Ian Anderson bleibt Jethro Tull treu, auch nach 50 Jahren – ein verschmitzter Pan mit der Zauberflöte (2018)
Ort: Wien / Wiener Stadthalle, Halle F / Österreich
Datum: Montag, 10.12.2018
Die Assoziationskette eines durchschnittlich gebildeten Erdenbürgers beim Begriff Jethro Tull: »Flöte«, »Rock’n’Roll« – und gleich darauf natürlich die klassische, legendäre englische Folk-Prog-Rock-Band. Nur wenige davon wissen aber auch, dass der Name von einem englischen Pionier des Drillpflugs stammt, der im achtzehnten Jahrhundert lebte. Nun, diese wackeren Agro-Prog-Folk-Rock-Künstler, Schöpfer einer unvergesslichen und einzigartigen Synthese aus Flöte, keltischen (Folk-, pastoralen, mittelalterlichen) und klassischen Elementen sowie natürlich Rock – die ewigen und unerschütterlichen Jethro Tull, angeführt von der nicht minder einzigartigen und geradezu gigantischen charismatischen Verschmitztheit des phänomenalen Ian Anderson –, feiern in diesem Jahr stolze 50 Jahre Bandgeschichte! Diese sind nicht minder stattlich (schnell und still) vergangen seit der Veröffentlichung ihres kultigen Debüts »This Was« (1968). Warum also 50 Jahre, wenn die Band doch ein Jahr früher gegründet wurde? Nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der Namensfindung verwendeten sie den Namen Jethro Tull tatsächlich erst ab 1968.
Inzwischen haben Jethro Tull ihre Welttournee »fünf Jahrzehnte Bandgeschichte« bereits weit ins nächste Jahr verlängert. Wer sie in Zagreb diesen Oktober verpasst hat, kann zum Konzert am 1.4.2019 in Triest fahren. Das sei gleich gesagt: Es lohnt sich. Diesmal war Rockline in Wien, wo wir in der restlos ausverkauften und bis auf den letzten Winkel proppenvollen Wienner Stadthalle Halle F dank Fotopass noch einen Schritt näher an die Band rankamen als in Zagreb. In dem Venue mit 2.000 Besuchern, wo wir Prog-Rock-Enthusiasten der alten Schule im Juni dieses Jahres King Crimson genossen haben und wo im Februar 2019 Steven Wilson erwartet wird, fand also eine richtige Mini-Supersensation statt – vollgepackt mit nostalgischen Jethro Tull-Köstlichkeiten.
Konzertbeginn pünktlich um 20:00 Uhr. Nach einem einleitenden Einspielfilm betreten zunächst vier Musiker die festlich beleuchtete Bühne – sie bildeten zuvor Ians Begleitband. Zwei von ihnen, Bassist David Goodier und Keyboarder John O’Hara, sind ehemalige und neue Jethro Tull-Mitglieder, die noch zur Zeit aktiv waren, als der berühmte Martin Barre Gitarre spielte, während Schlagzeuger und Perkussionist Scott Hammond sowie der deutsche Gitarrist Florian Opahle noch relativ neue Gesichter in der Besetzung sind. Kurz darauf schleicht sich von links jene unvergessliche Silhouette mit der Flöte in den Händen herein und springt schnurstracks ans Mikrofon. Ian höchstpersönlich! Die Halle tobt. Das Repertoire entwickelte sich ganz historisch, retro-nostalgisch – von den allerersten Anfängen, als die Band noch Blues-Elemente in ihrer Musik verschmolz und damit stark auf dem Debüt »This Was« fußte, bis zum Durchbruch in die Riege der Kult-Rock-Formationen (1971–72). Ein Repertoire voller angenehmer Überraschungen, die selten in die Setlist aufgenommen werden. Besonders stachen dabei Some Day the Sun Won’t Shine For You und – direkt auf Platz zwei der Setlist – Love Story (»Living in the Past«) hervor. Beide werden bei Konzerten der Band äußerst selten gespielt. Dem druckvollen Opener My Sunday Feeling sowie Some Day the Sun Won’t Shine For You vom Album »This Was« gesellten sich noch Dharma for One und A Song For Jeffrey hinzu.
Der erste Teil des Konzerts dauerte gerade mal 45 Minuten, war aber vollgestopft mit wirklich schönen Perlen der Tull-Karriere, die in den darauffolgenden zwanzig Minuten in die Klassiker des Standardrepertoires übergingen. Den Übergang kündigte A New Day Yesterday an (mit dem berühmten düsteren, schweren Rock-Phrasing), gefolgt im Kontrast dazu von der leichten, schelmischen Adaption von Bachs Bourrée, bei der Ian einmal mehr seine instrumentale Einzigartigkeit unter Beweis stellte. Die Band streifte die Irrwege der RKK mit der Einbindung von My God, dem Juwel aus dem »Aqualung«-Album, und beschloss den ersten Teil mit dem abschließenden Auszug aus dem kultigen Prog-Rock-Abenteuer Thick As A Brick. Im ersten Teil machte Ian deutlich, dass er der verschmitzte, ungestüme Kobold geblieben ist – der mit seinen stattlichen Siebzig noch immer brodelnde Leidenschaft und Willenskraft in sich trägt, Bühnenfreude und unverwüstliche Herzlichkeit zeigt, wenn er auf einem Bein herumhüpft und seinen Flöten-Soli-Exkursen eine einzigartige Ausdruckskraft voller charismatischer Durchschlagskraft und Tiefe verleiht. Nach wie vor ist er unglaublich ansteckend mit seinen geistreichen, humorvollen Bemerkungen und Kommentaren. Funkensprühend und aufgedreht. Wie eh und je. Das großartige Quartett steht ihm als starke Stütze zur Seite. Eingespielt und in der Neuinterpretation der Tull-Klassiker schlichtweg glänzend. Opahles Gitarre hat sich unglaublich erfolgreich Barres Elementarität angenähert. Beim Solieren sind natürlich konkrete Unterschiede spürbar. Opahle ist technisch weit ausgefeilter als sein berühmter Vorgänger, doch Barres »weicher Griff« bleibt einzigartig und unersetzbar.
Nach einer fünfzehnminütigen Pause leuchtet die Bühnenleinwand wieder auf. Auf ihr erscheint Steve Harris (Iron Maiden), der erklärt, dass sein Lieblingsalbum von Jethro Tull »Passion Play« sei. Die Band eröffnet den zweiten Teil mit einem Auszug aus diesem vorzüglichen, aber zu Unrecht übersehenen und etwas in Vergessenheit geratenen Prog-Rock-Diamanten und taucht damit langsam in den (historischen) mittleren und künstlerisch tiefgründigsten Abschnitt ihrer Karriere ein. Das instrumentale Gegengewicht im zweiten Teil brachte die Darbietung von Pastime in Good Company, die erneut die unglaubliche Spielharmonie des Quintetts bestätigte. Es handelt sich um eine Adaption eines Stücks, dessen Schöpfer bekanntlich der berüchtigte englische Frauentrophäen-Sammler ist. Leider haben die Franzosen die Guillotine zweihundert Jahre später erfunden – also nach seinem Tod –, sonst wäre er gewiss ein glühender Verfechter der französischen Kultur geworden, die sich offenbar durch Revolutionen weiterentwickelt. Die Rede ist natürlich von König Heinrich VIII., und Jethro Tull sind mit seiner Komposition schon seit der Ära des Albums »Stormwatch« (1979) verbunden. Die Darbietung unterstreicht die außerordentliche instrumentale Exzellenz und Perfektion des Quintetts. In diesem Teil wirkte die Einbindung der Klassiker Too Old To Rock ‚N‘ Roll, Too Young To Die (mit einem unglaublich unterhaltsamen Film im Hintergrund), Songs From The Wood und Heavy Horses geradezu selbstverständlich, wenn nicht gar unvermeidlich. Eine Überraschung brachte in diesem Konzertteil die Darbietung von Ring Out Solstice Bells (»Songs Form The Wood«, 1977), das vom Filmscreen im Hintergrund vom Def Leppard-Sänger Joe Elliot »bestellt« wurde. Bei diesem Stück musste die Band auf aufgezeichnete Kulissen zurückgreifen.
Es ist kein Geheimnis mehr, dass Ians Stimmkraft im Laufe der Jahre nachgelassen hat und seine stimmliche Ausbeute in den reiferen Jahren eben angeschlagen und schwach ist. Es gab einige wechselseitige Blicke im Publikum, wenn seine Stimme plötzlich »versiegte« oder improvisiert die richtigen Töne suchte (ein paar Halbton-Missklänge zwischen Begleitstimmen und Gesang blieben nicht unbemerkt). Der Mann ist sich dessen seit Jahren nur zu gut bewusst, und in der nicht allzu fernen Vergangenheit, als er noch als Ian Anderson Band auftrat, sang Ryan O’Donnel auf der Bühne neben ihm. Dieser Mann ist ein verblüffend gelungener jüngerer stimmlicher Klon von Ian, der bei jenen Auftritten zusätzliche theatralische Unterhaltung auf die Bühne brachte (Ian wusste auch seine schauspielerischen Fähigkeiten zu nutzen). Ihm sind wir im Sommer 2014 beim Konzert in Pordenone begegnet, auf ihn kommen wir gleich noch einmal zurück. Um die Schwierigkeiten bei der stimmlichen Darbietung zu überbrücken, hat Ian die Vokal-Arrangements der Songs angepasst. Diesmal kombinierte er in größtmöglichem Maße seine eigene stimmliche Substanz mit den gesanglichen Diensten der übrigen vier, die 2018 den Namen Jethro Tull vertreten. Hauptsächlich stützte er sich dabei auf Bassist David Goodier und gelegentlich auf Keyboarder John O’Hara. Mit Goodier teilte er sich die Gesangslinien (Strophen) z.B. in Songs From the Wood, Ring Out Solstice Bells und Farm On A Freeway, O’Hara wiederum war vor allem beim Aufbau mehrstimmiger Vokalharmonien dabei. Den ganzen Abend über war der Bühnenraum mit einer riesigen Leinwand ausgestattet, auf der verschiedene historische Aufnahmen der Band liefen. An zwei Stellen borgte sich Anderson auch aufgezeichnete Gesangsbeiträge. Zunächst in Heavy Horses, wo auf der Leinwand, im Gewand einer englischen Bäuerin, die isländische Sängerin und Geigerin Unnur Birna Björnsdóttir erschien. Nach vielen Brünetten, die als Geigerinnen mit Ian zusammengearbeitet haben, endlich mal eine Rothaarige. Sie sang den ersten Vers im Refrain des Stücks und lieferte das obligatorische Geigensolo. Dann im erwarteten Finale mit Aqualung, wo Ian auf den aufgezeichneten Gesang von Ryan O’Donnel zurückgriff.
Ein richtiges Jethro Tull-Konzert ohne Locomotive Breath – undenkbar. Der Song stand selbstverständlich auf dem Programm, und die kurze Pause davor kam Ian sehr zugute: Genau in diesem Stück meisterte er seine stimmlichen Aufgaben anständig – ähnlich wie im ersten Teil, der mit stimmlich weniger anspruchsvollen Klassikern bestückt war. Bei Aqualung und Locomotive Breath legte auch Florian Ophale nochmals theatralisch los und demonstrierte seine außerordentliche gitarristische Schärfe und Perfektion.
Für alle eingefleischten Jethro Tull-Fans ist der Besuch dieser Tournee (am besten mehrfach) Pflicht. Für alle, die sie noch nie gesehen haben, genauso. Mindestens einmal im Leben könnt ihr eure »Jethro Tull-Unschuld verlieren«. Regie, Bühnendesign, Kulissen, Energie, Atmosphäre – zusammen mit der Performance. Das alles funktioniert. Trotz der schmerzhaften Trennung von Martin Barre. Alles ist da, wie es sein soll. Auch die Anpassung der Vokal-Arrangements hält stand und wahrt die Souveränität. Dieses Fazit gilt natürlich unter Nachsicht gegenüber der aktuellen Stimmform des ikonischen Rock-Flötisten. Das Wiener Publikum honorierte das ganze Jethro Tull-Theater am Ende mit langem Applaus und lautstarken Zugabe-Forderungen (gemeinsames Stampfen mit den Füßen auf den Boden), auf die wir leider vergeblich warteten. Also bis Triest – am 1. April nächsten Jahres. Die Ticketpreise der verschiedenen Kategorien für das angekündigte Triester Konzert sind absolut in Ordnung.
Noch eine sehr wichtige Information für alle, die eines der kommenden Jethro Tull-Konzerte besuchen möchten. Bringt auf keinen Fall Kameras mit. Die Verwendung solcher Geräte, einschließlich Mobiltelefonen, ist nämlich streng verboten. Da ist Ian gnadenlos: Wenn er während des Konzerts jemanden aus dem Publikum beim Fotografieren erwischt, schickt er vom Bühnenrand sofort die Ordner auf ihn los. Das passierte beim Wiener Konzert dreimal, und schon nach dem ersten Vorfall warnte Ian das Publikum ernst, dass die Band den Auftritt abbrechen müsse, sollte sich das wiederholen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist:
Set 1:
1. My Sunday Feeling
2. Love Story
3. A Song for Jeffrey
4. Some Day the Sun Won’t Shine for You
5. Dharma for One
6. A New Day Yesterday
7. Bourrée in E minor (orig. Johann Sebastian Bach)
8. My God
9. Thick as a Brick (Teil)
Set 2:
10. A Passion Play (Teil)
11. Too Old to Rock ’n‘ Roll, Too Young to Die
12. Songs From the Wood
13. Ring Out, Solstice Bells
14. Heavy Horses
15. Pastime With Good Company (orig. King Henry VIII of England)
16. Farm on the Freeway
17. Aqualung
—Zugabe—
18. Locomotive Breath














