Blue Öyster Cult: 45th Anniversary – Live in London
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 7. 8. 2020
Produktion: Buck Dharma & Eric Bloom
Albumlänge: 73.47 min
Genre: Heavy Rock / Hard Rock
Wertung: 9.0/10
Blue Öyster Cult, von denen seit geraumer Zeit bekannt ist, dass sie nach 19 mageren Jahren endlich ein neues Studioalbum raushauen werden, haben im Hintergrund des fieberhaften Wartens auf diesen Oktober-Tag seit Beginn dieses Jahres einen wirklich interessanten Promo-»Motor« am Laufen. Das ist das Label Frontiers Music Srl, das Fans der Band – und auch all jenen, die sie noch nicht kennen – eine Serie von Veröffentlichungen beschert hat, ob nun neue Livealben oder Wiederveröffentlichungen von Studioalben. Hier ist nun das vierte neue Konzertdokument, das dem Erscheinen des Studioalbums »The Symbol Remains« zuvorgekommen ist. Ein Album, das die Band buchstäblich unter die Lebenden zurückbringt, insofern als sie endlich wieder etwas frisches kreatives Eigengut vorlegt und das Wiederaufleben einer der interessantesten Heavy- und Hard-Rock-Bands ankündigt – einer Band, die übermäßig viele Verdienste daran hat, spätere Bands zu inspirieren, die den Heavy Metal aufgebaut haben. Schon allein mit dem Debütalbum von 1972 war klar, dass es sich hier um absolute Ausnahmeerscheinungen auf der damaligen Szene handelte, denn sie traten mit einer ausgeformten und eigenständigen Haltung an. Zu Beginn ihrer Karriere präsentierten sich Blue Öyster Cult als Band mit einem urwüchsigen Standard, die ihren eigenen Weg geht und eine ihr eigene künstlerische Strategie für alles besitzt, was sie anpackt. Warum erwähne ich das? Damals konnten sich Bands noch auf natürliche Weise entwickeln. Um ihren Stil herauszuarbeiten, mit dem sie auch wegweisend die weitere Entwicklung des Rock and Roll beeinflussen konnten, mussten sie zwei, drei oder gar vier Alben veröffentlichen. Blue Öyster Cult haben das übersprungen und sich gleich mit dem Debüt in diesem Licht präsentiert. Dabei hatten sie sich damit zwei Jahre verspätet, denn sonst wären die Verdienste, die heute Black Sabbath zugeschrieben werden, sehr wahrscheinlich Blue Öyster Cult zugefallen. Der Begriff „Heavy Metal“ tauchte auf diesem Planeten nämlich zum allerersten Mal genau im Kontext von Blue Öyster Cult auf – doch die Lorbeeren der ersten Band auf ebendiesem Planeten holte sich eine andere Gruppe, ursprünglich beheimatet im britischen Birmingham. Die war im Studio schlicht schneller und geschickter. Weniger wichtig, aber durchaus interessant: Blue Öyster Cult waren auch Pioniere darin, den »Umlaut-Trick« über Buchstaben in Logos zu setzen (Stichwort: Motörhead – wer sonst?).
Die letzten Maitage des Jahres 2017 kamen, und ihnen folgten wie üblich nach dem gregorianischen Kalender auch die Junitage, als Blue Öyster Cult in reifem Schaffensalter wieder auf zahlreichen europäischen Headliner-Konzerten unterwegs waren und auch auf Festivals auftraten. So unterhielten sie am 17. 6. 2017 die Anwesenden beim Stone Free Festival, das im Londoner Venue O2 Indigo stattfand, und spielten bei dieser Gelegenheit vor dem versammelten Publikum ihr Debütalbum in voller Länge, mit dem sie in jenem Jahr dessen 45-jähriges Jubiläum feierten.
Das Konzert wurde vorbildlich mitgeschnitten und Anfang August dieses Jahres als Livealbum und DVD veröffentlicht. Damit ist es das vierte Livealbum von Blue Öyster Cult in diesem Jahr, das das Label Frontiers Music Srl herausgebracht hat – wieder mit einer verschwenderisch langen Buchstabenanzahl im (zu) langen Titel. In diesem Jahr ist der Bassist Danny Miranda wieder zur Crew gestoßen und hat Kasim Sulton abgelöst. Miranda spielte zwischen 1995 und 2004 bei Blue Öyster Cult und war auf den Alben »Heaven Forbid« sowie »Curse of the Hidden Mirror« vertreten, und ist jetzt auch auf diesem Konzertdokument dabei.
