40 Jahre Motörhead-Album „Ace of Spades“
Was gibt es eigentlich noch zu einem Album zu sagen, über das schon alles gesagt wurde? Musste über so ein Album überhaupt jemals irgendetwas gesagt werden? Rasende 40 Jahre sind vergangen, seit es Anfang November 1980 erschienen ist. Schon beim flüchtigen Gedanken an diesen unermesslichen Gral des Rock’n’Roll kracht und blitzt es gewaltig im Hirn. Wann immer von Motörhead die Rede ist – egal in welchem Kontext –, steht im Nu das Bild ihrer klassischen Besetzung vor Augen. Da ist die Pokerkarte mit dem Pik-Ass, das Rollen der Zockerwürfel, das Geräusch der drehenden Revolvertrommeln,….
Drehen wir kurz zurück in die ausklingenden Siebziger. Im Juli 1978 nahm Douglas Smith Motörhead wieder unter seine Management-Fittiche. Er konnte Bronze Records, die damals Uriah Heep und Manfred Mann’s Earth Band betreuten, überreden, einen Vertrag mit Motörhead abzuschließen. Allerdings nur für einzelne Singles. Es dauerte nicht lange, bis das Label den Vertrag erneuerte und erweiterte. Überzeugt hatte es der Erfolg der Single »Louie Louie«, die auf Platz 68 der britischen Charts kletterte. 1979 war für Motörhead ein Wendepunkt. Die Band veröffentlichte gleich zwei Studioalben. Eigentlich sogar drei (aber das ist eine andere Geschichte).
Im März 1979 hatten Motörhead schon ihren ersten Auftritt in der TV-Sendung Top of the Pops hinter sich. Im Frühling bewarb die Band auf Konzerten zunächst die Single »Louie Louie«, dann natürlich das Album »Overkill«, das nach seinem Erscheinen im April des Jahres auf Platz 24 der meistverkauften Platten Großbritanniens landete. Im Sommer sollten die Jungs eigentlich pausieren. Unterbrochen wurde die Pause durch den Auftritt beim Reading Festival. Von wegen Pause. Da nahmen sie schon das neue Album auf, das im Herbst erschien und noch größeren Erfolg einfuhr. Das war »Bomber«, der sich auf Platz 12 der meistverkauften Platten Großbritanniens festsetzte. Die Band zog auf eine neue Tour, bei der Saxon sie unterstützten. Damals tauchte erstmals auch der Bomber auf der Bühne auf, ein Gerüst aus Aluminium, voller Scheinwerfer, das an das deutsche Flugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert, die Heinkel He-111.

Du weißt schon. Wie ein Haufen von drei Desperados, die aus dem Blinddarm des hintersten Lochs der Fäkal- und Regenwasserkanalisation gekrochen sind, mit aufgeschlagenen Ellbogen und Knien, die aus den Jeansjacken ragen,… Diese drei Teufelskerle, die sich mit Knallkörpern kämmen, nie die Stiefel ausziehen und ihre Tagesform mit einer Spezialdiät halten, beziehungsweise mit dem Treibstoff der unheiligen Allianz aus dem Konsum von Hektolitern Wodka und einer Fülle von Substanzen mit fragwürdigen Nebenwirkungen. Die Band hatte sich also in nur einem Jahr den Ruf der dreckigsten Punkbastarde erarbeitet, die der Planet je gesehen hat, und wurde zugleich zum Synonym für die lauteste Truppe des Rock-Universums. Nicht zuletzt dank Philthys für die damalige Zeit revolutionärem Einsatz von zwei Bassdrums. Doch zu der Zeit nahm nur die britische Insel die Band so wahr. Zwei wichtige Faktoren, die Motörhead neben dem giftigen Ruf der scharf beäugten Band konkret ins Blickfeld der Massen rückten, waren der Punk-Ausbruch und die Entstehung der N.W.O.B.H.M. Sie wurden also sowohl von den Punk-Anbetern als auch von der aufkeimenden neuen britischen Heavy-Metal-Welle der Achtziger auf Händen getragen. Mit ihrer zerstörerischen Dosis extrem dreckigen Rock’n’Rolls wurden Motörhead nach und nach zu einer richtigen kleinen Gottheit der Arbeiterklasse. Alles war bereit für den großen Knall.
Dann kam das neue Jahr. Mit ihm kam der Februar 1980, als die Veröffentlichung der EP »The Golden Years« mit Platz 8 der britischen Charts nur bestätigte, dass Motörhead immer heißer wurden. An Motörhead hat immer der Gedanke fasziniert, dass das eine Band ist, die jederzeit alles verbocken kann. Und das ein Vierteljahrhundert vor The Darkness, die 2005 offiziell ihr One-Way-Ticket in die Hölle gebucht haben. Bei diesem Lebensstil wirkte es für Motörhead schon immer ganz natürlich, dass die Karriere dieser Band nur in eine Richtung führt. Egal wohin. In eine Richtung, aus der es keine Rückkehr mehr gibt. Die Ausdauer der drei Hengste mit dem Ruf, bei jedem Schritt Mädels flachzulegen, sich mit Kokain zu duschen und Speed zum Frühstück zu nehmen (Lemmy) – wobei sich nicht die Frage nach dem Wann, Wo und Wie stellt –, zeigte da schon langsam die ersten Risse. Am 26. 7. 1980 trat die Band im britischen Stafford auf (Bingley Hall). Es war der dritte von vier nachträglich ergänzten UK-Auftritten der Band. Davor hatte die Band im Februar und März ausschließlich auf dem alten europäischen Kontinent gespielt (überwiegend in Frankreich und Deutschland). In der Bingley Hall aber, wo Motörhead mit Saxon, Girlschool, Angel Witch und Vardis im Support etwa eine Stunde spielten, schwankte Lemmy mitten im Konzert plötzlich hinter die Bühne und kippte um. Bis zu diesem Tag war das für die Band das größte Konzert. Gekommen war eine irre 12.000-köpfige Menge.
Lemmy war kein Punker, erst recht keiner, den Metaller für sich hätten vereinnahmen können. Wenn ihn doch mal jemand damit aufzog, wohin er gehört, sagte er gern, dass ihre Musik mehr mit The Damned gemeinsam habe als mit Judas Priest. Angeblich soll Lemmy auf persönlichen Wunsch von Sid Vicious versucht haben, Sid das Bassspielen beizubringen, aber Sid war laut Lemmy eben ein hoffnungsloser Fall. Tief im Inneren war Lemmy aber ein pensionierter Hippie, der genau wusste, wie es ist, Roadie zu sein, noch aus Zeiten, als er Jimi Hendrix mit dem besten Stoff versorgte. Ebenso wusste er, wie es aussieht, aus der Band zu fliegen, wenn man bei Drogengeschäften zu offen ist. Selbst wenn man für genau diese Band 1972 ihren einzigen Hit schreibt. Motörhead, Jahrgang 1975, waren fünf Jahre später – eben beim Ausbruch der N.W.O.B.M.M., die sie trotz anderer musikalischer Anlage wohl oder übel adoptierte (ähnlich wie Judas Priest) – schon Legenden. Hinter dem scheinbar rauen Ruf von Lemmys Ungezähmtheit steckte eine weiche Seele, die gern mit jedem abhing und feierte. Natürlich nur so lange, bis ihm diese Gesellschaft anfing, Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Dann verwandelte er sich in einen echten Teufel.
1980 entwickelten sich die Dinge für Motörhead also noch rasanter als im Jahr davor. Vor der Tatsache, dass die Band plötzlich groß und wichtig wurde und immer mehr von ihr erwartet wurde, bekam sogar Lemmy selbst Angst; er sagte, das sei nie der Zweck ihres Tuns und ihrer Gründung gewesen. »Eddie und ich können nicht die ganze Zeit zusammenhocken, um Musik zu schreiben. Wir sind ja nicht die verdammten ABBA«, erklärte der eiserne Kanzler seinerzeit. Zwar gab es im Songwriting der Band keinerlei Spuren von Björn oder Bernie, doch schafften es Motörhead in der Besetzung Phil »Philthy Animal« Taylor, Eddie »Fast« Clarke und natürlich Ian Fraser »Lemmy« Kilmister während der Entstehung von »Ace of Spades«, die gegenseitige Chemie so zu kalibrieren, dass sie das Songwriting auf eine siegreiche musikalische Formel brachten. Wenn wir von klassischen Motörhead sprechen, ist »Ace of Spades« das Dokument, auf dem das Trio zum künstlerischen Höhepunkt seiner klassischen Tage geritten ist. Alles darauf passte faszinierend optimal zusammen.

Eine sehr wichtige Rolle spielte dabei der neue Produzent Vic Maile. Im Jackon’s Studio im englischen Rickmansworth, wo das Album aufgenommen wurde, gelang Vic Maile ein wahres Wunder. Vic Maile, den das Trio auch „Schildkröte“ nannte – er hatte zu Hause nämlich ein Terrarium mit einer Schildkröte –, schaffte es als Erster in der Geschichte der Band, die drei wilden Rabauken so weit zu zähmen, dass Lemmy statt zu brüllen (zumindest annähernd) zu singen begann, den Bass so spielte, wie man Bass spielt (bis dahin hatte er ihn strikt wie eine E-Gitarre gespielt), und er brachte Philthy dazu, sein Drumset etwas weniger zu zerstören und ab und zu präziser auf die Snare zu knallen. Das galt auch für die stärkere Betonung gleichmäßigerer rhythmischer Abfolgen innerhalb von Philthys 4/4-Schlagzeug-Mantra. Vic Maile war ein außerordentlich ruhiger Mensch. Auch wenn ihm etwas nicht passte, näherte er sich dem Zustand von Ärger nur so weit, dass er immer noch höflich und sanft sagen konnte: »Könnt ihr das wirklich nicht besser?« Mit dieser diplomatischen Milde besänftigte er tatsächlich die Ungehobeltheit dreier unreifer Halunken, vor denen alle anderen flüchteten. Und das Trio wusste das sehr zu schätzen.
Trotzdem war auch Vic nicht allmächtig, und einige schlechte Angewohnheiten der Band konnte er nicht abstellen. Anfangs lud die Band ihn zum Ausgehen ein, doch Vic wich den Einladungen aus. Er war nämlich Diabetiker. Er trank nicht, rauchte nicht, nahm keine Drogen. Um 18.00 Uhr machte er jeden Tag eine Pause, um seinen Tee zu trinken, ein Hörnchen zu essen und seine Medizin zu nehmen. Das war sein tägliches Ritual. Er war das Gegenteil eines Produzenten, dem fürs Überleben vorgeschrieben war, Supermann-Form zu halten, um mit den Streichen und Abenteuern von Lemmy, Eddie und Phil mithalten zu können. Trotz des Hauchs von Selbstdisziplin, den Vic dem Trio während der Aufnahmen einimpfte, wurde die Zusammenarbeit mit Lemmy zumindest dann unmöglich, wenn die Speed-Vorräte zur Neige gingen. Lemmy tauchte im Studio einfach nicht auf oder kam krankhaft zu spät. Phil und Eddie kamen ohne Speed-Dosen normal klar, Lemmy nicht, und er begann dann immer zu kränkeln.
Entstanden sind also 12 Songs für ein Album, für das Lemmy den Titel schon lange im Kopf hatte. Eigentlich hatte er ihn sich sogar auf den linken Arm tätowiert. Lemmy war einer, der die Dinge immer frontal anging. Ohne Umschweife. Im Pokern war er nie gut, dafür hatte er große Zuneigung zur Nähe von Spielautomaten, an denen er seine Rechte drehte, als würde er mit der Handfläche der Linken den Abzug eines Colt 45 hämmern. Der Titelsong des Albums wurde so groß, dass ihn dank ihm die ganze Welt mit Lemmy und Motörhead verbindet. Wie bei Deep Purple (Smoke on the Water) oder Led Zeppelin (Stairway to Heaven). Einige Songs sind kürzer als drei Minuten. Fürs Schädelzertrümmern und Genickbrechen sorgen neben dem Titelsong die Widmung an die Technik-Crew in (We Are) The Road Crew sowie The Chase is Better Than the Catch, aber auch das »extrem klebrige« Love Me Like A Reptile. Dazu die Geschichte aus einem typischen Clint-Eastwood-Western, Shoot You in the Back, und, wie die Erfahrung der Band zeigt, allenfalls noch mehr testosterongeladene Aufregung beim Erleben sexueller Freuden mit der Damenwelt (The Hammer, Jailbait, Fire, Fire). Eddie »Fast« Clarke sagte einmal, Lemmy habe beim Texteschreiben damals sprunghafte Fortschritte gemacht. Der Kerl »verschwand« nämlich öfter mit Bleistift und einem Stück Papier auf dem Klo. Dort schmiedete er beliebig lange Verse, hatte dabei aber nur den Songtitel im Kopf, um den er den Text baute. Die Texte kamen bei der ganzen Sache immer zuletzt. Im metaphorischen Sinn aber ist gerade der Titelsong eine richtige kleine Bibel, eine Lehre darüber, wie man sein Leben in vollen Zügen lebt, auch wenn man nicht ewig leben will.
