50 Jahre des Uriah Heep-Albums „Salisbury“

0 313

Uriah Heep veröffentlichten Mitte Juni 1970 in Großbritannien ihr Studiodebüt »Very ‚eavy … Very ‚umble« (Rockline Rezension) und begründeten damit ihren ganz eigenen musikalischen Artismus. Dafür brauchten sie nicht so viele Alben wie ihre Zeitgenossen, um ihren unverwechselbaren Sound und Stil zu finden – Deep Purple, Pink Floyd oder David Bowie –, obwohl Uriah Heep als Band etwas jünger waren. Eine andere Sache ist natürlich der kommerzielle Durchbruch, der in jener Zeit der vollständigen künstlerischen Freiheit überlassen war. Deshalb konnten die ultimativen Bands des Rock-Pioniergeists entstehen, samt all ihren Innovationen. Und damit natürlich auch die Klassiker des Rock. Die Musikkritiker waren mit dem Debüt der Band nicht zimperlich, obwohl es sich um eine hervorragende Leistung handelt. Die Band ließ sich davon nicht aufhalten. Noch im selben Jahr komponierte sie genug Musik, um bereits im Februar 1971 ein neues Album herauszubringen. Und was für ein Album! Bis zum Rand gefüllt mit künstlerischer Kühnheit.

Uriah Heep kämpften in ihren Geburtswehen mit dem Problem eines festen Schlagzeugers. So flitzte Nigel »Olie« Olsson, der auf »Lucy Blues« und »Dreammare« vom Debüt »Very ‚eavy … Very ‚umble« die Drums gespielt hatte, schnell zu seinem früheren Arbeitgeber Elton John zurück. Die Band hatte »Bird Of Prey« da schon mit dem neuen Schlagzeuger Keith Baker aufgenommen, der zuvor bei Bakerloo und Supertramp mitgespielt hatte. »Bird Of Prey« war nämlich nur auf der amerikanischen Version des Studiodebüts enthalten, die in den USA im August 1970 erschien.

Verschiedene Plattencover des Albums „Salisbury“. Links für den britischen und europäischen Markt (Vertigo Records), rechts für den amerikanischen (Mercury Records).

Die Rockline-Rezension des Albums „Salisbury“ kannst du HIER lesen.

Die Band festigte ihre Position durch das Sommer- und Herbstprogramm desselben Jahres mit einer Menge Konzertauftritte. Uriah Heep erreichten dadurch eine weitere Konsolidierung ihrer musikalischen Vision. Die Band kehrte also erneut ins Lansdowne Studio zurück, Gerry Bron, der auch der Manager der Gruppe war, übernahm wieder den Produzentenstab, und Hensley schrieb die Hälfte des Albums allein, während er an der anderen Hälfte des neuen Materials als Co-Autor beteiligt war. Das Album wurde im Oktober und November 1970 in Gesellschaft von Toningenieur Peter Gallen aufgenommen, wobei ihm ständig die »Bandschlepper« Ashley Howe und Les Cunningham zur Hand gingen.

Im Jahr 1970 wurde die Suche nach immer mehr studiodistoriertem Lärm regelrecht zur Dauertendenz. Hard Rock war in diesem Jahr tatsächlich endgültig etabliert. Mit den ersten beiden Alben von Black Sabbath und vor allem mit dem Deep Purple-Album »In Rock« (Rockline Beitrag zum 50. Jubiläum der Veröffentlichung), mit dem sie endlich ihren Sound gefunden hatten. Und das Debüt von Uriah Heep goss da natürlich kräftig Öl ins Feuer. »Salisbury« allerdings drängte sich diesem Trend keineswegs auf. Es ist ein unglaublich ausgewogenes Album, das mit einem Stück wie »Bird of Prey« zwar die angriffslustige Attitüde des Hard Rock mitbringt, auf der anderen Seite aber auch mit einem unglaublich ausgefeilten, charakteristischen Klangbild aufwartet, verkörpert durch das sanftere »The Park«, wo David Byron eine der faszinierendsten Vokalleistungen seiner Karriere ablieferte, und das legendäre »Lady In Black«, während einen besonderen Platz auf dem Album die kultische, mehr als 16-minütige epische und sinfonische Suite »Salisbury« einnimmt. Diese kündigt klar den rasanten Aufstieg und die Ausbreitung des Progressive Rock jener Zeit an und bestätigt mit der Integration eines 24-köpfigen Bläser- und Streichorchesters die große Vorliebe der Langhaarigen jener Zeit, Rock’n’Roll und klassische Musik miteinander zu verschmelzen. Neben Uriah Heep bedienten sich damals auch Pink Floyd, Deep Purple, Yes, Barclay James Harvest und The Moody Blues dieses Prinzips in ihren Werken. Der Titeltrack des Albums gilt nämlich bis heute wohl als das ambitionierteste Werk der gesamten Uriah Heep-Karriere. Die Gruppe hat das Stück aufgrund seiner Komplexität und der erforderlichen Logistik nie live auf der Bühne gespielt. Das gelang viele Jahre später Ken Hensley als Solokünstler, unterstützt natürlich von einer Begleitband und einem vollständigen Orchester.

