50 Jahre David Bowies Album „The Man Who Sold the World“

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Fünf Jahre sind wie im Flug vergangen. Fünf Jahre, seit einer der größten musikalischen Visionäre der Rock-’n‘-Roll-Geschichte nicht mehr unter uns weilt – der geniale Kopf David Bowie. Im November vor fünfzig Jahren brachte der Mann in den USA sein drittes Studioalbum mit dem Titel »The Man Who Sold the World« heraus, in Großbritannien erschien es am 10. 4. 1971.

Das Album wurde in den Londoner Studios Advision und Trident aufgenommen. Im April und Mai 1970. Für die Produktion zeichnete Tony Visconti verantwortlich. Auf diesem Album verewigten sich auch zwei Musiker, die Bowies weitere Karriere maßgeblich beeinflussten. Und mehr noch: Sie prägten sogar seine weitere künstlerische Reifung. Der erste ist Gitarrist Mick Ronson, der zweite Schlagzeuger Mick »Woody« Woodmansey. Mit der Zeit zeigte sich sogar, dass sich Bowie auf der Suche nach seiner künstlerischen Identität zunehmend auf Mick Ronson stützte. Mit »The Man Who Sold the World« nahmen die Spiders from Mars erste Konturen an. Aber langsam.

„The Man Who Sold The World“ (Cover – britischer Markt)

Die Rezension des Albums „The Man Who Sold the World“, die Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik am 27. 1. 2016 für RockLine beigesteuert hat, kannst du HIER lesen!

Der Vorgänger, also das ein Jahr zuvor erschienene Album »David Bowie (Space Oddity)«, ist voller akustischer Arrangements und auch Folk-Weisen, »The Man Who Sold The World« dagegen brachte Bowies Wende hin zu härteren Klangstrukturen. Vor allem das Gitarrenphrasieren wurde darauf richtig scharfkantig. Auch was die Lyrik angeht, bedeutete das neue Album eine Wende. Die Themen wurden düster. Wahnsinn, Glaube, Angst vor fortschreitender Technologie, Entmenschlichung und Krieg. Dieses Album brachte Bowie keine einzige Single ein, die Songs tauchten aber zwischen 1970 und 1973 auf den B-Seiten anderer Bowie-Singles auf.

Das Album hätte eigentlich »Metrobolist« heißen sollen, eine Bowie-Ableitung von Fritz Langs Film »Metropolis« aus dem Jahr 1927, doch das Label Mercury Records änderte im letzten Moment und ohne vorherige Rücksprache mit dem Künstler den Namen des Albums. 

Das Album erschien auf beiden Seiten des Atlantiks mit unterschiedlichen Covern. Auf dem Cover für den US-Markt war eine Comic-Illustration eines Cowboys vor einer Irrenanstalt zu sehen. Ihr Urheber, Michael J. Weller, ließ sich dafür von einer von John Waynes Filmrollen inspirieren. Bowie gefiel das Cover überhaupt nicht. Deshalb beauftragte er Keith MacMillan, eine alternative Version zu erstellen. Für das neue Cover schlüpfte Bowie in ein Kleid des Modedesigners Michael Fish, und das kontroverse Foto, auf dem Bowie aussieht, als wäre er wie eine Frau gekleidet, wurde für die Ausgabe gewählt, die einige Monate später auch auf dem britischen Markt erschien.

Bowie hatte ein Jahr zuvor mit der Single »Space Oddity« den Durchbruch geschafft, die im Juli 1969 erschien. Sie brachte ihm kommerziellen Erfolg, und die Öffentlichkeit wurde auf den neuen Künstlernamen aufmerksam. Trotzdem konnte das im selben Jahr erschienene Album »David Bowie (Space Oddity)« diesen Erfolg nicht wiederholen. Zum Teil auch, weil das Label Philips Records bei der Promotion zu wenig Durchschlagskraft zeigte. Das spiegelte sich auch 1970 wider, als Bowies nächste Single, für den Song »The Prettiest Star«, sich überhaupt in keinen Charts platzierte. Das Album wurde 1972 von RCA Records neu aufgelegt,  wobei als Cover ein Schwarz-Weiß-Foto von Bowie im Ziggy-Stardust-Outfit verwendet wurde, das er damals schon auf Konzerten trug.

