Zum Finale der Theater Tour entwaffneten Marillion Brno mit ihren Bühnenpossen völlig (2018)

ALEŠ PODBREŽNIK
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Ort: Brno / Sono Centrum / Tschechische Republik
Datum: Samstag, 08.12.2018

Brno. Jedes Jahr mindestens einmal nach Brno. Einfach um den Kopf freizubekommen. Super Bier, super Essen und natürlich (immer noch) super Preise. Und dazu noch die große Gastfreundschaft. Wer Musik und Konzerte liebt, muss solche Besuche unbedingt mit Konzerten verbinden. Pflicht. So bekommt auch Rockline in letzter Zeit immer mehr Konzertberichte aus der Tschechischen Republik (Judas Priest 2015, King Crimson 2016, Dirkschneider 2016, W.A.S.P. 2017). Diese Tradition ist es wert, gepflegt und bewahrt zu werden. Der Plan war also, vom Zwischenstopp in Wien, wo wir am 5.12.2018 das Konzert der britischen Art-Rock-Brillanten Marillion besucht hatten, weiterzuziehen und unseren Streifzug rund 130 km nordöstlich fortzusetzen, das heißt ins mährische Tschechien, wo wir uns für einige Tage in Brno niedergelassen hatten. Dort kamen wir also drei Tage früher an als Marillion, die mit ihrer Ankunft in Brno ihre europäische Theater Tour abschlossen.

Das Sono Centrum liegt etwa 15 Gehminuten nördlich vom Stadtzentrum Brnos entfernt. Anders als der Gasometer in Wien ist es eine deutlich kleinere Location, die eher an den Gallus-Saal des Cankarjev dom erinnert. Das kleine Parkett fasst vielleicht 200 Leute, danach folgen direkt Galerien und darüber weitere Balkone. Ein außergewöhnlicher Konzertort. Besonders was die Akustik angeht. Ausverkauftes Haus. Das Konzert von Marillion in Brno war auch eines jener auf dieser Tour, die komplett ausverkauft waren.

Das Konzert in Brno war etwas Besonderes. Es war das abschließende, das letzte, deshalb erlaubte sich die Band ziemlich viel Unfug, weit mehr Lockerheit und Ausgelassenheit, als wir drei Tage zuvor beim Konzert in Wien erlebt hatten. Marillion, mit Hogarth an der Spitze, waren diesmal besonders schelmisch drauf – dank der Streiche und der ausgezeichneten Laune des besagten Frontmanns. Schon zur Begrüßung fragte Hogarth das Publikum, ob er als »typisch englischer Arroganter« das Wort Brno richtig ausgesprochen hätte.

Die Setliste war identisch mit der von drei Tagen zuvor in Wien. Die Band spielte bei diesen wenigen Konzerten der »Theater Tour« auch andere Stücke, u.a.: Beautiful, Sugar Mice, Gaza (letzteres wechselte in den Setlisten mit El Dorado ab), The Space, Neverland, Out of this World, während eines der beiden Konzerte in Essen eine völlige Exklusivität war. Es hatte nämlich ein völlig eigenständiges Repertoire, das in letzter Minute komplett angepasst worden war. Marillion spielten dort nämlich die Hälfte des Konzerts akustisch – wegen eines unerwarteten Unfalls von Mark Kelly vor dem Konzert. Nach dem Vorprogramm von Jennifer Rothery und Riccardo Romano betraten die britischen Art-Rock-Größen die Bühne und begannen erwartungsgemäß mit dem ambitionierten Werk, der zwanzigminütigen Komposition El Dorado vom Album »F.E.A.R.« (RockLine Rezension HIER). Dass das diesmalige Erlebnis mit Marillion wirklich etwas Besonderes werden würde, deutete schon Hogarths Einstieg in besagtes Stück an. Er verpasste nämlich die erste Strophe komplett und improvisierte sich dann aus der Situation heraus, ohne die erstaunten Blicke abschütteln zu können, die ihm von links vor allem Steve Rothery zuwarf. Hogarth erinnerte tatsächlich an jenen teuflischen Hogarth aus Verona 2016, als er ein Bier zu viel intus hatte. Und doch. Die Band ist verdammt erfahren, und es ist mehr als offensichtlich, dass sie sich nur selten aus dem Konzept bringen lässt. Die Dinge ordneten sich schnell und routiniert, und die Maschinerie der unverwechselbaren Marillion-Perfektion begann optimal zu funktionieren. Die Band schuf eine außergewöhnliche Klangkulisse.

Die Band fühlte sich sichtlich wohl in dem kleineren, aber unglaublich warmen, organisch klingenden Ambiente des Sono Centrums. Hogarth kommunizierte ununterbrochen mit dem Publikum, setzte seinen außergewöhnlichen Sinn für schwarzen Humor stets aktiv ein und stichelte nebenbei auch gegen die Franzosen, über die er sagte, dass die Entwicklung ihrer Kultur natürlich von Revolutionen abhänge – damit sprach er die aktuellen Ereignisse in diesem Land an. Vor Afraid Of Sunlight stellte er die gesamte Crew vor. Nicht nur seine Mitstreiter in Marillion, sondern das komplette Team, das Marillion auf der Tour begleitet. Vom Fahrer über den Tourmanager, den Verkäufer des offiziellen Band-Merchandise, alle Techniker bis zum Lichttechniker – dabei vergaß er auch seinen Sohn Nigel nicht zu erwähnen, der sich um »H«s Bühnenequipment kümmert (Mikrofon, Gitarren, Keyboards) und seinen Sound. Der stets unberechenbare Hogarth zwang seine Mitstreiter buchstäblich dazu, ihn ständig besonders aufmerksam im Blick zu behalten, da es in seinem Kopf unaufhörlich blitzte. So brachte er ständig ein Theater der Spontaneität auf die Bühne, wobei die Band oft nicht wusste, was er sich als nächstes einfallen lassen würde. Das war besonders amüsant in den Eröffnungen einzelner Songs zu beobachten, wo er bei einem davon Kelly so zur Weißglut trieb, dass dieser hinter seinen Keyboards hervorkam, sich hinter Hogarths Rücken schlich und ihn theatralisch „packte“, mit beiden Händen am Hals, nach dem Motto: »Jetzt reicht’s mir aber mit dir«. Natürlich alles in der Regie absoluten Schabernacks und theatralischer Bühnengaudi.

Diese allgemeine Ausgelassenheit, mit der die Band diesmal die Bühne betrat, steigerte sich von Minute zu Minute, und in den beiden obligatorischen Zugaben entfaltete sich die kollektive Orgie zwischen Publikum und Band in voller Pracht. Die Band hatte das Publikum »in der Tasche«, es fraß ihr aus der Hand. Begeisterungssalven, unaufhörliche Ovationen und huronische Sprechchöre, die nicht abreißen wollten. Außergewöhnliche Kommunikation von Hogarth und der Crew, mit deutlich mehr Bühnenaktivität auch von Trewavas und Rothery, verglichen mit dem Erlebnis von drei Tagen zuvor in Wien. Auch Rothery, der sich normalerweise brav an seiner linken Seite hält, machte während des Konzerts ein paar Rundgänge die Bühne rauf und runter und überprüfte dabei, wie ein großer Chef, ob alles beim Konzert so läuft wie es soll.. Man spürte, dass die Band den Abschluss der Tour herbeigesehnt hatte, auch wenn sie jeden einzelnen Moment dieses unvergesslichen und einzigartigen Konzerts in Brno in vollen Zügen genoss.

Wenn irgendwo, dann hat die Band beim Konzert in Brno definitiv ihr Herz auf der Bühne gelassen.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setliste:
1. El Dorado: I. Long-Shadowed Sun
2. El Dorado: II. The Gold
3. El Dorado: III. Demolished Lives
4. El Dorado: IV. F E A R
5. El Dorado: V. The Grandchildren of Apes
6. No One Can
7. Quartz
8. The Party
9. Seasons End
10. Sounds That Can’t Be Made
11. The Leavers: I. Wake Up in Music
12. The Leavers: II. The Remainers
13. The Leavers: III. Vapour Trails in the Sky
14. The Leavers: IV. The Jumble of Days
15. The Leavers: V. One Tonight
16. The Great Escape
—Zugabe I.—
17. Wave
18. Mad
19. Afraid of Sunlight
20. Three Minute Boy
—Zugabe II.—
21. Cover My Eyes (Pain and Heaven)
22. Garden Party

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