Heaven Shall Burn: Of Truth And Sacrifice
Label: Century Media
Erscheinungsdatum: 20. 3. 2020
Produktion: Maik Weichert, Alexander Dietz, Tue Madsen (Mix)
Albumlänge: 97:33
Die deutsche Metalcore-Band Heaven Shall Burn hat sich nach dem letzten Album Wanderer (2016), das gemischte Reaktionen erhielt, etwas mehr Zeit für die Entstehung des Nachfolgers gelassen. Of Truth And Sacrifice brauchte länger als üblich – dafür ist daraus gleich ein Doppelalbum geworden, was beim besten Willen niemand erwartet hatte. HSB scheinen trotz ihres langen Bestehens noch lange nicht die Ideen ausgegangen zu sein. Doppelalben sind natürlich auch immer eine heikle Sache. Nicht selten hat sich in der Vergangenheit herausgestellt, dass ein Album einfach zu lang ist und unnötige Tracks mitschleppt.
Die nach wie vor gesellschaftskritischen Heaven Shall Burn fragen sich diesmal, dem Titel nach zu urteilen, wie sich die Idee der Wahrheit erforschen lässt – und was man dafür alles zu opfern bereit sein muss. Mit jedem Track streifen sie verschiedene Problemfelder unserer Welt. Dass die Band weicher geworden wäre und anfangen würde, Liebeslieder zu schreiben, ist jedenfalls nicht zu spüren.
Auf dem ersten Teil des Albums knüpfen Heaven Shall Burn nahtlos an ihren charakteristischen Stil an, wobei hier und da schon gewisse Ausflüge in den Einsatz von Elektronik zu bemerken sind – auch das ist freilich kein Novum. March of Retribution fungiert als Intro, das sich instrumental schön aufbaut. Überraschenderweise haben sich HSB diesmal gegen ein zartes Klavier-Intro entschieden, was sonst durchaus ihr Markenzeichen war. Es folgt die Explosion mit Thoughts And Prayers, einem ziemlich typischen aggressiven Track der Band. Der Modernität halber haben HSB allerdings Keyboards eingebaut, damit der Sound fülliger klingt. Ihren charakteristischen Stil behalten sie auch mit dem nächsten Track Eradicate bei, doch das Ding dreht sich recht bald. Damit keine Monotonie aufkommt, ist Melodie im Spiel, die besonders bei Protector richtig zur Geltung kommt.
Einen der Höhepunkte stellt zweifellos Übermacht dar – mit einem brillanten Songaufbau, einer Düsternis im Stil irgendeines Blackened-Death-Metal-Bands, was durch den Keyboardeinsatz noch unterstrichen wird. Und an HSB-Rohheit mangelt es schließlich auch nicht. Das Ganze ist stimmig zusammengesetzt, wirkt nicht aufgesetzt. HSB wissen also immer noch, wie man einfallsreiche Ideen einsetzt, mit denen sie ein leicht anderes Bild der Band zeichnen. In melodischere Gefilde begeben sie sich mit My Heart and the Ocean, das sich auf die Problematik der Ozeanverschmutzung konzentriert und gleichzeitig den Kampf des Schiffs Sea Shepherd hervorhebt. Obwohl es ein melodischer Track ist, trägt er eine starke, melancholische Ladung.
Expatriate ist einer der längsten Songs der Band bis dato. Er baut sich langsam auf – zunächst ein zartes Klavier, dann kommen Streicher dazu, danach politische Redebeiträge auf Englisch und Deutsch. Der Gesang von Marcus Bischoff setzt zwar an einer bestimmten Stelle ein, aber nur kurz. Im Mittelpunkt steht die Melancholie, die hier mehr von den Instrumenten getragen wird. HSB scheuen also das Experiment nicht, werden aber auch nicht zu weit gehen. In gewohnter Manier hauen sie mit What War Means zurück, einem Track, der Death-Metal-Qualitäten in den Vordergrund rückt. Der Einfluss der englischen Death-Metal-Legenden Bolt Thrower ist spürbar. Mit dem wuchtigen HSB-Sound ist der Track ein echter Zerstörer.
Zum Abschluss des ersten Teils bieten HSB noch Terminate the Concern, bei dem wieder eher der melodische Death-Metal-Stil im Vordergrund steht. Kein Überflieger, aber als Filler wirkt das Ding keineswegs. Das instrumentale Outro The Ashes of My Enemies beendet den ersten Teil des Albums auf stimmige Weise. Der Sound ist natürlich ziemlich düster – für HSB eigentlich keine Überraschung.
Der Einstieg in den zweiten Teil mit Children of the Lesser God macht definitiv Lust auf mehr. Es handelt sich nämlich um einen melodischeren Track mit einem längeren, ruhigen und melancholischen Abschnitt, bei dem sich zeigt, dass der Band auch Doom Metal nicht fremd ist. Dann kommt der Schwenk in etwas völlig anderes. Mit La Résistance begeben sich Heaven Shall Burn in Industrial-Gewässer. Assoziationen zu Rammstein drängen sich auf, der Einfluss des deutschen Techno ist ebenfalls offensichtlich. Ein gewagter Schritt – aber genau das ist ein guter Vorgeschmack darauf, dass der zweite Teil des Albums nochmal deutlich anders ist.
Um Epik zu erzeugen, haben HSB in der Vergangenheit viele Wege versucht. Diesmal gelingt es ihnen wieder mit etwas Neuem. In The Sorrows of Victory leiht Chris Harms von der deutschen Gothic-Metal-Band Lord of the Lost seine Stimme, während in den härteren Abschnitten wieder die Screaming-Vocals einsetzen. HSB setzen die melodischen Vocals des Gastsängers sinnvoll ein – sie wirken nicht aufgezwungen, und gleichzeitig dreht sich auch nicht alles um einen zuckersüßen Refrain, was bei vielen Metalcore-Bands leider gängige Praxis ist.
Nach der Beruhigung schalten HSB mit Stateless einen Gang höher – eine logische Gegenpol zum vorherigen Track. Noch interessanter wird es mit Tirpitz wegen seiner Wucht, die wieder an die englischen Death-Metaller Bolt Thrower erinnert. Der Refrain ist zwar melodisch aufgehübscht, aber HSB haben nicht vergessen, woher die Inspiration auf den ersten Alben kam. Es folgt Truther, der aggressivste Track auf dem Album. In knapp drei Minuten walzt er mit schnellen Gitarren, Blast Beats und wütendem Kreisch-Gesang alles nieder. HSB werden sich so schnell nicht beruhigen.
Ohne Cover geht es auch diesmal nicht. Diesmal wurde Critical Mass von Nuclear Assault gecovert. Vielleicht nicht gerade das beste Cover, aber mit dem charakteristischen Sound der Band kommt es mehr als solide rüber. Kurz vor Schluss liefert die Band noch Eagles Among Vultures – ein ziemlich durchschnittlicher Track, der nicht sonderlich auffällt.
Abgeschlossen wird alles mit Weakness Leaving My Heart – in der ersten Hälfte durch den Streicher-Einsatz eher zart, bevor sich das Ganze entfaltet und mit melancholischen Melodien den Höhepunkt der Schwermut erreicht. Angesichts all der globalen Probleme, auf die HSB durch das gesamte Album hinweisen, liegt es auf der Hand, dass das Album kein fröhliches Ende haben wird. HSB bleiben kompromisslos kritisch – romantische Texte sind da schlicht nicht drin.
Es dürfte kaum überraschen, dass die Produktion wieder erstklassig ist. Die Songs sind mit Köpfchen geschrieben, kein Instrument geht im Hintergrund unter. Der Sound ist modern, und durch all die zusätzlichen Instrumente und Keyboards klingt das Ganze noch abwechslungsreicher und entspricht den heutigen Standards.
Heaven Shall Burn haben mit dem Doppelalbum Of Truth And Sacrifice einen riskanten Schritt gewagt – und am Ende zeigt sich, dass er wohl überlegt war. Das Album hat alles, wofür Heaven Shall Burn bekannt sind, und noch mehr. Das Werk steckt voller Wucht, Melodie, Epik und auch Unberechenbarkeit. Die Band hat eindrucksvoll bewiesen, dass mit ihnen noch lange zu rechnen ist!
9/10
Trackliste:
CD1
- March of Retribution
- Thoughts and Prayers
- Eradicate
- Protector
- Übermacht
- My Heart and the Ocean
- Expatriate
- What War Means
- Terminate the Unconcern
- The Ashes of My Enemies
CD2
- Children of a Lesser God
- La Résistance
- The Sorrows of Victory
- Stateless
- Tirpitz
- Truther
- Critical Mass
- Eagles Among Vultures
- Weakness Leaving My Heart
Besetzung:
Maik Weichert – Gitarre
Alexander Dietz – Gitarre
Marcus Bischoff – Gesang
Eric Bischoff – Bass
Christian Bass – Schlagzeug
