Schule der Klang- und Darbietungsperfektion der einzigartigen Marillion in Wien (2018)

ALEŠ PODBREŽNIK
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Ort: Wien, Gasometer, Österreich
Datum: Mittwoch, 05.12.2018

Marillion gelten nicht nur heute, sondern schon seit jeher als eine der bedeutendsten Art-Rock-Bands aller Zeiten, die Großbritannien je hervorgebracht hat. Sie sind auch eines der bestgehüteten »musikalischen Geheimnisse«, die von dort kommen – und mit ihnen kommen gewöhnlich nur jene Musikliebhaber in Berührung, die nach klanglicher und kompositorischer Perfektion suchen, durchdrungen von einer vibranten Atmosphäre voller Melancholie und jener typisch britisch-keltischen Mystik. Marillion haben ihr letztes Studioalbum »Fuck Everyone and Run (FEAR)« vor zwei Jahren veröffentlicht. Es ist ihr insgesamt achtzehntes Studiowerk – eine Reflexion über den allgemeinen (und rasant fortschreitenden) moralischen Zerfall der menschlichen Gesellschaft und ihrer Werte, wie wir ihn in dieser »schönen verrückten neuen Welt« erleben. Dieses gesellschaftskritische Dokument, das letzte in dieser Intensität seit dem Album »Brave« (1994), lässt sich auch als bekenntnishaftes Weiterschreiben des Songs Gaza vom Vorgängeralbum »Sounds That Can’t Be Made« verstehen. Das Publikum hat es mit offenen Armen empfangen, und die Band stellt es auch gut zwei Jahre nach seinem Erscheinen noch immer konsequent auf Konzerttourneen vor. In dieser Hinsicht machen Marillion gar keine Pause. Sie spielen und touren ununterbrochen. Das Problem für die »fünf bis sechs« slowenischen Fans der Band liegt allerdings darin, dass man bei Marillion-Konzerten schon immer weite Reisen auf sich nehmen musste.

Die Dezember-Europatournee 2018 trug auch den Namen Theater Tour, und die Band widmete auf den Konzerten dieser Tournee ein Drittel der Spielzeit dem aktuellen Studioalbum »F.E.A.R.«. Marillion-Konzerte sind ein Kapitel für sich. Das Quintett war schon immer für seinen klanglichen und spielerischen Perfektionismus bekannt, und entsprechend hoch sind die Erwartungen des Publikums stets. Und Marillion halten diese hohe Qualitätskomponente stets aufrecht. Der Gasometer, die berühmte Halle in der österreichischen Hauptstadt, war fast vollständig ausverkauft. Das Parkett war rappelvoll, nur einzelne Stühle blieben leer. Rund 2.200 Besucher sahen das Konzert.

Das Spektakel mit Marillion dauerte über zwei Stunden, genauer gesagt zwei Stunden und zehn Minuten. Doch bevor es losging, traten als Special Guests Steve Rotherys Tochter Jennifer Rothery und der italienische Keyboarder Riccardo Romano auf. Eben jener Romano hatte kurz zuvor das Marillion-Konzert im deutschen Essen gerettet, als Keyboarder Mark Kelly in die Notaufnahme musste – ein Auto hatte ihn beim Nachmittagsjogging mitten in der Stadt umgefahren, wobei sich Mark vier Rippen gebrochen hatte. Jennifer und Riccardo präsentierten gemeinsam Stücke aus Romanos Album »B612« sowie aus der kommenden EP von Jennifer Rothery mit dem Titel »OPIA«. Eine gelungene Synthese zweier musikalischer Welten, wobei Jennifer Rotherys wunderbarer Gesang im Mittelpunkt stand. Die junge Frau, die unter dem Künstlernamen Sylf auftritt, begeisterte mit ihrer Feinfühligkeit und Tiefe, ihrer Zerbrechlichkeit und Sanftheit. Atmosphärische, verträumte Musik. Weiche, zart sehnende Klangfarben und kompositorische »Verschiebungen«. Ein Schweben im keltischen Klanghauch. Knapp 40 Minuten vergingen also. Für einen echten Marillion-Fan sicherlich zu lang. Das Warten auf Marillion ist immer schwer – zumal es sich um eine Band handelt, die musikalisch so besonders ist, dass es keine andere Band gibt, die als »Vorband« für Marillion wirklich passen würde.

Marillion bleiben außergewöhnlich. Im ersten, dem einleitenden Progressive-Epos, dem zwanzigminütigen El Dorado, zeigte die Band sofort ihr gesamtes kompositorisches und spielerisches Edelmetall. Der stets ruhige Rothery auf der linken Bühnenseite beobachtete als Bandleader die ganze Zeit mit einem Auge wachsam, was seine Mitstreiter auf der Bühne treiben. Steve bleibt in jeder Hinsicht feinfühlig. Der eigenwillige Gitarrist, in dem man die Einflüsse von Andrew Latimer, vor allem aber von Steve Hackett und David Gilmour spürt, bezauberte erneut mit seinem einzigartigen, mystisch klagenden Gitarrenklang, der sich wie immer fantastisch mit den rauschenden Klangteppichen von Kellys Synthesizern und Keyboards verwob. Pete Trewavas‘ durchdringend rumpelnder Bass war die ganze Zeit klar und präsent. Da ist auch der stets absolut präzise und treibende Ian Mosley, den man durch die Unmenge an Becken natürlich wieder kaum wahrnimmt inmitten seiner Schlagzeug-Festung. Für das gewisse Etwas, das der Band den Spaß beschert, sorgt natürlich das Wesen des genialen Steve Hogarth. Ein Sänger mit unglaublicher Ausstrahlung. An Statur wie an Stimme. Er zog das Publikum sofort in seinen Bann. Hogarth ist ein echter Teufelskerl. Allein schon wie er mit den Augen schießt – und dann sein ganzes Bühnenspiel, die Gesten, Verrenkungen, all diese Grimassen… Ein Magnet. Unglaublich ansteckend ist »H«. Er ist sofort unter die Haut gegangen. Wien war hypnotisiert.

Das einleitende zwanzigminütige Epos ist eine äußerst anspruchsvolle Komposition, und seine Interpretation verlangt dem Quintett ständige, höchste Konzentration ab. Die Bühne war durchgehend mit Filmprojektionen und Scheinwerferspielen in lebhaften Farbverläufen bereichert. Die Halle verstummte völlig im Rausch der Stimmung. Die Leute genossen jeden Moment. Doch dann zerriss die Hitsingle No One Can den Bann – das Publikum wurde gehörig aufgeweckt und sang beim entfesselten Hogarth kräftig den eingängigen Refrain mit. Beim Solo griff Rothery nicht zur National-Steel-Gitarre (wie auf der Originalaufnahme). Ein außergewöhnlicher atmosphärischer Katalysator, der die Halle also wachrüttelte. Und diese Sitzplätze. Soweit das Auge reichte. Sie wirkten nämlich mehr als einmal völlig überflüssig. Dann folgt ein funky, grooviger Sprung, der den Bassisten Pete Trewavas in den Mittelpunkt rückt, als die Band Quartz aus dem hervorragenden »Araknophobia« (1999) angeht. Wir sind bereits im zweiten Drittel des Konzerts, das aus »kürzeren« Stücken (kürzer als zehn Minuten) bestand. Die Band kehrte danach wieder zu »Holidays In Eden« zurück und überraschte mit dem großartigen The Party. Melancholie, Mystik und ein Gefühl von Feierlichkeit – und gleichzeitig auch Stille. In dieser melancholischen Ballade glänzten Hogarths Sinnlichkeit und vokales Chamäleonwesen, für das seine einzigartige Vokalfigur bekannt ist. Das Publikum erstarrt – und die Band vertieft die Melancholie mit der zweiten Überraschung des Abends: Seasons End, eine erstklassige abschließende Mini-Epos-Suite aus dem gleichnamigen Album von 1989. Vor dem großen Konzertfinale wandte sich die Band (vermutlich) dem besten Song des Albums »Sounds That Can’t Be Made« zu. Es ist der Titeltrack selbst – eine ganz eigenwillige Komposition. Außerordentlich besonders, weshalb sie sich auch klar von den anderen Marillion-Songs abhebt (über die gesamte Diskographie der Band betrachtet) – was hier die Aufmerksamkeit auf sich zieht, sind die charakteristischen und hochvibranten Synthesizerteppiche, für die »H« zuständig war. Wir betreten den Höhepunkt des Konzerts, als die Band großzügig eine weitere äußerst anspruchsvolle und lange Komposition angeht. Es ist das epische The Leavers aus dem aktuellen Album »F.E.A.R.«. Eine einprägsame epische Suite aus fünf Teilen, voller atmosphärischer Umbrüche, rhythmischer Wechsel, plötzlicher Modulationen und natürlich eines neuen Theaters des vokalen Chamäleonwesens des brillanten Steve Hogarth. Die Atmosphäre intensivierte die Band danach noch weiter. Das reguläre Programm war noch nicht zu Ende. Der finale atmosphärische Höhepunkt gehörte nämlich der großartigen »Brave«-Klassikerin The Great Escape. Fantastisch.

Und bei »Brave« blieb es auch in der ersten Zugabe. Spielen sie etwa Goodbye To All That? Nach dem ersten Teil dieses Songs namens Wave trat die Band nämlich bereits in den zweiten ein: Mad… Leider blieb es dabei – aber trotzdem. »Brave« ist das Schlüsselalbum in Marillions Karriere. Mit ihm schnitten sie endgültig die Verbindung zur Fish-Ära durch und wandten sich neuen künstlerischen Weiten zu, vollzogen eine vollständige musikalische Transformation und hörten auf, Hits zu jagen. Die erste Zugabe schloss Three Minute Boy ab, gespielt in einer deutlich kürzeren Version als beim Konzert der Band, das wir ein Jahr zuvor im bulgarischen Plovdiv gesehen hatten. Hogarth hatte das Publikum mit seinem theatralischen Lausbubengehabe dazu »angestachelt«, die Zeile »na-na-na-na-na-na« so leise wie möglich zu singen, wobei so manche Lachsalve zu hören war. Das Publikum rief die Band erneut auf die Bühne. Für eine zweite Zugabe, die dem völligen Abschalten und ausgelassenem Feiern gewidmet war. Marillion eröffneten sie mit dem packenden und sofort ansteckenden Klassiker Cover My Eyes, wo der ganze Gasometer das berühmte »Yeah« mitsang. Dieses »Yeah« macht nämlich einen wichtigen Teil dieser Komposition aus. Diesem Stück folgte schließlich doch noch die Begegnung der Band mit der Ära, in der der legendäre Deek Dick, allen besser bekannt unter dem Pseudonym Fish, bei ihr sang. Das abschließende Garden Party überließ Hogarth theatralisch immer wieder dem Publikum zum Mitsingen, das sich dabei sehr gut schlug.

Ohne Worte. Hervorragender Sound, hervorragende Produktion, hervorragende Darbietung. Keinerlei wesentliche Kritikpunkte. Perfektion. Bei einem Marillion-Konzert hörst du eine Nadel fallen. Auch diesmal haben sie mit ihrer atmosphärischen Hypnose und spielerischen Vortrefflichkeit begeistert. Während sich die Band in dieser Nacht in Richtung Ungarn aufmachte, wo ein Konzert in Budapest angekündigt war, hatten die Fans bereits alle Tickets für gleich drei der insgesamt fünf angekündigten Marillion Weekends im nächsten Jahr aufgekauft. Es stimmt wirklich, wie Marillion selbst sagen, dass sie die besten Fans der Welt haben. Wir beide aber machten uns, anders als Marillion nach dem Konzert in Wien, weiter nach Norden auf. Nach Nordosten, wo wir nach einer Stunde Fahrt das tschechische Mähren erreichten und bereits begannen, die Tage bis zum 8.12.2018 zu zählen, als Marillion beim letzten Konzert ihrer Europatournee in Brno Halt machten. Aber das ist schon eine andere Geschichte.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. El Dorado: I. Long-Shadowed Sun
2. El Dorado: II. The Gold
3. El Dorado: III. Demolished Lives
4. El Dorado: IV. F E A R
5. El Dorado: V. The Grandchildren of Apes
6. No One Can
7. Quartz
8. The Party
9. Seasons End
10. Sounds That Can’t Be Made
11. The Leavers: I. Wake Up in Music
12. The Leavers: II. The Remainers
13. The Leavers: III. Vapour Trails in the Sky
14. The Leavers: IV. The Jumble of Days
15. The Leavers: V. One Tonight
16. The Great Escape
—Zugabe I.—
17. Wave
18. Mad
19. Afraid of Sunlight
20. Three Minute Boy
—Zugabe II.—
21. Cover My Eyes (Pain and Heaven)
22. Garden Party

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