Stu Hamm und Greg Howe – Nahbegegnung der Genrefusions-Titanen (2016)

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Ort: San Dona Di Piave (Treviso) / Revolver Club / Italien
Datum: Sonntag, 23. 10. 2016


Stu Hamm und Greg Howe sind zwei außergewöhnliche Musiker, die keine besondere Vorstellung benötigen. Einst unternahmen sie bereits gemeinsam eine Europatournee, zu der sie noch einen weiteren Spitzenmusiker in ihr Trio einluden, nämlich Schlagzeuger Dennis Chambers. Diesmal luden die alten Kumpel für ihre neue und nicht minder spektakuläre Manifestation genreübergreifender Fusion – mit klarer Anlehnung an die Jazz-Rhetorik – den ungarischen Schlagzeuger Zoltan Csorzs in ihr Trio ein, der seinerzeit sein schlagzeugerisches Können den schwedischen Progressiv-Rock-Revivalisten The Flower Kings widmete.

Stu Hamm veröffentlichte 2015 das neue Album »The Book of Lies«, und so nannte sich auch die Tournee, mit der das hochvirtuose Trio unter dem vollen Namen Stu Hamm Band feat. Greg Howe europäische Clubs bereiste. Das insgesamt dritte Konzert dieser Tournee in Italien wurde im renommierten Club Revolver angekündigt, der in einem Industriegebiet der Ortschaft San Dona Di Piave liegt, unweit der größeren Stadt Treviso – was bedeutet, dass dieser Ort von Ljubljana aus in einer normalen Nachmittagsfahrt von gut zwei Stunden erreichbar ist (mit einem Zwischenstopp beträgt die Fahrt bis zu zweieinhalb Stunden).

Der Revolver Club ist ein Veranstaltungsort, der sich mit hervorragender Akustik und ausgezeichnetem Equipment in Sachen Bühnenbeleuchtung rühmen kann – ein Garant für ein farbenfrohes und abwechslungsreiches Spiel der verschiedensten Scheinwerfer –, gleichzeitig aber auch mit erstklassiger Ausstattung bei der Hauptbeschallung punktet. Zudem ist die Bühne hoch, und obwohl der Clubbereich relativ klein ist und maximal 500 Gäste fasst, vermittelt einem schon allein die Bühnenhöhe das Gefühl, bei einem großen Konzert in einem größeren Veranstaltungsort zu sein.

Das eröffnende Vorprogramm des Konzertabends gehörte den Einheimischen. Es handelt sich um das interessante italienische Duo Dolcetti, bestehend aus Gianni Rojatti an Gitarre und Synthesizern sowie Schlagzeuger Erik Tulissio. Erwähnenswert ist, dass dasselbe Duo auch den Konzertabend von Steve Vai am 7.7.2016 in Udine eröffnet hatte und damit bereits eine konkrete Präsenz vor dem italienischen Musikpublikum erlangt hat. Sie spielten ausschließlich instrumentales Material, natürlich Eigenkompositionen. Rojatti ist von Kopf bis Fuß besessen von der Person und dem Werk von Steve Vai – daran erinnert der gleiche Sound, den sein gitarristisches »Gear« erzeugt: von den Pickups über die Gitarren, Soundeffekte bis hin zu den Verstärkern. Das überträgt sich folgerichtig auf den Ansatz beim Spielen der Soli, die in die Leitmotive der Stücke eingewoben sind, ebenso wie auf den gemeinsamen Melos des Duos. Rojatti ergänzt das Ganze stellenweise mit Klangvorhängen aus Synthesizern der Achtzigerjahre. Den Auftritt begleiten zusätzliche Klangmatrizen und Rhythmen, die eine Rhythmusmaschine produziert. Öfters vermischt sich dabei der Sound der E-Gitarre mit synthetisierten Techno-Elementen – wofür man wirklich einen starken Magen braucht, denn diese beiden Elemente lassen sich nur schwer verbinden. Bei alldem wirkte Tulissio am Schlagzeug mehr oder weniger wie ein Statist. Im Grunde ist das Duo strikt und in erster Linie wegen der virtuosen Eskapaden interessant, die Gianni Rojatti auf der Gitarre entfaltet.

