Iron Median heizten den Orto Bar mit einem Bündel Klassiker aus der goldenen Ära der ‚Eisenjungfrauen‘ ein (2021)
Ort: Ljubljana / Orto bar / Slowenien
Datum: Freitag, 5. 11. 2021
Dann kam dieser magische Tag – für den Schreiber dieser Zeilen persönlich der zweite in diesem Jahr –, an dem er sich wie durch ein Wunder zu einem klassischen Metal-Konzert aufgemacht hat. Es stellte sich heraus, dass es auch der letzte Klubabend im Orto bar war. Warum nochmal? Wir wissen es gut, oder genauer gesagt: Wir wissen gar nichts. Absolut gar nichts. Aber um die schöne Erinnerung nicht zu trüben, lass uns lieber direkt zum Wiederaufleben der Gefühle eines der seltenen Konzertabende dieses Jahres übergehen, die etwas Nostalgie heraufbeschworen haben. Als wäre erst gestern Anfang März 2020 gewesen. Im Orto bar waren also Iron Median zu Gast. Wie der Name schon sagt, eine Band, die dem Nachspielen des Werks und Wirkens der ikonischen Iron Maiden verschrieben ist. Eine Tribute-Band. Die Band, die ich irgendwann vor mehr als zehn Jahren gesehen habe, als noch Sergej Škofljanec für sie sang, hat schon seit einer Weile einen neuen Sänger – was inzwischen keine Neuigkeit mehr ist. SkyEye-Sänger Jan Leščanec ist für Škofljanec auf so einer Position eigentlich der ideale Ersatz. Den Rest der Crew bilden: Big Foot Mama-Bassist Alen Steržaj, die Gitarristen Rock Tomšič (Metalsteel) und Matjaž Tozon sowie Dekadent-Schlagzeuger Tine Horvat.
Die Band huschte also kurz nach neun auf die Bühne. Direkt und frontal mit The Number of the Beast losgelegt – und das kollektive Feiern im Orto bar bekam damit grünes Licht. Guter Besuch, eine engagierte Menge, und das Wesentliche: Ordentlich aufgeheizte, aber nicht überkochende Köpfe. Viele bekannte Gesichter, die alte Clique, alte Konzertseelen, aber auch viele junge Verzerrungsliebhaber – das macht natürlich Hoffnung. Das Quintett ist spieltechnisch gestochen scharf. Daran gibt es nichts zu zweifeln. In jeder Hinsicht. Von der Bühnenpräsenz bis zur Performance. Die meisten Blicke richteten sich natürlich auf Leščanec. Der hat Dickinson haargenau studiert. Von den Bühnengesten ganz zu schweigen vom Gesangsansatz. Besonders wenn er die Stimmkraft aus den mittleren in die hohen und höchsten Lagen überträgt. Die Kraft, die der Sänger dabei entwickelt, ist außergewöhnlich. Das gilt auch für die Ausführung, der man eigentlich überhaupt nichts vorwerfen kann. Der Gesang ist jedenfalls das Fundament, mit dem man das Repertoire der goldenen Ära von Iron Maiden zusammenstellen kann. Aus dem Repertoire der klassischen Alben fehlte als einziges komplett »Killers«, auch dem Album „No Prayer for the Dying“ ist die Band aus dem Weg gegangen – was ein bisschen zu erwarten war. Erwartbar war auch das Repertoire, das eine Art ‚Best of‘ der klassischen Tage der Band aufreihte. Außerdem folgten: The Trooper, Where Eagles Dare, The Clairvoyant, The Evil That Man Do, Hellowed Be Thy Name, Two Minutes To Midnight, Can I Play With Madness, Wasted Years, Running Free (»Live After Death«-Version), Fear of the Dark (Letztere beschloss den regulären Teil),… Rechnet damit, dass ich die Reihenfolge durcheinandergebracht habe, und dass mir die eine oder andere Nummer vielleicht auch unbeabsichtigt aus dem ‚Gedächtnis‘ gerutscht ist.
Dann kam die Zugabe. Bis zur Zugabe konnte jeder für sich selbst denken: »Erwartbares Repertoire«. Aber eben nur bis zur Zugabe, als Leščanec dem Publikum verriet, dass die folgende Geschichte 356 Jahre vor unserer Zeitrechnung spielt. Es war Alexander the Great! Ich kann sagen: einer der strahlendsten, wenn nicht gar der strahlendste kompositorische Moment in der Geschichte von Iron Maiden. Besonders wenn sich der Track durch die mehrteiligen Soli innerhalb der mächtigen, ausgedehnten und magischen ‚Mid-Eight‘-Passage beißt – was Tozon und Tomšič einmal mehr mit großer Präzision einstudiert haben. Acht Minuten und eine halbe, die einem wirklich unglaublich viel heraufbeschwören. Acht einhalb jener Minuten, weswegen »Somewhere In Time« für viele Iron Maiden-Fans ihr Lieblingsalbum ist. Für einen Iron Maiden-Verwöhnten meiner Sorte gilt das auf jeden Fall. Mit dem einzigen Iron Maiden-Track aus dem neuen Jahrtausend, The Wicker Man, führte die Band das Publikum an den Beginn des großen Finales, das die erwartete Iron Maiden und für das finale Crescendo die stets ungemein verlässliche Angriffshymne Run To the Hills beschlossen.
Hervorragender Sound. Eine kompakte und präzise Rhythmussektion, im Mittelpunkt der schlaksige Lange Steržaj, der wild und ungezähmt auf dem scheppernden Bass herumhackte, dazu beide Gitarristen, die den Originalen der Band (inklusive Soli) bis ins kleinste Detail folgten – das gilt auch für die dreistimmigen Harmonien. Zu Beginn hatte Matjaž ein paar Schwierigkeiten, als wäre er zu tief gestimmt, aber er hat schnell eine ‚Mini-Selbstkorrektur‘ vorgenommen, und danach lief alles wie am Schnürchen.
Eddie hat’s gewonnen. Auf den ersten Blick wirkt er wie eine irre Vogelscheuche und das Produkt der kränksten menschlichen Fantasie – er würde sogar die Krähen dazu bringen, den ganzen gestohlenen Mais aufs Feld zurückzutragen. Iron Maiden sind also im Orto bar mit einem überaus gelungenen Abbild »posthum zum Leben erweckt« worden. Iron Median haben dem Publikum ein Stück der großen Heavy-Metal-Geschichte heraufbeschworen und ein Erlebnis geliefert, mit dem wir uns zumindest für eine Weile teilweise alle Wunden geheilt haben, die uns das aktuelle Trauma der vollständigen Atrophie der gesellschaftlichen Ordnung beschert. Kopf hoch! Im Orto bar wurde ein neuer Funke entzündet!
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen










