Legends of Rock Festival 2006
Auf der Bühne: Keith Emerson Band, Uriah Heep, Melanie, Wishbone Ash, Nazareth, Meena Cryle & The Fillmore Blues Band
Ort: Wiesen / Österreich
Datum: Freitag, 7. 7. 2006
Für alle Verehrer jener Bands, die in den Siebzigern Rockgeschichte geschrieben haben! Für alle, die die Klänge der progressiven, notorischen „Punk“-Extravaganzler ELP vermissen, für alle, die noch einmal dem Orchester der Orchideen lauschen wollen, versammelt auf der Party des Zauberers in Gesellschaft von Uriah Heep, für alle, die ewig mit der „Wünschelrute“ nach der Wunderquelle suchen, die dich taufrisch jung hält, und Wishbone Ash mögen, für alle, die nicht vergessen haben, was für eine höllisch ursprüngliche Kraft der Rock-’n‘-Roll-Wildheit die unvergesslichen Nazareth sind, und für alle, die sich nostalgisch an Woodstock und den Auftritt der damals bezaubernden Melanie erinnern, war das diesjährige Legends Of Rock absolut genau die Sorte Festival, die euch – falls ihr dabei wart – unmissverständlich auf den Leib geschneidert war.
Für einige der treuesten Fans hat natürlich aufopferungsvoll – wer sonst – Koncert Freak gesorgt, der mit seinem Treiben wissentlich oder unwissentlich (absichtlich oder unabsichtlich, Hauptsache, er hat Spaß an seiner Arbeit) einer der wenigen Wohltäter ist, die das Erbe der Rock musik unter den Slowenen bewahren und verbreiten. Im Minibus, in dem eine Handvoll aufgeheizter Uriah-Heep-Fans saß – was mich mit riesiger Freude und Überraschung erfüllte, dass so etwas in Slowenien heute überhaupt noch möglich ist –, verging die Fahrt sehr schnell. Zwischendurch haben wir einen Stopp eingelegt, bei dem sich einige von uns mit kalorienreichem Gulasch vollgeschlagen haben, und Peter und ich fanden uns nach einem herzlichen Empfang am „Presse-Schalter“ der Kasse in Wiesen bald mitten im Dunst auf der Zeltwiese wieder. Warum Zelt, wo das Festival doch nur einen Tag dauerte? Am nächsten Tag spielen hier Deep Purple, also warum nach Slowenien zurückfahren, ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen, dass ich zufällig eine fatale Gehirnerschütterung erleiden würde, die mich zum „Früh-Yuppie“ bekehrt. Auch Divlje Jagode in Veliko Ubeljsko wiegen das nicht auf. Auf jeden Fall aber ist das Land, in dem Wiesen liegt, ein Erdbeerland! Und zwar von in Gefangenschaft gezüchteten, also domestizierten Erdbeeren. Erdbeeren und Obst (Birnen usw…). Im Wappen des „Dörfchens“ Wiesen ist sogar eine große, saftige rote „Mjam-mjam“-Erdbeere abgebildet. Dass ich mir an diesem Tag sogar die Zähne geputzt habe, spielt ohnehin keine Rolle mehr. Also ab zum Festivalgelände.
Ein riesiges weißes Zelt, das auf den ersten – schlecht scharfgestellten – Blick wirkt wie ein Schloss in Disneyland, ist von zwei Seiten geschlossen. Auf der einen Seite ist die Bühne, quer dazu die VIP-Logen, auf der anderen Querseite geht es in ein Festivalstädtchen über, wo du dich mit Fastfood-Gebräu versorgen, Souvenirs und anderen Krempel für die Verwandtschaft kaufen, CDs besorgen und sogar überflüssige Fracht auf den Toiletten abladen kannst,… Der Bühne gegenüber ist natürlich Platz für ca. 4000 Leute unter der Zeltplane. Von da an ist es nach vorne offen und geht in eine Wiese über, die mit regelmäßig gemähtem englischem Rasen bedeckt ist. Die Wiese steigt leicht an, sodass du, wenn du ausgelaugt oder müde bist, ein Kissen mitbringst (oder auch nicht) und dich auf den Rasen legst, von wo Sound und Sicht aufs Gelände immer noch völlig annehmbar sind. Von unerträglichen Überlebensbedingungen in so einem Zelt, z. B. beim alljährlichen Tollwood-Festival in München, keine Rede!
MEENA CRYLE & THE FILLMORE BLUES BAND:16.30-17.00
Es ging auf die Minute pünktlich los! Auf die Bühne kamen lokale österreichische Schwärmer und überraschten gehörig mit der Beherrschung von erstklassigem „Rhythm n‘ Blues“. Die charismatische dunkelhaarige Meena Cryle und ihre Begleitband The Fillmore Blues Band zauberten gemeinsam einen tollen, kompakten Konzertauftritt, in dem Meena mit großartiger Gesangsleistung und einer Hingabe regierte, die ganz und gar das Gefühl einer Aretha Franklin wachrief. Die Band glänzte mit Eingespieltheit und bot einen exzellenten Konzertsound. Mich als kompletten Laien hat sie ordentlich geschockt zurückgelassen, und hoffentlich auch manch anderen Touristen, der „angedüst“ kam, weiß der Geier woher in Österreich, zum Legends Of Rock Festival. Eine sehr mutige Eröffnung.