Kaum hatten sich die beiden verabschiedet, stand der amerikanische Musiker, ursprünglich aus Washington D.C., Jeff Aug bereits auf der Bühne. Er begleitet die Stu Hamm Band auf ihrer gesamten Europatournee. In knapp einer halben Stunde Auftritt servierte er eine vollständige Erfahrung des akustischen Gitarrenspiels, wobei Jeff durch seine eigenwillige »Fingerstyle«-Technik hervorsticht. Jeff Aug ist in erster Linie ein hervorragender Gitarrist. Er ist ein erfahrener und versierter Musiker und ununterbrochen auf Tour. In seiner Karriere hat er Konzerte als Vorband von geschätzten Künstlern eröffnet, darunter Allan Holdsworth, Soft Machine, Johnny A. und Albert Lee. Er kann sich mit einem ganz besonderen Rekord schmücken – und das ist keine Erfindung. An einem einzigen Tag spielte er nämlich neun verschiedene Konzerte in neun verschiedenen Ländern (Luxemburg, Belgien, Deutschland, die Niederlande, Liechtenstein, Österreich, Frankreich, Italien und die Schweiz), wofür er im März 2012 auch ein Zertifikat des Guinness-Buchs der Rekorde erhielt. Jeff, der seit 1998 dauerhaft in Europa lebt, genauer gesagt am Rand der Alpengipfel Süddeutschlands, begann seine Karriere noch in den Neunzigern mit den Bands Floating Stone und Sorry About Your Daughter. Mit Letzteren veröffentlichte er zwei Studioalben, gleichzeitig begann er auch eigenes Autorenmaterial aufzunehmen, das noch in den Neunzigern zu einem Trio eigenständiger Studioalben führte. Das vierte, mit dem Titel »Living Room Sessions«, erschien 2009, das jüngste – »Wedding Song« – im Jahr 2012. In diesem Jahr veröffentlichte Jeff auch ein Livealbum mit dem Titel »Live in Europe«, von dem er auch auf dieser Tournee sein Autorenmaterial darbietet, in strikt akustischer Manier. In dem kurzen, aber extrem intensiven und ausdrucksstark reichen Auftritt bewies Jeff unglaubliches Geschick beim gleichzeitigen Vorgeben des Tempos und Anschlagen der Saiten mit der rechten Hand sowie in der freien Kulmination ungezügelter Fingerfertigkeiten der linken, bei der er spielend technisch anspruchsvolle Spannweiten zwischen Leitmotiven und solistischen Verzierungen überwand. Im Ausdrucksvokabular fließen Elemente der Weltmusik, des Neoklassizismus, des Country und des Funk ineinander – gleichzeitig zeigt Jeff seinen Rock-Background, denn mit dem »Graben« der rechten Hand versenkt er sich öfters regelrecht mit Vergnügen in die dicksten Saiten der Gitarre. Interessant wäre es, ihn zu fragen, inwieweit auch das Grunge-Phänomen seine musikalische Prägung beeinflusst hat. Die Wechsel zwischen intuitivem, fast meditativem Kokettieren mit dem Instrument kontrastieren mit Eskalationen ungezügelt anschwellender Dezibel und Groove aus den Saiten sowie wildem Tempodiktat, das die expressive Reichweite der Stücke einfärbt. Der Mann reihte an einigen Punkten der Darbietung auch die Stücke Listen Up, Jazzhole!, Fuck the Neighbours sowie Lightness aneinander, das die außergewöhnliche Vorstellung abschloss. Es ist unglaublich, was ein einziger Mensch auf der Bühne hinbekommt, wenn ihm eine akustische Gitarre buchstäblich angewachsen ist. Jeff Aug ist eine ganz eigene Konzert-Attraktion.

Schließlich war dann auch das »Fantastikus«-Trio an der Reihe. Obwohl wir es mit dem Namen Stu Hamm Band zu tun haben, übernahm Howes Gitarre im Laufe des Konzerts durchgehend leicht die zentrale, also fokale Stellung im Gesamtverlauf des Konzerts. Greg und Stu reichten sich natürlich durchgehend die solistischen Momente weiter, ihre Abstimmung aufeinander (die durch die Chemie des ganz natürlichen gegenseitigen Wahrnehmens beider Musiker geprägt wird, längst erprobt aus früheren Zeiten, als Chambers bei ihnen am Schlagzeug saß) manifestierte dabei stets einen außergewöhnlichen Mittelweg auf einer imaginären Linie zwischen der Eskalation des Experimentierens und dem Festhalten an thematischer, also musikalischer Tragfähigkeit, Kompaktheit und Anziehungskraft. Im Anfangsteil bekam Howe insgesamt viel Bühnenraum, irgendwo in der Mitte begann Stu Hamm langsam die Aufmerksamkeit zu übernehmen, besonders nachdem er mit der Darbietung seiner berühmten Tapping-Figuren begann, deren einer der Hauptprotagonisten er auch im neuen Millennium bleibt. So machte sich das Trio an eine außergewöhnliche Bearbeitung des Beatles-Klassikers Lucy in the Sky wtih Diamonds, die man im Original auf Hamms Soloalbum »The Book of Lies« (2015) findet. Diesen Punkt ergänzte in ähnlichen Figuren eine Bearbeitung des Led-Zeppelin-Klassikers Going to California, ohne die kein Konzertauftritt von Stu Hamm auskommt. Dieses Stück konnten wir unter anderem bereits im März 2008 live erleben, als der berühmte Bassist im Ljubljaner Orto Bar eine Klinik gab. Die Gruppe widmete auch mehr Aufmerksamkeit der Darbietung von Eigenkompositionen Greg Howes – unter anderem spielte der Meister der Genrefusion und vielseitig ausgefeilte Meister des Gitarrenspiels seine Eigenkompositionen Proto Cosmos und The Pepper Shake. Erwartungsgemäß widmete die Gruppe mehr Aufmerksamkeit dem neuen Album von Stuart Hamm, von dem auch der Titeltrack und Terminal Beach erklangen. Das Trio schloss die phantasmagorische Vorstellung nach anderthalb Stunden Spiel mit Eric Johnsons Lone Star ab und kehrte für die obligatorische Zugabe mit The Obligatory Boogie zurück.

Unbedingt hervorheben muss man auch den Beitrag der schlagzeugerischen Bravour und des ausgefeilten Charismas der herausragenden Vorstellung von Zoltan Csorzs. Dieser verblieb zwar infolge der ununterbrochenen improvisatorischen Salven zwischen Hamm und Howe beim ersten Zuhören »oberflächlich gehört« etwas im Hintergrund, zeigte jedoch besonders im zweiten Teil, als Hamm ihm Raum für eine Schlagzeugeinlage gab, außergewöhnliche Qualitäten: Er manifestierte eine unglaubliche Kombination aus kanonenartigen Figuren, die in der Rockmusik überlegen detonieren würden, und jazzorientierter Verfeinerung. Csorzs ist im Grunde ein Jazz-Schlagzeuger, der durch eine Fülle von extrem schnellen Schlagserien in den Übergängen zusätzlich bestätigte, dass er ein Schlagzeuger ist, der alles spielen und überall spielen kann.

Die Stu Hamm Band manifestierte an diesem Abend ein unglaubliches Konzert multipler Genrefusion. Von metallisch eingefärbten Eskapaden von Gregs Shredding bis hin zur Feinheit des Ineinandergleitens aller drei musikalischen Bausteine, die auch Gastauftritte auf Alben von Pop-Künstlern rechtfertigt, eine Fülle von Improvisationsfiguren, die uns an die Grenze spontaner Ereignisentwicklung trugen. Erstklassig, mitreißend, hingegeben und mit unglaublichem Genuss und einer ordentlichen Portion handfester Unterhaltung gespielt. Dabei  begleitete das Konzert durchgehend die richtige Portion Frotzelei und schwarzem Humor, mit dem Hamm das Publikum ansprach und unterhielt. Ein neues unvergessliches Konzerterlebnis, geknüpft aus dem Zusammenspiel dreier außergewöhnlicher Musiker, verwoben zu einem einzigartigen konzertanten Klimax. Ein Konzertabend, nach dem man innerlich erfüllt einfach nur staunt und alle Worte überflüssig werden.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotografien: Aleš Podbrežnik


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