Weil David spürte, dass sein Potenzial als Solokünstler schwand, beschloss er, mit seinem Kumpel und Bassisten Tony Visconti, der schon auf dem Album »David Bowie (Space Oddity)« mit ihm zusammengearbeitet hatte, sowie dem Schlagzeuger John Cambridge, der zuvor bei The Rats gespielt hatte (auf diesen Namen kommen wir noch zurück), eine Rockband zu gründen. So entstanden Hype. Es fehlte nur noch ein Gitarrist.

1970 stieß Mick Ronson zu Hype. Das beeinflusste Bowies Karriere entscheidend. Gemeinsam schufen die beiden nämlich einige unvergessliche Klassiker und überhaupt klassische Alben: »Hunky Dory«, »The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars«, »Aladdin Sane«. Ohne Ronson wäre Bowie kaum zu den »Spinnen vom Mars« gekommen. Ronson wurde berühmt und ist in der Rockwelt bis heute in erster Linie wegen der Zusammenarbeit mit Bowie bekannt, auch wenn er später, nach der Auflösung der Spiders from Mars, mit einer ganzen Reihe von Musikgrößen zusammenarbeitete, darunter: Bob Dylan, Lou Reed, Ian Hunter, Roger McGuinn, Morrissey und John Mellencamp.

Der wortkarge Stadtgärtner aus Hull baute die Bowie-Legende mit auf und etablierte sich dabei als unangefochtener König unter den damaligen Glam-Rock-Gitarristen. Zwar machte sich Ronson bei Bowie einen Namen, aber der Mann war schon in den Sechzigern aktiv. Er spielte in verschiedenen Bands aus Hull, darunter The Mariners, denen Rolling-Stones-Bassist Bill Wayman persönlich empfahl, den Namen in King Bees zu ändern. Witzig genug: Zu der Zeit leitete Bowie eine Band namens David Jones and The King Bees. Ronson spielte auch bei The Rats, die es 1967 schafften, ihren einzigen Hit mit der Single »The Rise And Fall Of Bernie Gripplestone« zu landen.

Benny Marshall, der damals Sänger von The Rats und ein sehr guter Freund von Ronson war, erzählte: »Mick war der beste Gitarrist in Hull, und als er beschloss, in den Süden zu ziehen, um sich Bowie anzuschließen, war ich sehr sauer. Schon unser Schlagzeuger John Cambridge, der auf dem »Space Oddity«-Album für Bowie gespielt hatte, kam im Januar 1970 nur deshalb nach Hull zurück, um auch Ronson wieder mit nach London zu nehmen. Er hat Mick buchstäblich nach London geschleift, nachdem er ihn im städtischen Fußballstadion gefunden hatte, wo er gerade auf dem Rasen die Linien für das Tor zog.«

Von dort brachte Cambridge Ronson direkt in den Marquee Club, wo Bowie am 3. 2. 1970 auftrat. Ronson brauchte nur zwei Tage, um den Großteil aller Phrasen und Strukturen von Bowies Kompositionen drauf zu haben, sodass er ihn, Cambridge und Visconti bei einem Auftritt im Rahmen der John Peel Radio 1 Show begleiten konnte, die ein Konzert aus dem Paris Theatre in London übertrug. Die Band spielte fünfzehn Songs, darunter das damals frische »Width of a Circle« und einen Haufen Material vom damals aktuellen Album »David Bowie (Space Oddity)«. Die Reaktion des Publikums war positiv. Besser als beim letzten Konzert, bei dem Bowie als Solokünstler in Beckenham aufgetreten war, wo er damals auch mit seiner Familie lebte. Ronson zog dann gleich in Bowies Haus und wurde Teil seiner Familie.

Urheberrecht: Hulton-Deutsch Collection/CORBIS/Corbis (Getty Images)

Die Band begann am 17. 4. 1970 im Londoner Studio Advision mit den Aufnahmen zu »The Man Who Sold the World«. Zuvor hatten Hype Ende März Cambridge aus ihrer Besetzung geworfen. Obwohl Quellen angeben, Bowie habe ihn gefeuert, war es laut Viscontis Aussage ein Wunsch von Mick Ronson. Bowies erster Eindruck, als er Mick Woodmansey – den neuen Schlagzeuger der Band – traf, war folgender: »Der Typ hat dafür gelebt und geatmet, ein Rock’n’Roll-Star zu werden«. Bis April 1970 waren alle vier Musiker bereits in Bowies Zuhause im englischen Beckenham untergebracht. Genauer gesagt im ehemaligen Herrenhaus Haddon Hall, das zu einem Wohnblock umgebaut worden war. Ein Besucher beschrieb es einmal so, das Ambiente erinnere an das Wohnzimmer von Graf Dracula. Visconti und Ronson richteten unter der riesigen Treppe von Haddon Hall ein mobiles Studio ein, in dem Bowie den Großteil der Demos aufnahm, die in den frühen Siebzigern entstanden.

Es gab eine Zeit, da lehnten einige Bands den Hippie-Kollektivismus ab oder hatten ihn allmählich satt. Darunter auch David Bowie, der deshalb ein hartes Rockalbum aufnehmen wollte. Tony Visconti sagte später: »Wir respektierten Bands wie Cream, aber uns fehlte das, was die hatten. Man musste jemanden ins Team holen, und dieser Jemand musste eine Veränderung bringen. Damals zeigte sich, wie wichtig Mick Ronsons Ankunft war.«

Ronson wurde von allen schnell ins Herz geschlossen. Vor allem wegen seines ansteckenden nordenglischen Humors. Besonders Bowie wuchs er ans Herz. Entscheidend war aber, dass er Visconti und Bowie sofort überzeugte, denn er war unglaublich wissbegierig und neugierig und lernte gern. Visconti sagt: »Als David und ich Mick zum ersten Mal sahen, war uns klar, dass er optisch definitiv in die Band passte, aber wir ahnten nicht, was passieren würde, als er seine Les Paul in die Hand nahm. Die paar Songs, die wir vorher schon mit Cambridge geübt hatten, hatte er im Nu drauf. Als er zur Probe kam, hat er nur unsere Hände auf Gitarre und Bass beobachtet und wusste sofort, was er spielen muss. Aber er war wortkarg. Locker, aber schweigsam von Natur aus. Später stellten David und ich fest, dass sich für Mick mit dem Einzug in unser Apartment in Beckenham eine neue Welt aufgetan hatte und dass ihn das alles völlig mitgerissen hatte.«

Laut Tony Visconti soll Ronson schon im September 1969 im Trident Studio aufgetaucht sein, also zu der Zeit, als Bowie die Arbeit an seinem zweiten Studioalbum abschloss: »Wir baten Mick, in der Mix-Phase von »Wild-Eyed Boy From Freecloud« in der Mitte des Songs eine kurze Gitarrenlinie zu spielen, außerdem stieg er in diesem Abschnitt mit Klatschen ein.«

Wenn stimmt, was Visconti sagt, dann hat Ronson für seinen Beitrag zum Album »David Bowie (Space Oddity)« nie offiziell Dank bekommen. Zumindest bei den Grundinformationen zum Album wird dieses Detail eben nicht erwähnt. Die erste Aufnahme, bei der Mick Ronson offiziell mit Bowie zusammenarbeitete, findet sich auf  der Single »Memory Of A Free Festival Part 1/Part 2«, die im September 1969 aufgenommen und 1970 veröffentlicht wurde. 

