Willkommen in der Blackfield-Schwärze der doppelten DNA-Helix (2011)

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Ort: Roncade (Treviso) / New Age Club / Italien
Datum: 21. 4. 2011


Blackfield, das internationale Musikprojekt des Porcupine Tree-Chefs Steven Wilson und des israelischen Musikers Aviv Geffen, hat Ende März dieses Jahres sein drittes Studioalbum „Welcome To My DNA“ veröffentlicht. Das Duo, das mit seinem besonderen musikalischen Weitblick bereits mit dem Debüt „Blackfield“ (2004) und dem Nachfolger „Blackfield II“ (2007) auf sich aufmerksam gemacht hat, ist mit seiner neuen Tour endlich Slowenien nahe genug gekommen, um einen Sprung zu einem ihrer Konzerte zur süßen Abwechslung im Alltag werden zu lassen.

Aviv Geffen ist zweifellos ein außerordentlich talentierter Dichter und Musiker, aber ohne Steven Wilson wäre er nie weit gekommen. Erst der Chef von Porcupine Tree ist der entscheidende Faktor im Ganzen, der dem Phänomen Blackfield seine eigentliche Bedeutung und seinen Wert verleiht. Die Kulminierung all dessen, was beide Musiker zu Blackfield beisteuern, ist eine Art schwarze Pop-Indie-Rock-Rhetorik – natürlich wie auf den Leib geschneidert für alle Porcupine Tree-Fans, da sie von einer ähnlichen Atmosphäre und dunkler Stimmung durchdrungen ist, getränkt von den unverwechselbaren Kulissen der Esoterik des „soundscape“-Malens, das in Steven Wilsons einzigartigem Artismus keine Grenzen kennt.

Die ersten beiden Alben tragen einige außerordentlich unter-die-Haut-gehende Tracks, und auch das neue Album folgt brav dem Erbe der ersten beiden. Es bringt vielleicht keine so interessante und angenehme Überraschung mehr, ist aber zweifellos ein sehr, sehr hochwertiges Werk, das in allem die Besonderheit des musikalischen Körpers des Projekts Blackfield verkörpert.

Das Vorprogramm für Blackfield gehörte der elektronischen Indie-Rock-Band North Atlantic Osscilation aus dem schottischen Edinburgh, die im vergangenen Jahr ihr Studio-Debüt „Grappling Hooks“ (2010) veröffentlicht hat. Das Quartett bot in gut einer halben Stunde einen zeitgemäßen Versuch der Verkörperung von Indie-Rock-Hypnose, mit auf wenige Töne reduzierten Linien. Unterstützt von schlichten Keyboards und rustikalen Gitarren im organischen „jangle“-Sound, mit denen sie Klangschichten übereinanderstapelten – durch deren Kulisse sich die Vokalinterpretation bohrt, die bisweilen geradezu quietschend nervige Harmonien beim Melodienjagen produziert –, ist es schlichte Musik durch und durch. Kurze, knappe Gesten, ohne tiefe Philosophie, auf bloß wenigen Tönen aufgebaut, mit Kräften, die auf die Errichtung einer Klangwand ausgerichtet sind, die durch das „Pulsieren“ weniger Töne versucht, mit dem Aufbau hochvibrierende Stimmungen zu erzeugen. Vielleicht haben sie an jenem Abend im New Age den ein oder anderen Fan gewonnen, doch die große Mehrheit atmete sichtlich auf, als die Jungs die Bühne verließen. Sie wirken nämlich sehr generisch und klopfen natürlich gern an die Türen des MTV. Alles in allem genau das, was ein ehrlicher(!) Umgang mit dem Begriff „independant“ nicht verträgt.  

Die Zurückhaltung gegenüber der Vorband bestätigte das Publikum dadurch, dass es sich nach dem Ende des North Atlantic Oscillation-Auftritts buchstäblich unter die Bühne drängte. Der Club, der während des Auftritts von North Atlantic Oscillation halb leer war, füllte sich nach dem Abgang der Band im Handumdrehen. Bereits der Konzertbesuch von Porcupine Tree im Jahr 2009 in Italien hatte bestätigt, dass das italienische Publikum der Musik von Porcupine Tree außerordentlich zugetan ist – damals besuchten wir die Band in Padua, und der Raum füllte sich bis in den letzten Winkel mit rund 2500 Menschen. Natürlich ist das New Age nur ein Club mit bescheidener Kapazität, doch genau das macht es zum idealen Rahmen für die intime Atmosphäre, die wie gemacht ist für den Genuss eines Blackfield-Konzerts. 500 Menschen! Der Club proppenvoll. Als die Musiker mit Steven Wilson und Aviv Geffen an der Spitze die Bühne betraten, explodierte der Club vor Begeisterung, und durch das Huronen-Geheul war es nicht schwer, auch einen erheblichen Anteil der Dezibel wahrzunehmen, die von aufgeheizten Fans aus dem weiblichen Lager produziert wurden, die gekommen waren, um sich an dem sympathischen Jungchen Steven satt zu sehen.

Die Band lieferte vom ersten Moment an ein Konzert mit perfektem Klangbild. Zwei Tonmänner – das sieht man nicht alle Tage. Ich lüge. Vorne ein „Lichtmensch“, dahinter an einem um einiges größeren Mischpult der Tontechniker. Unter Stevens Füßen so etwas wie ein echter Aluminiumpanzer rot funkensprühender Lämpchen. Ein Klangperfektionist mit außerordentlich feinem Gehör, dem nicht mal der leiseste Furz entgeht. Das ist Steven Wilson. Zwar standen insgesamt fünf Musiker auf der Bühne, doch Steven Wilson ist die Figur, die Blackfield antreibt. Nicht nur wegen der Porcupine Tree-Reputation. Schlicht wegen seines Genies, das neben außerordentlicher kreativer Profilierung auch eine grandiose Interpretation und Bühnenpräsenz verkörpert. Frisch gewaschenes, dünnes Haar im Pageschnitt, die Brillchen des Computer-„Geeks“, ein scharfer und todernster Blick nach vorne, das ständige Pusten in die Haare, die ihm das Gesicht verdecken. Steven Wilson, wie er leibt und lebt.

Im Gegensatz zum englischen Musiker brauchte sein israelischer Kollege Aviv etwas mehr Requisiten, um auf seine Bühnenpräsenz aufmerksam zu machen. Er trug eine leuchtende Jacke, auf die Lichter aufgenäht waren, sodass er aussah wie ein Schaufenster für billige Erotikwäsche – vermutlich ist auch das Geweih der Rentierchen, die den Schlitten des Weihnachtsmanns ziehen, ähnlich geschmückt. Ein ziemlich grotesker Anblick, an den man sich jedoch schnell gewöhnt, da letztlich nur die Musik zählt. Und die hat an diesem Abend ganz eindeutig gewonnen.

Blackfield stellten eine Setlist zusammen, bei der die Hälfte des Konzertrepertoires dem Album „Welcome To My DNA“ gewidmet war. In knapp zwei Stunden ließen sie von diesem Album gerade mal einen einzigen Track aus (Far Away). Die Bühne betraten sie mit dem „heißen“ – Achtung! Im Blackfield-Sinne „heißen“ – Blood. Die richtige Wahl für die Eröffnung! Es ist wahrscheinlich der härteste Blackfield-Track, der bislang auf einer Veröffentlichung des Projekts gelandet ist. Neben Steven und Aviv teilten sich auch weitere israelische Musiker die Bühne, die seit der Gründung des Projekts (2001) auf die eine oder andere Weise mit ihm verbunden sind. Da wären noch Seffy Efrati am Bass, Eran Mitelman an den Keyboards und Schlagzeuger Tomer Z.