NAZARETH: 17.40 – 18.35
Als Zweite betraten unsere alten Bekannten die Bühne, die legendären schottischen Rock-’n‘-Roll-Krawallmacher Nazareth. Bis zu ihrem Auftritt war der Innenraum unglaublich voll geworden und zählte sicher so 3000 Köpfe, mit den auf der Wiese hinter dem Innenraum Liegenden zusammen 4000. Nazareth zögerten nicht. Zuerst füllte Rauch die Bühne ordentlich aus, dann schlich sich der Klang eines keltischen Intros mit typischer Hochland-Melodik darauf. Die Jungs werden von der Menge lautstark begrüßt und legen schon los mit einer sehr passenden Wahl für jede Eröffnung ihres Auftritts namens Miss Misery. Die Legenden Dan McCafferty und Pete Agnew haben in ihren späten Fünfzigern (oder frühen Sechzigern, b?) mit der allgemeinen Charaktereigenschaft jenes aus Adams Rippe gesandten Phänomens (sprich: Frau), die sich gelegentliche Ungezogenheit nennt, noch lange nicht abgerechnet, und auch die Setliste haben sie mit solchen Songs gefüllt, die die Mühen des Zähmens mit „Zuckerbrot und Peitsche“ besingen. Nazareth boten sofort ihren standardmäßigen, rockerhaft erhabenen, rohen und nur ihnen erkennbaren Sound. McCafferty am Gesang bleibt nach all den Jahren makellos. Nach Miss Misery kündigt Dan einen Song an, der 150 Jahre alt sei, und fährt fort, er stamme aus der Zeit: „….when I was beautifull and tall….“ und Nazareth rasen schon los mit Razamanazz. Nach This Flight Tonight drosselten sie das Tempo, aber die Stimmung stieg, denn es folgte die phänomenale Ballade Dream On, bei der Dan mit einer Darbietung absolut brillierte, die mühelos Gänsehaut über den Körper jagte. Ein Song der gebrochenen Herzen… Na ja, damit Nazareth ja nicht zufällig und aus Versehen zu ernst rüberkommen, kehrten sie mit erstklassigem Blödeln zurück, das der Song Holiday eröffnete. Dan sagte dazu, das sei die Erzählung vom Aufenthalt der Band in Kalifornien und von den dortigen Erfahrungen, bzw. vom Gefühl, wenn man von allem den Arsch voll hat. Ein Ende der fröhlichen und ausgelassenen Momente war keineswegs in Sicht, und My White Bicycle rief bekannte Gewohnheiten wach, die Nazareth aus Amsterdam mitgebracht haben, McCafferty gönnte sich währenddessen auch ein paar federleichte Tanzschritte aus den Hochlandhöhen. Nach dem Song gönnt sich Dan einen Schluck Wasser aus der Plastikflasche und begleitet seine Tat mit dem Kommentar: „This is water! Fish fuck in it!“ Danke für den Hinweis, Dan, ich werde von nun an versuchen, vom Einatmen von Wasserdampf zu leben. Shanghai’d In Shanghai hat Jimi Murrison im Übergang witzig gewürzt, indem er sich das Riff von Satisfaction von den Rolling Stones auslieh, aber das ist bei Nazareth-Konzerten längst Standard. Auf jeden Fall sind wir wieder bei den Frauen, und diesmal sogar bei den orthodox ungezogenen! Bei Whiskey Drinkin‘ Woman, wo Pete und Dan im Refrain ein „auf null“ geschliffenes Gesangsduett boten, das eine geniale Kopie dieser Harmonie von den Platten („Vinylen“) der Band hervorlockte. Den regulären Teil beschlossen Nazareth mit dem Kraulen von „Hundehaar“ („Haar des Hundes“, wie ihr wollt). McCafferty nahm während des Songs seinen schottischen Dudelsack in die Hände, und das war der Höhepunkt des Nazareth-Auftritts. Auf der Bühne erschien während des Auftritts auch ein „Roadie“ (sprich: einer der technischen Assistenten der Band), dem aufgetragen war, so viel wie möglich auf einen Gegenstand einzudreschen, aus dem ein Schlagklang kam, der an das Läuten einer Kuhglocke erinnerte. Ihr kennt doch dieses einmalige, kribbelnd penetrante Riff in Hair Of The Dog, oder? He, he, he… und brrrr…. Also verschwanden die Legenden von der Bühne, kamen aber ruckzuck wieder, und die Zugabe eröffnete der hervorragende Schlagzeuger Lee Agnew, übrigens der Sohn von Bassist Pete Agnew! Man kann ihn nicht verfehlen an der markanten hohen Stirn, die er von seinem Vater geerbt hat, wichtiger war aber, dass er den Jungs ein energiegeladenes Schlagzeugintro hinlegte, zu dem sich bald sein Vater am Bass gesellte, und einige Momente lang rumpelten sie so im gemeinsamen Takt einträchtig auf der Bühne herum, dann aber, als Nazareth wieder als Quartett auf der Bühne standen, schlugen sie ein neues Kapitel über Frauen auf, genauer über die „Nachtschwärmerin“ (Night Woman). Das riss das Publikum auf jeden Fall wieder gründlich auf die Beine. Noch strammer stampfte das Auditorium, als Nazareth zum Abschluss ihren größten Hit Love Hurts spielten, bei dem die Band erneut zeigte, wie sie Multi-Harmonien mit Backing Vocals beherrscht, und in dem wieder einmal der einmalige Sänger Dan McCafferty mit seiner unvergesslichen Stimme dominierte. Er kreischt noch heute wie in Trance und erinnert, oberflächlich gesagt, an „Janis Joplin unter männlicher Haut“! Makellos! Makellos auch Nazareth! Die Leute waren sichtlich euphorisch. Es war zu kurz! Das Grüppchen Slowenen in der ersten Reihe, mit denen wir uns den Minibus von Ljubljana bis Wiesen geteilt hatten (sprich: „Gewackel von Ljubljana bis Wiesn“), dem der große furchtlose Konzertanführer „Concert Freak“ vorstand, war zum Beispiel samt ihm schweißgebadet mit geröteten Gesichtern, verbarg dabei aber nicht die orgasmische Auferstehung, dass gerade ein großer Rock-’n‘-Roll-Mörser aus dem Ersten Weltkrieg über sie hinweggerollt war, der sie gründlich mit einzigartigen Rock-’n‘-Roll-Bomben bombardiert hatte. Diese verteilen die guten alten, erfahrenen Nazareth bis heute meisterhaft, effektiv, kurz und knackig.