Auf dem Foto Uriah Heep während der Aufnahmen zum Album „Salisbury“, von links nach rechts: Ken Hensley, David Byron, Paul Newton, Mick Box und Keith Baker (Archiv der Gruppe Uriah Heep)

»Bird Of Prey« – das Stück mit dem mörderischen Riff –, das als echter Prototyp des Metal gilt, spielte die Band zum ersten Mal in einem Londoner Pub durch, und darin entwickelte und arrangierte sie, so Mick Box, erstmals in ihrer Karriere wirklich erfolgreich die Vokalharmonien, die nach und nach zum Markenzeichen des Sounds und Stils der Gruppe wurden. Dieses bedrohliche und zerstörerische Eröffnungsstück des Albums, das auf der amerikanischen Version an der Opener-Position durch »Simon the Bullet Freak« ersetzt wird – »Bird of Prey« war ja schon auf der amerikanischen Version des Debüts verwendet worden –, besitzt markante Falsett-Harmonien, die in Kombination mit dem aufgerauten Phrasing einen raubgierigen Stempel aufdrücken und die düstere Atmosphäre intensivieren. Wo wir schon beim Falsett sind … Byron lieferte in eben dieser Manier eine der berührendsten Darbietungen seiner Sangeskarriere im nächsten Albumstück, dem zerbrechlichen, aber tiefgründigen »The Park«, das der entfesselten Eröffnung des Albums genau entgegensteht. Diese wunderschöne Ballade schrieb Hensley im August 1970 in Stanwell Village (Middlesex). Hensley spielte dabei auf einem Harmonium, das die Gruppe in einem Haus gefunden hatte, während sie sich im Urlaub in Hamburg befand.

Auch »Time to Live« entstand bei einer der Proben der Gruppe in Chiswick. Ebenfalls im August 1970. Sie ist geprägt von den schweren Schlägen von Mick Boxs Gitarrenphrasierungen, unterstützt vom wuchtigen Hammond-»Gebirge« und dem mitreißenden Gesang des ansteckend charismatischen Byron, sowie einer Lyrik, die von der Rückkehr eines zu Unrecht verurteilten angeblichen Mörders in seine Heimat und die Arme seiner Frau erzählt. Dabei handelt es sich um keine persönliche Erfahrung eines Bandmitglieds. Das Gitarren-Riff ist verdächtig ähnlich dem Riff, das Iron Maiden später für ihren Klassiker Revelation komponierten, was nur bestätigt, welch starken Eindruck das Hören von Uriah Heep auf einen Teenager namens Bruce Dickinson hinterlassen hat.

»Lady In Black«, das die erste Seite der Platte beschließt, schrieb Hensley in Bradford im November 1970, nachdem er durch das Fenster auf einen Schneesturm geblickt hatte und ihm in Form einer Erscheinung eine Frau in dunkler Gewandung erschien, die Locken im eisigen Wind flatternd. Hensley konnte danach nie erklären, wie es ihm gelang, sich mit seiner Lyrik so tief an diese mystische Gestalt zu heften, aber klar ist, dass er es danach keineswegs bereut hat. Das Stück wurde nämlich 1978 ein großer Hit, als es in Deutschland als separate Single erschien und Uriah Heep damit den Golden Lion gewannen, der so eine Art europäisches Äquivalent des amerikanischen Grammy ist. Obwohl der Aufbau des Stücks auf gerade mal zwei Akkorden basiert, verwendete Hensley im Arrangement vier verschiedene Akustikgitarren, und obendrauf thront seine Vokalinterpretation in einem ausgesprochen starken und sofort einprägsamen Refrain, der auch eine gehörige Portion Mystik heraufbeschwört. Das ist ein Stück, das unter den Rock’n’Roll-Bewohnern dieses Planeten auch ein halbes Jahrhundert später zu den bekanntesten Songs von Uriah Heep gehört.

