Als die Revolver voll geladen singen mit L.A. Guns im Bluesiana (2017)

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Location: Velden am Wörthersee / Bluesiana Rock Cafe / Österreich
Datum: Dienstag, 14.11.2017


Bisher hatten wir nur die Möglichkeit, die Version von L.A. Guns ohne Phil Lewis in der Besetzung auf der Bühne zu sehen. Also: Gründungsmitglied und Gitarrist Tracii Guns hatte seine Version von L.A. Guns nach Europa gebracht — vor Jahren sogar in den Ljubljaner Sputnik, sowie in das nahe gelegene italienische Ronke (nahe des Triester Flughafens). Die Version von L.A. Guns mit Phil Lewis hatten wir auf unseren Konzertepopöen allerdings nie das Glück zu erleben.

Das muss man auch nicht mehr vermissen, denn die zwei Kerle haben nach fünfzehn Jahren wieder ihre Kräfte vereint, und so wurden L.A. Guns aus zwei Bandversionen wieder zu einer einzigen — nämlich jener, in der das Gespann der beiden eben zitierten Musiker „schicksalhaft besiegelt“ funktioniert, also optimal, und jene Energie, Vibration sowie kompositorische und darstellerische Kraft erzeugt, die wir so lange vermisst haben. Etwas, das im Verbund nur Phil Lewis und Tracii Guns gemeinsam verwirklichen können. Außergewöhnliche Charaktere, außergewöhnliche musikalische Talente. Das bestätigt das neue Album der Band mit dem Titel »The Missing Peace«, und das bestätigte auch die Begegnung mit der Band im Bluesiana.

Aber gemach. Vor L.A. Guns spielten für die rund 70 Besucher — unter denen angesichts des gesalzenen Eintrittspreises überraschenderweise Besucher aus dem Land an der Dreiländergrenze mit dem niedrigsten BIP die Mehrheit stellten (ihr habt es erraten: aus Slowenien) — die irischen Glam-Rock-Revivalisten Stone Trigger. Das Quartett unter der Führung des struppigen, aber eitelkeitsgesättigten Sängers Tommy Rockit heizte den Anwesenden in vierzig Minuten mehr als trefflich ein, mit seiner beißenden, „ausgezogenen und rohen“ Rock’n’Roll-Energie, übergossen mit einer Dosis eingängiger Punkrock-Arroganz und einer Prise frecher Lausbübigkeit. Die Band präsentierte das in diesem Jahr erschienene Album »G.H.O.S.T.«. Der Sound war gerade noch am oberen Limit des Akzeptablen für den kleinen Raum des Bluesiana, wo Fenster und Wände spürbar vibrierten. Ein paar Soundkapriolen während des Auftritts, ein paar kleinere Patzer — aber das ist ein Konzertfakt bei jedem Künstler. An Herzblut hat es jedenfalls nicht gemangelt; Rockit erwies sich als exzellenter Frontmann und stabiles kommunikatives Bindeglied zwischen Band und Publikum. Die Gruppe würzte den Auftritt auch mit ihrer Version des Thin Lizzy-Klassikers Waiting For An Alibi sowie anschließend mit einer ordentlich umgekrempelten Version des Songs Larger Than Life (das Original stammt von den Backstreet Boys), womit sie das Publikum schließlich zu etwas kräftigerer Beteiligung bewegten. Das grüne Trikot der irischen Fußballnationalmannschaft, das über einem der Marshalls ausgebreitet war, deutete darauf hin, dass Irland genau zur Zeit des Stone Trigger-Konzerts im Bluesiana ein wichtiges Spiel bestritt, das sie im Falle eines Sieges zur Weltmeisterschaft geführt hätte — doch die Dänen schüttelten sie mitten in Dublin leider durch, mit dem Endergebnis 1:5.

L.A. Guns servierten einen vergnüglichen Einstiegsteil. Denn plötzlich kam Tracii persönlich auf die Bühne gelaufen und begann, seinen Sound einzurichten und seine Gitarre zu stimmen. Als Hintergrunduntermalung wählte er Ozzys Klassiker Diary of a Madman, die Band gesellte sich bald auf der Bühne dazu und „kalibrierte“ sich durch das Eröffnungsstück auf die richtige Temperatur und Stimmung ein. Als Letzter „stürmte“ Sänger Phil Lewis auf die Bühne, und die Band „brüllte“ sich in den messerscharfen neuen Song The Devil Made Me Do It. Das Publikum drängte direkt an die Bühnenkante, und die vordere Front wurde im Nu zum engen Gedränge — vor allem bei der Folge der Klassiker Electric Gypsy, Over the Edge, Bitch is Back und Sex Action. Definitiv ein Kanonenschuss auf die kultigen »Hollywood Vampires« und das Debüt »L.A. Guns«! Die Folge war intensive Publikumsbeteiligung, besonders in der Mitte, für die vor allem die Besucher aus Slowenien sorgten, die das Repertoire der Band ausgezeichnet kannten. Davon überzeugte sich auch Phil persönlich, als er dem Publikum einige Verse überließ und sich dabei nicht vergaß, ihm für die gesamte gezeigte Unterstützung herzlich zu bedanken.

