Axel Rudi Pell: Sign Of The Times
Label: SPV / Steamhammer Records
Erscheinungsdatum: 08.05.2020
Produktion: Tommy Geiger
Albumlänge: 54.45 min
Genre: Hard Rock
Wertung: 9.0 / 10
Axel Rudi Pell ist eine große Figur auf der europäischen Hard-Rock-Szene. In einer Karriere, die – rechnet man seine Zeit bei Steeler mit – langsam auf 40 Jahre Musikerleben zugeht, hat er 1,7 Millionen seiner Axel Rudi Pell-Alben verkauft (zahlreiche Kompilationen und Livealben eingeschlossen). Sein musikalischer Stil ist unverkennbar und festgelegt, und Axel hat sich in all den Jahren – genauer gesagt seit seinem Debüt »Wild Obsession« (1989) – stilistisch und klanglich kaum verändert. Im Laufe der Zeit hat er bis heute ganze 17 Studioalben aneinandergereiht und ist zu einem außerordentlich geschätzten und respektierten Musiker geworden, dessen Konzerte auch sehr gut besucht sind. Am Leben hält ihn natürlich seine Heimat Deutschland und die stahlharte Unvergänglichkeit der großen Treue des dortigen Publikums, das ihn nicht im Stich lässt. Das letzte Album »Knights Call« (2018) erreichte zum Beispiel 2,6 Millionen Streams weltweit.
Nun hat er also sein achtzehntes Studioalbum auf die Welt losgelassen, das den Titel »Sign Of the Times« trägt. Es ist das dritte Album in Folge, das in der Besetzung mit Schlagzeuger Bobby Rondinelli (ex-Black Sabbath, ex-Rainbow, ex-Blue Oyster Cult) aufgenommen wurde, und »Sign Of The Times« ist, um es direkt zu sagen, ein leicht anderes Album als erwartet. Wie bitte? Ihr lest richtig. Minimal, aber genug, damit einen diese Tatsache freudig aufhorchen lässt.
Also hat unser wackerer und hochverehrter Axel als Produzenten seines neuen Albums Tommy Geiger gewählt, der ein alter Bekannter von ihm ist – er produzierte bereits seine letzten beiden Livealben, nämlich »Magic Moments« (2015) und das vorjährige »XXX Anniversary«. Kenner wissen, dass die vorherigen neun Studioalben dem „deutschen Blackmore“ der abgebrühte Charlie Bauerfiend produzierte. Bei Pell ist es erstaunlich, dass es ihm gelingt, in zwei Jahren oder weniger genug Material zu schreiben, um ein neues Album aufzunehmen. Diesmal entstand das Material sogar etwas früher als Axel es eigentlich geplant hatte. Obwohl das „Copy-Paste“-Mantra bewährt zündender musikalischer Formeln über die Jahre schlicht gängige Praxis ist, liefert das neue Album eine Abweichung – vor allem darin, dass es produktionstechnisch im Vergleich zu früheren Werken deutlich aufgedreht wirkt. Es ist zwar bekannt, dass Pell ein Liebhaber von Lärm und betontem Metal-Geknatter ist, aber wer hätte gedacht, dass er diesem Standard noch ein paar zusätzliche Dezibel übermütigen »Overdrive« draufpacken würde. Die Gitarre ist zusätzlich angespitzt, behält aber eine lebendige Organik – sie klingt nicht so glatt poliert und präzise, als würde Bauerfiend darüber wachen –, und gleichzeitig ist der Gitarrensound auch sehr fett. Gleichzeitig merkt man, dass Johnny Gioeli in einer unglaublichen Gesangsform ist, da er in letzter Zeit enorm viel aufgetreten ist – entweder mit Pell oder mit seinen Hardline. Das andere Glied, das auf dem neuen Album sein Maximum und noch mehr liefert, ist Rondinelli mit seinem Schlagzeugspiel, das über die Platte eine unglaubliche Dynamik zeigt, die auf den beiden vorherigen so intensiv nicht wahrnehmbar war. Dass Rondinelli einer der brillantesten Hard-Rock-Schlagzeuger unserer Zeit ist, weiß schon jeder gekrönte Rocker, der es versteht, auch mal links und rechts von Kiss, AC/DC, Guns N‘ Roses und Rolling Stones zu schauen. Er besitzt einen ausgesprochen kanonenhaften Schwung, und sein Stil bzw. sein Ansatz bei der Kreation von Übergängen könnte dem Typ Hard Rock, wie ihn Axel Rudi Pell komponiert, nicht passender auf den Leib geschrieben sein.
Ein fetter, voller und ausgeschöpfter Sound. Die Phrasen sind reichlich mit Hammond-Sound unterstützt, das Album besitzt auch ein außerordentlich starkes Bassfundament, und das Volumen der tiefen Töne ist optimal abgestimmt. Diesmal hat Axel auch dem arrangementmäßigen „Kompaktieren“ der Kompositionen besondere Priorität eingeräumt. Eine Tugend, die bei ihm Standard ist, aber diesmal wirkt er in diesem Element besonders engagiert. Er hat also absolut den Ohrwurm-Faktor und die musikalische Prägekraft an erste Stelle gesetzt und dabei auch der Kreation bombastischer Atmosphären Vorrang gegeben. Das merkt man in den Mid-Eight-Passagen, wo der Gitarrist sich stärker zurückhält und nicht in solistische Ausflüge verfällt, die die Entwicklung von Melodie und Atmosphäre „zerfasern“ würden. Diesmal legt er mehr Gewicht auf die Tonformung und die Feinmechanik ihrer Platzierung, um aus den Soli noch mehr Melodie herauszuholen und den Song so mit zusätzlichem Drama-Theater zu dosieren. Ebenfalls eine interessante Erkenntnis: Pell hat Okkultismus, Fantasy und Hexerei für eine Weile beiseitegelegt und beschäftigt sich in den Botschaften des neuen Albums mit unserer Realität – etwa dem Sterben des Planeten und dem nicht enden wollenden Waffengeklapper (Gunfire, End of The Line, Titelstück). Darauf deutet auch der Uhrzeiger auf dem Cover hin, der zwei Minuten vor Mitternacht zeigt – was bedeutet, dass die Menschheit „alles verspielt“ hat und es kein Zurück mehr gibt. Pell ist sich also voll bewusst, dass wir in sehr gefährlichen Zeiten leben. Auf Liebeslieder hat er aber keineswegs verzichtet (Waiting For Your Call, mit einem außergewöhnlichen Auftritt von Gioeli, oder Bad Reputation).
Das Material? Der knallende, aufgedrehte Eröffnungs-Schrapnell Gunfire, dann die Ballade As Blind As Fool Can Be (Pell bleibt ein Meister der Balladen) – und weiter Stücke im mittleren Tempo, wo die Band eine außerordentliche Bombastik und Pomp entwickelt, die beim Hören sofort unter die Haut geht (besonders z. B. Bad Reputation mit seiner ungemein eingängigen Leitmotiv-Phrase). Also irgendwie erwartbare Kost. Überraschen kann etwa der Reggae-Intro im Stück Living In A Dream. Das abschließende Into the Fire ist ein eigentümlicher Leckerbissen, aber ein von Pell bereits bekannter Trick, der erneut mit der Ästhetik von Stücken à la Stargazer oder Kashmir kokettiert. Das Stück Wings Of The Storm bringt erneut eine ausgeprägtere Inspiration durch Schaffen und Werk der Deep Purple Mk. IV-Ära oder Rainbow.
»Sign of the Times« ist in jeder Hinsicht ein neues, hervorragendes Studiowerk dieses Gitarrenveteranen unter Veteranen. Fans seines Schaffens werden mehr als begeistert sein. Gleichzeitig ist es eine Spur anders – vor allem in produktionstechnischer Hinsicht. Axel Rudi Pell haben auch beim neuen Material maximales Engagement bewiesen. Sie haben das gesamte Material mit außerordentlichem Eifer, Leidenschaft und Schwung eingespielt und aufgenommen. Das Album ist knappe 55 Minuten lang und hält den Hörer die ganze Zeit fest in seinem Drama-Theater. »Sign of the Times« erreicht also alle Standards der hohen Qualität erstklassigen Hard Rocks, der (offensichtlich dauerhaft) für den Namen Axel Rudi Pell steht.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. The Black Serenade (intro)
2. Gunfire
3. Bad Reputation
4. Sing of the Times
5. The End of the Line
6. As Blind As Fool Can Be
7. Wings of the Storm
8. Waiting For Your Call
9. Living In a Dream
10. Into the Fire
Besetzung:
Johnny Gioeli – Gesang, Hintergrundgesang
Axel Rudi Pell – Gitarre
Ferdy Doernberg – Keyboards
Volker Krawczak – Bassgitarre
Bobby Rondinelli – Schlagzeug