Das mystische, aber heitere »High Priestess« bereitet als Opener der zweiten Plattenseite die Landebahn für den Eintritt der außergewöhnlichen Titelkomposition. »High Priestess« erzählt vom Glück, das das Zusammensein von Menschen schmiedet. Wie einfach ist es also, Glück zu finden. Und wie bedeutsam ist das in der Zeit, die wir durchleben. Dieses Stück entstand in Deutschland, im September 1970. Ähnlich wie »The Park«, als sich die Gruppe zwischen zwei Touren eine Auszeit gönnte. Bleibt uns natürlich noch die atemberaubende Titelkomposition von Hensley, die wir oben bereits erwähnt haben. Es ist ein einzigartiges Musikwerk, das alles auf einmal in sich vereint. Elemente des erwachenden Progressive Rock, des Heavy Rock, nach wie vor auch Elemente des Psychedelic Rock, der als Trend die Musikbühne allmählich verließ, sowie Elemente der Jazz-Rock-Fusion und natürlich neoklassischer Musik. Bemerkenswert ist auch die Erkenntnis, wie gut die Beiträge aller fünf Mitglieder der damaligen Uriah Heep-Besetzung in dieses komplexe Arrangement eingebettet sind. Byrons einzigartiger Gesang, der mit seinem Einfühlungsvermögen und seiner Leidenschaft viele Gesichter zeigt, und das perfekt platzierte Gitarrensolo mit Wah-Wah-Effekt irgendwo in der Mitte der zwölften Minute von Box … Die Komposition ist voll theatralischer und dramatischer Wendungen. Die raubgierige Atmosphäre schwankt dynamisch und ist voller Höhepunkte. Hensley schrieb 1970 über das Stück: »Die Komposition ist fantastisch und ungewöhnlich gut mit Bläser- und Flötenarrangements von John Fiddy eingefangen. Es gibt Flutmomente, wenn die Musik einen direkt ins Jenseits zieht. Die Art, wie Flöte und Englischhorn Davids Gesang umschlingen, erschafft geradezu etwas Barockes. Die Komposition wird vom Orchester und der Orgel eröffnet, die gemeinsam das Fundament ihres Kontexts schaffen. Es folgen Byrons erste Verse, dann ein Orgelsolo, angetrieben von Pauls entschlossenem Bass, und das Orchester wächst mit außergewöhnlicher Intensität in alles hinein! In der Komposition passiert enorm viel. An einem Ort sind viele verschiedene Klänge versammelt, und jedes Mal, wenn du sie hörst, findest du mühelos immer etwas Neues darin.«

»Diese Komposition ist ein aufrichtiges Manifest unseres Reifens und unserer Entwicklung, und wir alle warten gespannt darauf, wie ihr sie selbst beurteilen werdet. Dank an alle, die dazu beigetragen haben, dass dieses Album entstanden ist. Wir selbst schauen schon zum nächsten«, schrieb Ken Hensley 1970.

Noch fehlt der Hintergrund ihrer Entstehung. Die Band bekam die Inspiration dazu nach einem Vorfall bei einem ihrer Konzerte. Dieser ereignete sich in der Alex Disco, gelegen nirgendwo anders als im englischen Ort Salisbury (Grafschaft Wiltshire). Am Ende des regulären Konzertteils schalteten zwei Besucher in einem unkontrollierten Begeisterungsausbruch versehentlich die Hauptbeschallungsanlage ab, sodass die Band die obligatorische Zugabe nicht spielen konnte. Uriah Heep hatten damit gerade mal zehn Minuten Zeit, um das Venue vollständig zu räumen und ihre Ausrüstung abzutransportieren. »So haben alle Leute im Venue der Band geholfen, die Ausrüstung hinauszutragen«, erinnert sich Ken Hensley und fügt hinzu: »Es hätte ein völlig vermasseter Abend und ein verpatztes Konzert sein können, aber das Publikum hat die Situation gerettet, deshalb haben wir uns entschieden, ihm dieses Stück zu widmen.«

Die Band war mit dem Produkt äußerst zufrieden. Was sie frustrierte, war allein die Wahl der Albumcover. Für den britischen und europäischen Markt verwendeten sie einen Panzer, der sich durch dichten orangefarbenen Nebel kämpft. Die Band war zu dieser Zeit auf Tour, und die Vertreter des Labels beschrieben ihr ihre Wahl einfach übers Telefon. Das Label verknüpfte das Wort »Salisbury« mit dem gewählten Panzer auf ganz »Plattenverlag-Art«. In der Nähe von Salisbury befand sich nämlich ein Militärübungsgelände. Die Band machte aus ihrer Unzufriedenheit keinen Hehl. Nicht viel besser erging es der Wahl des Covers für den amerikanischen Markt. Das ist noch schauriger als der Panzer. Laut Hensley ist es nicht nur absolut missfällig, sondern geradezu widerlich. Darauf ist nämlich eine Zeichnung eines Menschen, der sich die Haut vom Leib zieht. Natürlich hatte die Band auch bei dieser Wahl keinerlei Einfluss.

Zum Glück waren die Musikmedien in ihren Kritiken zu »Salisbury« gnädiger als beim Debüt, auch wenn es den Anschein hatte, dass sie sich in ihren Beschreibungen zu sehr auf die Hard-Rock-Inhalte konzentrierten und dabei den Blick aufs Gesamtwerk verloren.

Nach den Aufnahmen zum Album verließ Keith Baker die Gruppe. Der Grund lag in seinem Unbehagen auf der Bühne. Mit »Salisbury« brach die Band erstmals auch zu einer US-Tour auf, und als dieses Angebot kam, lehnte Baker die Mitarbeit ab und musste die Besetzung verlassen. Das gefährdete die Tour nicht, auf der Uriah Heep Three Dog Night und Steppenwolf begleiteten. Die Band rekrutierte für die Schlagzeugerposition Iain Clark, der zu Uriah Heep aus der britischen Progressive-Rock-Formation Cressida kam. Auch letztere standen unter dem Dach von Vertigo Records. Doch Uriah Heep waren vom kommerziellen Erfolg noch weit entfernt. Der war nicht mehr weit. Nur noch zwei Alben trennten die Band davon. Also noch eineinhalb Jahre.

Cover der Single „Lady In Black“ für den deutschen Markt

Das Album „Salisbury“ erschien im Februar 1971 und hinterließ in den Charts keine nennenswerten Spuren. In die britische Album-Bestenliste kam es nicht rein, in der Billboard-Hitparade kletterte es bis auf Platz 103. Besser lief es in Australien (Platz 19), Italien (Platz 20), Deutschland (Platz 31) und in Finnland (Platz 3).  Im März 1971 erschien die Single zu »Lady In Black«. Sie erschien in mehreren verschiedenen Versionen, die auf der B-Seite entweder »Simon the Bullet Freak« oder »Bird of Prey« enthielten. Mit Ausnahme der finnischen Single-Bestenliste, wo sie Platz 16 belegte, gelang ihr der Einzug in keine anderen Charts. 1978 gelang es ihr bei der Wiederveröffentlichung, in die deutschen Top-20-Hitliste einzudringen, in der sie ganze neun Wochen blieb. Ihre höchste Position war Platz fünf. In der Schweiz schnitt sie einen Platz schlechter ab.

Für eine Band mit gerade mal einem Jahr Erfahrung ist »Salisbury« ein Album, das vergleichbare Bands erst als fünftes oder sechstes Studioalbum veröffentlicht hätten, nachdem sie zuvor behutsam an ihrem Namen und kommerziellem Erfolg gearbeitet hätten. Aber nicht Uriah Heep. »Salisbury« war ein kühner und entschlossen bemessener Schritt nach oben, und die Band bestätigte in kürzester Zeit genau das, was das Debüt angedeutet hatte. Dass sie außergewöhnliche künstlerische Talente besitzt, die sich in einem exzellenten reifen Höhepunkt ihres damaligen Artismus kapitalisierten. Dank vor allem der kompositorischen Gabe des genialen Ken Hensley, der als Komponist auf diesem Album in den kreativen Vordergrund der Gruppe trat.

Autor: Aleš Podbrežnik


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies