40 Jahre Judas Priest-Album „British Steel“
Und dann war da „British Steel“. Das sechste Studioalbum der Birminghamer Heavy-Metal-Band Judas Priest. Es war das Jahr 1980. Ein Wendejahr für den Metal. Damals wurde er zur Selbstverständlichkeit. Er drang durch die Türen jedes Haushalts auf dem Planeten, der etwas auf sich hält und guten Rock’n’Roll schätzt. Wie ihr wisst, ist das das Jahr, in dem die neue Welle des britischen Metals aufflammt. Sie begann ihren Anlauf in Zeiten der Wirtschaftskrise in Großbritannien, die sich auch 1980 noch nicht vollständig erholt hatte. N.W.O.B.H.M. spiegelt den Geist dieser Zeit wider. Für Zauderer und Poser war hier kein Platz! Die Arbeiterklasse, also die unterste gesellschaftliche Schicht, wusste genau, dass ihr nichts geschenkt wurde. Sie kannte das Bluten aus den Fingerkuppen. Für jeden Brotkanten. Was sag ich – Krümel. N.W.O.B.H.M. brach also plötzlich aus dem Untergrund hervor. Saxon veröffentlichten in diesem Jahr ihr zweites und drittes Album, Iron Maiden, Def Leppard, Girlschool, Angel Witch, Diamond Head brachten ihre Debüts heraus. Jenseits des Wesentlichen – und doch eine Reflexion. Denn am Ende des Tages kassierten wieder die Kapitalisten, aber um die wütende Meute zu besänftigen – die teilweise vom Feuer des schnell verpufften Punk genährt worden war –, war das Katapultieren des N.W.O.B.H.M. auf den Markt eine notwendige taktische Maßnahme. Eine der wenigen guten seitens dieses grausamen Systems.
Und Judas Priest? Dieser Tornado machte auch um sie keinen Bogen. Allerdings waren Judas Priest zu diesem Zeitpunkt bereits ein weltweit bekannter Name. Die Band, die mehr als zehn Jahre zuvor in Birmingham entstanden war, genoss damals bereits den Status einer etablierten Gruppe, die im vergangenen Jahrzehnt eine bemerkenswerte stilistische Wandlung vollzogen hatte. Von bescheidenen Anfängen, inspiriert von Blues, Psychedelic- und Progressive-Rock, hatten sie sich durch die Siebziger beharrlich ihren ganz eigenen Stil erarbeitet und dabei – fast ohne es zu merken – die Bibel des Metals geschrieben. Junge Bands ließen sich von ihnen inspirieren. Sie wollten noch schneller und noch lauter klingen. Denn Priest schraubten von Album zu Album die Doktrin von Lärm und Geschwindigkeit weiter hoch. Zugleich überraschte Halford alle, als er 1978 das Leder-und-Nieten-Outfit auf die Bühne brachte, das die Metal-Subkultur mitbegründete.

RockLine-Rezension zum Album „British Steel“!
Die Band lieferte mit dem Album „Killing Machine“ (RockLine-Rezension HIER) ein Werk, das im Vergleich zum Vorgänger „Stained Class“ (RockLine-Rezension HIER) einen absoluten künstlerischen Kontrast darstellte. „Killing Machine“ war konkret um aufwendigere Arrangements bereinigt worden. Die Songs wurden kürzer, die Gitarrenriffs deutlich stärker in den Vordergrund gestellt – und damit der Wunsch der Band, sofort packende Wucht zu liefern. Für „British Steel“ behielten Judas Priest die musikalische Ausrichtung des Vorgängers bei. Eigentlich vertieften und steigerten sie sie noch. In einer absoluten Minimierung der Arrangements, der auch das Kürzen der Soli nicht entging. Eine Nummer wie Living After Midnight im Jahr 1980 zu hören, nachdem dieselbe Band im Jahr zuvor deutlich aufregendere Stücke geschaffen hatte – allen voran die Mini-Suiten des Heavy Rock Sinner, Stained Class, Victim Of Changes oder das düster-fantastische Epos Beyond the Realms of Death –, wirkt wie künstlerischer Rückschritt. Doch angesichts der Zeit und der Umstände, unter denen „British Steel“ entstand, hätte kein anderer Weg als diese »arrangementbezogene Regression« der Band irgendetwas Nützliches gebracht. Die Band, die damals bereits eine starke und treue Fangemeinde hinter sich hatte, brauchte in einem Atemzug ein wuchtiges und kommerziell durchschlagendes Album, das ihnen endlich Weltruhm einbringen würde. Vor allem, um endlich den amerikanischen Markt vollständig zu erobern. Laut Halford hatte die gemeinsame Tournee von Judas Priest mit AC/DC maßgeblich zu dieser Sichtweise der Band beigetragen.
Schon vor „British Steel“ hatten Judas Priest mit Take On The World ihre erste Hit-Single gelandet, die in die Top 20 der britischen Charts kam. Dann folgte „Unleashed In the East“ (RockLine-Rezension HIER) – ein Livealbum, das viele wegen seiner „klanglichen Perfektion“ süffisant als „Unleashed in the Studio“ bezeichnen –, mit dem die Band erstmals in ihrer Karriere in die Top 10 der britischen Album-Charts vorstieß. Hier trat erstmals Tom Allom als neuer Produzent der Band in Erscheinung. Eigentlich hätte er schon deutlich früher Kontakt zur Band aufnehmen sollen, doch das Quintett der Brummies wehrte ihn ab wie der Teufel das Weihwasser, weil sie ihn für einen Teil der Elite hielten – zu fein und zu vornehm für sie. Der hochgebildete Gentleman überraschte die Band jedoch. Anfangs wussten die Jungs gar nicht, mit wem sie es zu tun hatten, doch bald zeigte sich, was für ein herzlicher Mitstreiter sie in ihm gefunden hatten. Allom wurde Teil der Priest-Familie, und die Band übergab ihm von da an das Produktionssteuer. Noch 1988, als „Ram It Down“ erschien. Laut Downing war der tadellos gekleidete Allom trotzdem immer bereit, mit der Band ordentlich zu feiern – musste dafür allerdings manchmal erst aus seinem heimischen Bett gezerrt werden.

„British Steel“ wurde in genau einem Monat aufgenommen. Im Februar 1980! Für die Aufnahmen bezog die Band die Residenz im Landschaftspark Tittenhurst Park (Ascot, Berkshire – genau hier produzierte Allom noch im selben Jahr auch das Debütalbum von Def Leppard, „On Through the Night“), auf einem Gelände von beeindruckenden 29 Hektar, dessen Eigentümer damals der berühmte Beatle Ringo Starr war. Dieser hatte das Anwesen 1973 von Lennon gekauft. Lennon hatte dort sein Studio Ascot Sound errichtet, das Ringo später in Studio Startling umbenannte. Anfangs begannen Priest mit den Aufnahmen im Studio, merkten aber bald, dass es in Ringos Residenz besser laufen würde. Ringo hielt sich damals sehr häufig in Los Angeles auf. Dort traf er nämlich seine spätere Frau Barbara Bach (die Filmschauspielerin). Auch Ringos damalige Ehefrau Maureen war nicht mehr in der Residenz. Judas Priest befanden sich also zusammen mit Allom auf Ringos Privatgelände völlig allein. Und Ringo überließ nichts dem Zufall. Vorsorglich brachte er alle Wertsachen aus dem Haus in Sicherheit und legte gleichzeitig Regeln fest, die Judas Priest brav und gewissenhaft einzuhalten hatten. Er untersagte ihnen beispielsweise jegliche Form des Radfahrens auf dem Gelände sowie das Angeln im Zierfischteich! Downing fügt hinzu, dass Ringo im Keller zwei riesige Dinosaurier-Modelle aufbewahrte – und wenn man nach einem fröhlichen Kneipenabend angetrunken auf dem Weg zum Studio war, konnte man sich dabei ganz schön erschrecken.
Jedes Bandmitglied bezog sein eigenes Zimmer, in dem es während der Aufnahmen spielte. Downing befand sich zum Beispiel im Zimmer mit dem berühmten weißen Lennon-Klavier, auf dem der legendäre verstorbene Beatle sein Imagine-Video gedreht hatte. Die Aufnahmetechnik war zum Beispiel in einem kleinen Zimmerchen direkt neben der Küche untergebracht. Es war das erste Mal, dass die Band in den Aufnahmeprozess für ein neues Album einstieg, ohne das gesamte Material vorher fertiggestellt zu haben. Tipton sagt, dass Priest bei ihrer Ankunft auf Ringos Anwesen etwa 60 % des Materials fertig hatten und dass The Rage und Living After Midnight vollständig im Studio entstanden. Downing fügt hinzu, dass Living After Midnight seinen Titel bekam, nachdem Tipton und Downing eines Abends bis tief in die Nacht wach geblieben waren. Halford versuchte in dieser Zeit natürlich wie jeder normale britische Bürger, ordentlich zu schlafen. Doch die beiden Gitarristen ließen ihn nicht in Ruhe. Also kam er raus und fragte die beiden: »Bitte sehr? Manche von uns versuchen zu schlafen. Es hat schon Mitternacht geschlagen.«
„British Steel“ ist das erste Judas Priest-Album mit Dave Holland. Sein Einstieg als Ersatz für Les Binks war interessanterweise aus technischer Sicht für Judas Priest sogar ein Rückschritt. Holland beherrschte zum Beispiel die Doppelbass-Fußmaschine nicht, was Binks nie Probleme bereitet hatte. Andererseits war Holland ein außergewöhnlich guter Taktgeber für treibende rhythmische Achtel, was zusammen mit Hills Basslinien die Wucht des minimalistischen Rhythmusfundaments erzeugte, das in erster Linie ungezügelte Durchschlagskraft suchte. Dieses Rhythmusduo schob die zerstörerische Kraft in den Vordergrund. Eine hervorragende Kontrastrampe, mit der sich die Gitarrenriffs von Downing und Tipton fantastisch ergänzten.
Die Band zeigte während der Aufnahmen auch ein gehöriges Maß an Einfallsreichtum, als sie in einzelnen Songs bestimmte Soundeffekte einsetzte, die sie damals selbst aufnehmen musste. So wurde der Polizeisirenen-Effekt für Breaking the Law tatsächlich dadurch eingefangen, dass man das Heulen der Sirene eines vorbeifahrenden Polizeiwagens aufnahm. Außerdem zertrümmerten sie für Breaking the Law einige Milchflaschen – leere natürlich. In Rapid Fire ist Halfords Schwingen eines Billardstocks zu hören, während die Band für zusätzliche Effekte in Metal Gods Besteck in eine Schublade warf und alles schüttelte. Für den eigentlichen Intro-Effekt, mit dem Metal Gods eröffnet wird, nutzte man eine Aufnahme eines zuknallenden Türgeräuschs.
Auf die Idee für den Albumtitel kam Bassist Ian Hill beim Durchblättern der Tageszeitung – in einem Artikel, der über neue Streiks der Arbeiter des Unternehmens British Steel Corporation berichtete, wo Glenn Tipton fünf Jahre lang gearbeitet hatte. Die Band zögerte anfangs bei dieser Idee, hatte aber auch keinen alternativen Vorschlag zur damaligen Zeit. Je mehr die Tage vergingen, desto sinnvoller erschien Hills Vorschlag.
Auch mit der Wahl des Covers traf der Albumtitel ins Schwarze. Die erste Version des Covers für „British Steel“, die der polnische Künstler Roslav Szaybo gestaltete, zeigte nur eine blutige Rasierklinge (diese Cover-Version verwendeten Judas Priest 2009 für die Neuauflage des Albums „British Steel“). Obwohl später die Variante mit der Rasierklinge in einer Hand gewählt wurde – auf der kein Tropfen Blut zu sehen ist und die Finger so auf der Klinge positioniert sind, dass der Eindruck entsteht, sie schneide sich in sie hinein –, wollten manche nachträglich Einfluss darauf nehmen, dass die Band ihre Wahl ändert. Es gab sogar Versuche der Nachbearbeitung. Doch die Band wies all das entschieden ab und gab nicht nach.
Das Cover strahlt Schärfe aus, der Albumtitel betont Unbeugsamkeit und Aufsässigkeit. Das Adjektiv der »Britishness« klopft mächtig an die Herzen der Fans härterer Klangstrukturen! Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Prägung einer Siegerformel. „British Steel“ ist eine authentische Reflexion dieser Zeit. Ein absolutes Unikat. Die Band hat mit diesem Album ihre musikalische Philosophie geläutert und aufgefrischt, fand einen neu abgesteckten Fokus, an dem sie sich durch die Achtziger hielt – und entfachte mit markanter Aussagekraft, aggressiver Haltung und eingefangenem Rebellionsgeist alle Bands der N.W.O.B.H.M.-Bewegung. Der Einfluss reichte über den Atlantik hinaus, wobei Ian Scott (Anthrax) behauptet, dass man sich die großen Vier des Thrash Metal ohne die Veröffentlichung von „British Steel“ in der Form, wie wir sie kennen, niemals hätte vorstellen können.

