor Smolski, Primal Fear sowie den ‚klassischen Terrana-Zeiten‘ bei Rage sind naheliegend, denn »One More River To Cross« ist metalltechnisch scharf und bissig genug, um auch diejenigen in seinen Bann zu ziehen, die mindestens eine Prise dunkler und verhängnisvoller Atmosphäre fordern – auch wenn das neue Album wieder auf Schritt und Tritt ultra-eingängig ist. Karlsson hat erneut einige höchst faszinierende Kompositionen herausgebracht, die auf dem Album herausstechen. Das ist definitiv der Titeltrack mit seinem phänomenalen Refrain, aber auch das mit orientalischen Ornamenten gewürzte Shut It Out. Erneut hat er einige außergewöhnliche Gitarrensolo-Momente geschaffen. Magnus gilt in erster Linie als außergewöhnlicher Gitarrist, und ich bin überzeugt, dass viele Metal-Puristen es lieber sähen, wenn er auf Alben nur Gitarre spielte und die Keyboards vollständig in Ruhe ließe. Besonders der Titeltrack trägt die Handschrift einer neoklassisch fundierten (Power-)Metal-Epos-Symphonie – in die Arrangements wurden opulente orchestrale Einlagen integriert, was dem Track das besondere Gepräge erhabener Grandiosität verleiht. Kaum nötig zu sagen, dass Karlsson ein Meister theatralischer Dramatik und gewaltiger Pomposität ist – und auch dieses Album ist davon auf Schritt und Tritt durchdrungen.
»One More River To Cross« ist nicht mehr und nicht weniger als ein weiteres hervorragendes Produkt dieses Projekts – ich wage zu behaupten, dass es von allen dreien sogar das reifste, ausgefeilteste und detaillierteste ist. Wenn nichts anderes, dann sicher das dunkelste und verhängnisvollste. Seine Fans werden mehr als begeistert sein.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. One Word
2. The Last Wave
3. Shut It Out
4. City Of Hate
5. One More River To Cross
6. Morning Star
7. Hunt Me To The End Of The World
8. Bringers Of The Dark
9. The Other Side
10. The Last Ship
11. The Passenger
Besetzung:
Ronnie Romero – Gesang
Magnus Karlsson – Gitarre, Keyboards, Bass
Mike Terrana – Schlagzeug