Setliste Nazareth:
1. Intro
2. Miss Misery
3. Razamanazz
4. This Flight Tonight
5. Dream On
6. Holyday
7. My White Bicycle
8. Shanghai’d In Shanghai
9. Whiskey Drinkin‘ Woman
10. Hair Of The Dog
—Zugabe—
11. Night Woman
12. Love Hurts
WISHBONE ASH: 19.10 – 20.00
Ich habe Wishbone Ash mit Ungeduld erwartet, denn ich hatte noch nie die Möglichkeit, sie live zu sehen. Na gut, ich lüge. Die Tour „Twin Barrels Burning“ und die Hala Tivoli 1982, als Trevor Bolder mit Wishbone Ash spielte, von dem bei Uriah Heep noch die Rede sein wird, aber damals hätten mich meine Alten lebendig gehäutet, wenn ich ihnen mit 12 Jahren zu einem Rockkonzert abgehauen wäre. Wishbone Ash! Wünschelrute! Auch die Flyin‘ V in den Händen des einzigen Originalmitglieds der Band, des Gitarristen/Sängers Andy Parker, erinnerte immer wieder an eine Wünschelrute. Das Quartett lenkte zum ersten Mal die Aufmerksamkeit auf sich, als es eine interessante Methode des Stimmens anwandte. Fürs „Stimmen“ sorgten nämlich die Bandmitglieder selbst. Zuerst schlugen Muddy Manninen und Andy Parker ein Motiv der Terzharmonie an, und das Volk war überzeugt, das Konzert habe jetzt richtig begonnen. Die Jungs brechen nach ein paar Sekunden ab. Parker nickt dem Kollegen zu. Weiter geht’s. Es folgen mehrstimmige Harmonien. Nach demselben Prinzip. Ein paar melodische „Silben“ und die Jungs sind bereit. Sie verlassen die Bühne nur für etwa eine Minute. Wieder oben. Jetzt geht es richtig los. Der erste Song ist ein Instrumental. Das zeigte alle Merkmale von Wishbone Ash. Meister der doppelten Gitarren-Terzharmonien, und das Instrumental weinte geradezu vor lauter dieser charakteristischen Melodik, deren Pioniere Wishbone Ash sind. Außergewöhnliche Abstimmung. Ruhig, gelassen. Vor allem ruhig. Ich würde sogar sagen, ein zurückhaltender Beginn, doch im zweiten Song wärmten sie ihre Glieder auf und schalteten in einen „höheren“ Gang. Es folgte ein Song vom gerade erschienenen Studio album „Clan Destiny“ (2006) mit dem Titel Healing Ground, in dem der nun sitzende Muddy Manninen seine Gibson Les Paul während des Solos auf die Knie legte, als würde er ein Kind aus der Wiege nehmen und ein wenig herzen, und sich außerdem einen Slide überstreifte und lange „Slides“ den Hals entlangzog, im Stil des Pedal-Steel-Gitarrenspiels, was als sehr reizvolle Bühnengeste wirkte. Im „Parterre“ waren deutlich weniger Leute als bei Nazareth. Knapp 2000. Sogar mehr. Alles war viel ruhiger. Natürlich. Wishbone Ash brachten eine völlig andere Energie auf die Bühne. Im Gegensatz zu den wild entfesselten, ungezähmten Nazareth zielen Wishbone Ash auf klangliche Perfektion und einen deutlich edleren Konzertsound, konzentriert vor allem auf die perfekte Umsetzung ihres Materials und nicht so sehr auf Party und Aufheizen der Menge. Darum war der Kontakt der Band zum Publikum ein völlig anderer, und im Gegensatz zu den heutigen Nazareth tun sich die heutigen Wishbone Ash auf Festivals viel schwerer. Offenbar haben sie vergessen, was es heißt, eine echte „Arena-Band“ zu sein, denn sie haben ihre Siebziger weit hinter sich gelassen und sich völlig der Rolle einer Clubband untergeordnet, die vorwiegend von heute älteren „Opis“ besucht wird, ihren Altersgenossen eben. Mit anderen Worten: Es fühlte sich an, als wüsste die Band die große Bühne nicht zu nutzen oder wolle sie nicht nutzen, oder wolle keinen „Blödsinn“ anstellen, der den ausgelassenen und geilen Rockern vor der Bühne gefallen hätte, die das das ganze Konzert über erwarteten. Doch ein Zeichen blieb aus, und auch das „Feedback“ der Menge war während des Konzerts deshalb kläglich. Mehr noch. Wishbone Ash zogen sich noch ein bisschen weiter auf die Bühne zurück und schmiegten sich jeder an sein Instrument. Aber! Die wahren Liebhaber und Kenner bekamen doch, wofür sie gekommen waren. Denn es folgte ein Song von der Platte „Argus“ (1972) The King Will Come und nach ihm Warrior, der von allen am meisten zündete mit seinem Proto-Powermetal-Riff, und auch die Menge stieg endlich intensiver in den Auftritt der Band ein. Der Sound war präzise, wie gesagt. Wishbone Ash sind außergewöhnlich, was filigrane Genauigkeit angeht. Mehrstimmige Harmonien in den Refrains, Gitarrenterzen. Diese Magie loderte auf der Bühne auf, ihre einzigartige Magie, nahe an der Magie der „Byron-Ära“ von Uriah Heep, mit einem mystischen Hauch, den die spezifische Klangfarbe von Andy Parkers Stimme vollendet. Hier steigerte sich die Wishbone-Ash-Show. Es folgte Tales Of The Wise („Illumination“, 1996), danach überraschten sie mit dem Song Almighty Blues („Bona Fide“, 2002), der eigens für die Eröffnung von Konzerten gebaut ist. Das Volk begann sich noch einmal intensiver zu wiegen und im Takt zu trippeln, den nun Wishbone Ash entschlossener vorgaben. Der achte und letzte (!) Song war Time Was („Argus“, 1972). Die unglaublich kühle Reaktion war offenbar der Grund dafür, dass Wishbone Ash schnell von der Bühne verschwanden und so nach schlappen 50 Minuten Show die Menge verließen und an dem Abend nie wieder auf die Bühne zurückkehrten, um wenigstens noch eine Zugabe zu spielen. Einen traurigen und blassen Eindruck haben sie hinterlassen, und so mancher jammerte und schimpfte enttäuscht über so eine Haltung! Nazareth haben Wishobne Ash plattgemacht! Begossen wie ein Pudel mit kalter Dusche, ich kam gar nicht zu mir, nach dem Auftritt von Wishbone Ash. Schlichte und nackte Routine! Offenbar muss man sie sich auf einer Solotour ansehen, wenn sie irgendwo in Deutschland sind, Österreich liegt ihnen ganz und gar nicht, sie wirkten richtig exotisch. Viele haben schon während des Konzerts desinteressiert das Gelände verlassen und im nahen Zelt lieber ein Krügel Bier mehr gekippt, was beweist, dass Wishbone Ash in Österreich heute eigentlich eine tief vergessene und abgeschriebene Band sind. Schade, wirklich schade.
MELANIE: 20.30 – 21:35
Ein völlig anderes Bild strahlte der Bühnenvorraum kurz vor Melanies Auftritt aus. Sie wurde sehnlichst erwartet. Eine mindestens 4000-köpfige Menge erwartete fiebrig ihren Auftritt. Die Dame, die heute schon gut im reifen Alter ist, hat ihre „Flower-Power“-Tracht keineswegs abgelegt und kam in eine farbenfrohe Decke gehüllt und mit Folkgitarre im Arm auf die Bühne, mit ihrem Begleiter, der ihr half, die Saiten der Akustikgitarre zu schrubben, Beau (Kurzform von Beautifull). Die Dinge im verschlafenen Wiesen rückten in einem Augenblick an den rechten Platz, als Melanie endlich den Mund aufmachte. Das Konzert begann nämlich mit dem Song Beautifull People. Die Leute explodierten spontan und begrüßten die Dame mit tosendem Applaus und Rufen. Melanie gab sich bei der Darbietung besonders Mühe, und ihre Stimme war unvergesslich. Nach all den Jahren geradezu majestätisch beziehungsweise glückselig unvergesslich. Kräftig und buchstäblich so, dass sie dich wie ein Blitz aus heiterem Himmel streift und direkt ins Wesen der Essenz trifft. Es schien, als könne diese Stimme durch Beton schneiden, besonders mit ihrem Sentiment und dem spezifischen Zauber, der Melanie auszeichnet. Man spürte, wie voller Enthusiasmus Melanie ist, wie glücklich sie ist, wieder auf der Bühne zu stehen und ihre Freude mit den Leuten zu teilen, dass sie bei den Leuten sehr begehrt ist und dass das ganze Auditorium absolut bei ihr und auf ihrer Seite ist. Es folgte der Song Rock N‘ Roll Heart und danach Nickel Song, bei dem die Menge besonders entflammte. Die Österreicher begrüßten Melanie nach jedem Stück mit Begeisterung und reagierten bei den Unterbrechungen stets wirklich stürmisch, was angesichts der Ignoranz, die sie Wishbone Ash gezeigt hatten, geradezu schockierend war. Offenbar ist Melanie die „Wahl des Volkes“, die „Stimme des Volkes“, der „Wunsch des Volkes“! Die Dame nahm die Menge mit solch federleichter Leichtigkeit ein, dass es ein reiner Genuss war, dieses einzigartige Treffen beziehungsweise die Verschmelzung von Melanie mit dem Publikum zu verfolgen und Teil davon zu sein. Es folgt Jammin‘ Alone und danach der Song Smile, bei dem die Menge wieder aktiver mitsang. Dann verschnaufte Melanie ein wenig, und Beau spielte eine gekürzte Version des Stücks Malaguena. Die Stimmung sprang bei Ruby Tuesday wieder eine Stufe höher. Danach folgen I Tried To Die Young und Look What They Done To My Songs, und zum Abschluss spielt sie noch Peace Will Come. Während dieses Songs flutete dunkles Blau die Bühne, ohne Scheinwerfer, die auf die Menge gerichtet waren. Diese Darbietung hinterließ einen starken Eindruck, der nicht weit davon entfernt war, dass, wenn Melanie „auf den Tisch haut“, dass Frieden sein wird, es dann keinerlei Zweifel mehr gibt, die womöglich der Tatsache widersprechen würden, dass diese wild gewordene Menschheit, dem selbstzerstörerischen Verhalten verfallen, eines Tages vielleicht doch noch zur Vernunft kommt. Melanie war ein außergewöhnlicher Programmpunkt des Festivals! Eine wahre Halogenglühbirne! Vielleicht für eingefleischte Rocker etwas zu viel, aber unglaublich war, wie beliebt Melanie noch heute in Österreich ist und wie das Volk mit Glut während ihres ganzen Auftritts mitfieberte. Die Energie war grandios! Nach dem Konzert kam Melanie unter die Leute, genauer an den Stand, an dem sich das „Merchandise“ befand (sprich: Verkauf von Shirts, CDs und anderem „offiziellem“ Musik krempel) und signierte großzügig CDs, die ihr ihre treuen Fans entgegenstreckten. Melanie hätte bei einer Abstimmung, wer der beliebteste Act des Tages ist, wohl locker in dieser Kategorie den ersten Platz geholt!
URIAH HEEP: 22.20 – 23.40
Aaaaaa!!! Nach all diesen Millionen Kilometern Konzertroutine immer noch fanatisch bei Uriah Heep! Aber wenn das Blut in den Adern kocht, weißt du, dass du zum Konzert deiner Lieblingsband gekommen bist. Gerade eben hat mich Gänsehaut überzogen, ich musste nur an mein neues unvergessliches Beisammensein mit Uriah Heep in Wiesen denken! Uriah Heep traten als Fünfte auf, und ihre Aufgabe war es, dem Festivaltitel „Legends Of Rock“ seine wahre Bedeutung zurückzugeben. Uriah Heep sind alte Bekannte in Wiesen und eine sehr beliebte und geschätzte, um nicht zu sagen hoch angesehene Band in Österreich. Der Platz vor der Bühne war wieder phänomenal voll, und das kündigte einen echten Sturmlauf an!!! So Tired und da sind sie! Mit So Tired überraschten sie, denn das ist einer der schwächeren Songs des Albums „Wonderworld“ (1974) und irgendwie nicht gerade die glücklichste Wahl für den Konzertbeginn. Vielleicht wollten Heep sagen, dass sie ein bisschen müde und von allem gesättigt sind. Aber das war ganz und gar unmöglich. Auf jeden Fall war diese meine niederträchtige analytische Bemerkung nicht zu spüren, denn die Menge trug die Band buchstäblich auf den Flügeln euphorischer Begeisterung durch diesen Eröffnungssong des Heep-Konzerts. Mein Gejammer über die Eröffnung des Konzerts wurde sofort zusätzlich zum Schweigen gebracht durch den hervorragenden AOR-Song Cry Freedom („Raging Silence“, 1989), bei dem Bernie Shaw zum ersten Mal zeigte, dass er ein „teuflischer“ Sänger ist! Der dritte Song war ein buchstäblicher Schock, denn Heep wählten glatt einen Song aus der Ära von John Lawton, der für jeden Sänger, mit noch so „trainierter“ Stimme oder angeborenem Gespür fürs Singen, ein ziemlich schwer verdaulicher Brocken zur Interpretation ist. Der Song Faling In Love („Fallen Angel“, 1978) füllte den Raum mit Energie! Danach gingen die Jungs ohne Pause zum einmaligen Words In A Distance („Sea Of Light“, 1995) über, wo diese Energie nur noch weiter gesteigert wurde und das Konzert nun wirklich entbrannte! Uriah Heep traten auf wie nie zuvor! Letztes Jahr beim Biker’s Fest am Faaker See war die Bühne fast zehn Meter vom Publikum entfernt, vorletztes Jahr füllten den Carl Orff Saal in München lauter alte Muttis mit Abos bei der akustischen Heep-Tour, 2003 spielten Heep vor halb so vielen Besuchern in der Muffathalle in München und 2002 in Italien (6.7.2002, Riolo Terme), wo Heep eben nicht so zünden wie in den Ländern der germanischen Völker. Diesmal sah alles ideal aus. Der Platz voller Menschen, die Menge direkt an der Bühne. Der Anblick des tanzenden Publikums weckte die Band auf, und die legte wirklich mit vollem Anlauf los. Sogar Trevor Bolder machte ein paar ruckartige Bewegungen, überhaupt bei seinem blitzschnellen Gespritze auf dem Bass, wenn er energisch „Licks“ die Saiten entlangzog. Gerade Bolder ist gewöhnlich der beste Indikator für das allgemeine Befinden und die Arbeitschemie der Band auf der Bühne. Bolder war diesmal „durchtrieben“ wie nie, und das hieß, dass die übrigen Mitglieder überhaupt mit 200 km/h über die Bühne galoppierten. Box amüsierte sich ständig mit „Yogi“-Gesten und genoss die Energie, die ihm die Menge schickte, und genoss es ebenso unendlich, wenn er die Fans in den ersten Reihen wegen der Verteilung der Plektren neckte. Auf jeden Fall der Gitarrist, der das Plektrum am schönsten aus der Hand wirft, sodass es in den richtigen Händen des richtigen Fans landet! Die Band war erstklassig. Wieder fehlerfrei. Vielleicht begleitete Lee zu Beginn von Stealin‘ im Hintergrund Shaw mit der Stimme einen Hauch tiefer als gefordert, das war aber auch schon alles. Die Markenzeichen von Uriah Heep strahlten wieder in vollem, wiedererkennbarem Standardglanz. Für Feinschmecker behielten Uriah Heep in ihrer Setliste die Klassiker If I Had A Time sowie Year Or A Day bei und bestätigten ihre unschätzbare Kraft des heutigen Schaffens mit Between Two Worlds („Sonic Origami“, 1998). Ansonsten war die gesamte Setliste auf einen echten „Power“-Auftritt zugeschnitten, und so spielte die Besetzung in einer Stunde und 20 Minuten praktisch den Großteil der Hits und einige ihrer bekanntesten Songs. Der Sound war makellos, die Eingespieltheit erstklassig, überhaupt raubte die perfekte Ausführung der mehrteiligen Gesangsharmonien den Atem. Unter diesen Hits fehlte auch Free Me nicht, bei dem Shaw das Publikum anstachelte, so laut wie möglich mit Heep mitzumachen, und danach das einmalige The Wizard. Wie immer lud sich die Atmosphäre im zweiten Teil wieder bis zum Maximum auf, als Heep mit der sehnsüchtigen Sunrise begannen, danach mit dem obskuren und vampirisch besessenen Gypsy durchdrehten, das ein elementares Heavy-Metal-Riff trägt, dem man sich nicht widersetzen kann, und dann flutete reines, weißes Licht den Raum, als sich Bernie auf einen der Monitore setzte. Natürlich. Es war July Morning, und der Abend neigte sich tatsächlich einem neuen Julimorgen zu. Box stach in dem Song besonders hervor mit seinem hingebungsvollen „Wah-Wah“-Solo. Zum Schluss „sparten“ sich die Jungs Easy Livin‘ auf, und der abschließende Tanz der Ausgelassenheit war garantiert. Heep verabschiedeten sich vom Volk und verließen die Bühne. Sie waren sofort wieder da. Wegen der Zeiteinteilung stand ihnen das Wasser bis zum Hals! So wandte sich Mick Box ans Publikum, die Band bitte die Anwesenden noch einmal, sich ihr bei einer weiteren Klassiker-Darbietung anzuschließen. In den Händen hielt er eine Akustikgitarre, wie vor ihm Melanie, der Mick bei dieser Gelegenheit eine tiefe Verbeugung in Form von Dankesworten widmete, weil er ihre Stimme nicht genug preisen konnte. Das Rätsel schnell gelöst, und Lady In Black begrüßte die Leute! Natürlich begleiteten wir Shaw und seine Kumpane auf der Bühne laut und gemeinsam, durch einen rührenden Schluss, voller positiver Vibes und der Echtheit, die Uriah Heep in sich tragen. Auf jeden Fall hätten nach Lady In Black Look At Yourself oder Bird Of Prey gut gepasst, doch dafür war keine Zeit mehr.
Die Legenden zeigten den intensivsten Auftritt des Festivals! Am intensivsten in dem Sinn, dass er durchweg mit der höchsten Dosis elementarer Rockenergie erfüllt war, die nur ein außergewöhnliches Gefühl der Verbindung von Riff-Wucht mit unvergesslichen Melodien erzeugen kann, wie sie nur Uriah Heep zusammen schreiben. Ein Auftritt, der dir wirklich alles bietet! Pure Perfektion, bei der du dir ein baldmöglichstes Wiedersehen mit der unvergesslichen Magie wünschst, die Uriah Heep heraufbeschwören. Jungs! Jetzt aber flott ins Studio, um die lang versprochene neue Studioplatte „einzutrommeln“, und „hoppla“ zurück auf eine neue Tour, wo wir uns auf der nächsten solchen Sause treffen.
Setliste Uriah Heep:
1. So Tired
2. Cry Freedom
3. Fallin‘ In Love
4. Words In A Distance
5. Stealin‘
6. If I Had A Time
7. A Year Or A Day
8. Between Two Worlds
9. The Wizard
10. Free Me
11. Sunrise
12. Gypsy
13. July Morning
14. Easy Livin‘
—Zugabe—
15. Lady In Black
KEITH EMERSON BAND: 0.30 – 2.00
Nach Uriah Heep haben wir schließlich doch noch den Auftritt des wichtigsten Mitglieds (Glieds) des legendären Trios erlebt, das half, den Progressive Rock auf die Beine zu stellen und ihn auch breiteren Massen zu popularisieren. Ich spreche nämlich von den „heiligen drei Königen“ des Progressive Rock – Emerson, Lake & Palmer, die 1998 wegen Uneinigkeiten (erneut) jeder seinen Weg gingen. Während Lake sich derzeit hauptsächlich auf britischen Boden konzentriert (letztes Jahr fiel seine Tour durch Kontinentaleuropa aus) und Palmer letztes Jahr in Wien weilte und dort angeblich einen guten Eindruck hinterließ, tauchte der Keyboard-Zauberer Keith Emerson schließlich etwas näher auf als gewöhnlich. Nicht allein, sondern mit einer Band, in der vier erstklassige Musiker standen. Ich gebe zu, dass ich vor seinem Auftritt und meinem ersten Emerson-Konzert keine allzu großen Erwartungen hatte, nicht mal eine Ahnung, in welcher Form er auftreten würde. Meine Erwartungen waren eher pessimistisch, denn ich bildete mir zeitweise sogar ein, er würde ganz allein auftreten, umgeben von seinen zahlreichen Keyboards, und nur Kompositionen der Meister der klassischen Musik des 20. Jahrhunderts nachspielen, denen er hin und wieder eigene Arrangements hinzufügen würde. Fromm hoffte ich noch, dass er sich, wenn er guter Laune wäre, vielleicht auch an irgendeinen ELP- oder The-Nice-Klassiker erinnern würde. Emerson habe ich mir also sowohl als Musiker als auch als Persönlichkeit völlig falsch vorgestellt. Wahrscheinlich haben mich auch Aufnahmen seiner alten Konzerte mit ELP etwas in die Irre geführt, wo er nicht nur als flinkfingriger Meister, sondern auch als außerordentlich energiegeladener und launischer Musiker wirkte.
Um Mitternacht, als die unverwüstlichen Uriah Heep die Bühne verlassen hatten und die Roadies begannen, alles für den Auftritt des Maestros vorzubereiten, spürte ich schon irgendwie, dass das der Höhepunkt des Festivals werden würde. Seine Hammond-Orgel und die modernen Synthesizer standen schon. Dann erschien auf der Bühne ein riesiger Kasten voller bunter Kabel, verbunden mit Tasten, bei dem ich feststellte, dass es ein Moog Modular ist, den Emerson auf der Bühne ungefähr seit 1973 einsetzt. Das gewaltige Spielzeug rief ein wenig die Erinnerung an Emersons extravagante Auftritte in den 60ern und 70ern wach, als seine Ausrüstung gleich in drei Lastwagen transportiert wurde und er zwischen einzelnen Songs Messer in seine Hammond-Orgel rammte, sich während des Auftritts in die Luft erhob und am Ende obligatorisch die Orgel zertrümmerte. So etwas war natürlich nicht mehr zu erwarten, denn auch Emerson ist seither längst ein gepflegtes Mitglied der britischen Gesellschaft geworden, der gern mittags seinen Tee mit der Queen schlürft.
Um 0:30 marschierten Emerson und seine Band, in der neben ihm noch ein Gitarrist/Sänger, ein Schlagzeuger und ein Bassist waren, auf die Bühne. Emerson wirkte mit seinem ergrauten, aber langen Haar noch vor dem ersten Ton vital (etwas von seinem Glam-Image aus den 70ern hat er auch behalten). Als er an seinem Moog Modular einen Knopf drehte und dieser elektronische Klänge hervorzulocken begann, waren alle Blicke auf ihn gerichtet. Ich gebe zu, dass ich zuerst dachte, es sei etwas schiefgegangen, denn sowohl Keith als auch seine Bandmitglieder schmunzelten dabei verschmitzt und schüttelten den Kopf. Plötzlich aber erkannte ich jenen elektronischen Effekt, der das Intro zum unvergesslichen ELP-Sci-Fi-Epos „Karn Evil 9“ darstellte (genauer den Abschnitt 1st impression part 2) vom unvergesslichen „Brain Salad Surgery“ (1973) und die Band griff sofort zu ihren Instrumenten. Meine Aufmerksamkeit galt verständlicherweise die meiste Zeit Emerson, der nach all diesen Jahren nur wenig von seiner Geschwindigkeit und seiner Beherrschung der Tasteninstrumente eingebüßt hat und mühelos gleichzeitig auf zwei Instrumenten spielte. Sänger-Gitarrist Marc Bonilla begann die unvergesslichen Verse zu singen „welcome back my friends to the show that never ends…“ Seine Stimme war ungewöhnlich ähnlich der von Lake, sodass ich zeitweise dachte, ich wohne einem „echten“ ELP-Auftritt bei. Außergewöhnliche stimmliche Ähnlichkeit, leicht auch körperlich. Was seine Beherrschung der Gitarre betrifft, übertrifft Bonilla Lake auf ganzer Linie. Natürlich ist das eine leicht ungerechte Aussage, denn Bonilla leistete der hervorragende Bassist Phil Williams Gesellschaft, während Lake für beide Instrumente zuständig war, hauptsächlich Bass. Williams ist ebenfalls ein hervorragender Musiker, der oft Bass wie Gitarre spielt, was er auch in seinem kurzen Solo-Auftritt zeigte. Keith stellte dann die Band vor, und es folgte die große Überraschung. Nämlich ein Stück, das ELP nie live gespielt haben – „Living Sin“ (Trilogy, 1973). Bonilla brachte etwas von seiner eigenen Art zu singen ein und fügte einige neue Gitarrenarrangements hinzu, und der Song klang deutlich härter als im Original. Das Album „Trilogy“ ging weiter mit dem Instrumental „Hoedown“ (Original A. Copland), noch ein ELP-Klassiker, den Emerson hervorragend dehnte, aber die ganze Zeit am Originalmotiv festhielt. Von allen Darbietungen des Konzerts kam gerade „Hoedown“ der Studioversion am nächsten. Die Stücke von „Trilogy“ sind geradezu für Live-Darbietungen gemacht, denn sie gehören zu den kompakteren Werken von ELP. Dann folgte noch eine Überraschung. Lakes unsterbliche Ballade „Lucky Man“ (Emerson, Lake & Palmer, 1970), übrigens der größte Hit der Band. Bonilla gab dem Song völlig neue Arrangements, was ihm mehr Tiefe verlieh. Besonders begeisterten sein kosmisches Gitarrensolo und Emersons verlängertes Solo am Schluss. Zweifellos eine Version, die in puncto Ausgefeiltheit und Arrangements das Original übertraf, auch wenn der Sänger diesmal stimmlich Lakes Magie nicht ganz einfangen konnte. Dann kündigte Keith eine sehr alte Komposition aus dem Jahr 1968 an. Sofort war klar, dass es sich um einen The-Nice-Klassiker handelt. Es folgte „America“, ein beliebter The-Nice-Song, der dafür bekannt ist, dass Keith dabei vor vielen Jahren aus Protest die amerikanische Flagge verbrannte und deshalb ganze 25 Jahre nicht im königlichen Philharmoniesaal auftreten durfte. Diesmal verlief der Auftritt natürlich ohne den geringsten Zwischenfall, und Emerson bewies seine perfekte Beherrschung klassischer Arrangements, zusammen