Samo Šober: Ko greš z vetrom

0 740

Selbstverlag
Erscheinungsdatum: 21. 5. 2021
Produktion: Boštjan Jurjevčič ‚Jurki‘
Albumlänge: 48.05 min
Genre: Singer / Songwritter (Liedermacher-Musik)
Bewertung: 10/10


Samo Šober ist ein weiterer aus der Reihe slowenischer Liedermacher, die für die Musik leben und atmen. Nur hat er das bis zum heurigen Jahr ziemlich unbemerkt getan. Naja, „unbemerkt“ gilt zumindest für die breitere Musiköffentlichkeit – zu der auch der Verfasser dieser bescheidenen Zeilen gehört. Doch damit ist jetzt Schluss, denn der Mann hat sich endlich entschlossen, sein erstes eigenständiges Studioalbum zu veröffentlichen.

Gleich vorweg: Das hier ist eines der am klarsten konturierten und ausgefeiltesten Werke, die in den letzten zehn Jahren im Bereich der slowenischen – sagen wir ruhig Mainstream-Musik – erschienen sind. Wer sich mit aufmerksamen Ohren durch das Albummaterial arbeitet, wird davon nicht einmal überrascht sein. Samo ist offensichtlich ein großer Detailfanatiker, ein Perfektionist. Als Mensch muss er sich selbst gegenüber oft ziemlich streng sein. Mehr will ich dazu nicht sagen, aber ich möchte mit dieser Bemerkung dem Leser klarmachen, dass es sich wirklich um ein Album handelt, das brillant zusammengesetzt ist – eines, das zeigt, dass die Arrangements und die einzelnen Puzzleteile innerhalb der Stücke über lange Zeit gereift sind und im Laufe des ausgedehnten Entstehungsprozesses mehrfach verändert wurden. So lange, bis Samo wirklich zufrieden war und überzeugt, dass sie für die Ohren einer breiteren Öffentlichkeit bereit sind. Entstanden ist ein besonderes künstlerisches Konglomerat, das dem ohnehin schon außerordentlich reichen Arsenal der pulsierenden slowenischen Liedermacher-Szene einen weiteren ungeschliffenen Brillanten hinzufügt.

Da ist zunächst die vokale Interpretation mit dem leicht angeräucherten Timbre der Stimme – ein unablässig sehnsüchtig-melancholisches Sentiment, das Samos Vokalcharakter durch das gesamte Album hindurch entfaltet. Dieser unverwechselbar sehnsuchtsvolle, bekenntnishafte Charakter. Das Album »Ko greš z vetrom« reiht elf Stücke aneinander und bietet über 48 Minuten Musik – für ein Liedermacher-Album, wie wir es hierzulande mehrheitlich kennen (Gitarre, Stimme und höchstens Mundharmonika), ist das sehr viel.

Aber »Ko greš z vetrom« ist weit mehr als bloßes Klimpern zum Gesang. Man muss betonen, dass Samo auch ein hervorragender (Akustik-)Gitarrist ist. Beim Hinhören merkt man, dass der Kerl die Gitarre mit einer ganz eigenen Technik spielt – nicht unbekannt, aber sagen wir: ziemlich selten an der Spitze der slowenischen Liedermacher-Szene, weshalb eine solche gitarristische Interpretation auf solchen Alben viele gerne hören würden. Es geht vor allem um das Anschlagen der Saiten, das Greifen der Akkorde, das die Kompositionen und die vokale Interpretation trägt. Samo hat einen weiteren außerordentlich feinsinnigen Musiker ins Boot geholt, der in der slowenischen Musik- und Rockszene bereits seine Spuren hinterlassen hat: Boštjan Jurjevčič ‚Jurki‘, verantwortlich für die Ausgestaltung der Arrangements und die Klangproduktion des Albums – kurz, der Mann, der den Löwenanteil daran hat, dass »Ko greš z vetrom« so grenzenlos faszinierend, abwechslungsreich und in seiner Gesamtwirkung so tiefgründig klingt. In gewissem Maße spielt das Album auch mit der Evokation des Mystischen – was im slowenischen Musikraum eine große Rarität ist.

Die Stücke auf dem Album haben sich über gut 30 Jahre entwickelt, haben zwischendurch mehrfach ihr Format gewechselt, manche aber lagen in der Form kompositorischer Puzzleteile einfach treu, loyal, still und beharrlich in den Archiven und warteten darauf, dass das fehlende Puzzlestück auftaucht. Und es tauchte auf. Daher das, was ich vorhin über Samos Perfektionismus gesagt habe.

Das Album enthält gleich drei Instrumentalstücke – und das ist auch gut so, denn genau in ihnen offenbart sich die Meisterschaft von Samo Šober als Gitarrist. Alle drei verleugnen eine gewisse Koketterie mit dem Ragtime nicht, auch dem Country-Blues weichen sie nicht aus, wobei man wissen sollte, dass wir uns im melodischen Kern nach wie vor im geografischen Raum der sonnigen Seite der Alpen bewegen. Melancholie, Zerbrechlichkeit, Sanftheit und das feinsinnige Zusammenführen von Arrangier-Impulsen machen das Hören dieses Albums zu einem außerordentlich befriedigendem und faszinierendem Erlebnis. Der verfügbare Raum innerhalb der musikalischen Landschaft füllt sich immer wieder mit Bläser-Arrangements; an manchen Stellen tritt in der Produktion die Bassdrum in den Vordergrund, sehnsuchtsvoll und geschickt weben sich auch Streicher-Arrangements in die gesamte Geschichte, dazu kommen Slide-Gitarren-Verzierungen. An einer anderen Stelle wird die Gitarre so eingesetzt, dass sie fast wie eine Zither klingt (ein schelmisches Motiv im Instrumental »Kukavičja sonata«).

Kurzum: ein Album mit starker künstlerischer Ausstrahlung. Elf starke, prägnante und klar bekenntnishafte Stücke. Abgeschlossene Geschichten. Stücke, in denen auch die Natur der slowenischen Volksmelodie aufblitzt – sagen wir ruhig Folk Rock (Slovo). Dabei kann das Album stellenweise auch ausgesprochen düster sein. Arrangements und vokale Anlage erreichen das mit federleichter Leichtigkeit in »Od polnoči do zore« – auch wenn der Refrain in die Wärme der Durtonleiter abdriftet und auch ein elastisch-versöhnlicher, bluesig angelegter Übergang, den Samo an der Gitarre ausführt, nicht wirklich gegen die Schwere der Düsternis ankommt. Das besorgen nämlich vor allem die melancholischen Streicher, die die dramatische Theatralik des Stücks ins Unermessliche steigern. Ausgesprochen düster ist auch das folgende »Dan žalosti«, dem Jurkis Arrangements einen geradezu filmisch-theatralischen Charakter verleihen – besonders im finalen Crescendo. Mit einer besonderen Spielart der Melancholie sind beide »Hiški iz papirja« (erster und zweiter Teil) behängt, die im Einklang mit ihrem inhaltlichen Botschaft arrangiert sind – auch begleitet vom Klang eines Militärmarsches in der Arrangementgestaltung (eine hinzugefügte Flügelhorn-Stimme intensiviert das noch), wo grenzenlose Trauer die Oberhand gewinnt.

Kurzum: Dieses Album wird dich mit seiner ideellen und kreativen Elastizität und seiner vielschichtigen Lebendigkeit überraschen. Auch wenn es im Kern ein Liedermacher-Album ist, besitzt es eine außerordentliche ausdrucksmäßige Beweglichkeit – und besonders nimmt seine atmosphärische Theatralik gefangen. Da ist zum einen die vokale Interpretation, zum anderen ihre Einfärbung und Intensivierung, die zu 100 % ihre Wirkung erzielt. Das Studiodebüt von Samo Šober ist eine herausragende Leistung. Mit Aufrichtigkeit weckt es im Hörer eine intensive Resonanz der unterschiedlichsten Gefühle. Und das war auch das indirekte Ziel dieses Albums: jedem, der ihm zuhört, sein Herzstück zu enthüllen. Willkommen unter uns, Samo – und hoffen wir, dass wir auf das nächste Album nicht weitere 35 Jahre warten müssen.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Ko greš z vetrom
2. Prava zmaga
3. Pristapol bourbon street blues
4. Ljubezen živi
5. Hiška iz papirja I.
6. Jutranji blues
7. Slovo
8. Od polnoči do zore
9. Dan žalosti
10. Kukavičja sonata
11. Hiška iz papirja II.

Besetzung:
Samo Šober – Gesang, Akustikgitarre, Mundharmonika, Hintergrundgesang
Boštjan Jurjevčič ‚Jurki‘ – Bassgitarre, Gitarre, Schlagzeug, Programmierung
Žiga Kožar – Schlagzeug
Metka Kragolnik – Hintergrundgesang
Brigita Rozman – Hintergrundgesang

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies