Wiedererweckung des scharlachroten Idols mit W.A.S.P. in Tschechien (2017)

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Ort: Hluk / Sportova Hala / Tschechische Republik
Datum: Freitag, 24.11.2017


W.A.S.P. sind heute Legenden des Metals und Rock’n’Rolls. Im Laufe der Jahre haben sie sich den Kultstatus blutrünstiger Glam-Metal-Schockganoven aufgebaut und sind zu einer unzerstörbaren Maschine einer einzigartigen Politik des kontroversen Bühnenexzesses geworden, mit der sie Scharen von Fans ihrer Musik auf ihre Seite gezogen haben. Natürlich liegt nicht alles im Theater. Dahinter muss ein qualitativ hochwertiges musikalisches Werk stehen. Also Musik eigenen Ursprungs, die sofort wiedererkennbar ist und einzigartig klingt. Und all das gilt schon seit jeher auch für W.A.S.P.

In diesem Jahr vergehen »satte« 25 Jahre, seitdem eines der beliebtesten und für viele Fans von W.A.S.P. ihr bestes Studioalbum erschienen ist. »The Crimson Idol«. Ursprünglich als Blackies Soloalbum gedacht, handelt es sich dennoch um ein Konzeptalbum. Die Geschichte des Konzepts kennen wir alle. Ihr Ende ist tragisch, und in vielerlei Hinsicht ist es ein Abdruck des Lebens von Blackie Lawless, der während seiner Entstehung das Alter Ego namens Jonathan Steele annahm. Die Geschichte ist vergleichbar mit Konzeptalben wie »The Rise and Fall of Ziggy Stardust and Spiders from Mars« von David Bowie und »The Wall« von Pink Floyd.

Um es kurz zu machen. Die Band hat sich entschieden, auf der neuen Tour das gesamte »The Crimson Idol« Album erneut zu spielen. W.A.S.P. tauften die Tour entsprechend „Re-Idolized: The 25th Anniversary of the Crimson Idol“, und einer der Stopps dieser Tour gravitierte für Freitag, den 24.11.2017, auch auf das Gebiet der Tschechischen Republik, wo W.A.S.P. in der Ortschaft Hluk im tschechischen Mähren Halt machten, südöstlich von Brno und südlich des dem Hluk nahe gelegenen Zlín. Also etwa 20 km von der Grenze zur Slowakei entfernt. Warum also die Expedition nach Hluk? Ganz einfach. Wegen eines neuen Konzerturlaubs. Denn auf diesen Freitag folgte Sonntag, der 26.11.2017, mit ihm das Helloween-Konzert im slowakischen Bratislava, und direkt nach dem Stopp in Bratislava lohnte es sich sehr, noch einen Urlaubstag am Montag, dem 27.11.2017 dranzuhängen und in Wien vorbeizuschauen, wo Alice Cooper und Europe gemeinsam auftraten (beide Berichte folgen).

