Sepultura: Quadra
Label: Nuclear Blast Records
Erscheinungsdatum: 7. 2. 2020
Produktion: Jens Bogren
Albumlänge: 51.14 min
Es ist kaum zu glauben, dass die brasilianische Band Sepultura bis heute fleißig am Ball bleibt. Und ganz offensichtlich schauen sie auch nicht zurück auf die alten Zeiten. Auch die aktuelle Besetzung ist nicht gerade die beliebteste, doch Sepultura haben in den letzten Jahren und vor allem mit ihren letzten Alben bewiesen, dass sie Aufmerksamkeit verdienen. Mit jedem Album überraschen sie, weil es ihnen gelungen ist, die musikalische Qualität anzuheben.
Sepultura versucht sich nicht nur ständig an etwas Neuem in der Musik, sondern geht auch bei den Texten intellektueller vor, was sich vor allem in interessanten Konzepten widerspiegelt. Auch Quadra will wie die Vorgänger mit seinem Konzept etwas sagen. Der Albumtitel bezieht sich schlicht auf die Zahl vier. Das Album soll auf Numerologie basieren. Doch hinter diesem Konzept steckt mehr. Man könnte auch sagen, das Album ist in vier Teile gegliedert. Eine Gruppe von drei Songs repräsentiert ein Element, und wenn man das Album mehrmals durchhört, wird klar, dass Sepultura es auch stilistisch in vier Teile aufgeteilt hat. Quadra ist also genau wie der Vorgänger Machine Messiah voller Überraschungen dank seiner Vielfalt.
Die ersten drei Songs Isolation, Means to an End und Last Time erinnern an die klassische Ära. Die Songs sind thrashiger und schneller ausgerichtet als die goldene Periode der Band, die unter Fans bis heute am meisten geschätzt wird. Die Songs erreichen zwar nicht die Qualitäten der klassischen Stücke, haben aber genug Kraft und Intensität, um zum Weiterhören zu verleiten. An der Spielweise gibt es nichts auszusetzen. Andreas Kisser ist nach wie vor in der Lage, starke Riffs und Soli zu schreiben. Sehr schnell beweist sich erneut das Wunderkind am Schlagzeug, Eloy Casagrande, der zweifellos der beste Drummer ist, den Sepultura je hatte. Bei den schnellen Songs zeigt Casagrande aber noch nicht alle seine Trümpfe. Man spürt allerdings, wohin die Band diesmal gezielt hat. Beim Song Last Time ist auch ein Chor dabei, womit die Band zu verstehen gibt, dass sie die Sache nicht auf die leichte Schulter nimmt.
Die nächsten drei Songs Capital Enslavement, Ali und Raging Void zeigen Sepultura schon in einem etwas anderen Licht. Es tauchen Ähnlichkeiten mit den Alben Chaos A.D., Roots und auch Against auf. Die Songs haben mehr Groove, nicht alles dreht sich um Geschwindigkeit. Ein zweifellos interessanter Schwenk, aber für Sepultura nichts Ungewöhnliches. Der für die Band typische Stil ist nach wie vor präsent. Besondere Ausreißer gibt es keine, aber die Vielfalt ist bereits spürbar.
Mit den Songs Guardians of Earth, The Pentagram und Autem zeigt sich ein gewisses aktuelles Bild der Band. Guardians of Earth mit seinem akustischen Intro, dem sich später Chor und Perkussion anschließen, ist ziemlich unkonventionell strukturiert. Jedes Mitglied glänzt auf seine eigene Weise und zeigt sich von einer anderen Seite. Es folgt der exzellente Instrumental-Track The Pentagram, bei dem Casagrande erneut zeigt, wie entscheidend er für die Band ist. Seinen Höhepunkt erreicht der Song mit einem Breakdown, wie man ihn eher von technischeren Bands kennt. Danach kehren sie mit Autem auf die härtere Seite zurück, was als Gegenpol gelten kann, aber der Schachzug ist logisch.
Sepultura überrascht durch das ganze Album hindurch, doch beim Schlussteil trifft es einen völlig unvorbereitet. Nach dem kurzen akustischen Stück Quadra bietet Sepultura Agony of Defeat, das ruhig beginnt und bei dem Derrick Green sich erneut als Sänger beweist. Wer Green für eintönig hielt, wird diesmal von seinem melodischen Gesang und seinem Gespür für Melodien überzeugt. Für die bombastische Wirkung sorgen außerdem Chor und Orchestrierungen. Bei alldem wird klar, dass die Band durchdacht vorgegangen ist und dementsprechend auch den richtigen Produzenten gewählt hat. Quadra schließt mit dem Song Fear, Pain, Chaos, Suffering, auf dem die Frauenstimme von Emilly Barreto von der brasilianischen Rockband Far From Alaska zu hören ist. Ein etwas gewagter Versuch, aber genau damit bekommt das Album das gewisse Tüpfelchen auf dem i, mit dem Sepultura erneut ihren Sinn für Experimente zeigt. Es ist zwar ein langsamerer Teil des Albums, aber weil die Songs einfallsreich geschrieben sind, wirkt das Ganze kein bisschen monoton.
Angesichts ihres Alters könnte man erwarten, dass Sepultura es unkompliziert angehen und in ihrer Komfortzone bleiben. Doch Quadra bestätigt, dass die Band immer noch experimentieren und anspruchsvollere Dinge spielen will – kein Wunder also, dass das Album auch rhythmisch dynamischer ist. Die Mitglieder haben ihr Bestes gegeben; zwar wird der ein oder andere mehr herausstechen, aber die Mühe eines jeden ist herauszuhören.
Für die Produktion des Albums haben sie sich erneut den erfahrenen Jens Bogren (Kreator, Opeth, Amon Amarth) ins Boot geholt, dem es mit dem Vorgänger Machine Messiah gelungen war, viele Kritiker zum Schweigen zu bringen. Und auch diesmal ist es nicht anders. Die Songs sind einfallsreich geschrieben, das Klangbild ist reich und modern. Das Ganze klingt definitiv nicht billig wie vielleicht der ein oder andere frühere Release. Sepultura gewinnt mit jedem Album mehr und mehr Vertrauen. Mit Machine Messiah haben sie eine klare Vision gezeigt, die sie mit Bogren sogar noch weiterentwickeln konnten. Natürlich sind Elemente präsent, die bei der Band schon früher da waren, aber mit etwas Frische und ein paar Überraschungen zeigt Sepultura einen Sinn für natürliche Weiterentwicklung – und dass nach wie vor neue Dinge im Spiel sind, verdient mehr als nur Respekt.
Sepultura haben mit Quadra erneut bewiesen, dass sie noch längst nicht abzuschreiben sind. Quadra überrascht mit Wucht, Vielfalt und auch Bombast. Definitiv ein weiteres Album, mit dem Sepultura noch mehr neue Fans gewinnen werden. Und da wird sich so mancher wünschen, dass Sepultura weiterhin in diese Richtung arbeitet.
9/10
Besetzung:
Andreas Kisser – Gitarre, Backgroundgesang
Derrick Green – Gesang
Paulo Jr. – Bass
Eloy Casagrande – Schlagzeug