Ansonsten interessierte uns vor allem das Funktionieren der Band als Einheit. Ein fantastisches Konzert — in jeder Hinsicht. Tracii Guns bleibt der „König“ seines Fachs, und gleichzeitig ist er durch seine bloße Ausstrahlung auf der Bühne, dieser charismatische Gitarrenzauberer, mit Sicherheit das zugänglichste Mitglied der Crew. Das Quintett warf sich die ganzen Zeit saftiger Witze zu, wobei die Jungs einander gegenseitig foppten — den Auftakt zu diesem Dominoeffekt setzte Tracii selbst, der zu Beginn von The Devil Made Me Do It Phil theatralisch in den Hintern kneif und dann mit dem Finger auf Schlagzeuger Shane Fitzgibbon zeigte, als wäre das Shanes Werk gewesen. Die Jungs verstehen es, mit dem Publikum umzugehen, und sind schlicht geborene Meister des Bühnenshow-Theaters. Lewis hat nach wie vor eine außergewöhnlich gut erhaltene Stimme, Charisma, Herzlichkeit, einen giftigen Blick, mit dem er bezaubert. Mit diesem Vokalcharakter, der an diesem Abend im Bluesiana strahlte, funktionieren wirklich alle L.A. Guns-Klassiker optimal und phänomenal. Tracii Guns präsentierte mit unglaublicher Intensität an Leidenschaft und Emotion seine gitarristischen Meisterstücke und dominierte die Bühne absolut — er nahm auf ihr ein Drittel des Platzes ein. Zu Beginn von Over the Edge half er sich mit einem Geigenbogen, und mehrmals im Konzert setzte er auch ein Theremin ein — eine Manier, die er von seinem großen Vorbild Jimmy Page geerbt hat. Bei der Darbietung der Hommage an Prince mit dem Song Purple Rain zogen sich Lewis und Guns komplett von der Bühne zurück und überließen sie dem restlichen Trio. Den Gesangspart übernahm Rhythmusgitarrist Michael Grant, der 2013 zur Band stieß und davor für den Bend Endeverafter gespielt und gesungen hatte. Der nutzte diesen Moment natürlich nicht nur, um seine gesanglichen Qualitäten zu zeigen, sondern vor allem, um auch seine außergewöhnliche Fingerfertigkeit auf der Gitarre zu demonstrieren — er pfefferte in den Song auf seine Art auch ein (gelinde gesagt) monströses Solo. Dann kam das große Finale, als die Band eine nach der anderen die vermissten Konzertfavoriten aufreihte, sprich die Songs des Albums »Cocked And Loaded« (Malaria, Never Enough, The Ballad Of Jane und abschließend Rip and Tear), wobei sie dem mitgerissenen Publikum dadurch (bewusst) die letzten Energiereserven abtrotzte — ein energetisches Crescendo der Rückreaktionen großer Befriedigung der Anwesenden.

Interessant ist, dass die Band sich entschied, gerade mal drei Songs aus dem neuen Album »The Missing Peace« zu spielen, das nebenbei alle Erwartungen erfüllt hat und auf unglaublich gelungene Weise „Anschluss“ an die Essenz der klassischen L.A. Guns-Alben gefunden hat. Dazwischen servierte die Band jedoch die Darbietung einer der interessanteren und für den bekannten Ruf der Band ungewöhnlicheren Kompositionen, als sie sich an das hervorragende The Flood’s the Fault of the Rain wagte. Dieses begleitete Lewis mit dem Einleitungskommentar, es bewege sich irgendwie im Stil des The Animals-Kultstücks House of the Rising Sun.

Außergewöhnliche Chemie, Eingespieltheit, Charakter, Souveränität und darstellerische Kraft. Alles funktioniert phänomenal. Die Kombination aus Lewis und Guns ist also essenziell, das wesentliche Element, das das rechtgläubige Bild von L.A. Guns heraufbeschwört. Das Bild, das wir all die Jahre vermisst haben, ist zugleich das Bild, von dem wir hoffen, dass es zur festen Größe der neuen Zeit wird, mit der L.A. Guns ihre Fans noch viele Jahre begeistern werden. In dieser Hinsicht bleiben sie ihren Fans zweifellos etwas schuldig — doch im Bluesiana haben sie mit ihrer glänzenden und exzellenten Vorstellung einen gehörigen Teil dieser Schuld beglichen. Den Besuch eines Konzerts von L.A. Guns in dieser Besetzung stellt in der neuen Zeit somit eine Pflicht für jeden Liebhaber von Hard Rock, Glam Metal und den verführerischen und nicht zuletzt bildgewaltigen Zeiten des Sunset Strip in Los Angeles dar.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

STONE TRIGGER:
1. Intro
2. Children of the Night
3. Rattle Your Bones
4. Black Venom
5. I Declare War
6. Masquerade
7. Moyano Drum Groove
8. Gotta Get It
9. Show Your Hands
10. Waiting For An Alibi
11. Larger Than Life
12. Edge Of Insanity

L.A. GUNS:
1. Intro (Diary of a Madman)
2. The Devil Made Me Do It
3. Electric Gypsy
4. Over the Edge
5. Bitch Is Back
6. Sex Action
7. The Flood’s the Fault of the Rain
8. Speed
9. One More Reason
10. Kiss My Love Goodbye
11. Purple Rain
12. Malaria
13. Guitar Solo
14. Never Enough
15. The Ballad of Jayne
16. Rip and Tear


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