mit Bonilla griffen sie in einem Teil auch zur Mundharmonika. Keith lenkte die Komposition später mit einer geschickten Wendung in „Rondo“ über, wo er sich mit Hilfe eines tragbaren Synthesizers auch ein komisches „Duell“ mit Bonilla gönnte. Dann folgte das, worauf ich vor dem Konzert die ganze Zeit insgeheim fromm gehofft hatte – eine der besten Kompositionen, die je ein menschlicher Geist erschaffen hat. Die fantastische Suite „Tarkus“ (1971), die in ihrer Länge von mehr als 20 Minuten die Geschichte einer umgekehrten Evolution nach einem Atomkrieg erzählt, als Tier-Maschinen herrschten und das Panzer-Gürteltier Tarkus seinen unbarmherzigen Feldzug begann. Als Keith an der Hammond-Orgel das Intro „Eruption“ zu spielen begann, überzog mich Gänsehaut. Es enthält nämlich jenes sein berühmtes Solo, die Grundlage eines der besten instrumentalen und einflussreichsten Werke für Keyboarder. Bonilla spielte zusätzliche Gitarrensoli dort, wo es keine gibt, im Original gibt es sie im Grunde nur in einem Teil („Battlefield“), er aber begleitete Keith die ganze Zeit fast ebenbürtig. Als der unsterbliche Teil „Stones of Years“ folgte, klang Bonilla wieder wie Lakes Zwilling. Im Teil „Battlefield“ lenkte er mit dem berühmten Floyd-artigen Solo die Aufmerksamkeit wieder auf sich. An einer Stelle gönnte sich auch Schlagzeuger Pete Riley einen Solopart und bewies, dass er ein überaus solider „Ersatz“ für Palmer ist. Als sich am Ende über Keiths Orgelsolo auf der Hammond das Hauptmotiv (Aquatarkus) wiederholte und damit die ganze Komposition endete, bestätigte Emerson in meinen Augen endgültig seinen Ruf und bewies, dass er nach all den Jahren immer noch zu den Besten im Geschäft gehört. So erlebte ich einen der großartigsten Konzertmomente bisher, der sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Nicht nur, dass „Tarkus“ komplett gespielt wurde, es wurde um ganze zehn Minuten verlängert. Kam, sah, siegte – „Tarkus“ war für mich nicht nur der Höhepunkt von Emersons Auftritt, sondern des ganzen Festivals. Die Band kehrte nach kurzer Pause für die Zugabe zurück. Auf dem Moog erklangen Fanfaren, und es folgte „Fanfare for a Common Man“ (The Works – Vol. 1, 1977), ohne die es eben nicht geht. Gewöhnlich wird sie entweder am Anfang oder am Ende des Konzerts gespielt. Emerson baute darin geschickt Motive aus unterschiedlichsten musikalischen Vorlagen ein, vom Rock bis zur Klassik. Die Zuhörer erkannten in einem der Motive sofort den Van-Halen-Song „Jump“ (dabei war ihre Begeisterung unbeschreiblich), dazu die bekannte Bach-Sinfonie, den Hummelflug und einen Teil des „Nutcracker“ (in der The-Nice/ELP-Version „Nutrocker“ genannt). Dabei demonstrierte Keith die unterschiedlichsten Spielweisen der Tasteninstrumente, darunter das Spielen von der gegenüberliegenden Seite der Tastatur. Auch diese Version war deutlich verlängert. Damit endete auch sein Auftritt.
Emersons Auftritt war wirklich der siebte Himmel für jeden Progressive-Rock-Fan. Der Sound war sehr gut, Emersons Keyboards waren erstaunlicherweise nicht zu sehr in den Vordergrund geschoben, sodass man alle anderen Instrumente klar unterscheiden konnte, und der Auftritt war erwartungsgemäß auf professionellem Niveau, wobei die einzelnen Musiker außerordentlich eingespielt und voller Energie waren.
Emerson hat mit seinem energiegeladenen und professionellen Auftritt bestätigt, dass er nach all den Jahren immer noch der Inbegriff des professionellen Keyboarders ist, auch wenn ihn manche vor dem Auftritt schon abschreiben wollten. Er ist immer noch ein echter Schnellfinger-Zauberer und außergewöhnlicher Virtuose, der wie zum Spaß mit drei Fingern auf Hammond, E-Keyboards und Moog Modular einhämmert. Nur selten kommt es vor, dass er bei irgendeinem Motiv leicht zu spät dran ist. Schließlich ist auch er nur ein Mensch. Um sich herum hat er in der Band jüngere und talentierte Musiker versammelt, die bestimmt wesentlich zu seiner Revitalisierung beigetragen haben. Das war zweifellos einer der besten Auftritte, die ich von ihnen bisher miterlebt habe. Emerson hat mit seinem Auftritt schlicht alle Bands vor ihm komplett in den Schatten gestellt. Es war wirklich eine unwiederholbare Nacht. Ich hoffe, dass auch diejenigen, die ihn bei seinen nächsten Auftritten sehen werden, meine Begeisterung für diesen großen Musiker teilen werden
Setliste Keith Emerson Band:
1. Karn Evil 9 (1st impression part 2)
2. Living Sin
3. Hoedown
4. Lucky Man
5. America/Rondo
6. Tarkus
—Zugabe—
7. Fanfare For A Common Man
Autoren: Peter Podbrežnik (Keith Emerson Band) & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
























