Paranormaler Alice Cooper mit neuem Gruselspektakel in Wien (2017)

ALEŠ PODBREŽNIK
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Ort: Wien / Wiener Stadthalle / Österreich
Datum: Montag, 27.11.2017
Auftretende: Europe, Alice Cooper


Wenn das Konzertjahr zu Ende geht, wird’s wie immer eng. Der Herbst ist immer gut bestückt mit ihnen. Mit Konzerten natürlich. Vor allem im Ausland. Jedes Jahr muss ein konkreter Konzert-Alibi her für das einst alltägliche Konzertabenteuer in die Tschechische Republik. Dieses Jahr bot sich dieser Alibi mit einem Dreifach-Konzertbesuch in Tschechien, der Slowakei und als großes Finale noch in Österreich, wo wir am Montag, dem 27.11.2017, in Wien das Konzert des einzigartigen Regisseurs von Rock’n’Roll-Gruselspektakeln und Schrecken, der unzerstörbaren Rock’n’Roll-Exzellenz Alice Cooper, abfingen. Sein Stopp in der österreichischen Hauptstadt war aber noch besonders, denn den Konzertabend eröffneten die legendären schwedischen Hardrocker Europe.

Den Tag zuvor hatten wir das Konzert von Helloween im slowakischen Bratislava besucht, diesmal kamen wir am Veranstaltungsort allerdings ziemlich spät an. Die Gelassenheit und Entspanntheit, die man beim Besuch Tschechiens und der Slowakei schnell annimmt, lässt einen ein bisschen »einschlafen«, was beim Einzug ins ordnungsliebende und stets pünktliche, nach Regeln »parfümierte« Österreich nicht gerade das Beste ist. Es stellt sich manchmal einfach heraus, dass es in solchen Krisenmomenten, wenn die mentale Orientierung unterwegs versagt, wirklich besser wäre, das richtige Navi einzuschalten (bzw. es erst mal anzuschaffen). Wenn’s drauf ankommt, kommt’s drauf an, und es heißt nicht umsonst, dass das Glück den Mutigen und den Verrückten hold ist. Am Ende war alles bestens.

Die Wiener Stadthalle ist bereits beneidenswert voll. Die oberen Ränge blieben geschlossen, mit einem Vorhang abgedeckt. Es dürften etwa 7.000 Leute im Saal gewesen sein. Europe bekamen solide drei Viertel Stunden und zündeten ein Repertoire, das eine Mischung aus Alt und Neu ist. Die Band erlebt einen neuen Frühling, und stilistisch hat sie sich in reifen Jahren mehr als je zuvor mit den Elementen des Old-School-Hardrock angefreundet, in dem sie die Einflüsse der Pionier-Rockbands noch intensiver ausdrückt, von Deep Purple und Rainbow bis hin zu Thin Lizzy. Die Band produziert auch in der neuen Ära außerordentlich schöne und qualitativ hochwertige Studioalben, und das neueste Werk »Walk the Earth«, das sich durch eine ausgeprägte atmosphärische Tiefe und Düsternis auszeichnet, ist eine ausgezeichnete Fortsetzung des ohnehin hervorragenden Vorgängers »War of Kings« (2015). Die Band in der Besetzung John Norum (Gitarre), Joey Tempest (Gesang, Gitarre), John Leven (Bass), Ian Haugland (Schlagzeug) und Mic Michaeli (Keyboards) nahm Anlauf und eröffnete das Konzert erwartungsgemäß mit dem Auftakt-Doppel des neuen Albums, nämlich Walk the Earth und The Siege. Joey Tempest explodierte sofort auf der Bühne und dominierte mit seiner typisch autoritären Bühnenpräsenz, die die Bühne im Nu ausfüllte. Der agile und unglaublich sprunghafte Sänger hält sich auch vokal hervorragend und beweist so immer wieder aufs Neue, was für ein exzellenter Frontmann er ist und eigentlich der Haupt- und Grundmagnet der Band. Die vorderen Reihen der völlig mitgerissenen Fanschar fraßen ihm aus der Hand. Joey erledigte seinen Job mit viel Bühnencharisma, aber auch mit Routine und einem unglaublichen Erfahrungsschatz. Das Publikum unterstützte ihn durchgehend kraftvoll in den Strophen. Europe bleiben in der Darbietung außergewöhnlich. Trotz der reichen Erfahrung, der Kilometerzahl und der Routine, mit denen sie ausgestattet sind, spürst du in ihrem Spiel durchgehend noch immer jede Menge Herzlichkeit und glühende Leidenschaft, was bestätigt, dass die Jungs auch im reifen Alter außerordentlich Freude an den Bühnenerlebnissen haben. Vor allem hat, wie stets, wieder mit der schieren Größe seines Beitrags einer der feinsten Gitarristen seiner Generation beeindruckt – das Gitarren-As und der große Zauberer John Norum, dem es an Dynamit, feiner Weichheit und einem durchdringend-gewürzten Umgang mit den Saiten auch diesmal nicht einen Augenblick lang fehlte. Der Mann bleibt der große Herr und Meister der Sechssaiter-Bibel. Europe würzten ihren Auftritt erwartungsgemäß mit einem Reigen unvergesslicher Hits. Schon an Position »Nummer drei« entschieden sie sich, das Publikum mit Rock the Night auf die Knie zu zwingen; hinzu kamen die immer wieder mitreißende Superstitious, das Herzstück Wing of Tomorrow, Wasted Time, Cherokee und als erwarteter Abschluss der immergrüne Gigant The Final Countdown. Mit solcher Form, ausgeprägter Bühnenpräsenz und Feuer kann Europe auch in neuen Zeiten nichts schiefgehen. Hoffen wir auf ein baldiges neues Wiedersehen mit diesen unschätzbaren Meistern des schwedischen Old-School-Hardrock-Visionärtums. Die Band erprobte auf dieser Tour auch zum ersten Mal, wie der neue Song GTO auf der Bühne funktioniert. In Wien spielten sie ihn überhaupt zum ersten Mal.