Das Cover des Albums entstand auf den Sanddünen im britischen Barnet. An dem Tag, als die Jungs dort fotografiert wurden, war das Wetter sehr bewölkt, und das Foto wurde später retuschiert, um den Eindruck zu verstärken, es handle sich um drei Revolverhelden-Outlaws mitten in der Wüste Arizonas.
Dann kam der Oktober 1980, und die Single »Ace of Spades« erschien, die Platz 15 der britischen Single-Charts erreichte. Die Band war wieder bei Top of the Pops zu sehen, eroberte noch mehr Titelseiten von Musikmagazinen, und das Ganze gipfelte im November, als auch das Album »Aces of Spades« erschien und sich auf Platz 4 der britischen Album-Charts festsetzte.
Der Ruhm, der die Band völlig unvorbereitet erwischte, begann kontraproduktiv zu wirken. Vor allem erwischte er Lemmy und Phil, die sich zu immer größeren Schlingeln aus Star-Arroganz wandelten. Und in dem Moment begann genau das zu passieren, was weiter oben in der ersten Hälfte dieses Beitrags erwähnt wurde. Die Band griff nach und nach zu Dingen, die ihren hart erarbeiteten Erfolgsstatus untergruben. Dieser Punkt der Karriere war der Beginn des Abwärtswegs. Am Vorabend des Starts der »Ace Up Your Sleeve«-Tour eröffnete Douglas Smith den Jungs, sie müssten ein niedrigeres Angebot akzeptieren als anfangs vereinbart, weil der Promoter nicht zahlen wolle. Die Band blieb trotzdem ihrer Mission treu und ließ sich davon nicht übermäßig belasten. Ihre Anhänger durfte sie einfach nicht enttäuschen. Im britischen Teil der Tour wurden Motörhead von Girlschool und Vardis begleitet.
Die Tour, die der Band historischen Triumph hätte bringen sollen, wurde von einem Vorfall begleitet, bei dem sich Phil während eines »Sturzflugs« über die Treppe eines Hotels den Kopf aufschlug. Es gibt für diesen Sturz bis heute so viele Ursachen, wie es Zeugen gibt. Hat jemand Phil geschubst, oder hat er sich selbst abgeschossen? Die ungepolsterte Landung endete nur mit verletzten Wirbeln. Der Sturz war allerdings so theatralisch gruselig, dass alle dachten, Phil habe sich das Genick gebrochen. Den Rest der Tour trommelte er mit Halskrause. Noch schwieriger wurde es im April des nächsten Jahres, als die Band zur ersten größeren Tour durch Nordamerika aufbrach, wo sie eine Serie von 42 Konzerten spielte. Bei einigen Konzerten spielten Motörhead in kleineren Clubs, bei anderen eröffneten sie die Konzertabende für Ozzy Osbourne.
»Ace of Spades« war das erste Album, das auch in den USA und Kanada erschien. Waren Motörhead in Großbritannien wirklich groß geworden, mussten sie sich in den USA damit abfinden, vor dem Publikum schlecht besuchter Clubs zu spielen und mit ziemlich lauen Rückmeldungen und Reaktionen des Publikums. Schon ganz am Anfang verweigerten amerikanische Radiofrequenzen der Band die Unterstützung bei der Bewerbung des Albums. Deshalb wurde das Album jenseits des großen Teichs kaum gespielt, wenn überhaupt. Motörhead hofften zwar, den Erfolg zu wiederholen, wie es in Großbritannien geschehen war. Die Ziele waren hoch. Es war auch Lemmys erster neuer Nordamerika-Besuch seit 1975, als man ihn an der amerikanisch-kanadischen Grenze mit Taschen voller Drogen erwischt hatte und er bei Hawkwind rausflog. Lemmy wusste schon damals, dass er eines Tages in Los Angeles leben würde, und sagte: »Wenn ich wählen könnte, würde ich nur in Los Angeles eine Tour machen, die nie zu Ende ginge.« Die Erwartungen waren auch bei Eddie und Phil groß, die noch nie jenseits des Teichs gewesen waren. Auf den Auftritten kam es aber vor, dass das Trio öfter vom betrunkenen neandertalerhaften Ozzy-Publikum ausgebuht wurde, als dass es sonst etwas erntete. Auch die Clubauftritte waren katastrophal besucht. Im Team wuchsen Spannung und Streit. Vor allem zwischen Phil und Eddie, die sich heftig zu zanken begannen. Sogar Bandmanager Douglas Smith überlegte laut, die Tour einfach zu verkürzen. Eines Abends musste man Phil wegen einer Überdosis konsumierter Drogen dringend in die Notaufnahme bringen. Du weißt ja, wie das in den USA ist: Wenn man das Krankenhaus anruft, taucht bei der Ankunft fast regelmäßig auch die Polizei auf. Und Douglas musste die Sache vorsichtig vertuschen und behaupten, »Philthy« sei einfach der Erschöpfung erlegen. Bei einem anderen Konzert in Kanada passierte es, dass Lemmy beinahe einen Herzinfarkt bekam, weil keine Dosis Speed griffbereit war.
Wie auch immer. Die Band, die sich auf der anderen Seite des Atlantiks wie Stars aufführte – auch wenn ihr das Publikum dort diesen Status nicht mal im Traum zugestand –, wurde zu diesem Verhaltensmuster zusätzlich vom Februar-Erfolg der EP »St. Valentine’s Day« angestachelt, auf der drei Songs sind und die Motörhead zusammen mit Girlschool veröffentlichten. Die EP landete auf Platz fünf der britischen Charts und wurde mit 200.000 verkauften Exemplaren zum meistverkauften Werk der Band. Auch wenn die kalte Dusche in Nordamerika garantiert war, waren Motörhead auf britischem Boden inzwischen zu einem echten Nationalstolz herangewachsen. Plötzlich waren sie Stammgäste bei Top of the Pops und auch in der Kinder-TV-Serie Tiswas.
Die beste Nachricht kam aber erst noch. Sie erwischte Lemmy mitten in Los Angeles, wo die Band im Juni 1981 immer noch mit Ozzy auf Tour war. Lemmy wurde mitten in der Nacht von einem Anruf von Douglas Smith aus dem Bett geholt, der ihm sagte, das Live-Album »No Sleep ‚til Hammersmith« sei auf Platz eins der britischen Album-Charts gelandet. Lemmy erinnert sich: »Doug hat mich mit einem Anruf aus dem Schlaf gerissen und mir die Neuigkeit überbracht, dass wir die Nummer eins in Großbritannien sind. Obwohl ich damals vor Arroganz überschäumte, hat diese Nachricht sogar mich schockiert. Das habe ich damals nicht gezeigt. Ich habe dem Hotelpagen gesagt, Doug solle mich tagsüber noch mal anrufen!« Die Schlaflosigkeit der Band bis Hammersmith fasst die Wahl des Titels des Live-Albums zusammen, wozu Lemmy erklärte: »Der Titel kommt daher, dass wir auf der Tour 25 Konzerte ohne einen einzigen Tag Pause hinter uns gebracht haben. Bis Hammersmith. Als wir losgefahren sind, haben wir den Slogan »No Sleep ‚til Hamersmith« auf Papier geschrieben und hinter die Windschutzscheibe des Busses geklemmt.«
Als sich Lemmy seinen berühmten Spruch »Born to lose. Live to win.« auf den Arm tätowieren ließ, irrte er sich in nichts. Motörhead wurden mit »Ace Of Spades« unsterblich. Die in diesem Moment nicht nur schmutzigste, sondern auch lauteste Band des Planeten meißelte mit diesem zeitlosen Werk endgültig das Regelwerk mit den Grundlehren des Lebensstils namens Rock’n’Roll. Auf Messers Schneide ritt sie in die Ewigkeit. »Ace of Spades« ist zweifellos ein gigantischer monolithischer Block, der die Legende von den gefährlichsten Rock-Punkbastarden der Galaxis errichtete. Angetrieben wurde sie von Sex, Aufputschmitteln und Schlangenaugen – der Metapher für den Wurf »zwei«, wenn bei einem Wurf mit zwei Würfeln beide eine Eins zeigen („1 + 1“).
Autor: Aleš Podbrežnik