Darüber muss man wahrscheinlich keine großen Worte verlieren. Die aktuelle Besetzung mit dem außergewöhnlich technisch versierten Multi-Instrumentalisten – bei Blue Öyster Cult sprechen wir in erster Linie vom Keyboarder und optional »dritten« Gitarristen, dem außerordentlichen Solisten Richie Castellano – garantiert, dass die Darbietung des Debüts auch 45 Jahre später sehr nahe an der Energie der Siebziger wirkt, und das auf sehr gelungene Weise. Bloom und Dharma sind das Fundament davon, aber das gesamte Team muss so agieren, dass diese Energie vervielfacht wird. Und dieses Konzertdokument bestätigt das. Blue Öyster Cult waren schon immer eine Band, die Songs im Studio-Jam entwickelt hat. Daraus lässt sich leicht ableiten – und davon gibt es auch bei dieser Konzertpräsentation reichlich –, dass die Stücke längere Einlagen und auch deutlich veränderte Soli gegenüber den Studiooriginalen beinhalten. In dieser Hinsicht ist Buck Dharma eine unersetzliche und die einzige glaubwürdige Figur, die das überhaupt angehen darf. Und das gelingt ihm wieder auf die schönste und bestmögliche Weise. Der Hörer begegnet seinen brillanten und witzigen Eskapaden zum ersten Mal in der verlängerten Then Came the Last Days of May, etwas später im traditionellen, hochoktanigen Entzünder Cities On Flame With Rock’N’Roll und im ausgedehnten Finale, dem Blue Öyster Cult auch das (stets obligatorische) Don’t Fear the Reaper angehängt haben, die Überraschung vom »Agents Of Fortune«-Album Tattoo Vampire sowie den abschließenden Klassiker Hot Rails to Hell mit dem erwarteten Instrumental Buck’s Boogie. Kurzum: Poesie. Blue Öyster Cult stehen auf der Bühne noch immer mit drei Gitarren in der ersten Reihe, und wenn das vierte Mitglied, Miranda mit dem Bass, dazukommt, recreaten sie eines ihrer Markenzeichen, das sie auf der Bühne seit vollen fünf Dekaden begleitet. Das gekreuzte Gitarren-Bild bleibt dabei einer dieser Tricks des Bühnentheaters der Band. Die Stimmform beider, also Eric Blooms und Buck Dharmas, ist erhalten geblieben, und beide führen ihre Vocals überzeugend durch das gesamte Konzert. Kurzum: donnernд, roh, aber auch ausgefeilt und sensibel. Die Band hat an diesem Tag exzellente Bühnenchemi entfaltet und sich in blendender Tagesform gezeigt.
Schon die Eröffnung mit dem außerordentlich markanten Riff von Transmaniacon MC und der Erinnerung an das Altamont-Festival-Massaker von 1969 bestätigt, welch starke Ausstrahlung das Studioerstlingswerk der Band trägt. Danach werden »I’m on the Lamb but I Ain’t No Sheep« über die Flucht vor der kanadischen Polizei und »Before the Kiss, a Redcap« über den »netten« Konsum von Barbituraten wieder zum Leben erweckt, dazu das bereits erwähnte Drama »Then Came the Last Days of May« über das klägliche Ende von Drogendealern, das erkundende »Workshop of the Telescopes« und natürlich der unersetzliche, mitreißende Rock-Ohrwurm »Cities On Flames With Rock’N’Roll«, der einen Teil seiner Phrasierungs-Aura eben Black Sabbath verdankt. Mehr muss nicht gesagt werden. Fans der Band werden versuchen, den physischen Tonträger dieses Albums in die Hände zu bekommen. Blue Öyster Cult Debütalbum mit einzigartiger Essenz und Substanz, das auch nach 45 Jahren zeitlos anspricht und wirkt.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
CD
1. Transmaniacon MC
2. I’m On The Lamb, But I Ain’t No Sheep
3. Then Came The Last Days Of May
4. Stairway To The Stars
5. Before The Kiss, A Redcap
6. Screams
7. She’s As Beautiful As A Foot
8. Cities On Flame With Rock And Roll
9. Workshop Of The Telescopes
10. Redeemed
11. Buck’s Boogie
12. Godzilla
13. (Don’t Fear) The Reaper
14. Tattoo Vampire
15. Hot Rails To Hell
DVD & Blu-ray enthalten außerdem:
– Backstage-Aufnahmen
– Bonus-Videos