„British Steel“ ist das Album, auf dem Judas Priest erstmals in ihrer Karriere in Texten und Kompositionen die Zähne gesellschaftskritischen Engagements zeigten. Titel wie You Don’t Have To Be Old To Be Wise, Breaking the Law, The Rage machen das deutlich. Die Botschaften des Albums griffen zusammen mit dem Arrangement einen Trend auf, den die Labels damals suchten. Und dieser Trend war stark mit der allgemeinen Reflexion der Musiker über die Jahre wirtschaftlicher und sozialer Instabilität in Großbritannien verbunden. So konnten sich die Massen mit „British Steel“ bei seiner Veröffentlichung noch leichter identifizieren.
Allom, dem es in erster Linie zu verdanken ist, dass die Band auf dem Album so wirkungsvoll Heavy-Metal-Schlagkraft und Radiokompatibilität in einem Atemzug vereinte, raste mit den Aufnahmen zunächst nach London ins Studio Morgan (für den finalen Schnitt der Aufnahmen) und flog anschließend nach New York, wo „British Steel“ seine abschließende Soundmasterung erlebte.
Als erste Single des Albums „British Steel“ wählten Judas Priest Living After Midnight. Damit erreichten sie im März 1980 Platz 12 der britischen Charts. Für das Video engagierten sie Julien Temple. Der war dafür bekannt, Videos für Sex Pistols gedreht zu haben, und wegen dieses Rufs wollte ihn in jener Zeit niemand anfassen. Judas Priest störte das nicht. Das Material für Living After Midnight wurde bei einem Konzert in der Sheffield City Hall gedreht. Temple drehte auch das Video für Breaking the Law, die nächste Single des Albums, die dieselbe Platzierung wie ihr Vorgänger Living After Midnight erreichte. Als Schauplatz für das Video zu Breaking the Law wählte er die Umgebung einer Londoner Barclays Bank. Die dritte Single für United veröffentlichten Judas Priest im August 1980 – sie schnitt etwas schwächer ab und erreichte Platz 26.
Die Energie im Studio war hervorragend, und die Band strahlte eine außergewöhnliche Lockerheit aus – ungeachtet dessen, dass alles in nur einem einzigen Monat erledigt werden musste. Die Teammitglieder wussten, dass sie starkes Material geschaffen hatten, was auch Howard Thompson von Columbia Records bestätigte – Teil des A&R-Personals, der damals eng mit der Band zusammenarbeitete und sagte: »In der ersten Minute, als ich Living After Midnight hörte, dachte ich, das wird ein Hit. Breaking the Law hat mir sehr gut gefallen. Wem denn nicht?«
„British Steel“, das am 14.04.1980 erschien (genau wie das Debüt von Iron Maiden), kletterte in den britischen Charts auf Platz 4 der meistverkauften Alben (genau wie das Debüt von Iron Maiden). Außerdem gelang es Judas Priest damit, auf den beachtlichen 34. Platz der Billboard 200 der meistverkauften Alben in den USA vorzustoßen. „British Steel“ wurde das erste Judas Priest-Album, das in den USA Goldstatus erreichte. Bis heute hat es mit über einer Million verkauften Exemplaren auf US-amerikanischem Boden Platinstatus erhalten.

Judas Priest befanden sich zwischen dem 07.03.1980 und dem 23.08.1980 in Europa und den USA auf ihrer British Steel-Tournee. Auf dem März-Teil der Tournee durch Großbritannien begleiteten Iron Maiden die Band als Support-Act, auf dem amerikanischen Teil Def Leppard und Scorpions. Am 16.08.1980 traten Judas Priest auch bei der ersten Ausgabe des legendären Monsters Of Rock-Festivals (Castle Donington) auf, wo sie als Vorletzte im Programm standen. Den Abschluss des Festivals als Headliner machten Rainbow.
„British Steel“ ist in Sachen kommerziellem Durchbruch zweifellos das wichtigste Judas Priest-Album. Sein Inhalt und die neue Ausrichtung öffneten der Band die Türen weit in die Achtziger, wo sie völlig entspannt und auf den Flügeln der stetig wachsenden weltweiten Popularität des damals neugeborenen Heavy Metal einige unvergessliche und grandioseste Klassiker des Heavy-Metal-Universums schaffen konnten.
Autor: Aleš Podbrežnik