Es war nicht mein drittes oder fünftes Mal im New Age, deshalb kannst du mir glauben: Blackfield realisierten eines der besten Konzerte, was die Schaffung des idealen Konzert-Klangbilds betrifft. Wo immer du im Club standest, der Klang war perfekt. Alles war zu hören. Überall. Ganz links, ganz rechts, hinten, in der Mitte und/oder vorne. So kamen besonders Wilsons Feinheiten und seine Klangspieleien zur Geltung, denen sich die Fans der Band diesmal wirklich in vollen Zügen hingeben und der perfekten Performance huldigen konnten. Interessant ist, dass Wilson und Geffen auch stimmlich recht unterschiedliche Interpreten sind. Im Gegensatz zu Wilsons warmem, mitunter „beatlesken“ Ansatz klingt Avivs Gesang deutlich dunkler – tiefer und dünner intoniert, weniger überzeugend, verliert er an Substanz. Und doch, wenn die beiden in Duette treten, passen sie zusammen wie Schlüssel und Schloss. Mit dieser außerordentlichen Übereinstimmung und dem gegenseitigen Verständnis decken die Harmonien des Duos gleichzeitig auch einen schönen Teil des Klangraums ab.

Im zweiten Teil kamen die Songs der ersten beiden Alben zur Geltung, die den Fans der Band inzwischen schon bestens unter die Haut gegangen sind – und bei diesen Momenten beteiligte sich sogar das italienische Publikum aktiv am Mitsingen der Refrains. Die Energie im Raum war außerordentlich. Once, The Hole In Me, Miss U, 1000 People, Where Is My Love? – das waren die energetischen Höhepunkte, bei denen die Atmosphäre mit einer besonders intensiven, vibrierenden Chemie zwischen Publikum und Band aufgeladen war. Die Zugabe eröffnete die Band erwartungsgemäß mit dem zum Gassenhauer gewordenen Hello, bei dem Steven endlich zum ersten Mal im Konzert einen Slide einsetzte und damit kurz einige „Floydismen“ aufgriff, die auf bloß wenigen Tönen basieren. Dann das melodiöse akustische End Of The World, bei dem erneut der ganze Club mit der Band mitsang – worauf ein etwas weniger erwarteter Abschluss folgte! Damit versenkten Blackfield das New Age am Ende in die tiefste Schwärze des Jüngsten Gerichts (Cloudy Now). Das fantastische Konzert war damit nach knapp zwei Stunden vorbei. Es verging wie im Nu. Wenn die Energie hoch ist und man ihr nicht entkommen kann, ist jedes Konzert vorbei, bevor man mit der Wimper zuckt. Das ist immer so, auch wenn sich manchmal „marathonmäßige“ drei Stunden oder mehr drehen.

Blackfields Auftritt zauberte eine Bühnenperfektion herbei, die ihresgleichen sucht. Schlicht und einfach. Wer Steven Wilson kennt, dem ist sofort klar, dass der Mann keine halben Sachen duldet. Wenn er sich einer Sache annimmt, dann in vollem Umfang – oder er lässt es lieber bleiben. Fehlerfrei. In der Performance, im Klang. Der Hörer und Konzertbesucher bekommt auf diese Weise schlicht das Bestmögliche. Für einen Club-Rahmen geradezu ideal. Voller Raum, perfekter Klang, in dem du die Details genießen kannst – das Bühnenzusammenspiel und die Kommunikation unter den Musikern, jede Geste, jede Bewegung, mit der die Musiker auf der Bühne neue Klangeffekte entfachen. Alles liegt offen auf der Hand! Es funktioniert in Synergie! Es generiert sich selbst, verstärkt sich selbst und befruchtet sich selbst. Die Essenz der musikalischen Magie, die in voller Pracht aufleuchtet. Auf Clubniveau will man einfach nicht mehr! Wenn du ein Perfektionist bist und ein Konzert nahe am Ideal suchst, kannst du dir schon jetzt rund 35,00 € vom Mund absparen und sie für das erste Porcupine Tree-Konzert in deiner Nähe aufheben – denn auf eine neue Gelegenheit, Blackfield auf der Bühne zu erleben, wirst du länger warten müssen.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. Blood
2. Blackfield
3. Glass House
4. Go to Hell
5. On the Plane
6. Pain
7. DNA
8. Waving
9. Rising of the Tide
10. Once
11. Hole in Me
12. 1.000 People
13. Miss U
14. Zigota
15. Epidemic
16. Oxygen
17. Where Is My Love?
18. Dissolving with the Night
—Zugabe—
19. Hello
20. End of the World
21. Cloudy Now


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