Die Aufnahmen zu »The Man Who Sold the World« begannen am 17. 4. 1970 im Londoner Studio Advision. Als Erstes war der Song »All the Madmen« an der Reihe. Schon am nächsten Tag erschien Ralph Mace im Studio, den die Band engagiert hatte, um ein Moog-Solo aufzunehmen, wobei der Moog eigentlich geliehen war. Er gehörte nämlich George Harrison. Ralph Mace wirkte auch an der bereits erwähnten Single »Memory of a Free Festival« mit. Zu dieser Zeit war Mace schon ein erfahrener 40-jähriger Musiker, der als geschätzter Konzertpianist galt und außerdem die Abteilung für klassische Musik beim Label Mercury Records leitete. In dieser Zeit trennte sich David Bowie von seinem damaligen Manager Kenneth Cooper Pitt, und die Rolle seines neuen Managers übernahm Tony Defries, der Bowie zuvor eigentlich überhaupt erst zu diesem Schritt überredet hatte. Die Band zog am 21. 4. 1970 ins Londoner Studio Trident um, wo sie den Rest des Aprils und bis Mitte Mai 1970 die Aufnahmen des Albums abschloss.  Am 4. 5. 1970 nahmen Hype die Songs “Running Gun Blues” und “Saviour Machine” auf. Letzterer war ursprünglich als Arbeitstitel des Albums gewählt worden, bis Bowie die Leitmelodie adaptierte, was dazu führte, dass er den Song in »Saviour Machine« umbenannte.  Aufnahmen und Mix des Albums zogen am 12. 5. 1970 wieder ins Studio Advision um und endeten zehn Tage später. David Bowie nahm die Leadvocals für den Titelsong des Albums genau am letzten Aufnahmetag auf.

Während der Aufnahmen widmete sich David Bowie intensiv seiner damals neuen Frau Angie und kümmerte sich außerdem um die Managementgeschäfte. Deshalb arrangierten größtenteils Tony Visconti und Mick Ronson die Musik auf »The Man Who Sold The World«. Letzterer lernte in dieser Zeit von Visconti enorm viel, auch über Aufnahmetechniken und Albumproduktion. Obwohl David Bowie als Autor der Songs geführt wird, sagte Tony Visconti zum Komponieren des Materials: »Die Songs haben wir alle vier zusammen geschrieben. Wir haben im Keller ein paar Jams gemacht, Bowie hörte sich alles an und entschied nur, welche unserer Ideen er fürs Album verwenden würde. Die Band nahm einen Song so zunächst in einer Instrumentalversion auf, wobei David gelegentlich auch Gitarre spielte, die aber nicht unbedingt auf seiner ursprünglichen Idee beruhte. Ganz am Ende brachte Bowie auch die Texte zu Papier. Dabei saß er mit seiner Frau auf einem riesigen Sofa.« Bowie widersprach dem jedoch in einem Interview von 1998: »Offenbar ist die Information, ich hätte die Songs für »The Man Who Sold the World« nicht geschrieben, mit der Zeit zu einer ziemlich großen Sache geworden. Ihr müsst nur die Akkorde prüfen. Niemand schreibt Akkordmodulationen auf diese Art. »The Width of a Circle« und »The Supermen« zum Beispiel waren schon geschrieben, bevor die Aufnahmen zum Album überhaupt begonnen haben.«

Obwohl »The Man Who Sold The World« ein brillantes Album ist, bedeutete es für Bowie einen weiteren kommerziellen Absturz. Das Album kam so schlecht an, dass Bowie entschlossen war, die Band aufzulösen. Ronson, Visconti, Mick »Woody« Woodmansey, zu denen sich Benny Marshall gesellt hatte, der  auf zwei Songs des Albums »David Bowie (Space Oddity)« Mundharmonika gespielt hatte, beschlossen jedoch, eine Single für den Song »4th Hour Of My Sleep« aufzunehmen und zu veröffentlichen, dem auf der B-Seite »Powers Of Darkness« Gesellschaft leistete. Das war eine freigeistige Rock-Metal-Affäre, in der natürlich Ronsons Les-Paul-Spiel vorneweg marschiert. Die Single ging sang- und klanglos unter, auch wenn das Label Vertigo Records beide Songs später auf den Kompilationen »Superheavy Vol 1 und 2« unterbrachte.

Solche heavy-metallischen Manöver Ronsons kamen später immer mehr den wagnerianischen und dystopischen Texten sowie Texten zugute, die sich mit einem Geflecht aus Wahnsinn und Schmerz befassten. Ronsons Beitrag zu Bowie-Songs wie »She Shook Me Cold«, »Running Gun Blues« und dem epischen »Width Of A Circle« festigte die Stellung des Gitarristen, und Mick ging Bowie allmählich so unter die Haut, dass dieser ihn gern einfach »mein Jeff Beck« nannte.

Sowohl David Bowie als auch Ronno waren große Fans von Becks Album »Truth«. Benny Marshall, der ebenfalls aus Hull nach London kam (vorhin haben wir erwähnt, dass er mit Ronson bei The Rats zusammengespielt hat), sagt: »Mick kannte jedes Detail dieses Albums, bis auf den Song »Beck’s Boogie«, in dem er nur bestimmte Teile draufhatte. Das nagte sehr an ihm. 1969 eröffneten wir als The Rats ein Konzert von Jeff Beck im Club Ballou – das war in Grantham – und danach bat Ronno Beck, ihm zu zeigen, wie man das schnelle Intro dieses Songs spielt. Beck spielte es, und Mick sagte: ‚Nein, bitte spiel es langsamer.‘ Beck erwiderte: ‚Wenn ich langsamer spiele, höre ich auf.‘ Aber Mick blieb hartnäckig und beherrschte so auch diese Phrase.«

Die Maschine begann zu rattern, und im August 1970 fanden sich Hype beim Festival Atomic Sunrise (Spielort Roundhouse) wieder, das voller Hippies war. Bei diesem Auftritt wurde der Glam Rock geboren. Es war immer noch 1970. Ronno erinnert sich: »Ich kippte einen ‚Shot‘ und rauchte einen Joint und war so zugedröhnt, dass ich mich überhaupt nicht erinnere, was auf der Bühne passiert ist. Man hat mir erzählt, dass Marc Bolan auch da war, aber daran erinnere ich mich ebenfalls nicht. Damals hingen die Bands ziemlich oft zusammen, und auch Marc tauchte häufig bei verschiedenen Konzerten auf.«

Ronno fügt hinzu: »In der Zeit zwischen den beiden Alben, also »Hunky Dory« und »Ziggy Stardust«, herrschte eine Art Flaute. Die Art, wie sich Bowie zu verkleiden begann, übernahmen nach und nach alle in der Band, und genau das brauchte der Rock’n’Roll damals dringend. Das war nicht mein Stil, aber die ganze Sache begeisterte mich zugleich. Als Kind war ich sehr schüchtern und nervös, im Bühnenkostüm aber verwandelte ich mich in eine andere Persona und konnte mich von allem lösen.«

Wie auch immer, Bowies Album »The Man Who Sold The World« brachte dem Sänger keinen kommerziellen Durchbruch, trug aber dazu bei, dass Ronson an Selbstvertrauen gewann. Ronno und Visconti schufen den Sound des Albums und feilten an allen Arrangements, wobei Bowie mehr oder weniger nur insofern mitwirkte, als er die Texte beisteuerte. »She Shook Me Cold«, einer der »schmutzigsten« Songs, die Bowie je geschrieben hat, bezieht sich direkt auf seine Angie, die ja Mrs. Bowie ist, doch es war Ronson, der das »epileptische«, von Hendrix inspirierte Intro beisteuerte, und den Gesamtcharakter des Songs baute das schlagkräftige Trio Ronson-Visconti-Woodmansey auf. Sogar Angie räumte später ein, dass Ronno für seinen Beitrag zu dem wirklich außergewöhnlich wichtigen Album eigentlich nie den gebührenden Dank bekam.

Hype – ob mit Cambridge oder mit Mick Woodmansey – eroberten mit ihrem okkulten Rock-Blitzkrieg die Festungen in Harrogate und Scarborough, und Ronson und Bowie spielten die Songs sogar im Marquee Club und im Hill Country. Als akustisches Duo, und zwar kurz bevor sich ihnen Bassist Trevor Bolder anschloss. Als Visconti – unzufrieden über Bowies mangelnden Enthusiasmus, aber auch über den neuen Manager Defries – im August 1970 ging, bekam Ronson freie Hand, die Streicher- und Klavierarrangements zu übernehmen. Er sagte: “So etwas hatte ich vorher nie gemacht. Aber ich konnte Musik lesen und schreiben, und als ich Tony bei der Arbeit in Haddon Hall beobachtete, wie er bestimmte Parts für die Musik komponierte und schrieb, habe ich dabei auch aktiv mit ihm zusammengearbeitet.«

So schrieb Ronson ein kürzeres Musikstück, auf vier Spuren aufgenommen, das in die Pause innerhalb des Songs »All The Madmen« eingebaut wurde. Das war Ronsons Produzentendebüt. Ronson sagt: »Wenn Tony das schafft, schaffe ich es auch, dachte ich mir. Eines Tages gingen David, Dana Gillespie und ich zum Abendessen. Dana brauchte Streicherarrangements für ihre neuen Songs, und David haute raus: ’Darum kümmert sich Mick!’ Passiert ist das zwar nicht, aber es war ein tolles Gefühl, so etwas zu hören. Alles entstand im Kopf. Dann musstest du dich nur noch ans Klavier setzen oder die Gitarre in die Hand nehmen. David hat mich ermutigt. Das war seine Rolle. Bei allem. Er war der Initiator all dieser Dinge, dass die überhaupt erst in Gang kamen.«

Single-Cover von „Holy Holy“ (1971)

Anfang Januar 1971 erschien dann auch die Single »Holy Holy«. Ihr Ziel war es, mehr Interesse für  das Album »The Man Who Sold The World« zu wecken. Doch in den Charts hat sie keine Wellen geschlagen. Trotzdem sicherte die Veröffentlichung der Single Bowie den späteren Vertragsabschluss mit Chrysalis Records. Den Song produzierte Bassist Herbie Flowers von Blue Mink, der für seine Basslinie in Lou Reeds Hit »Walk on a Wild Side« bekannt ist. Der stammt von seinem Album »Transformer«, das David Bowie und Mick Ronson gemeinsam produzierten. »Holy Holy« enthielt einige Flirts mit The Move, interessanter war aber seine B-Seite, auf der der Song »Black Country Rock« landete. Der zog Parallelen zur damals aktuellen Haltung von Bolans Tyranosaurus Rex, was vielleicht die bessere Wahl für die Single gewesen wäre. Bowie spielte  »Holy Holy« mit seiner Truppe erstmals im Fernsehsender Granada TV. Das war zugleich eine der ersten Gelegenheiten, die er nutzte, um in eines der Outfits des Designers Mr. Fish (Michael Fish) zu schlüpfen. Gerade die Outfits, die Mr. Fish kreierte, begleiteten Bowie und seine Karriere später in großer Zahl und ebneten dem Glam Rock den Weg zu seiner festen Etablierung.

Bowies damalige künstlerische Ausrichtung bzw. sein musikalischer Stil und Sound wurden plötzlich sehr von Ronson abhängig. Auf dem nächsten Album, also »Hunky Dory«, bekam der Gitarrist schließlich auch konkrete Anerkennung für sein Mitwirken als Autor. Ronson arbeitete nämlich an den Arrangements der Songs »Changes«, »Life On Mars?«, »Kooks«, »Quicksand« und an der Coverversion von Biff Roses Original »Fill Your Heart« mit.

