Golnar & Mahan und Wild Strings Trio – doppelte Ethno-Landung in Cerkno (2020)

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Ort: Cerkno / Star plac / Slowenien
Datum: Freitag, 17. 7. 2020


Noch ein richtig frischer Abend, den wir die Ehre hatten, in Cerkno zu verbringen – dorthin getragen auf den Flügeln einer aufregenden Konzertankündigung, wieder eine in der Reihe der »Isolationskämpfe gegen das Covid-19-Virus«, auf die auch die Umsetzung des diesjährigen Festivalprogramms von Keltika ausgerichtet ist. Es war ein gemeinsamer Konzertabend als Ethno/Art- und Jazz-Landung zweier Trios: Wild Strings Trio und Golnar & Mahan.


Gute zehn Minuten nach neun kündigte die bekannte Stimme von Dario Cortese den Bühnenauftritt von Wild Strings Trio an, bestehend aus Petra Onderufova (Violine), Toby Kuhn (Cello) und Aleksander Kuzmić (Gitarre). Das internationale Trio der vierzehn Saiten präsentierte beim Konzert das im Oktober letzten Jahres veröffentlichte zweite Langspielalbum mit dem Titel »Bendjistan«. Dieses spielte das Trio beim Konzertauftritt auch ausgiebig durch – und der bestätigte die hohen Erwartungen voll und ganz. Es ist ein Aufeinandertreffen außerordentlicher technisch-spielerischer Kompetenz und eines chemischen Gespürs, das das Trio auf der Grundlage vieler gemeinsam gespielter Konzerte auf seinem beneidenswerten Weg kontinuierlicher künstlerischer Reife und Vervollkommnung entwickelt hat. Wild Strings Trio sind absolute Ausnahmeerscheinungen, die auf einzigartige Weise Elemente der klassischen Musik, des Ethno-Folk-Melos vor allem orientalischen Inhalts sowie des Jazz vereinen. Dabei verblüfft ihre Ausdruckskraft. All diese anziehende Wucht, die das Trio auf der Bühne entfaltet – und die scheinbare Leichtigkeit, mit der das gelingt –, hinterlässt starke Eindrücke, mit denen der Zuhörer sehr schnell warm wird. Die Stücke tragen einen starken Bekenntnischarakter, und die Gruppe geht mit unglaublicher Souveränität an ihre Ausführung heran. Durchgehend im Rausch und mit großer Glut sinnlicher Hingabe. Wild Strings Trio können sich in einen Tornado springhafter und bildreicher Eruptionen unglaublich harmonisierten Zusammenspiels steigern, durch die Geschwindigkeitseruptivität der Ausführung selbst – und das können sie in jedem Moment auch bildhaft umkehren, indem sie in den Schoß klangschöner Collagen wechseln, wo ein erheblich höheres Maß an Feingefühl gefragt ist. Die Band nutzt sehr geschickt den Trick, mit dem sie die Atmosphäre intensiviert: Sie greift ein Motiv auf, das von Runde zu Runde immer intensiver und sprunghafter gespielt wird, während gleichzeitig auch der Rhythmus selbst an Geschwindigkeit zulegt. Das Zusammenspiel ist phänomenal und die »interne« Bühnenkommunikation bewegt sich an der Grenze zum intuitiven Wahrnehmen – auch wenn klar ist, dass man gedanklich sehr bei der Sache sein muss, wenn man so eine anspruchsvolle Fusion angeht. Die bühnenmäßige Ausführung des gespielten Materials ist in der freischwingenden Kinetik sowie der Kombination aus Geschwindigkeit und Präzision, die die Trio-Mitglieder erzeugen, schlicht überwältigend. Die Band hat das Publikum mit Heiterkeit und sprühendem Feuer ordentlich aufgeheizt und mehr als fruchtbaren Boden für den folgenden Act bereitet. Wild Strings Trio haben mit ihrem Konzert in Cerkno gezeigt, dass sie das Renommee großer weltweiter Ästheten und Pilger in der Kunst der Fusion verschiedenartigen Ethno-Melos mit Klassik – aber auch jazziger Würze – bewahren. Sie bleiben nämlich bildhafte musikalische Barden, die dich mit einer intensiven Vorstellung augenblicklich verzaubern und in ihre einzigartige musikalische Welt »Bendjistan« entführen!

Golnar & Mahan! Das sind keine Nachnamen, sondern ein weiblicher und ein männlicher Vorname. Es handelt sich eigentlich um ein Trio, das aus iranischen Musikern besteht, mit Wirkungssitz in Österreich: Golnar Shahyar (Gesang, Keyboards), Mahan Mirarab (Gitarre) und der Schlagzeuger/Perkussionist Amir Wahba. Angesichts der vorherigen Ankündigungen stellte auch dieser Auftritt eine Art freitäglicher Abendsüßigkeit dar. Ganz anders angelegt als die vorherige Gruppe. Mit reichlich Ansätzen auch für mögliche Ausflüge ins Feld der Avantgarde-Musik – in erster Linie aber zauberte die Besetzung ein eigenartiges Erlebnis freiheitsliebenden künstlerischen Abenteurertums in der Fusion von Elementen des traditionellen persischen Volksmusik-Melos mit Variationen des Jazz. Schon allein diese erste Kollision ihrer musikalischen Formatierung ist der Generator eines absoluten Eklektizismus, mit dem das Trio so geistvoll behangen ist.

Wie hoch angesehen Mahan Mirabab international ist, zeigen die zahlreichen Kooperationen mit erstklassigen Jazzmusikern – darunter auch seine Zusammenarbeit mit dem slowenischen Komponisten und (erstklassigen) Bassisten Robert Jukič. Seine Jazz-Wahrnehmung saugt bereitwillig die bildreiche Kontrasthaftigkeit der Ethno-Musik auf, von »Arabesk« (Persien, Türkei, Kurdistan, …) bis hin zu Motiven vom schwarzen afrikanischen Kontinent.  Mit Golnar hat er kürzlich ihr gemeinsames Album »Derakht« aufgenommen und veröffentlicht, das an diesem Abend in Cerkno auch eindrucksvoll vorgestellt wurde.

Mahan Mirabab präsentierte sich als äußerst feinsinniger Gitarrist, der sich in gleichem Maß auch dem Spielen entlang des bundlosen Gitarrenhalses verschreibt, wobei der Einsatz akustischer Klänge im Vordergrund steht. Daher verwendet er überwiegend eine Gitarre mit zwei Hälsen – einer hat Bünde, der andere eben nicht.   Sein Spiel ist zweifellos eine einzigartige Mischung atonaler Figuren aus der Welt des Jazz, die in Momenten der Ethno-Ausflüge geerdet nebeneinander existieren, sowie äußerst einfacher und musikalisch ansteckender Linien, derer sich der Gitarrist gelegentlich bemächtigt. Das Ergebnis ist eine ziemlich unvorhersehbare Entwicklung des Bühnengeschehens. Doch Mirabab selbst wäre wohl kaum so interessant, wenn ihm auf der Bühne nicht die außergewöhnliche Sängerin Golnar Shahyar Gesellschaft leisten würde, für die es wirkte, als kenne ihre Darbietung keinerlei Stimmgrenzen in beliebigen Manövern der Interpretation. Neben traditionellen Melodien des arabischen Raums wirkte ihre Stimme mehrfach durch improvisierte Linien in der Funktion eines zusätzlichen Instruments, mit dem sie dem Ausdrucksvokabular von Wahba und Mirabab ein bildreiches Spektrum an Emotionen und Leidenschaft sowie ein gerüttelt Maß an kontemplativen Harmonien hinzufügte – was während des Auftritts des Trios die Bildkraft der Ausdruckskontraste intensivierte. Unglaublich, welche Geschmeidigkeit diese Sängerin auf der Bühne entwickelt und wie allgegenwärtig sie mit ihrer ausdrucksstarken Vehemenz ist – aber auch mit unglaublicher Milde und Sehnsucht. Ihre Vokalexekution riss den Mittelpunkt des Konzertauftritts an sich, und Golnar verblüffte schlicht mit ihrer bildreichen stimmlichen Brillanz. Das Trio besitzt also jenen theatralischen Effekt des unerwarteten Schocks, der während des Auftritts durchgehend voll begeistert und den Zuhörer aufgrund der Intensität der Darbietung stets fest an sich gebunden hält. Kurzum: das Zusammenspiel von Mahan und Golnar ist ein einzigartiges Erlebnis, das einen schlicht verzaubert.  

Das Konzert verging im Nu. Einfach so. Aufgrund seiner Intensität, die die Kräfte aller drei Bausteine dieses eigenartigen musikalischen Abenteuers so dynamisch und feurig bündelt. Mit eigenständiger Charakternatur, unzähmbarer Wildheit, deren Grenzen nur diese drei Musiker kennen und bestimmen, und vor allem mit der ausdrucksmäßigen Ungewöhnlichkeit, die das Innere der künstlerischen Herausforderungsfreude der Musiker generiert – hat dieses bildreiche Trio mitten in Cerkno noch ein erstklassiges Konzerterlebnis gezaubert.  

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


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