Alice Cooper stürmte mit der Begleitmannschaft auf die Bühne, die er vor gut einem Jahr beim Konzert in Ljubljana vorgestellt hatte. Also: Die Bühne im anfänglichen Funkenregen, ähnlich wie in Ljubljana – die Bandmitglieder ohne Cooper bezogen bereits ihre Positionen, wobei Chuck Garric (Bass) und Ryan Roxie (Gitarre) zusammen links vom Podest vor Glen Sobels Schlagzeug standen, Nita Strauss (Gitarre) und Tommy Henriksen (Gitarre) auf der rechten Seite. Alice trat erst nach etwa einer Minute feierlich auf die Bühne, in einen dunklen Umhang gehüllt, wobei er nicht vergaß, einen unheilvollen und kalt-finsteren Blick in die geräumige Halle zu richten, in der es bereits brodelte wie in einem Hornissennest. Alice warf bald den Umhang ab, ergriff den Stab mit der rechten Hand und begann damit »meisterhaft zu dirigieren«. Es verspricht süßlich-schauriges Theater. Tadellos. Die Mannschaft ist unheimlich eingespielt. Es ist unglaublich, was drei Gitarristen auf der Bühne aufbauen können, wenn man sie richtig einsetzt. Mit der kanonenschweren Rhythmussektion, in der Garrics Thunderbird klirrend die Fesseln sprengte und Sobels donnernde Schlagzeug-Salven tobten, etablierten Alice Cooper Band einen außergewöhnlichen Sound in der Stadthalle – und? Den daraus resultierenden Kontakt zum Publikum, bei dem die Kraftlinien ständig heftig übersprangen. Egal wo du dich hinstelltest, du genossest außergewöhnliche Klangeigenschaften, und die Darbietung traf ins Herz ihrer Essenz und löste beim Miterleben des Konzerts folglich Gänsehaut aus. Unglaubliche Harmonie, ständiges Wechselspiel aller drei Gitarristen bei den Solopassagen, wobei die teuflische Nita Strauss die Initiative übernahm, die nur so von unglaublicher Energie, Ungezwungenheit und Lebensfreude übersprudelt. Hier ist der König des Schocktheaters Alice Cooper umgürtet mit all den Bosheiten und Obsessionen äußerst obszöner Handlungen, die im Theater natürlich absichtlich bizarr wirken. Brillant.

In der Setliste überraschte angenehm der Klassiker The World Needs Guts, den die Band seit Jahren nicht mehr live gespielt hatte; ansonsten war das Repertoire dem Ljubljaner von vor einem Jahr ziemlich ähnlich, nur dass die Band diesmal keine Coverversionen einiger Rock’n’Roll-Klassiker spielte. Vom neuesten Studiowerk »Paranormal« erklang in der zweiten Konzerthälfte nur Paranoiac Personality. Natürlich gelten als Höhepunkte jedes Alice Cooper-Spektakels die Nummern, die mit zusätzlichem Bühnenshow-Theater ausgestattet sind, wie das ewige Feed My Frankenstein, oder das Zusammensein des in eine Zwangsjacke gefesselten Cooper mit einer sadomasochistischen Krankenschwester, wobei Cooper während Killer auf der Guillotine schließlich der Kopf abgehackt wird. Diesen hat er später theatralisch zwischen Sobels Schlagzeug geworfen. Die Kunststoff-Replik natürlich.

Eine Show, die einem keine Luft zum Atmen lässt und einen buchstäblich fesselt. Mit ihrer ganzen Intensität und ihrem Einfallsreichtum, wobei Alice Cooper bei der Führung seines Bühnen-»Orchesters« oft die Mittel seines großen Lehrers Frank Zappa einsetzt. Jede Sekunde ist genau berechnet in dem, was in ihr passieren wird, und das bedeutet, dass das Technikpersonal ständig hochkonzentriert sein muss, damit Alice Cooper mit seiner Truppe ein mit spektakulären Handlungen vollgepacktes Konzert auf hohem Niveau durchführen und glücklich unter Dach und Fach bringen kann. An Pyrotechnik, Nebelvorhängen und funkensprühend-prasselenden Einlagen fehlte es nicht, und zum Abschluss nimmt sich Alice Cooper natürlich noch School’s Out vor, wenn riesige mit Konfetti gefüllte Ballons von der Bühne rollen, die Cooper theatralisch anstach, wann immer sich einer davon seinem Dolch näherte.

Vincent Damon Furnier, wie Alice Cooper mit bürgerlichem Namen heißt, der im kommenden Februar runde siebzig Jahre alt wird, bleibt also nach wie vor Garant für alles, was ein gutes Rock’n’Roll-Spektakel verlangt. Dieses ist vollgepackt mit dem bildhaften Reichtum der Bühnenkulissen, den Aktionen des »Ernüchterns« des Publikums durch Schocktherapie der Exzesse an der Grenze des Realen sowie einer geistreichen Handvoll humoristischer Einlagen. Absoluter Spaß, ohne Handbremse. Leider enden solche Spektakel dem Regelwerk nach unglaublich schnell, da sie in der Vermittlung all ihrer Inhalte außerordentlich intensiv sind. Wer ein Alice Cooper-Konzert verfolgt, ist durchgehend bis auf die Knochen damit beschäftigt, das gesamte Theater aufzusaugen, das sich vor seinen Augen dreht. Dazu liegt über all diesem Bühnentheater noch immer die brillante Darbietung der markantesten Momente der reichen Cooper-Karriere – allen voran sein unverwechselbarer und prägnanter Gesang sowie die Präsenz einer riesigen, geradezu kolossalen Ausstrahlung und eines bezaubernden Charmes, was ihm auf der weiten Rock-Landkarte eine einzigartige Position als kultische Rock-Ikone und Persona sichert!

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


Setliste:

EUROPE:
1. Walk the Earth
2. The Siege
3. Rock the Night
4. Last Look at Eden
5. GTO
6. Superstitious
7. Wasted Time
8. Cherokee
9. War of Kings
10. Hole in My Pocket
11. Days of Rock ’n‘ Roll
12. The Final Countdown

ALICE COOPER:
1. Spend the Night (taped intro)
2. Brutal Planet
3. No More Mr. Nice Guy
4. Department of Youth
5. Pain
6. Billion Dollar Babies
7. The World Needs Guts
8. Woman of Mass Distraction (Nita Strauss Gitarrensolo)
9. Poison
10. Halo of Flies (Glen Sobel Schlagzeugsolo)
11. Feed My Frankenstein
12. Cold Ethyl
13. Only Women Bleed
14. Paranoiac Personality
15. Ballad of Dwight Fry
16. Killer
17. I Love the Dead
18. I’m Eighteen
—Zugabe—
19. School’s Out

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