Nach der Veröffentlichung des Albums folgten  auch Ronson und Woodmansey Visconti. Dafür sollen persönliche Konflikte mit Bowie verantwortlich gewesen sein. Trotzdem schätzte Visconti das Album »The Man Who Sold The World« auch später sehr hoch. Visconti kehrte später zu Bowie zurück und übertraf die Künstlerschaft von »The Man Who Sold the World« in großem Stil, als 1980 das Album »Scary Monsters (and Super Creeps)« erschien.  

Dem Album »The Man Who Sold The World« erging es auf der anderen Seite des großen Teichs besser, und bei Mercury Records entschied man, Bowie im Februar 1971 auf Promotour durch die USA zu schicken. Nach seiner Rückkehr schrieb David Bowie viel neue Musik, die auf den Alben »Hunky Dory« (1971) und »Rise And Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars« (1972) ihren Platz fand. Nach der Rückkehr aus den USA versöhnte sich Bowie sowohl mit Ronson als auch mit Woodmansey, und beide Musiker beschlossen, weiter mit ihm zusammenzuarbeiten. Mit Trevor Bolder als neuem Bassisten waren die Spiders from Mars eigentlich schon vor »Hunky Dory« geboren, das interessanterweise eine neue kommerzielle Enttäuschung brachte. Aber auf den Erfolg musste Bowie nicht mehr lange warten. Alles zahlte sich nämlich mit »Rise And Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars« (1972)«.

»The Man Who Sold the World« ist also das Album, auf dem David Bowie die richtige Spur der Künstlerschaft fand, die ihn zur Formung seines ganz eigenen Sounds und Stils führte. Es ist das Album, mit dem Bowie künstlerisch zu reifen und zu wachsen begann. In gewisser Weise stellt »The Man Who Sold the World« den Auftaktschritt in die klassischen Jahre von Bowies Karriere dar. Es ist der Auftaktschritt auf dem Weg zu jenem berüchtigten Sound – »protzig und chaotisch zerzaust, ›unter Strom‹« -, der die Alben »Rise And Fall of Ziggy Stardust and Spiders from Mars« und »Aladdin Sane« (1973) verkörpert. Zuvor musste David Bowie aber noch einen »Boxenstopp« einlegen. Mit dem Album »Hunky Dory« (1971). »The Man Who Sold the World« ist in Bowies Diskografie bis heute etwas übersehen geblieben, trotzdem ist es ein sehr wichtiges Album in der Geschichte der Rockmusik, auch wenn es sich schlecht verkaufte. In den USA, wo es im Januar 1971 erschien, wurden bis Juni dieses Jahres gerade mal 1.395  Exemplare verkauft. Bowie räumte noch im selben Jahr ein, dass sich das Album in Beckenham wie warme Semmeln verkauft habe. Aber leider nur dort und nirgendwo sonst.

„The Man Who Sold The World“ (Cover – deutscher Markt)

Wie auch immer, »The Man Who Sold the World« wurde nur zwei Jahre später neu aufgelegt. 1972 gelang Bowie mit dem Album »Rise And Fall of Ziggy Stardust and Spiders from Mars« der kommerzielle Durchbruch. Deshalb beschloss RCA Records, das Album »The Man Who Sold the World« erneut herauszubringen. Das neu aufgelegte Album kletterte auf Platz 24 der britischen Album-Charts und hielt sich dort ganze 30 Wochen. In den USA, also in den Billboard 200, kam es bis auf Platz 105 und blieb dort 23 Wochen. Die Neuauflage von 1990 brachte das Album (in Großbritannien) auf Platz 66. Im November 2020 wurde das Album »The Man Who Sold The World« zu seinem 50. Jubiläum in den USA neu aufgelegt. Diesmal endlich mit dem Titel »Metrobolist«.

Autor: Aleš Podbrežnik


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