Wer Ende Oktober 2007 zum W.A.S.P.-Konzert im italienischen Treviso gegangen ist, weiß nur zu gut, dass W.A.S.P. schon damals das gesamte »The Crimson Idol« spielten, und das zum 15. Jahrestag des Albums. Nun, diese Tour jetzt ist gewissermaßen eine Rekapitulation der Tour von vor 10 Jahren. Die gesamte Tour wirkte, was die Ticketnachfrage betrifft, ziemlich euphorisch. Darauf deuteten nicht nur einige im Voraus ausverkaufte Konzertlocations hin, sondern auch die wenig erfreuliche Antwort des Band-Managements, dass es aufgrund der außergewöhnlichen Nachfrage praktisch alle Akkreditierungsanfragen ablehne und in unserem Fall nur einer Handvoll der größten tschechischen Medien entspreche. Trotzdem. Ungeachtet dessen, dass das Konzert ausverkauft sein konnte, und ungeachtet dessen, dass sich Helloween in Bratislava am 26.11.2017 »schmerzhaft« mit Testament, Annihilator und Death Angel in Ljubljana überschneiden, war die Motivation für den neuen »Road Trip« so stark, dass es sich lohnte, das Risiko einzugehen, vor der Halle ohne Karte zu stehen und sich nur noch zu sagen: »Halb so schlimm, wir gehen auf eine unbestimmte Anzahl von Runden Bier, wir sind ja in Tschechien!« Und wenn du in Tschechien bist, kann dir auf keinen Fall etwas Schlimmes passieren. Es passieren immer nur gute Dinge. Doch der Gedanke ans Risiko war diesmal völlig umsonst. Das Konzert war nicht ausverkauft. Im Stil der guten alten Zeiten, als es noch von Fan-Begeisterung überquoll, und ausgestattet mit dem Bändchen für die Fan-Pit, betraten Nataša und ich die Mehrzweck-Sporthalle, die 6.000 Menschen fasst. Darin brodelte es bereits munter, denn auf der Bühne standen die tschechischen Hard-Rocker Gatecrusher. Texte auf Tschechisch. Gatecrusher sind in Tschechien sicher gut bekannt. Sie wirken äußerst souverän und kompakt. Absolut selbstbewusst, was darauf hindeutete, dass einige Kilometer hinter ihnen liegen. Die Band hat unter anderem schon vor solchen Namen wie Iron Maiden, Aerosmith, Deep Purple und Lordi gespielt. Sie sind also im eigenen Land gut bekannt. Dass es der Band gut geht, zeigte auch der üppige »Merch Table«. Dieser dominierte fast denjenigen von W.A.S.P. Trotzdem. Gatecrusher feiern bei den aktuellen Konzerten ihre ersten zehn Jahre ihres Bestehens, und auch dieses war dem gewidmet. W.A.S.P. erlaubten ihnen nur eine halbe Stunde aufzutreten. Das bedeutet aber nicht, dass die Jungs sich dabei nicht gut zu behelfen wussten und das nicht auszunutzen verstanden. Sie gaben ihr Bestes, rüsteten die Bühne mit ihren Kulissen aus, und unglaublich: Während des Konzerts schafften sie es, einige Rauchvorhänge in die Luft zu jagen. Ein Quartett, das weiß, was es tut, und sehr guten und mehr als soliden Hard Rock zu machen versteht. Dennoch »bremsen« die tschechischen Texte die Optimierung der Eingängigkeit solcher Songs, auch wenn die Idee für den Originalriff noch so gut sein mag. Tatsächlich hätte sich die Band eine ordentliche Bewertung verdient, wenn sie englische Texte schreiben würde, so aber bedeuten sie aus der Sicht eines slowenischen Liebhabers solcher Musik weniger als vorjähriger Schnee.

Kommen wir also zu W.A.S.P. Wie gesagt, spielten sie im ersten Teil, also dem regulären Teil, das gesamte »The Crimson Idol«. Blackie hat sich für die neue Tour bis ins Detail vorbereitet. In dieser Hinsicht hat er in die Reihen der Gruppe einen Schlagzeuger integriert, der aus den Gefilden des Progressive Metal kommt. Das ist Aquilles Priester, ein brasilianischer Schlagzeuger, der seinerzeit bei den namhaften Prog-Metallern Angra tätig war. Und das war konkret zu spüren. Priesters Beitrag nämlich. Was den schlagzeugerischen Anteil betrifft, ist die Konzertversion von »The Crismon Idol« ein sehr anspruchsvoller Knochen zum Nagen, da einige der Songs buchstäblich mit einer multiplen Serie anspruchsvoller Schlagzeugübergänge durchlöchert sind, bei denen die Toms notorisch unter zahllosen kanonenschussartigen Schlägen einknicken, die gleichzeitig extreme Geschwindigkeit, Konzentration und Präzision erfordern. Aquilles hat das alles, und Blackie konnte mit der Truppe »The Crimson Idol« völlig entspannt und mit größtmöglichem Genuss spielen. Neben Blackie sind links und rechts nach wie vor Bassist Mike Duda und Gitarrist Douglas Blair positioniert, die beide ihre Rollen auf konstantem, das heißt mehr als ausgezeichnetem Niveau erfüllten.

Und Blackie? Er hat eine ganze Menge überflüssiger Kilos verloren. Der großgewachsene Sänger und Gitarrist, vor dem sich sogar Arnold Schwarzenegger selbst aufgrund dieser Statur fürchtete, als man ihm einen Gegenspieler für den Film Terminator aussuchte – es kursiert nämlich die Geschichte, dass Blackie eine der Hauptrollen in diesem Film angeboten wurde –, wirkt verjüngt, frisch und erlebt in persönlicher Hinsicht eine richtige kleine Renaissance und eine ganzheitliche persönliche Erneuerung. Das deutete bereits das letzte und nach wie vor aktuelle Studioalbum »Golgotha« an, das nebenbei mehr als ausgezeichnet ist, sowie die letztjährige Tournee der Gruppe. »The Crimson Idol« aber ist ein Album, das du von Anfang bis Ende hören musst. Während des Konzerts in Hluk war die Bühnenbeleuchtung nahezu gleich null. Nur ein paar flüchtige Scheinwerfer »beleckten« schüchtern die Bühnensilhouetten der Musiker. Im Hintergrund prangten Kulissen mit Leinwänden, auf denen ein Film über Jonathan Steele lief. Blackie sang das Konzert auf einem besseren Niveau, als zu erwarten war. Stimmlich hielt er sich außerordentlich gut. Und mit seiner imposanten Charisma und seinem dämonischen Charme überzeugte er erneut, dass er eben jener echte, verbissene Rock’n’Roll-»Motherfucker« bleibt, dem niemand das Wasser reichen kann. Die Energie, die er auf der Bühne ausstrahlt, bleibt in ihrer Hingabe authentisch, ansteckend und gleichzeitig essenziell. Blackie strahlt bei all seinen Manieren noch immer jene beißende Frechheit aus und wirkt ein wenig arrogant und unnahbar, im Stil seiner wohlbekannten Lausbübigkeit, ohne die man sich W.A.S.P. nicht vorstellen kann.

Gerede gab es also nicht viel. Nur Spielen. In »The Crimson Idol« ist es nicht schwer, auch einige Perlen des jüngeren Rock’n’Roll-Schatzes herauszuschälen, die Blackie schon immer inspirierten. In Doctor Rockter hörst du die Einflüsse von The Who, in Gipsy Meets The Boy die der frühen Uriah Heep, und die Bühnenentwicklung des dramatisierten Konzepts erinnert nicht selten an den Film »The Wall«. Die Band stieß auf exzellente Unterstützung durch das Publikum, das laut und hingebungsvoll mit Blackie mitsang. Einige vorab aufgenommene Begleitvokale, Keyboards und Spezialeffekte sind eigentlich eine Konzertkonstante der Gruppe, und auch diesmal war es nicht anders. Dabei aber, wie gesagt. Gespielt auf wirklich hohem Niveau.

Die Werbeankündigungen versprachen zwar ein Konzert aus zwei Teilen. Im ersten sollten sie das gesamte The Crimson Idol spielen, im zweiten die bekanntesten Klassiker. Die Band, die in ihrer Karriere über 12 Millionen Exemplare ihrer Alben verkauft hat, »ist bekannt« für eher kürzere Auftritte. Und ungeachtet der Versprechen gehörte auch dieser in Hluk zu den kürzeren. Anstatt eines zweiten Teils kehrten W.A.S.P. nur mit einer Zugabe von vier Songs zurück, die das Publikum mit einem kraftvollen atmosphärischen Schwung für 20 Minuten ein letztes Mal in den »W.A.S.P.-Himmel« hoben. L.O.V.E. Machine, Wild Child, das neue Golgotha und der abschließende, konkret ausgedehnte Donnerschlag mit I Wanna Be Somebody. Also anderthalb Stunden! Ein Konzertabend auf hohem Niveau, alles mit großer Auszeichnung abgeliefert, mit Blackie in ausgezeichneter Form. Nur mit jenem leicht bitteren Nachgeschmack, den der Besucher von W.A.S.P.-Konzerten kennt, dass auch dieses Zusammentreffen mit den einzigartigen Anstiftern schockierender Glam-Metal-Perversionen einfach zu kurz war.

Autor: Aleš Podbrežnik

Setlist:
The Crimson Idol
1. The Titanic Overture
2. The Invisible Boy
3. Arena of Pleasure
4. Chainsaw Charlie (Murders in the New Morgue)
5. The Gypsy Meets the Boy
6. Doctor Rockter
7. I Am One
8. The Idol
9. Hold on to My Heart
10. The Great Misconceptions of Me
Jonathan’s Farewell (taped outro)
—Zugabe—
11. L.O.V.E. Machine
12. Wild Child
13. Golgotha
14. I Wanna Be Somebody
I Wanna Be Somebody (Jumpin‘ James Version, taped outro)

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