Vasko Atanasovski Adrabesa Quartet als feuriger Auftakt zum Festival Keltika (2020)
Veranstaltungsort: Cerkno / Star plac / Slovenija
Datum: Samstag, 11. 7. 2020
Nach einer ungeschminkten Auffrischung des Bildes jener schönen neuen Welt, in deren bodenlosen Abgrund wir von Tag zu Tag tiefer sinken und aus der es offensichtlich bis zur endgültigen Katharsis (der wahrscheinlichen endgültigen Vernichtung der Menschheit, so oder so) keine (Er)lösung gibt, ist auch RockLine zu einem der coronabedingt raren Konzertauftritte gedüst – in eine buchstäblich in alle Einzelteile zerfallene und auf Grundfaktoren zertrümmerte Konzertszene, der wir nach der Verkündigung der aufgefrischten Spielregeln beiwohnen, die auch mit all dem extremen Absurditätsgehabe angeblich dem neoliberalen Kapitalismus das Überleben sichern oder aber dem chinesischen Modell – das noch schlimmer ist – die globale Expansion ermöglichen sollen. Der Untergang ist sicher. Er hat begonnen. Schon vor Jahren. Die Realität also, über die wir weiter diskutieren werden – irgendwann und irgendwo anders. Wenn für eine solche Debatte überhaupt noch genug Zeit bleibt.
Cerkno und das Festival Keltika! Wir kehren also zu unserem geliebten Veranstaltungsort zurück. In den Tempel unvergesslicher musikalischer Genüsse, denen wir über viele Jahre hinweg beiwohnen durften! Das Programm der diesjährigen Keltika eröffnete am Samstagabend, nach einem malerischen, erfrischenden Nachmittagsgewitter, der verspätete Auftritt des erstklassigen und international anerkannten Bläsers Vasko Atanasovski und seines Quartetts Adrabesa. Das Konzert, das eigentlich im Kinogledališče in Tolmin am 20. 3. 2020 hätte stattfinden sollen, haben wir also – mit knapp viermonatiger Verspätung – endlich doch noch erlebt.
Offensichtlich ist zu dieser Zeit auch RockLine in den Konzert-Ausnahmezustand geraten. Der auserwählte Glückliche aus unserem Team machte sich an diesem Abend mit Fotoequipment in völligem Chaos und gigantischer Reiseverspätung nach Cerkno auf und fand sich so gerade mal 25 Minuten vor Ende des Konzerts am Veranstaltungsort ein. So etwas wäre noch im Februar 2020 unerhört und absolut inakzeptabel gewesen. Doch auch die knappe halbe Stunde Konzertgenuss reichte für einen sehr guten Einblick in das, was das Meisterwerk des außergewöhnlichen Vasko (immer wieder und wieder) zu zaubern vermag – ausgestattet mit einem unerschöpflichen Arsenal an Blasinstrumenten und vor allem mit einer unglaublichen musikalischen Breite beziehungsweise einer vielschichtigen musikalischen Versiertheit, die im Inspirieren einfach nicht nachlässt.
An Vaskus Seite schufen auf der Bühne dieses Abends die spritzige Potenz eines übermütigen Theaters der Arabesken auf den Schwingen eines teuflischen Vorwärtsdrängens exotisch gebrochener Rhythmusstrukturen außerdem Kontrabassist Žiga Golob (Vlado Kreslin, Tamara Obrovac, gelegentliches Mitglied des Vasko Atanasovski trio), Schlagzeuger und Perkussionist Marjan Stanič (Čompe, Bakalina Velika, Foltin, Jimmy Barka Experience, Vasko Atanasovski trio) und der außergewöhnliche italienische Akkordeonist Simone Zanchini (Gianluigi Trovesi, Paolo Fresu, Han Bennink, Jim Black, John Patitucci, Solist des renommierten Mailänder Orchesters Scala). Und wenn wir zu unserem Vasko zurückkehren und nur einige der klangvollsten Musikernamen der Welt hinzufügen, mit denen er in seiner reichen musikalischen Karriere zusammengearbeitet hat, u.a.: Living Colour, Marc Ribot, Hindi Zahra, Vlatko Stefanovski (Leb i Sol), Tommy Emmanuel, Glen Velez, Greg Cohen, Michel Godard, Vasil Hadzimanov, Matija Dedič, Tamara Obrovac, Damir Imamovič, Xu Fengxia, Roberto Bartoli, Zoltán Lantos, wird klar, dass der scheinbar bescheidene Genius, der geerdet die Pose des Volkstroubadours bewahrt hat, (im internationalen Maßstab) eigentlich eine riesige musikalische Entität ist.
Kurzum. Angesichts der Ausführungen im vorigen Absatz lässt sich schnell schlussfolgern, dass mit dem Quartett, das seine historische DNA aus Vaskos Gruppen Melem und Adrabesa (Septett) zieht, kein Spaß, kein Versteckspiel und kein musikalisches Rätsel ohne magische Lösung existiert. Die Jungs kennen einander in- und auswendig, und kommen zudem mit außergewöhnlich viel Live-Erfahrung und reicher Bühnenerfahrung beladen. An Bühnenteatralik fehlt es Vasko nicht. Der sympathische und ansteckende Virtuose verblüfft durch die schelmischen Eskapaden seiner funkelnden Solo-Abenteuer, wenn er seine Bühnenpräsenz mit theatralisch gezackten Sprüngen und Bewegungen auflädt, die für einen Schub in Dynamik und Stimmung sorgen. Der Dialog der vier Bausteine einer außergewöhnlichen genreübergreifenden Fusion ist ständig aufwühlend, herausfordernd, in der Ausführung atemberaubend – und weil er noch von einer raffgierigen rhythmischen Rhetorik getragen wird, versetzt er schlicht Berge: Er berührt alle Tiefen unseres »fühlenden« Inneren und erweicht damit selbst das steinernste Herz. Trotz der immer wieder geforderten Präzision und Durchdachtheit, die ein so komplex strukturiertes Bühnenstück vorschreibt und einfordert, ist das Team so erfahren, dass es sich auf der Bühne fast telepathisch im feurigen Glühen der Intuition wahrnimmt – was ein Garant für außergewöhnliche Magie ist, die das Quartett mühelos auf der Bühne verkörpert. Wir waren jedenfalls an die Stühle gefesselt, doch die Besucher nahmen ständig verschiedene Posen solitären Wiegens ein, wobei es nicht überrascht hätte, wenn der eine oder andere dabei vom Stuhl gefallen wäre. Auf den dünn gesäten Stühlen unter dem Zelt des Star plac in Cerkno. Das Quartett explodierte auf der Bühne, doch aufgrund des »erzwungenen Sitzens« der Besucher fehlte jene echte Chemie zwischen Publikum und Band – obwohl die Band einen vollen Sack nicht endender Ovationen einheimste.
Als Abschluss erklangen Concerto Balsamico (Album »Bohemia«, 2016) und als Zugabe Yellow Sky (Album »Eros Tanatos«, 2016), ansonsten präsentierte Vasko mit seiner Crew völlig neue Stücke, die bereits für die Veröffentlichung auf seinem neuen Studiowerk bereitstehen. Denn vor einiger Zeit hat sich der bläserische Musikmagier – mit Wohnsitz in Maribor und mazedonisch-serbischen Wurzeln – dem illustren Roster des Labels MoonJune Records angeschlossen. Liebhaber von Avantgarde-Musik und aller möglichen Variationen der Fusion von Jazz mit anderen Genres werden sofort wissen, wovon die Rede ist.
Vasko behauptet in der Musikwelt seine eklektische Position und hält sie mit der ganzen artistischen Überzeugungskraft eines teuflisch brodelnden Feuers und herzerwärmender Herzlichkeit aufrecht. Das hat er auch mit dem Auftritt seines Adrabesa Quartet in Cerkno bewiesen und vollblütig zum schrittweisen Wiedererwachen des Konzerttreibens auch im »befreiten Gebiet« beigetragen. Rührend, sinnlich, feurig! Wie wäre es erst, wenn keine Abstandspflicht und keine Besucherbeschränkungen nötig wären? Nächstes Wochenende verpasst bloß nicht das neue Konzertereignis auf dem Star plac, wenn Wild Strings Trio und das irakisch-österreichische Ethno/Folk-Duo Golnar & Mahan auftreten. »Se uidma« (wieder) bald in Cerkno!
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik












