Samo Šalamon Sextet : The Colours Suite

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Label: Clean Feed Records
Erscheinungsjahr: 2017
Produktion: Samo Šalamon
Albumlänge: 54.29
Bewertung: 9.0 / 10

Versprechen verpflichtet. Schon ein halbes Jahr verspreche ich Samo diesen Text. Jazz ist Jazz. Jazz ist »seltsam«. Eigenartig und gerade deshalb besonders schön. Und solche eigentümliche Schönheit braucht eben ihre Zeit und ihre Hingabe.

Also. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass der slowenische Musiker Samo Šalamon heute als einer der vielversprechendsten europäischen Jazzgitarristen gilt. Ein Mann, der sich seinerzeit unter dem aufmerksamen Mentoring des allseits gefeierten Jazzgitarren-Asses John Scofield entwickelt hat, bewahrt sich unablässig ein außerordentliches Feuer und einen starken Antrieb und ist deshalb ununterbrochen vollauf kreativ. Das Samo Šalamon Sextet, das diesmal hinter dem Album »The Colours Suite« steht, ist ein einzigartiges musikalisches Phänomen, ein einzigartiger musikalischer Körper beziehungsweise musikalischer Organismus, der am 30.06.2016 beim Ljubljana Jazz Festival zum Leben erwachte. Ins Sextett hat Samo Musiker eingeladen, mit denen er schon länger zusammenarbeitet oder die er wie seine Westentasche kennt, da er mit ihnen bereits einige Alben eingespielt hat. Einer davon ist der Schlagzeuger Roberto Dani, mit dem Samo bereits neun CDs aufgenommen hat und mit dem er seit 2003 zusammenarbeitet. Damit dieses Musikprojekt nicht ganz gewöhnlich ausfällt, hat Samo ins Sextett noch einen weiteren Schlagzeuger integriert, nämlich den Deutschen Christian Lilinger, von dem er sagt, er sei derzeit einer seiner Lieblingsschlagzeuger – und das gilt auch für Lilingers eigene Kompositionen. Die Besetzung vervollständigen neben Samos Gitarre und den beiden Schlagzeugern noch Samos alte Kumpanen: Altsaxofonist und Bassklarinettist Achille Succi sowie Tenor- und Sopransaxofonist Julian Arguelles. Das sechste Mitglied ist Bassist Pascal Niggenkemper, für dessen Meisterstücke Samo schon immer große Begeisterung zeigt.

»The Colours Suite« ist, wie der Albumtitel schon sagt, eine Suite von knapp einer Stunde Länge, deren Farbigkeit und freigeistig-experimentelle Lebendigkeit in acht farbige Kapitel – also acht Stücke – aufgeteilt ist. Mit Ausnahme des letzten Stücks (Grey), dessen Mitautorenschaft alle sechs Musiker teilen, hat Samo die anderen sieben komponiert. Die Inspiration beim Komponieren fand Samo dadurch, dass er während des Schaffensprozesses seine Gedanken, seinen Geist und seine Gefühle auf je eines der Sextett-Mitglieder konzentrierte und so eine »Farbpalette« an Stücken gewann, von denen jedes einen der Musiker des Sextetts beschreibt.

Nicht unnötig zu erwähnen, dass »The Colours Suite« ein durch und durch Free-Jazz-orientiertes Album ist, bei dem das gespielte Material aus allen Nähten platzt vor verwegenen Kapriolen und Ausbrüchen, vollblütigem und schamlos freigeistigem Exzess an Jazzimprovisationen, denen es gelegentlich weder an skurrilem Galgenhumor noch an Kokettieren mit avantgardistischer Musik mangelt. Tatsächlich packt das Album den Hörer am intensivsten dann, wenn er es am Stück hört. Von Anfang bis Ende. So wie das Konzert des Sextetts in Ljubljana abgelaufen ist. Die Band funktioniert außerordentlich »herrlich ungewöhnlich«. Mit dem kontemplativ spürbaren Geflecht der Bläser in der Achse Arguelles-Succi, dem ständig amüsanten und begeisternden Dialog der handwerklichen Fertigkeiten beider Schlagzeuger – in das alles webt sich »netzartig« der Kontrabass von Pascal Niggenkemper ein –, und natürlich sind da auch Samos ungeahnte handwerkliche Qualitäten beim Freistil-Jazz-Gitarrenspiel. Obwohl die Stücke durch Leitmotive zusammengehalten werden – »weich und sanft«, also kaum wahrnehmbar als Bindemittel (sprich: Gerüst) –, sind diese fast in einer untergeordneten Rolle: Das Sextett treibt seine Free-Jazz-Figuren ausgedehnter Improvisationen bis an den äußersten Rand – ja, regelrecht über den Rand der »Ordnung« – und kokettiert schamlos mit dem Zustand des »Chaos« und des absoluten »Zerfalls« motivischer Figuren, um sich dann (oft auch ganz intuitiv und instinktiv) aus dieser spontanen Landezone freigeistiger Improvisationen konzise wieder zur Leitphrase beziehungsweise zum Leitmotiv aufzuschwingen. Das Zusammenspiel komplexer Harmonien und rhythmischer Strukturen, durchdrungen von »offengeistiger« und freiheitsliebender Improvisation, erzeugt beim Hörer – gewissermaßen wie es das Regelwerk so will – jenes süße Gefühl schockierender Unvorhersehbarkeit im Entwicklungsverlauf und natürlich der Spontaneität. Und das, obwohl wir von ausgefeilten Kompositionen sprechen.

Inmitten all dieses Spiels ist es buchstäblich verblüffend zu erkennen, wie geschickt die Musiker einander Raum öffnen für ein ununterbrochenes gegenseitiges improvisatorisches Anknüpfen – wobei man nur im Blick behalten muss, dass die einzelnen Kompositionen darauf ausgelegt sind, ein ausgewähltes Instrument in den Mittelpunkt des Geschehens zu stellen. Sei es das Schlagzeug, sei es die Bläser – und dabei ist interessant, dass Samo, der Hauptgenerator der Musik auf »The Colours Suite«, eigentlich oft gar nicht in die zentrale Rolle dieses einzigartigen musikalischen Organismus tritt. Aber der Mann ist atemberaubend. Sowohl in der Sanftheit und Subtilität als auch in den Momenten, wenn es ihn »losreißt« und er in den höchsten Gang schaltet. In allem bewahrt er eine außerordentliche Filigranfertigkeit und die Feinmechanik einer großen Kontrolle über die Töne, die er anschlägt und »zähmt«.  

Einen flüchtigen, aber durchaus brauchbaren Einblick in das, was »The Colours Suite« zu bieten hat, bekamen auch die Besucher des diesjährigen Festivals Jazz Cerkno, als sie seine Essenz zum Teil nacherleben konnten – denn auch Samo Šalamon trat heuer im Rahmen dieses Festivals in Cerkno auf, und zwar in einer abgespeckten Version des Sextetts, nämlich als Quartett. Am 18.05.2017 traten so in Cerkno gemeinsam mit Samo seine »Samo Šalamon Quartet«-Kumpanen Achille Succi, Pascal Niggenkemper und Christian Lilinger auf.  

Samo Šalamon ist also ein kreativer Edelstein und einer der aufregendsten und schöpferischsten »Köpfe« der neuen Jazzgarde, der mit seiner rastlosen Forschungsleidenschaft ununterbrochen die Türen für die Zukunft der Jazzkultur aufstößt. Für jede musikalische Herausforderung unbeschwert bereit, empfänglich für jeden guten Trick, jeden guten Kniff, jede gute Idee. Es wird spannend sein zu verfolgen, was dieser Mann in seinen musikalischen Unternehmungen und Abenteuern noch alles erleben wird und womit er daraufhin die zeitgenössische Welt der freigeistigen Jazzmusik bereichern wird. Der Weg ist lang und unvorhersehbar, wild und bewegt, voller Turbulenzen. »The Colours Suite« ist nur einer der Haltepunkte von Samos Jazzschiff, sein Inhalt aber wie gemacht selbst für die anspruchsvollsten Musikfeinschmecker.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Yellow
2. Black
3. Green
4. Red
5. White
6. Brown
7. Blue
8. Grey

Besetzung:
Achille Succi – Bassklarinette
Julian Arguelles Tenor- und Sopransaxofon
Samo Šalamon – Gitarre
Pascal Niggenkemper – Bass
Roberto Dani – Schlagzeug
Christian Lillinger – Schlagzeug

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